Als der Anatomieprofessor Jürgen Westermann vor fünf Jahren nach Lübeck kam, machte er sich zunächst unbeliebt: Er führte wöchentliche Testate ein, bei denen die Studierenden Muskeln, Nerven, Knochen oder Blutgefäße an den präparierten Leichen sehr genau kennen müssen. Viele Studenten beschwerten sich, doch mittlerweile glauben die künftigen Ärzte, dass sie dadurch besser auf die entscheidenden Prüfungen vorbereitet sind. Sie merken auch, dass es nicht um stures Auswendiglernen geht, sondern um das Verstehen von Zusammenhängen. »Die Gesäßregion ist vielleicht etwas langweilig«, sagt Westermann. »Doch es wird spannend, wenn die Studierenden zunächst die Muskeln und Nerven präparieren, dann ein Kliniker kommt, ihnen etwas über eine Hüftprothese erzählt und sie sich schließlich gegenseitig eine Spritze in den Po geben.«

Dass Medizinstudenten nicht zu theoretisch ausgebildet werden sollen, haben fast alle Fakultäten mittlerweile eingesehen – nicht zuletzt dank der Reformstudiengänge. Dort tauchte verstärkt das so genannte problemorientierte Lernen (POL) auf, das zum Beispiel die trockene Biochemie durch das gleichzeitige Abhandeln klinischer Symptome einer diabetischen Stoffwechselentgleisung viel interessanter macht. In Lübeck sind die Studenten besonders zufrieden; in der Beurteilung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) landet die dortige medizinische Fakultät bei vier wichtigen Kriterien in der Spitzengruppe (siehe Grafik rechts). Was machen die Lübecker also besser?

»Wir bieten hier nichts Spektakuläres«, sagt der Anatomieprofessor und Studiendekan Westermann. »Und wir haben nicht den Anspruch, dass unsere Studierenden die besten Noten bei den schriftlichen Examina im Bundesvergleich haben. Aber wir wollen aus ihnen exzellente Ärzte machen.« Bei Prüfungen schneiden andere Fakultäten tatsächlich besser ab. Ende Juni war im Deutschen Ärzteblatt nachzulesen, dass die Lübecker bei der 4-Semester-Erfolgsrate unter den 36 medizinischen Fakultäten lediglich auf Platz 14 lagen, nach einer mathematischen Adjustierung wegen unterschiedlicher Größen- und Studierendenvariablen auf Rang 9. Dieses Ranking beeindruckt Jürgen Westermann nicht. »Unsere Schüler sollen nicht nur büffeln, sondern auch Spaß haben«, sagt Westermann. Da es in der Fakultät nur 190 Studenten pro Jahr gibt, ist das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten sehr persönlich, und in praktischen Kursen gibt es kein Gedränge.

»Wir sezieren die Leichen in Gruppen zu fünft und gehen zu zweit zur Patientenuntersuchung«, sagt Felix Machleidt aus dem 8. Semester. Von Freunden, die in anderen Städten Medizin studieren, weiß er, dass dort die Gruppen oft dreimal so groß sind. Die Studenten loben, dass es einmal pro Semester ein Mentoren-Treffen gibt. Am Anfang des Studiums kann sich jeder einen Professor als Mentor aussuchen, der als Berater ansprechbar ist. Der Gesprächsaustausch findet dann auch mal beim Grillen an der Ostsee statt. Da meist alle Semester beim Mentoren-Treffen vertreten sind, entstehen Kontakte zwischen jüngeren und älteren Kommilitonen, was vor allem den Anfängern nützt.

Gleichzeitig ist die Fakultät sehr offen für Kritik. Nach jedem Kurs werden gelbe Zettel ausgeteilt, auf denen die Studenten den Unterricht beurteilen. »Diese Evaluationen werden hier nicht nur pro forma gemacht. Sie verändern tatsächlich etwas«, sagt Thomas Kötter aus dem 12. Semester. So sei der Kurs in der Frauenheilkunde als »Gyn-Knast« bekannt gewesen, weil die Ärzte die Studenten geradezu erniedrigend abfragten und sie außer Botengängen kaum etwas in der Patientenversorgung machen durften.

Die Beschwerden hatten positive Folgen: Mittlerweile gehört die Frauenheilkunde zu den beliebtesten Stationen. Der Studiendekan Westermann selber erfuhr durch die Beurteilungen, dass seine PowerPoint-Präsentationen etwas konfus waren. »Jetzt ist alles viel übersichtlicher geworden«, lobt Charlotte Runge aus dem 2. Semester. Bei der Ausstattung der Bibliothek haben die Studenten mit ihrer Kritik allerdings noch nichts erreicht. Es handele sich um einen »antiquarischen Papierflohmarkt mit unfreundlichem Personal«. Deshalb bekam die Bibliothek auch die schlechteste Note bei der Befragung der Lübecker Studenten durch das CHE.

Eine wichtige Anlaufstelle für Probleme im Studium – vom Praktikum im Ausland bis zum Mobbing im Kurs – ist die Lehrkoordinatorin Susanne Hülsmann. Sie macht sich auch für neue Prüfungsformen stark, etwa dass die Studenten mit inszenierten Notfällen konfrontiert werden. So müssen sie dann die diagnostischen Schritte bei einem Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt parat haben und eine Behandlung anordnen können. »Innovative Lehrformen sind oft aufwändig, doch unsere finanziellen Ressourcen bleiben die gleichen«, klagt Hülsmann.