Die deutschen Autofahrer machen seit einiger Zeit eine neue Erfahrung: Sie tanken weniger – und müssen dennoch mehr zahlen. Um fast 4 Prozent sank im vergangenen Jahr der Absatz von Benzin und Diesel, während die Rechnung an der Tankstelle um mehr als 5 Prozent höher ausfiel. Eine Erfahrung, an die sich die Autofahrer womöglich gewöhnen müssen. Sprit wird knapp und teuer. Können Autofahrer sich gegen den Preisanstieg wehren? BILD

Schier unaufhaltsam eilt der Spritpreis von Rekord zu Rekord, ebenso wie der Preis des Rohöls, aus dem der Kraftstoff hergestellt wird. Um ein Drittel stieg die Notierung für die im Straßenverkehr nahezu alternativlose Energie allein im Jahr 2004. Und 2005 beschleunigte sich der Preisanstieg auf mehr als 40 Prozent. Ein Ende der Aufwärtsbewegung ist nicht in Sicht. Mit mehr als 75 Dollar pro Fass ist Öl so teuer wie nie zuvor.  Und die  Krise im Nahen Osten wie der Atomkonflikt mit dem Iran  halten den Preis  in diesen Höhen.

Eine auf Anhieb einleuchtende Erklärung gibt es für diese Entwicklung nicht. Wie auf allen Märkten bildet sich der Preis für Rohöl aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Angebot und Nachfrage waren im vergangenen Jahr so groß wie nie; entgegen landläufiger Meinung stieg aber die Ölnachfrage nur moderat. Der Ölkonsum der USA, des weltweit größten Verbrauchers, sank erstmals leicht, ebenso wie der Indiens, das deutlich weniger Öl verbrauchte als 2004. China, dessen Name gern genannt wird, wenn es gilt, die explodierenden Ölpreise zu erklären, beanspruchte etwas mehr Öl – aber täglich nur 216000 Fass mehr als im Jahr zuvor; 216000 Fass entsprechen nicht einmal 0,3 Prozent der weltweiten täglichen Erdölförderung.

Weltweit ist der Ölkonsum im vergangenen Jahr zwar um rund eine Million Fass oder 1,3 Prozent gewachsen, dieses bescheidene Plus ist aber keineswegs dazu angetan, den parallel um mehr als 40 Prozent gestiegenen Ölpreis zu erklären. Jedenfalls dann nicht, wenn nicht ein besonderer Umstand berücksichtigt wird, welcher der kleinen Ursache zu derart großer Wirkung verholfen hat.

Tatsächlich herrscht auf dem globalen Ölmarkt seit einiger Zeit ein Ausnahmezustand. Nicht weil das Öl knapp geworden wäre, sondern weil die Angst grassiert, es könnte knapp werden – Angst, die nicht einmal unbegründet ist. Fast sämtliche Ölhähne sind bis zum Anschlag aufgedreht, es mangelt an Förderanlagen, mit deren Hilfe sich die Ölproduktion kurzfristig steigern ließe. Dieses fehlende Polster an Reservekapazität, an spare capacity, ist der Nährboden, auf dem Nervosität und Spekulation bestens gedeihen – was dann die Preise in die Höhe treibt.

Jahrelang betrug die Reservekapazität täglich vier bis sechs Millionen Fass, zeitweise sogar zehn Millionen. Im Grunde genommen lag damit investiertes Kapital brach – zum Leidwesen der Ölproduzenten, aber zur Freude der Verbraucher. Sie lebten in dem Bewusstsein, dass Förderausfälle durch Unwetter, Krieg oder Unfälle produktionstechnisch jederzeit kompensiert werden können. Diese Gewissheit ließ den Ölpreis in den Keller rasseln und die Verbraucher, allen voran die Autofahrer, eine Party feiern.

Es könnte indes ihre letzte Party gewesen sein. Während die niedrigen Preise die Investoren dazu veranlassten, nur noch wenig Geld in die Errichtung neuer Förderanlagen zu investieren, stieg die Ölnachfrage weiter, bis schließlich fast sämtliche Förderanlagen genutzt wurden. Die Reservekapazität schmolz dahin – und beträgt heute kaum mehr als eine Million Fass pro Tag. Das ist zu wenig, um Ruhe in den Markt einkehren zu lassen. Jede geopolitische Unsicherheit, ob von nordkoreanischen Raketentests verursacht oder von iranischen Atomambitionen, schürt nun die Furcht vor einer echten Ölkrise. Der Beginn der Ferienzeit in den USA lässt den Preis eben so steigen wie der Start der Hurrikansaison jenseits des Atlantik.