Österreich Diese linke Vergeblichkeit

Ein deutsch-österreichischer Fernsehfilm begibt sich auf ideologische Spurensuche.

Zu den unsterblichen Fragestellungen im deutsch-österreichischen Demokratiediskurs gehört zweifellos diese: Was ist heute links? Zwar fragen die herrschenden Zeitgeistverwalter gern höhnisch zurück: »Sonst haben Sie keine Sorgen?« Aber weil das zur gesellschaftlichen Problembeschreibung noch weniger beiträgt als das Ritual linker Selbstfindungen, geschehen hin und wieder kleine Wunder. Wie zum Beispiel die deutsch-österreichische TV-Dokumentation mit dem etwas lässigen Titel Das linke Ding, hergestellt für den Kulturkanal Arte und produziert von dem kleinen Küstensender Radio Bremen. Ausgestrahlt wird der 50 Minuten lange Film im Rahmen eines Themenabends über Die Linke in Europa am 16. September, danach voraussichtlich auch von dem Kultursender 3sat. Sofern die ORF-Wächter der unbefleckten Empfängnis das nicht verhindern.

Dieser Tage gab es nun eine besondere Sneak-Preview für diesen ungewöhnlichen Film, an unüblicher Stelle und zu einem risikofreudigen Zeitpunkt, nämlich in der österreichischen Botschaft in Berlin und an einem zwar spielfreien, aber zugleich ungemein biergartenfreundlichen Hochsommerabend zu Beginn der letzten WM-Woche. Der Vorführraum in der Botschaft war dennoch überfüllt, wofür nicht das Buffet der Grund war. Es gab keins.

Ob und wo die europäische Linke angesichts der Globalisierung noch eine Zukunft hat, ob sie die richtigen Konflikte sucht und die Demokratie aus ihrer Vertrauenskrise führen kann, das ist eine gewichtige Fragestellung. Eine 50 Minuten lange TV-Dokumentation darüber zu machen ist ein Wagnis, in Zeiten des Kurzweilgebots und des Quotendrucks. Die Autoren, die aus Tirol stammende Wahlberlinerin Margit Knapp, Filmemacherin, Lektorin des Wagenbach-Verlages und Sachbuchautorin, und der Berliner Arpad Bondy, Dokumentarfilmer und TV-Produzent (Deutschland ade), haben es riskiert. Sie haben viel zu erzählen, und wenn sie das Thema auch nicht ganz bewältigen, so sind sie daran jedenfalls nicht gescheitert – was leicht hätte passieren können. Zwei weitere Österreicher haben bei dem Mammutprojekt geholfen, die Animationskünstler Claudia Rohrmoser und Marcel Schobel. Mit ironischen Paraphrasen zum Thema durchbrechen sie den gefährlich langen Reigen der thesenreichen Interviews, sogar Heiterkeit kommt auf. Am meisten Freude macht das Motiv des, nach Camus, glücklichen Sisyphus. Wie die alte mythologische Figur in den Animationssequenzen da als ewiger Linker, tragisches Sinnbild politischer Vergeblichkeit, den legendären Felsbrocken den Abhang hinaufstemmt, mit ihm runterkugelt, unentwegt wieder von vorn anfängt und dabei happy in die Runde feixt – das bleibt in Erinnerung, ob man in seiner Person nun Gysi oder Gusi erkennen mag. Ansonsten huschen in den Animationen viele Promis durchs Bild, in etwas willkürlicher Mischung: Marx und Engels ohnehin, aber auch Rosa und Che, Lenin und Mao, Mitterrand, Schröder, Brandt, dazu Subcommandante Marcos und der rote Zuckerbaron Castro. Sie alle singen das Evergreen »My way«.

Das ist der heitere Teil der ideologischen Spurensuche. Ernsthaft sind dann die realen Gesprächspartner, eine bunte Mischung auch sie: Großdenker wie der Historiker Eric Hobsbawm und der spanische Philosoph Fernando Savater, der Verleger Christoph Buchwald oder der kurioseste aller Literaturnobelpreisträger, der Prä-Achtundsechziger Dario Fo. Dazu kommen Aktivisten aus bildender Kunst, Architektur und Musik sowie als einziger etablierter Politiker ein SPD-Abgeordneter, den die Autoren als »einzigen Arbeiter« im Bundestag anpreisen: der Edelproletarier, eine etwas prekäre Rolle.

Leider ist, was dann und wann die Stärke des Projekts ist, zugleich seine Schwäche: das Kunterbunte, Assoziative, Zufällige. Die Linke, wenn man sie ernsthaft thematisieren will, besteht aus mehr als Attac-Rebellen, einem tschechischen Fair-Trade-Aktivisten, den Architektur-Umstürzlern Coop Himmelb(l)au oder einer Pariser Protestsängerin. Und es ist ja wahr: Die etablierte Linke hat es sich im Gefolge von Clinton und Blair, ihren erfolgreichen Ikonen des Dritten Weges, zu leicht gemacht, sowohl mit ihrer Umarmungsstrategie gegenüber dem Neoliberalismus – siehe Großbritannien und Deutschland – als auch mit ihrer Anbiederung an Fremdenfeindlichkeit und Türkei-Alarmismus – siehe Dänemark, Niederlande und Österreich.

Aber ganz so einfach, wie der Filmkommentar meint, ist es dann auch wieder nicht: »Diesem Neoliberalismus waren auch die Sozialdemokraten in Europa verfallen – aber nun besinnen sie sich wieder auf linke Werte… Linke Parteien finden viel Zuspruch.« Beide Behauptungen sind empirisch nicht zu belegen, die Autoren versuchen es denn auch nicht. Die These bleibt unbewiesen im Raum stehen.

Vielleicht hätten die Dokumentarfilmer Knapp und Bondy auf ein paar ihrer Helden aus der Antiglobalisierungsszene verzichten und stattdessen fragen sollen, wie man in Demokratien regieren und doch Teil einer linken Bewegung sein kann – diesseits des lateinamerikanischen Populisten Chávez. Das wäre aber ein anderer Film: Das linke Ding II – willkommen in der Wirklichkeit.

 
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