Bis vor wenigen Jahren war ich einfach nur Deutsche. Seit neuestem habe ich »Migrationshintergrund«. Früher konnte ich bei Rot über die Ampel gehen, und keiner, der nicht gerade ein Kind zu erziehen suchte, hätte sich etwas dabei gedacht. Wenn ich heute bei Rot losmarschiere (weit und breit weder Kind noch Auto in Sicht), kann es passieren, dass ein Kollege scherzt und rügt: »Na, hör mal, wir sind hier nicht in Istanbul!« Die Brücke über den Bosporus – ein Bild aus dem Familienalbum der Autorin. BILD

Neulich sollte ich einen Kommentar über die Türkei und Europa schreiben. Es fiel mir nicht leicht. Für mich persönlich bedeutet die EU nämlich nichts absolut Erstrebenswertes. Wenn ich an die EU denke, muss ich an Einfuhrzölle denken, die die wohlhabenden Länder der Nordhalbkugel bevorzugen, an Verzögerungen beim Schuldenerlass und an Leichen, die vor Spaniens Küsten treiben. So geht das aber nicht, wenn man Migrationshintergrund hat und dieser türkisch ist: Man muss eine »türkisch« gefärbte Meinung zum EU-Beitritt haben – die noch dazu dem in Deutschland vorherrschenden Bild der EU schmeichelt: EU ist klasse, »wir« wollen hinein.

An diese und weitere Verpflichtungen, die ein Migrationshintergrund mit sich bringt, muss man sich erst gewöhnen. Nun ist ja die Migration meines Vaters, ein volles Jahrzehnt vor meiner Geburt, nicht plötzlich über mich gekommen, insofern hatte ich den Hintergrund schon vorher. Aber wie es sich für einen Hintergrund gehört, blieb er eben dort und war nicht ständig präsent. Das Wort selbst gab es noch lange nicht.

Bevor sich jetzt die Feinde der Political Correctness die Hände reiben: Gegen das Wort als solches ist nichts zu sagen. Einen Migrationshintergrund zu besitzen ist deutlich angenehmer, als gehänselt zu werden, dass man ein Gastarbeiterkind sei. Was ich nie war. Was ich aber während meiner Schulzeit, in den siebziger Jahren, hin und wieder zu hören bekam: Kümmeltürke, Knoblauchfresser.

Vielleicht deshalb wurde Knoblauch in meiner Familie weiträumig gemieden. Dennoch wurde ich den Knoblauchgeruch, den meine Mitschüler wahrzunehmen meinten, erst los, als ich aufs Gymnasium kam. An der Uni war dann auch mit Kümmel Schluss. Schließlich der Eintritt in die Berufstätigkeit: Alles Gewürz war Vergangenheit.

Denn das Gastarbeiterische hatte etwas mit Klassen zu tun, mit Mangel an Bildung, mit der Unsicherheit, welche Gabel man zu benutzen hat, wenn im Restaurant ein glibberiges Quadrat serviert wird, das sich »Seeteufel in Aspik« nennt. Das Gastarbeiterische konnte man abstreifen, indem man die Leiter der Leistungsgesellschaft hochkletterte. Kletter, kletter, wie es sich für Deutsche gehört, und plötzlich: Achtung, eine Durchsage für Zwischengeschoss Nummer drei, aufgrund aktueller Vorkommnisse haben wir den Parcours geändert, willkommen auf der Ebene Migrationshintergrund.

An der Tafel hing eine Europakarte voller Pfeile, die mit dickem Strich ansetzten und sich dann verzweigten: die Unterrichtsstunden zum Thema Völkerwanderung. Bis heute verwirrt es mich, wenn ich in meinem alten Ploetz nachlese: »Um 100 v. Chr. ziehen hinter den Kimbern aus Nordjütland und Südostnorwegen die Vandalen zur Weichselmündung und flußaufwärts. Bei der Abwanderung der Sueben nach Südwesten drängen die Vandalen nach Thüringen. Ihnen folgen die Burgunder, die in Mittelpommern und an der unteren Weichsel seßhaft werden. Die Burgunder wenden sich westwärts…«

Warum? Der arme Ploetz kennt nicht einmal genug Verben für all dieses Gerenne, weswegen auf »ziehen« und »drängen« zur Abwechslung mal »folgen« folgt, obwohl die Burgunder den Vandalen doch sicher nicht hinterhergelaufen, sondern einfach dorthin gegangen sind, wo die Vandalen Platz gemacht hatten. Und warum? Wetten, dass sich viele von ihnen »aus ökonomischen Gründen« westwärts wendeten, was damals oft mit kriegerischen Handlungen einherging, heute aber bereits in seiner friedlichsten Form als so etwas wie Diebstahl und damit als absolut schändlich gilt? Das Verb »wandern« jedenfalls ist missverständlich, es klingt nach Rucksack, Picknick und belegten Broten. Die Lerche ruft, man macht sich auf – als ob nicht große Sorgen hinterm unfreiwilligen Aufbruch steckten.

Als ich Kind war, blieb mir das Phänomen der Völkerwanderung fremd, weil ich nicht sah, in welchem Ausmaß direkt vor meiner Nase herumgewandert wurde. Völlig selbstverständlich war es, dass man jeden Sommer die Verwandten mit dem Flugzeug besuchte, dass man Einlegetische nicht als Reisemitbringsel, sondern als Möbel im Wohnzimmer stehen hatte und dass der Osterhase eine Art Märchenfigur war, die ich im Ostersonntagsmorgengrauen für die Nachbarsmädchen nachzuspielen hatte, die an ihn glaubten. Wenn ich heute, als Erwachsene, meine Miterwachsenen betrachte, kommt es mir manchmal gerade umgekehrt vor: Obwohl mobiler denn je, scheinen viele vergessen zu haben, dass die Welt schon immer in Bewegung war. Mit Missbilligung nimmt der Urlaubsreisende zur Kenntnis, dass der Rhein-Main-Airport nicht nur zum Abflug auf die Kanaren, sondern auch für die Ankunft aus Kolumbien genutzt werden kann. »Frankfort is einfach nemmer desselbe. Früher ham hier als (hessisch: immer) nur Frankforter gelebt.« Sicher. Und die haben auch schon immer (als) in der Commerzbank-Arena der Nationalelf zugeprostet, bevor es überhaupt Banken, Nationen, ja sogar bevor es richtig runde Bälle gab.

Migrationshintergrund haben, so betrachtet, eigentlich alle Leute, denn wir alle leben vor dem jahrhundertealten Hintergrund ständiger Migration. Als Einheimischer sieht man sich bloß nicht so. Auch ist zu bezweifeln, dass man bei einem aus den USA stammenden Biochemiker oder einem französischen Kleinunternehmer von einem Migrationshintergrund spricht. Im täglichen Sprachgebrauch wird der Hintergrund der Migration doch viel häufiger ein ungünstiger, ein ungebildeter, südlicher, archaischer, beinah schon barbarischer – kurz und gut, ein islamischer Hintergrund sein.

Von der Unterschicht zur Religionsgemeinschaft: Wer gestern ein türkischer »Gastarbeiter« war, wird heute als »Muslim« adressiert. Gleichzeitig wird der Islam in Deutschland immer häufiger mit etwas potenziell Gewalttätigem in Zusammenhang gebracht. Und das, obwohl wir braven Muslime wie verrückt versuchen, unserer Umgebung das Gute an dieser Religion zu erklären – selbst wenn wir selbst gar nicht (mehr) glauben! Auch von deutschen Autoren wurden selten mehr aufklärerische Bücher zum Thema Islam geschrieben – und selten waren die Ressentiments stärker als heute.

Sogar als die Türken ihr Lager vor Wien verließen, stürzten sich die Wiener begeistert auf die Hinterlassenschaften, bestaunten Blumen und Papageien, teilten Zelte und kostbare Stoffe unter sich auf. Janitscharische Militärmusik, »türkische« Theaterstücke, Turbane kamen in Mode; drei Mal ließ sich Madame de Pompadour als Sultansfrau porträtieren, und Jane Austen trug eine »mameluckische« Mütze mit Halbmond, der eine Feder hielt. Und heute? Ein einziges Kopftuch reicht aus, Behörden zu alarmieren.

Auf der Straße, in den Wohnzimmern verhält es sich nicht anders. Laut einer Untersuchung des Instituts für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung verneinen drei Viertel aller Befragten die Aussage »Die muslimische Kultur passt durchaus in unsere westliche Welt«. Und erst kürzlich stellte das Allensbach-Institut die Bürger des Berliner Bezirks Pankow vor ein Gedankenexperiment: »Einmal angenommen, in einer deutschen Großstadt soll in einem Stadtviertel eine Moschee gebaut werden. Die Behörden haben dem Bau zugestimmt, aber die Bevölkerung in dem Stadtviertel ist dagegen. Wie ist Ihre Meinung: Sollte man die Moschee bauen, auch wenn die Bevölkerung dagegen ist, oder sollte man auf den Bau verzichten?« Drei Viertel meinten, man solle darauf verzichten.

Erschreckend? Ja. Und nein: Die Antwortenden haben ja Recht gehabt! Wenn nur die Behörden, nicht aber die Bevölkerung eine Moschee bauen wollen, kann man es auch bleiben lassen. Aber: Sind wir hier lebenden Muslime etwa kein Teil der Bevölkerung? Soll nur die Mehrheit entscheiden?

Der Antagonismus zwischen »uns« und »ihnen« gewinnt an Fahrt; mit Aufklärungsarbeit allein lässt er sich nicht bremsen. Noch mehr Informationen zum Koran, noch mehr Beteuerungen, dass nicht nur das Christentum eine Religion des Friedens sei… Könne man nicht, schlug neulich der Zuhörer einer Podiumsdiskussion vor, in der Zeitung unten rechts ein Kästchen einrichten, in dem jeden Tag ein, zwei Sätze Positives über den islamischen Kulturraum berichteten?

Alles, bloß das nicht! Nichts würde den Eindruck, dass es sich bei den »Fremdlingen« um »Barbaren« handelt, besser bestätigen als Sätze wie »Im Koran gibt es zahlreiche Verse, die den Frauen viele Rechte zubilligen. Und immer wieder hat der Prophet Mohammed für Gewaltlosigkeit zwischen Eheleuten plädiert.« (Vor jedermanns innerem Auge erstünde eine lange Reihe misshandelter Orientalinnen, denen der Koran zwar viele, aber eben nicht gleiche Rechte zubillige.) Oder der Verweis auf anno dazumal. »Damals, im maurischen Andalusien, erfreuten sich sämtliche Bevölkerungsgruppen der größten Toleranz, und Künste und Wissenschaften standen in voller Blüte.« Was aber, würde man sich sofort fragen, ist denn heute?

Heute, hier, in der deutschen Einwanderungsgesellschaft, ist es das Motiv des »Fremdlings« selbst, das uns Migrationshintergründlern das Leben schwer macht. Nach dem Prinzip des Fremdlings werden die einen schulischen Gewalttäter von den anderen geschieden, sind die einen, nicht aber die anderen von Ausweisung bedroht; der Fremdling muss arbeiten, um sich Brot und Aufenthalt erst zu verdienen, und als fremd wird er angesehen, auch wenn die Lebenszeit voll harter Arbeit hinter ihm liegt. Im allgemeinen Morast der Debatte um Integration und Parallelgesellschaft versinkt der einzelne Mensch, ist nur als potenzieller Härtefall sichtbar, wird sein individuelles Ringen um Liebe, Gesundheit, Aufrichtigkeit und Frohsinn zu Schall und Rauch.

Woran es am meisten mangelt, ist nicht Information – sondern Selbstverständlichkeit. Gegenseitige Vertrautheit. Nicht Migrations-, sondern Lebenshintergrund. All dies herzustellen ist auch eine Aufgabe derer, die heute schreiben. Ob Reportage, Erzählung oder Roman, ob wahr oder erfunden, autobiografisch oder abgelauscht: Lasst uns Geschichten erzählen. Über die sommerlich-staubigen Straßen von Berlin und Istanbul, über Kühlschränke voll hartgekochter Ostereier und über Melonengärten, über verschwitzte Freundschaften zwischen kaugummikauenden Mädchen und geheimnisvolle Vorfälle bei den Kimbern Nordjütlands und über Begegnungen einer muslimischen Vegetarierin mit ihrem ersten Seeteufel in Aspik.