Die junge Wissenschaftlerin wusste sofort, worum es geht. »Ach so«, sagte sie, »Sie wollen einen Nachruf schreiben.« Genauer: einen Nachruf auf die Juniorprofessur. Und dann sprudelte es aus ihr heraus: dass die meisten Jungprofessoren hoffnungslos verunsichert seien. Dass sich die meisten nebenher habilitierten. Dass die meisten niemand anderem zu einer Juniorprofessur raten würden. »Die Juniorprofessur«, schloss sie, »ist am Ende.«

Die Nachwuchsforscherin will ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Denn sie spricht eine Wahrheit aus, die schmerzhaft ist für viele junge Wissenschaftler und verheerend für das Hochschulwesen: Die Juniorprofessur droht einen frühen Tod zu sterben. Nur gut vier Jahre nach ihrem Geburtstag, dem 23. Februar 2002, steht eine der besten hochschulpolitischen Ideen der vergangenen Jahre vor dem Scheitern.

Die Juniorprofessur sollte die wissenschaftliche Karriere in Deutschland revolutionieren. Junge Wissenschaftler, so sah es das Vorhaben der früheren Bildungsministerin Edelgard Bulmahn vor, sollten schon mit Anfang 30 eigenständig lehren und forschen dürfen, statt als Assistenten einem Professor zugeordnet zu sein und erst mit Anfang 40 unabhängig zu werden. Die Juniorprofessoren sollten Aufgaben übernehmen, die bis dato Professoren vorbehalten waren: Vorlesungen halten, Prüfungen abnehmen, eigene Forschungsgelder akquirieren und Mitarbeiter führen. »In dieser Arbeit habe ich deutlich mehr Gestaltungsfreiheit als bei einer Assistentur«, sagt etwa Dorothea Nolde, Juniorprofessorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Uni Bremen.

Die Zahl der Stellen ist seit zwei Jahren kaum gestiegen

Die Idee besticht, doch die Realität sticht sie aus: Dorothea Nolde ist eine große Ausnahme geblieben. Gerade einmal 1000 Juniorprofessuren sind seit 2002 ausgeschrieben worden, belegt das von Bertelsmann Stiftung und Hochschulrektorenkonferenz finanzierte Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in einer noch unveröffentlichten Studie. Besonders dramatisch: In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Zahl der Juniorprofessoren kaum erhöht, schon im Jahr 2004 gab es – je nach Zählung – zwischen 800 und 930 Juniorprofessoren. Bis Ende 2004 förderte der Bund neue Stellen mit Sondergeldern. Seitdem diese Geldquelle versiegt ist, werden pro Monat im Schnitt nur zehn neue Stellen ausgeschrieben. Früher hieß es im Bundesbildungsministerium, mittelfristig solle es 6000 Jungprofessoren geben. Diese Zielmarke hat das Haus nun in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linkspartei im Bundestag für »obsolet« erklärt. Die Juniorprofessur – wegen geringer Nachfrage eingestellt.

»Von einem großen Erfolgsmodell kann man nicht sprechen«, sagt Bernhard Kempen, der Chef des Deutschen Hochschulverbandes. »Die Juniorprofessur hat sich nicht durchsetzen können«, bedauert auch Katharina Landfester, die frühere Sprecherin des Wissenschaftlerverbundes Junge Akademie, die stets für den neuen Titel gekämpft hatte. »Die Juniorprofessoren hocken zwischen Baum und Borke«, berichtet der Heidelberger Uni-Rektor Peter Hommelhoff. Und Reinhardt Lutz, Kanzler der Bonner Universität und einer der schärfsten Kritiker des neuen Modells, sagt gar: »Wenn die Juniorprofessur nicht schon eine Totgeburt war, so könnte sie sich jetzt als solche erweisen.«

In der Wirklichkeit vieler Hochschulen kommt die Juniorprofessur ohnehin nicht vor: Bonn etwa hat keinen einzigen Jungprofessor in seinen Reihen, weil sich die Universität, wie ihr Kanzler sagt, »vom Juniorprofessoren-Virus nicht infizieren« ließ. Auch in Heidelberg stieß das neue Modell auf so »ausgeprägte Reserviertheit bei den Fakultäten«, wie Rektor Hommelhoff sagt, dass die Universität erst mit einem »neuen Modell Klarheit schaffen« musste: Die Juniorprofessur gilt dort bloß als einer von drei Wegen zum Lehrstuhl – neben Nachwuchsgruppenleitern und Habilitanden. An anderen Unis sieht es ähnlich aus.