50 Moderne Klassiker Glückliche Töne
Die Entstehung eine Genres: Wie Ornette Coleman dem Free Jazz Leben einhauchte – und pure Freude in Klang übersetzte
Quietschwooomsponk! – »Free Jazz« sollte nirgends draufstehen. Damit vertreibe man selbst die Gutwilligsten. Wer das Bürgerschreckliche höre, wende sich mit Grausen. Als 1960 ein Mann mit seiner Langspielplatte Free Jazz der neuen Richtung den Namen gab, treffend geschmückt mit einem Gemälde von Jackson Pollock, waren die Schablonen vorgegeben: Zwei Quartette improvisieren parallel zu- und gegeneinander, kein ordentliches Thema, 36 Minuten im Stück, selbstverwirklicht und publikumsfern. Ihr Schöpfer, Ornette Coleman, schien ewig an dieser Last zu tragen, ein 30-jähriger Schwarzer aus Fort Worth in Texas, der nach Wanderjahren in Rhythm-’n’-Blues-Bands, nach bitteren Lehren in den Clubs von Los Angeles endlich nach New York gefunden hatte. Nominell revolutionierte er den Jazz und wurde doch unter falschem Etikett gefeiert. Nicht der Aufbruch ins Chaos war hier geplant, sondern ein (einmaliger) Versuch, die Polyphonie in Freiheit zu entlassen.
Fünf Jahre später tauchte Coleman in Europa auf, mit David Izenzon, einem klassischen Bassisten, mit Charles Moffett, einem geradeaus trommelnden Schulfreund am Schlagzeug, mit Ornettes Instrumentarium, das aus Altsaxofon, kratzender Geige und hektischer Trompete bestand. At the Golden Circle Stockholm spielten sie an vier Abenden und hinterließen die Quersumme aus Verstörung und Ruhe. Ornette Coleman, der noch heute mit Vorliebe sein weißes Plastiksaxofon bläst, besitzt weder die rauchige Erzählstimme der Balladenspieler noch die kühle Eleganz der Lounge-Löwen, er brachte dem Jazz den Klang des weisen Kindes der Romantik, das in neuer Sprache alte Geschichten von Glück und Trauer erzählt. Er hat den Blues, Kinderlieder und Zirkusmelodien wiedergefunden und spielt sie mit einem nasalen Ton, mit seltsamen Betonungen, unerwartbaren Pausen und Dehnungen, ein Bob Dylan des Jazz.
Nachdem Ornette Coleman 1970 die Master Musicians of Joujouka in Marokko besucht und das polytonale System auf seine elektrifizierte Gruppe Prime Time übertragen hatte, wurde auch das musikalische Prinzip philosophisch: Harmolodics, die Gleichwertigkeit von Harmonie, Rhythmik (Motion) und Melodie, gilt ihm nicht nur als Aufforderung, zwischen den Tonarten frei zu wechseln, auf den Rhythmus zu zählen und die Melodie zu lieben, es sollte auch das Leben bestimmen. Die menschliche Qualität des Klangs bestimmt den Ablauf der Musik, wenn es der Stimmung entspricht, wechselt man das Vorzeichen. Auf dem Cover von At The Golden Circle stehen drei Männer im Schnee, drei Zauberer mit seltsamen Hüten und Mützen, Paletot und Sonnenbrille. Sie haben mehr mit dem Jahrmarkt des Glücks zu tun als mit den vermeintlichen Exerzitien der Avantgarde. Wo Free Jazz draufsteht, kann reine Schönheit und pure Freude drin sein. Konrad Heidkamp
- Datum 18.07.2006 - 13:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.07.2006
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