Stiftungen Philanthropische Republik Amerika

Die Großspenden von Warren Buffett und Bill Gates beschwören die Tradition und wirken doch in die Zukunft.

Wenn ein Reicher einem anderen Reichen sein Geld schenkt, damit Armen und Kranken geholfen werde, kann daraus ein machtvolles Symbol werden – besonders wenn es sich um gut 30 Milliarden Dollar handelt. Zwei Wochen sind verstrichen, seit der Investor Warren Buffett den Löwenanteil seines Vermögens der Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates vermachte, und schon stellen sich erste Folgen der gigantischen Gabe ein. Zum Beispiel an der Harvard-Universität, in die nun »Hunderte von Studenten strömen, weil sie etwas für die Weltgesundheit tun wollen«, wie Christopher Murray berichtet, Direktor von Harvards Global-Health-Initiative. Plötzlich sähen die Studenten »eine Ära der Möglichkeiten« heraufdämmern, ein »goldenes Zeitalter der Weltgesundheit«, für das sie sich engagieren wollten. Die Spende hat sogar schon die ersten Nachahmer gefunden: Vergangene Woche erklärten die Unternehmer Marion und Herbert Sandler, sie wollten die zwei Milliarden Dollar Erlös aus dem Verkauf ihrer Hypothekenkredit-Bank in eine Familienstiftung überführen, um damit Infektionskrankheiten in der Dritten Welt zu bekämpfen – möglichst in Zusammenarbeit mit der Gates-Stiftung. Noch eine solche Milliarden-Gabe, und es wäre von einer Kettenreaktion zu berichten.

Selten war in Amerika der Nachhall einer Wohltat lauter und die öffentliche Rezeption freundlicher. Selbst die schärfsten Kritiker privater Großvermögen konnten als Motiv des Geschenkes kaum etwas anderes entdecken als Altruismus. In der Spende, ihrer Verwendung sowie ihrer Begründung scheint sich eine Nation wiederzuerkennen. Denn es spiegelt sich darin ein ganzes Kaleidoskop amerikanischer Wertvorstellungen: individuelle Verantwortung und Unternehmergeist, Idealismus und Pragmatismus, Zukunftsvertrauen und Technikglaube, Egalitarismus und Meritokratie. Gerade wegen dieses Kanons verbindet sich mit dem Geschenk die Hoffnung auf mehr: dass dies ein gesellschaftsverändernder Moment sein möge, in dem sich der Kapitalismus einer neuen Balance zwischen Reichtumsakkumulation und gesellschaftlicher Verantwortung annähert. Dann wäre die ideologische Bedeutung der 30-Milliarden-Spende sogar größer als deren finanzielle Folgen.

Gewaltig erscheint zunächst die Ambition, die Gates und Buffett mit ihrem Projekt verbinden. Sie wollen nicht bloß Forschung fördern, um Krankheiten zu bekämpfen. Nein, erklärter Wille ist es, die 20 wichtigsten Menschheitsplagen »auszumerzen«. Das sei, sagt Gates, »absolut möglich«, und zwar innerhalb »eines Lebensalters«. Es fällt leicht, diesen Anspruch als maßlos abzutun. Schon einmal war ein amerikanischer Groß-Philanthrop angetreten, Krankheiten zu besiegen. 1907 mobilisierte Öl-Magnat John D. Rockefeller seine Stiftung zum Kampf gegen den Hakenwurm und 1915 zum Krieg gegen das Gelbfieber. Zweimal scheiterte er. Diese Geschichte kennt natürlich auch Bill Gates. Doch er weiß auch um Rockefellers Teilerfolge: Die Hakenwurm-Plage wurde zurückgedrängt, und die Wissenschaftler erfanden den bis heute gebräuchlichen Impfstoff gegen das Gelbfieber. Gates sagt deshalb: »Man braucht Optimismus, hervorragende Leute und große Ziele – dann können erstaunliche Dinge geschehen.« Nur eine weitreichende Vision kann nach seiner Überzeugung jene Kräfte bündeln, die notwendig sind, um überhaupt Fortschritte zu erzielen. Gates will sich nicht damit zufrieden geben, an Symptomen herumzudoktern. Amerikas pragmatischer Idealismus, in dessen Denktradition Gates sich bewusst stellt, will Probleme mit großem Wurf lösen, nicht bloß managen. Aus derselben Mentalität leiten übrigens amerikanische Präsidenten ihre titanenhaften Feldzüge ab – gegen Alkohol, Drogen, Armut oder, zuletzt, gegen die Diktatur.

Es ist auch kein Zufall , dass gerade die Medizin als Vehikel eines derart gewaltigen Weltverbesserungsprojekts dient. Einerseits zeigt sich in dieser Wahl der Stiftungsziele der Glaube an den technischen Fortschritt, der in Amerika ungebrochener fortlebt als in Europa. Und andererseits schließt sich ein Kreis. Es waren die Industrie-Magnaten der Industrialisierung, die nach dem Fortschrittsschub durch Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrifzierung als Stifter eine gesellschaftliche Aufgabe in der Förderung der Medizin entdeckten. Heute tun es ihnen die Superreichen des Internet-Zeitalters nach, die ihr Vermögen dem jüngsten Technologieschub verdanken und nun im selben Vertrauen auf den Fortschritt die Medizin fördern, um die Mühseligen und Beladenen der Welt an den Wohltaten der Moderne teilhaben zu lassen.

Buffett und Gates beziehen sich bei der Begründung ihrer weltumspannenden Initiative ausdrücklich auf die amerikanische Geistesgeschichte. So berichtet Gates, Buffett habe ihm bald nach ihrer ersten Begegnung Anfang der neunziger Jahre einen Aufsatz in die Hand gedrückt. Es handelte sich um das berühmte Evangelium des Reichtums, das der Stahlbaron Andrew Carnegie 1889 verfasst hatte. Es ist ein Manifest über die gesellschaftliche Verantwortung der Superreichen und markiert den Übergang von der christlich motivierten Caritas zur professionellen Philanthropie. In der Gedankenwelt dieses Aufsatzes wuchsen die beiden wichtigsten Stiftungen des frühen 20. Jahrhunderts heran, die Carnegie Corporation und die Rockefeller Foundation.

Andrew Carnegie preist in seiner Schrift den Kapitalismus. Die Zivilisation beruhe »auf der Heiligkeit des Eigentums«, also »dem Recht des Arbeiters auf seine hundert Dollar auf der Sparkasse und dem legitimen Recht des Millionärs auf seine Millionen«. Für Carnegie hat »die Anhäufung von Reichtum« den Menschen »nur Vorteile gebracht«. Allerdings lehnt Carnegie riesige Hinterlassenschaften ab: »Wer reich stirbt, stirbt in Schande.« Deshalb solle der Staat erhebliche Erbschaftssteuern einführen. Alternativ könne der Reiche sein Vermögen zu Lebzeiten stiften, um »einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen« zu schaffen. So entstehe »ein idealer Staat«, in dem der »Reichtum einiger weniger im besten Sinne Eigentum vieler« werde. Allerdings warnt Carnegie vor Almosen. Sie könnten »viel Unheil anrichten, weil das Laster und nicht die Tugend gefördert« werde. Man nutze »der Gemeinschaft am besten«, wenn man »eine Leiter aufstellt«, auf der Aufstiegswillige emporklettern könnten. Die Ablehnung des verteilenden Sozialwesens zugunsten von Investitionen in Zukunftschancen spiegelt sich in der Struktur von Carnegies Stiftungen – und findet sich gut hundert Jahre später bei Gates in der Konzentration auf Bildung und Medizin für Unterprivilegierte wieder. Dass Gates seinen Carnegie gelesen (und imitiert) hat, dürfte es Warren Buffet leicht gemacht haben, seine 30 Milliarden gerade Gates anzuvertrauen.

Andrew Carnegie war zu seiner Zeit ein einsamer Rufer. Nur er selbst spendete seinen Reichtum zu Lebzeiten. Seine Wirkung entfaltet Carnegie erst heute. Viele der neuen Milliardäre haben erkannt, dass ihr Reichtum auf Voraussetzungen jenseits ihrer eigenen Talente fußt. Sie geben doppelt zurück, dem Staat durch Steuern und der Gesellschaft durchs Stiften zu Lebzeiten. Die Liste ist lang: Oracle-Chef Lawrence Ellison, Intel-Mitgründer Gordon Moore, eBay-Gründer Pierre Omidyar, Google-Erfinder Sergey Brin und Larry Page, Ex-CitiCorp-Chef Sanford Weill und CNN-Gründer Ted Turner. Medien-Miliardär Michael Bloomberg wartet noch ab, bis seine Amtszeit als New Yorker Bürgermeister vorüber ist. Weniger bekannte Wohlhabende sind nicht geiziger. Nach einer Umfrage des Boston College unter 91 Superreichen wollen 65 Prozent mehr zu Lebzeiten spenden als vererben. Diesen Wertewandel schreiben Experten nicht zuletzt Bill Gates zu. »Er hat die Philanthropie unter Superreichen zur Norm gemacht«, meint Vartan Gregorian von den Carnegie-Stiftungen. »Geben ist das, was heutzutage erwartet wird.« Warren Buffetts Zustiftung könnte der nächste Meilenstein auf dem Weg in die philanthropische Republik sein.

Dabei ist das Spenden in Amerika kein Exklusivvergnügen derer, die ohnehin nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Zwischen 70 und 80 Prozent aller Amerikaner geben jedes Jahr einer von 70000 Stiftungen Geld, zuletzt 260,3 Milliarden Dollar. Kleinverdiener spenden etwa ein Prozent ihres Einkommens, Großverdiener 3,1 Prozent. Der Durchschnitt beträgt 2,3 Prozent. Gemessen am Bruttosozialprodukt, geben die Amerikaner rund zehn Mal so viel wie die Deutschen (fand die Johns-Hopkins-Universität heraus). Deshalb existieren in keinem Industrieland mehr privat finanzierte Büchereien, Universitäten und soziale Dienste.

Einstiegsdroge sind Schulen und Universitäten. Weil Ausbildung Aufstieg ermöglicht, bedanken sich Amerikaner später mit Geldgeschenken und entwickeln so »eine Gewohnheit zu spenden«, wie Professor James Allen Smith von der Georgetown-Universität beobachtet hat. Schon in der Grundschule werden Schüler wie Eltern daran gewöhnt. Das Schuljahr wird zu einer Folge von Wohltätigkeitsveranstaltungen, in der ein jeder sich durch ständiges Kuchenbacken, Basteln oder Bazardienst beteiligen soll. Sich loszukaufen ist unerwünscht. Manchmal gilt als Ziel einer Spendenkampagne nämlich keine Endsumme, sondern die Beteiligung aller. Wie Richard Gunderman von der Indiana University schreibt, ist die Aufgabe der Philanthropie nicht allein die Bedürfnis-Befriedigung, sondern »die Ausweitung der philanthropischen Aktivität«. Darin liegt die höchste Form des zivilgesellschaftlichen Engagements.

Im amerikanischen Wertekanon ist es Ziel eines jeden, persönlich am gesellschaftlichen Besserungsprozess teilzunehmen und als Individuum einem Projekt die entscheidende Wende zu geben. To make a difference lernt jedes Kind in der Schule. Es ist der Schlachtruf des Individualismus in der Massengesellschaft. Nicht anonyme Kräfte sollen die Geschehnisse bestimmen, sondern der Einzelne steht in der Verantwortung. Nicht die Allmacht, sondern die Unfähigkeit des Staates wird dem Beobachter öffentlicher Angelegenheiten ständig vorgeführt. So entsteht das Motiv, dort karitativ einzuspringen, wo der Staat nicht ist oder nicht effektiv sein kann. Dass Philanthropie den Staat schwächen könnte, besonders durch gigantische Schenkungen, gilt im staatsskeptischen Amerika eher als Phantasma von Etatisten. Das Magazin The New Republic erinnert daran, dass die Einkünfte aus Warren Buffetts 30-Milliarden-Spende den US-Haushalt nur um 0,1 Prozent erhöhen würden: »Sein Geschenk ist deshalb nicht unwichtig. Es zeigt nur die Grenzen privaten Vermögens auf.«

Seinen Reichtum zu verschenken statt zu vererben deutet auf Zukunftsvertrauen. Den Nachfahren, lautet die Annahme, werde es trotzdem gut gehen. Das entspricht der generationellen Erfahrung der Amerikaner, die von reichtumsvernichtenden Brüchen weitgehend verschont blieben. Darum fällt es in Amerika leichter als andernorts zu behaupten, was Andrew Carnegie schon 1889 über große Erbschaften schrieb: »Für Kinder ist es nicht gut, auf diese Weise belastet zu werden.« Warren Buffett greift diesen Satz nun auf, wenn er unnachahmlich formuliert, seine Nachfahren sollten nicht Mitglied sein »im Klub der glücklichen Spermien«. Von »dynastischem Reichtum« halte er ganz einfach nichts. Das widerspreche allem, »wofür dieses Land steht«. Für Buffett ist Amerika eine Meritokratie, in der allein nach oben kommen soll, wer etwas leistet.

Gegen diesen demonstrativen Rückbezug auf den Kernkanon amerikanischer Werte sehen Mitglieder von Erbclans wie, sagen wir, George Bush ziemlich alt aus. In dessen Gedankenwelt verdient die Gesellschaft keine Teilhabe an riesigen Vermögen, weshalb er eine weitgehende Abschaffung der Vermögenssteuer betreibt. So sind es vor allem die Konservativen, die der neuen Riesenstiftung mit Skepsis begegnen. In Warren Buffett und Bill Gates tritt ihnen das andere Amerika entgegen: kapitalistisch und individualistisch, liberal und sozial sensibel, weltzugewandt und verantwortungsbereit.

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