Energie Zucker für Zocker
Investoren und Spekulanten entdecken den süßen Stoff. Der Grund: Aus Zuckerrohr lässt sich auch Ethanol gewinnen - für immer mehr Länder eine interessante Alternative zum teuren Erdöl.
Im Louis-XVI-Saal des ehrwürdigen Waldorf Astoria Hotel ist keiner der gepolsterten Imitatbarockstühle mehr frei. Nachzügler drängen sich zwischen den Flügeltüren. Von dem Andrang sind die Veranstalter der Sugar Week, eines Treffens der Zuckerbranche in New York, sichtlich überrascht. »Lauter neue Gesichter«, sagt Broker Michael Liddiard, ein Veteran der Branche. Er wundert sich über all die ernsthaften jungen Männer, die sich eifrig Notizen machen. Ihre Namensschildchen weisen sie als Abgesandte von Hedge-Fonds oder Wall-Street-Häusern und als Händler internationaler Großbanken aus. Die Zocker haben den Zucker entdeckt.
Um stolze 60 Prozent legte der Handel mit dem Terminkontrakt Sugar No. 11 SM schon 2004 zu – und im vergangenen Jahr erneut um 62 Prozent. Gehandelt werden solche Terminkontrakte (auch Futures genannt), etwa auf Baumwolle, Orangensaft, Kakao und Kaffee, an der New Yorker Terminbörse Nybot. »Aber Zucker ist unser absoluter Renner«, sagt Joe ONeill, Vizepräsident der Nybot. Im vergangenen Jahrzehnt wurde der süße Stoff mit durchschnittlich zehn US-Cent pro Pfund auf dem Weltmarkt gehandelt. Anfang der Woche notierte der Zuckerterminkontrakt bereits bei rund 17 Cent, und Mutige wagen Höhenflüge auf 40 Cent vorherzusagen. »Es ist heute ein grundlegend anderer Markt, wir werden künftig weit größere Ausschläge sehen«, sagt Branchenveteran Liddiard, dessen Familie schon in der vierten Generation Geschäfte mit dem Zucker macht.
Weltweit steigt der Zuckerverbrauch – eine Folge der Globalisierung. »Je wohlhabender die Entwicklungsländer werden, desto mehr Zucker konsumieren sie«, sagt Peter Baron. Er leitet die Internationale Zuckerorganisation (ISO), in der 72 Abnehmer- wie Anbieterländer vertreten sind. Gegenwärtig liegt der weltweite Bedarf bei 150 Millionen Tonnen jährlich. Durch Bevölkerungswachstum und steigenden Pro-Kopf-Verbrauch nimmt die Nachfrage alle zwölf Monate um zwei Prozent zu.
In Brasilien fahren die meisten Neuwagen auch mit Biosprit
Vor allem Entwicklungsländer wie Brasilien, Thailand und Indien bauen Zucker an. Doch sie haben in den vergangenen Jahrzehnten auf den Ausbau ihrer Produktion verzichtet. Denn der Weltmarktpreis war niedrig, und außerdem schützten die Europäische Union, die USA und Japan ihre heimischen Bauern durch eine Kombination aus hohen Importzöllen und großzügigen Subventionen für die eigene Landwirtschaft. Das Zuckerangebot blieb also überschaubar, und es ist – was den Markt für Spekulanten angesichts der wachsenden Nachfrage besonders verlockend macht – alles andere als stetig. In den vergangenen Jahren etwa spielte das Wetter nicht mit. Vor allem Dürreperioden in Indien und anderen asiatischen Regionen vernichteten die Ernte.
Dass der Zuckermarkt seit kurzem zu einer Rally ansetzt, ist nicht nur der Nachfrage nach Zucker als solchem geschuldet. Der wichtigste Treibstoff hinter dem Boom ist Ethanol, auch als Ethylalkohol bekannt . Es wird, genau wie das süße Lebensmittel, aus Zuckerrohr, Zuckerrüben und auch aus Mais gewonnen. Und: Ethanol kann als Benzinersatz dienen.
Die Brasilianer etwa, weltweit Zuckeranbauer Nummer eins, packen bereits seit Jahren Zucker in den Tank. Mehr als 70 Prozent der verkauften Neufahrzeuge, darunter auch die von Volkswagen, sind mit so genannten Flexi-Fuel-Motoren ausgestattet. Sie fahren mit Benzin, einem Gemisch aus Ethanol und Benzin oder einfach nur mit Ethanol – die Fahrer entscheiden sich je nach aktuellem Preis direkt an der Zapfsäule. Die Zuckerraffinerien wiederum können je nach Bedarf – oder Verkaufspreis – ihre Produktion innerhalb von Stunden von Zucker auf Ethanol umstellen. Dieses Jahr wollen die Brasilianer rund 50 Prozent der Ernte in Ethanol verwandeln, die andere Hälfte in Zucker.
Schon lange schützt und subventioniert das südamerikanische Land die heimische Ethanolindustrie, um die Abhängigkeit vom Erdöl zu senken. Seit der Ölpreis auf 70 Dollar pro Barrel gestiegen ist, interessieren sich aber plötzlich auch die Industrienationen für das Ethanolexperiment. Selbst US-Präsident George W. Bush, Spross einer Öldynastie, hat Ethanol als potenzielles Mittel gegen die von ihm eingestandene »Sucht nach Öl« in den Vereinigten Staaten gepriesen. Dass die Benzinpreise in den USA mit drei Dollar pro Gallone (0,62 Euro pro Liter) historische Höhen erreicht haben, macht Ethanol schon jetzt zum Thema für die anstehenden Kongresswahlen. Die Brasilianer etwa würden gern mehr von dem alternativen Treibstoff in die USA exportieren, doch ein Zoll von 54 Cent pro Gallone behindert das Geschäft.
»Wir kämpfen gegen die mächtige Lobby der Ölkonzerne«
Mit den Einkünften aus dem Zoll bezuschusst die US-Regierung zugleich die heimische Ethanolproduktion aus Mais. Jetzt wollen einige Volksvertreter den Importzoll abschaffen. Senator Charles Grassley aus Iowa wetterte dagegen, diese Pläne seien »ein Tritt in die Zähne für ländliche Regionen« – Iowa gehört zum Mittleren Westen, der Heimat der großen Maisfarmen. Der Streit hält an. Passenderweise ist die Terminbörse Nybot, die bei den Anschlägen des 11. September ihr angestammtes Parkett verlor, heute Untermieterin der Energiebörse Nymex; dort werden Rohölterminkontrakte gehandelt.
»Zucker ist für die Märkte vom Nahrungsmittel zum Energieprodukt geworden«, fasst Helmut Ahlfeld den Wandel zusammen. Er sitzt in Ratzeburg bei F.O. Licht, einem international tätigen Informationsdienstleister, der sich auf Agrargüter spezialisiert hat. Gegründet worden ist das Unternehmen bereits 1861 von Franz Otto Licht; es ist – wie Ahlfeld nicht ohne Stolz bemerkt – das älteste private Unternehmen, das sich mit der Analyse der Weltzuckermärkte befasst. Nichts sei mehr, wie es war, sagt Ahlfeld. Ihm bereitet die Entwicklung Sorgen: »Die Frage drängt sich auf: Ist es ethisch, wenn Nahrungsmittel zu Treibstoff verarbeitet werden?« Vor allem Entwicklungsländer fördern die Nutzung heimischen Ethanols, um die Abhängigkeit von teuren Ölimporten zu reduzieren. So würde der hausgemachte Energieträger davon profitieren, wenn sich der Ölpreis auch auf Dauer über 50 Dollar pro Barrel hielte.
»Ethanol ist der Treibstoff der Zukunft«, sagt Eduardo Pereira de Carvalho. Der Volkswirt ist Präsident der Unica, der Vereinigung der brasilianischen Zuckerindustrie, und vertritt unnachgiebig die Handelsinteressen der großen Zuckerrohrbauern des Landes. Wenn er von seiner Heimat als einer Art grünem Saudi-Arabien spricht, klingt er wie ein Revolutionär, der zum Umsturz aufruft: »Wir haben mächtige Gegner – wir kämpfen gegen die Lobby der Ölkonzerne.«
Wenn die Zölle in den USA eines Tages tatsächlich sinken oder gar fallen sollten, dann werden die brasilianischen Zuckerlieferanten noch mehr Mühlen auf Treibstoffproduktion umschalten. Für die Käufer von Zucker hieße das: höhere Preise. »Wir werden nicht mehr jede Nachfrage nach Zucker bedienen können«, räumt Pereira ein.
Rund 380 Millionen Tonnen Zuckerrohr wird Brasilien in der Saison 2006 liefern, bis 2011 sollen es 570 Millionen Tonnen jährlich sein. Dank seiner billigen Arbeitskräfte gehört das Land zu den preiswertesten Zuckerproduzenten der Welt. Doch auch dort steigen die Produktionskosten, weil die neuen Zuckerrohrplantagen immer tiefer im Landesinnern entstehen. »Die Transportkosten zu den Häfen werden höher, der Ausbau der Infrastruktur kostet Geld«, gibt ISO-Mann Baron zu bedenken.
Zu einem Anstieg des Zuckerpreises beitragen dürfte auch der Rückzug der EU. Sie wird nach der neuen Zuckerverordnung, die zum 1. Juni in Kraft trat, ihre Exporte in den kommenden Jahren einstellen. Bislang hatte sie einen Strafzoll auf Zuckerimporte erhoben, ausgenommen waren nur wenige Lieferungen aus ehemaligen Kolonien Frankreichs und Englands. Gleichzeitig subventionierte die EU den Export ihres heimischen Rübenzuckers, sodass Europas Bauern und Raffinerien mit den niedrigen Weltmarktpreisen mithalten konnten. Gegen diese Exportsubventionen klagten Brasilien, Thailand und Australien vor der Welthandelsorganisation (WTO) – und gewannen. Die Europäer müssen nun ihre Exporte von fünf Millionen Tonnen auf 1,3 Millionen Tonnen reduzieren. Der garantierte Abnahmepreis für die Bauern wird um 40 Prozent gekürzt.
Mag die Nachfrage nach Zucker auch weltweit steigen, in der EU werden derzeit immer mehr Rübenäcker anderweitig genutzt. Allein in diesem Jahr werden es 20 Prozent weniger sein. »Mittelfristig wird die EU gar keinen Zucker mehr exportieren«, sagt der ISO-Experte Baron voraus. »Damit verschwindet allerdings ein stabilisierender Faktor vom Markt.« Die Spekulanten wird es freuen.
- Datum 14.07.2006 - 04:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.07.2006
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Eine kleine Frage: angenommen, der Zucker würde in Form von Ethanol eine echte Treibstoffalternative zum Erdöl: wo sollen die dafür erforderlichen Anbauflächen herkommen? Bereits jetzt werden vorwiegend in Brasilien Regenwälder abgeholzt, um durch Sojaanbau die Nachfrage in Asien (direkt) oder in USA und Europa (Tierfutter -> Rindfleisch) zu befriedigen. Kann es wirklich sinnvoll sein, für die angestrebte Unabhängigkeit vom Erdöl (so nobel und essentiell dieses Ziel auch ist), die Regenwälder weiter zu opfern? Wäre schön, wenn mir jemand kompetentes darauf antworten könnte. Ansonsten scheint die Welt süß zu Grunde zu gehen.
Schöne Grüße
Um abschätzen zu können, inwieweit die Beimischung von Ethanol sinnvoll ist, wäre es interessant zu erfahren, wie teuer ein Liter Fahrzeugethanol denn ist.
MfG
GuenterHessen
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