China Streit am Strom
Die Diskussion um den geplanten Staudamm am Fluss Nu zeigt: Chinas Regierung beginnt kurzfristiges Wachstum gegen Umweltschutz abzuwägen
Der Mann steht allein auf einer alten Hängebrücke aus rostigen Eisenseilen und abgetretenen Kiefernbohlen. Unter ihm tobt der schäumende Fluss Nu, Chinas wasserreichster Himalaya-Strom. Über ihm baut sich der Grand Canyon des Ostens bis in 5000 Meter Höhe auf, ein einzigartiges Naturspektakel.
Der Mann trägt ein schwarzes Polohemd. Seine hellbraunen Hosen hat er über die Waden gekrempelt. Er ist vielleicht 40 Jahre alt. Er wohnt hier in einer notdürftig hergerichteten Bretterbude am Ufer neben der Hängebrücke. Der Mann zeigt empor, zu einem Flecken Grün über den Felsen. Dort steht eine Hütte, 300 Meter über dem Flusstal. Dort lebten seine ehemaligen Nachbarn. Jetzt seien sie fort, sie seien die ersten Umsiedler im Canyon gewesen. 280 Meter hoch werde man den Staudamm hier bauen, sagt der Mann, so hoch, dass später Schiffe im Canyon fahren könnten.
Der Mann ist einsam, er spricht gern, doch er stellt sich nicht vor. Er arbeitet für das Pekinger Unternehmen Guodian, das zu den größten Kraftwerksbauern Chinas zählt; es kontrolliert eine installierte Elektrizitätsleistung von 35.000 Megawatt, so viel, wie 35 Atomkraftwerke hergeben. Als einziger Mitarbeiter sei er hier zurückgeblieben, nachdem die Vorbereitungen für den Dammbau abgeschlossen gewesen seien, erzählt der Mann. Er solle die zurückgebliebenen Stahlbecken bewachen, bis die Kollegen demnächst zurückkehrten, um den Bau zu beginnen. Das stehe kurz bevor, Guodian habe ja bereits viel in den Dammbau am Nu investiert.
»Aber die Vereinten Nationen wollen das Projekt verhindern«, sagt der Mann. Die Unesco hat den Canyon zum Weltnaturerbe erklärt. Hier liegt auch die Motivation der Dammkritiker. Es geht ihnen nicht um die soziale Frage wie beim Drei-Schluchten-Damm am Yangtze, wo im Vordergrund der Kritik die Umsiedlung von über einer Million Menschen stand. Am Nu müssten für mehr Megawatt als am Yangtze nur 50.000 Menschen umgesiedelt werden. Was dagegen auf dem Spiel steht, ist pure Natur und eine einzigartige Minderheitenkultur. Doch der Mann auf der Brücke glaubt, dass sein Arbeitgeber die Baugenehmigung trotzdem bekommen wird. Zumindest mit siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit.
Erstmals wurden die Kosten der Umweltverschmutzung berechnet
70 zu 30 – so etwa könnten die Chancen tatsächlich verteilt liegen, wenn in Peking irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten der ständige Ausschuss des Politbüros in geheimer Sitzung tagt. Dann entscheidet das mächtigste Gremium der Volksrepublik, was am Nu passiert. Die KP-Bosse werden sich der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sein. Es geht um Wachstum oder Umweltschutz, beides gleichzeitig ist am Nu nicht möglich. Es geht um eine Grundsatzentscheidung.
Soeben hat Peking ein neues Umweltweißbuch veröffentlichen lassen, in dem die Kosten der Umweltverschmutzung in China auf jährlich zehn Prozent des Bruttosozialprodukts veranschlagt werden – so hoch wie das derzeitige Wirtschaftswachstum. Deutet allein die Veröffentlichung der Horrorzahlen auf eine ökologische Wende? Der Nu gilt heute als wichtigster ökologischer Testfall für die KP. Will die Partei einen der beiden letzten unberührten Flüsse Chinas zum größten Wasserkraftwerk des Landes umbauen – mit insgesamt 13 Dämmen und einer prognostizierten Leistung von 22000 Megawatt? Oder wollen es die Kommunisten mit Theodore Roosevelt halten, der vor hundert Jahren einen Dammbau am Colorado River ablehnte und stattdessen den Naturpark des Grand Canyon schuf?
Das Besondere dieser Entscheidung liegt darin, dass sie nicht schon längst gefällt wurde. Der Mann an der Hängebrücke wartet auf sie. Er lebt im Stillstand der Natur. Seit wann aber gibt es in China Stillstand? Vergangenes Jahr stieg der Energieverbrauch des Landes um 9,5 Prozent, äquivalent zum Wirtschaftswachstum. Um jede neue Energiequelle, um Gas aus Kasachstan, um Öl aus dem Sudan, kämpft Peking wie ums Überleben. Warum also zögern die Männer im Politbüro, wenn sie 22.000 Megawatt im eigenen Land bestellen können? Woher stammen ihre plötzlichen Bedenken? Sie sind ja sonst nicht zimperlich.
Doch die KP-Chefs haben ein Problem. Sie fürchten ein chinesisches Gorleben, sie wollen der kleinen Umweltbewegung daheim und der großen Umweltbewegung draußen in der Welt kein Symbol für den Protest liefern. Sie denken an die Umweltbewegungen in Georgien und der Ukraine, die zum Umsturz der dortigen Regime beitrugen. Der donnernde Nu in den Ausläufern des Himalaya aber scheint als Symbol für Chinas Ökologiebewegung wie geschaffen. Nu heißt auf Chinesisch Wut. Wie ein wütender Riese bricht sich der Fluss eine Bahn durch die Berge vom tibetischen Himmel zum Indischen Ozean. Seine Wut, so bangen die Kommunisten, könnte viele Chinesen anstecken. Im Land herrscht längst ein Medien-Blackout über den Streit am Nu. Und ausländischen Journalisten in China wird derzeit keine Reiseerlaubnis zum Canyon erteilt. Wer dennoch fährt, dem ist bald die Polizei auf den Fersen. So brachten die Gespräche mit den dortigen Bauern auch dem Autor dieser Reportage die Verhaftung und ein fünfstündiges Verhör ein.
Drei Jahre sind die Staudammpläne am Nu alt. »Drei Jahre haben wir schon gewonnen. Daran erkennt man, wie sich China verändert«, entfährt es einer Dame mit rot gefärbten Haaren, die eigentlich gar nicht von der Sache reden will. Hinter ihr stehen eine ausgestopfte Gans und eine Stellwand mit Fotos vom Bäumepflanzen in der nordwestchinesischen Wüste. Die Dame ist ein bekanntes Mitglied der Pekinger Umweltorganisation Green Earth Volunteers, will aber ihren Namen nicht nennen. Sie trägt einen kurzärmeligen gelben Strickpullover. In einem alten tibetischen Tempelbau in Peking, der ihrer NGO als Büro dient, nimmt sie mit Freunden gerade Englischunterricht. Sie bemüht sich sehr, nur so viel zu sagen, wie es die Partei billigt.
Dabei haben die Green Earth Volunteers fast im Alleingang das Thema Nu-Staudamm auf die Pekinger Tagesordnung gehievt. Viermal seit 2003 waren Freiwillige zu Recherchen am Nu. Schon vor zwei Jahren legte Premierminister Wen Jiabao das Bauprojekt auf Eis – mit ausdrücklichem Verweis auf die Bedenken der Umweltschützer. Das war der erste große Sieg der Green Earth Volunteers. Und es war das erste Mal überhaupt, dass die Pekinger Führung bei einem großen Projekt ökologische Einwände gelten und laufende Bauarbeiten einstellen ließ. Umweltverbände in aller Welt stießen damals einen Jubelschrei aus.
Die scheue Umweltschützerin in Peking aber hütet sich, den Erfolg ihrer NGO in Worte zu fassen. Sie erzählt lieber Unverfängliches von den Anfängen der Umweltbewegung in China Mitte der neunziger Jahre: »Wir wollten damals nur in die Natur gehen und uns über sie schlau machen.« Widerstrebend räumt sie ein, dass ihre Organisation heute selbstbewusster geworden sei, Büros in sechs Städten habe und die Politik beeinflussen wolle. Am vergangenen Sonntag habe man einen Workshop zum Nu für vierzig Journalisten in Kunming, der Provinzhauptstadt von Yunnan, veranstaltet. Doch die ZEIT solle davon lieber nicht berichten.
Offenbar glaubt die Dame, dass die entscheidende Stunde im Politbüro naht und die Dammkritiker jetzt nichts unternehmen dürfen, was die Parteigrößen ärgern könnte. Sonst würden ihre Chancen nur sinken. »Wir sagen nicht: Stoppt den Dammbau. Wir sagen: Bewahrt die Natur«, betont sie mit weicher, gutmütiger Stimme. Dann aber zeigt sie ein kürzlich aufgenommenes Foto vom Nu. Darauf ist ein rotbraunes, einer Fähre ähnelndes Schiff zu sehen, das eine rote Fahne mit der Aufschrift »Dali-Schiffswerkstatt« trägt. Sie behauptet, das Schiff sei keine Fähre und gehöre auch nicht der Dali-Schiffswerkstatt, sondern dem Kraftwerkskonzern Guodian, der damit illegale Bohrarbeiten betreibe. Es liege rund 100 Kilometer entfernt von der Hütte des Guodian-Mitarbeiters, der an der Hängebrücke lebt.
Vor Ort ist das Schiff leicht zu finden. Es liegt vor einer Rampe aus Beton, die in den Fluss führt. Hundert Meter über der Anlegestelle schmiegt sich das Bambushüttendorf Laguo Wadi der Lisu-Minderheit an die steilen Abhänge der Schlucht. Auch hier soll ein Damm entstehen. Wieder hat man eine enge Stelle des Canyons gewählt. Weit über das Dorf soll die Staumauer reichen. Was für eine Herausforderung, den wütenden Fluss zu zähmen! Er tost hier so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Und er ist nur noch einer von zwei großen Flüssen in China, die kein Damm aufhält.
Über 3200 Kilometer erstreckt sich der Nu, der in Myanmar und Thailand Salween heißt. Auf 310 Kilometern durchfließt er in China den Grand Canyon des Ostens, es ist die größte Schlucht der Welt nach dem Grand Canyon in den USA. Sie ist durchschnittlich 2000 Meter tief. Im Canyon-Gebiet, einem von Menschenhand unberührten ökologischen Wunderland, leben 6000 Pflanzenarten, die der Hälfte von Chinas Tierarten – einem Viertel aller Tierarten der Welt – Schutz bieten. Das Gebiet reicht von 800 Meter bis auf 6700 Meter Höhe, umfasst sieben Klimazonen.
Tiger und Panter umschleichen hier die seltensten Orchideen, Giftschlangen schlingen sich um anderswo unauffindbare Bäume. In den Bergen stehen bis zu 28 Meter hohe Rhododendren, von denen man 200 Unterarten zählt. Viele der im Canyon-Gebiet ungestörten Pflanzen- und Tierarten sind weltweit vom Aussterben bedroht, darunter mindestens 79 Tierarten. Auch deshalb erklärte die Unesco im Juli 2003 einen großen Teil des Gebiets, vor allem Schluchten und Berge am westlichen Nu-Ufer, zum Weltnaturerbe. Das geschah, genau zwei Wochen bevor die ersten Dammbaupläne bekannt wurden.
Die Bewohner des Canyons sind darüber alles andere als glücklich. Denn die Lisu-, Nu- und Bai-Minderheiten teilen ein gemeinsames Schicksal: bittere Armut. Nicht einmal Touristen kommen in ihre abgelegene Region. Dabei bietet es einen stimmungsvollen Anblick, wie die Bauern in ihren traditionellen Trachten schwer beladene Maultiere über Bergpfade zu den in den Fels gezimmerten Dorfhütten treiben. In den Hütten aber fehlen regelmäßige Stromversorgung und fließend Wasser. Mit der mageren Maisernte an den Schluchthängen lässt sich kaum Geld verdienen.
Voller Vorfreude sprechen die 400 Bauern des Dorfes Xiaoshaba nahe dem Städtchen Liuku deshalb von ihrer bevorstehenden Umsiedlung. Schon verkünden rote Fahnen flussabwärts den Aufbau eines »neuen sozialistischen Dorfes«. Die Wände und Sanitäranlagen der doppelstöckigen Häuser stehen bereits, in zwei Monaten soll die neue Siedlung bezugsfertig sein. Ihre künftigen Bewohner können den Umzug kaum erwarten. »Ihr aus den Städten liebt die Berge, wir hassen sie«, ruft eine Lisu-Bäuerin und hält sich wegen des Geruchs ihres Schweinestalls die Nase zu. »Das nenne ich Luftverschmutzung«, sagt sie. Nun spekulieren die Bauern auf Jobs als Bauarbeiter beim Staudamm. Wovon sie allerdings in ihren schönen neuen Häusern leben sollen, wenn der Damm einmal fertig ist, darüber denken sie noch nicht nach.
In den armen Regionen mangelt es noch an Umweltbewusstsein
Im Umweltamt der Provinz Yunnan in Kunming wissen die Beamten von den Nöten der Nu-Bauern. Sie wissen um den Druck der Kraftwerkslobby, das Dammprojekt endlich zu starten. Doch sie bestreiten, dass Dammarbeiten und Umsiedlungen am Nu bereits vorbereitet wurden. »Die Erschließung der Wasserenergie am Nu ist ein typisches Beispiel für den Widerspruch zwischen Wachstum und Umweltschutz«, erläutert Yuan Xiwu, der 20 Jahre der Armee diente, bevor er zum Leiter der Propaganda- und Politikabteilung des Umweltamtes berufen wurde.
Im Kommandoton verkündet Yuan Xiwu die neuen Maximen der Pekinger Regierung: »Erst die Umwelt verschmutzen, dann die Folgen bekämpfen – so geht es nicht weiter. Wir dürfen die Weltgeschichte nicht wiederholen und erst bei 3000 Dollar Pro-Kopf-Einkommen mit dem Umweltschutz beginnen. Wir müssen heute bei 1000 Dollar pro Kopf beginnen, denn die Umweltbedingungen in China mit so vielen Menschen sind andere als früher im Westen.« Yuan Xiwu hält einen Vortrag. Seine Knie zittern. Doch er wirkt von der Ökosache überzeugt, ein alter Sozialist, der für seinen Staat endlich wieder eine Aufgabe entdeckt hat. Über den Nu-Damm, sagt Yuan Xiwu, müsse die Zentralregierung entscheiden. Und es klingt, als sei das Ja der Partei alles andere als sicher. Steht es doch 50 zu 50 im Politbüro?
Neben Yuan Xiwu sitzt sein junger Assistent Meng Guangzhi, der Umwelttechnik studiert hat. Er sagt, in Deutschland sei die Umweltbewegung eine Bürgerbewegung von unten gewesen, der Grund dafür liege im Reichtum der deutschen Gesellschaft. In China aber könne man von den Menschen in armen Regionen wie Yunnan noch kein Umweltbewusstsein erwarten. Umweltpolitik könne hier nur mit einer starken Zentralregierung und klaren Befehlen von oben funktionieren, meint Meng. Ob China eine starke Regierung braucht, die dazu fähig und willens ist? Das diskutieren auch Umweltschützer kontrovers. Nach einem Vierteljahrhundert ungebremster Wachstumspolitik aber stellt sich die KP diese Frage heute für die ganze Welt sichtbar zum ersten Mal.
Es ist die Frage nach dem Sein oder Nichtsein des Grand Canyon im Osten.
Lesen Sie mehr über die politische und wirtschaftliche Lage in China. Ein Schwerpunkt auf ZEIT online
Weitere Informationen im Internet:
Die Unesco informiert ausführlich über das Kulturerbe am Nu
- Datum 18.07.2006 - 14:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.07.2006
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Sehr gute Recherche! Sehr nuanciert! Vielen Dank fuer diesen Einblick ins heutige China.
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