Zwanzig Jahre lang beobachteten Forscher die Entwicklung von 200 Kindern. Ihre weltweit einzigartige Studie nannten sie Logik – Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen. Die Mammutuntersuchung begann am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München und wurde später unter der Leitung von Wolfgang Schneider von der Universität Würzburg fortgeführt. Bis zu dreimal im Jahr wurden die Kinder in mehrstündigen Tests untersucht. Die Forscher befragten auch Eltern und Freunde. Um die Kinder bei der Stange zu halten, mussten sich die Forscher einiges einfallen lassen. Einmal erhielten alle Teilnehmer als Belohnung einen Drachen – Schneider hatte ihn persönlich ausgesucht und getestet.

DIE ZEIT: Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht? Mehr als erwartet wird in der Entwicklung von Kindern sehr früh festgelegt BILD

Wolfgang Schneider: Wir hätten nicht erwartet, dass so viel in der Entwicklung bereits sehr früh festgelegt ist. Wir haben die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder ebenso untersucht wie ihr soziales Verhalten, haben die Feinmotorik geprüft und nach dem Moralverständnis gefragt. Und über fast alle Persönlichkeitsbereiche hinweg stellte sich heraus, dass die Unterschiede zwischen den Kindern, die wir mit 3 oder 4 Jahren gemessen haben, mit 23 Jahren immer noch weitgehend bestanden.

ZEIT: Die Menschen hatten sich nicht verändert?

Schneider: Verändert hatten sie sich ihrem Alter entsprechend natürlich alle: Jedes Kind hatte mit acht Jahren ein größeres Sprachvermögen als mit fünf. Betrachtet man jedoch, wie sich die Kinder über die Jahre im Vergleich zueinander verhalten, gibt es erstaunliche Kontinuitäten. So zeigen jene, die bereits früh als aggressiv auffielen, auch als Erwachsene soziale Auffälligkeiten. Sie sind häufiger straffällig oder nehmen vermehrt Drogen, und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Das Gleiche gilt für die intellektuelle und die moralische Entwicklung.

ZEIT: Ab wann sind die Unterschiede stabil?

Schneider: Die intellektuellen Fähigkeiten spätestens mit Beginn der Grundschule. Aber selbst einige Vierjährige zeigen eine enorme Gedächtnisfähigkeit, die sich über die Jahre erhält. So können sie Geschichten in einer Detailtreue nacherzählen, die andere Kinder erst mit sieben oder acht Jahren erreichen, übrigens unabhängig von der Intelligenz.