Der Italiener ist um so vieles schlechter als das Bild, das er von sich selbst hat, wie er besser ist als das, welches die Ausländer von ihm haben. Seine besten Eigenschaften sind die ignorierten, und seine schlimmsten Mängel sind die, deren Ruhm sich überall verbreitet.Am Abgrund noch die Fahne zu schwenken – darauf verstehen sich italienische Fans

Giuseppe Prezzolini: »Die Regeln des italienischen Lebens«, 1917 (Alle Zitate stammen aus der Studie des Journalisten Prezzolini (1882 – 1982), der in Florenz die Zeitschriften Il Leonardo und La Voce herausgab )

Italien ist Weltmeister , und der Italiener an meiner Seite sagt: Wir sind ruiniert! Er sagt das jeden Morgen, nachdem er die Nachrichten gehört und die Tageszeitungen gelesen hat, die voller Abhörprotokolle stecken, in denen man nachlesen kann, wie sich Politiker, Fernsehstars, Manager und andere Spitzen der Gesellschaft wie Fünfjährige ausdrücken, mit einem Wortschatz, der höchstens hundert Wörter umfasst und im Wesentlichen aus Scheißdreck, Scheißkerl und Scheißkram besteht: Parmalat-Skandal und ein schändlicher Nationalbankgouverneur, ein stumpfer Königprinz, sexbesessen und habgierig, ein lippenloser ehemaliger Bahnbeamter als König des italienischen Fußballs, ein Spinnennetz der Korruption, der Schamlosigkeit und der Käuflichkeit, und zur Belohnung sind wir auch noch Weltmeister geworden!

Poveri noi!, sagt der Italiener, wir Ärmsten! Alles vergeben und vergessen! Und Justizminister Mastella hat auch noch für mildere Umstände plädiert wegen des Gewinns der Weltmeisterschaft! Für eine Amnestie! Cossiga empfahl den Verantwortlichen des italienischen Fußballskandals: Sagt den Richtern, dass sie euch am Arsch lecken sollen! Und das ist unser ehemaliger Staatspräsident! Ah! Come siamo ridotti! Ach, was sind wir heruntergekommen!

Ja, so weit kommt es mit uns, manchmal: in Gedanken ein Schiff zu nehmen und unser Italien aus großer Entfernung zu betrachten, um es wirklich lieben zu können… Es wie die Nachwelt zu betrachten, schlimmer noch: wie Ausländer.

Das mit der Amnestie war ein Witz, sage ich. Und der Italiener sagt: Du lebst eigentlich schon lange genug hier, um zu wissen, dass man in Italien mit dem Fußball keine Witze macht.

Aber es ist dennoch absurd, beharre ich. Du bist dermaßen deutsch, sagt der Italiener, dass du mir nicht mal glaubst! Deiner Vorstellungskraft fehlt eine gewisse Elastizität, das ist genetisch bedingt bei euch Deutschen, eine Italienerin hätte mir sofort geglaubt! Und dann schlägt er die Repubblica auf, die auf Seite 19 berichtet, dass der Justizminister für einen Akt der Milde plädiert hat. Unglaublich, sage ich. Und der Italiener blickt mich nachsichtig an. So nachsichtig, wie man eine geistig verwirrte Person anblickt, die man über ihren wahren Zustand nicht aufklären mag. Und dann sagt er: Poverina! , du Ärmste! Wir sind in Italien!