Taschenbuch Nicht aus der Ruhe zu bringen

Ein Spaziergang mit Seneca

Der Philosoph Rudolf Burger hat einen Aufsatz über Max Stirner mit dem Zitat eines Grabspruchs römischer Stoiker begonnen: NON FUI. FUI. NON SUM. Das gelte gemeinhin als stolze Trostverweigerung, als heroische Zustimmung zur absoluten Endlichkeit des Daseins. Doch, so Burger, »hinter dem Rauch seiner Zigarre hätte Max Stirner nur trocken bemerkt: Die Annonce ›Ich bin gewesen‹ verrät den immer noch trostbedürftigen Metaphysiker! Denn der antike Heroiker rechnet mit seinem Fortleben nach dem Tode im Gedächtnis anderer, und also mit einer Geschichte, die nicht mehr die seine ist; ihr gilt seine Sorge, und sie spendet ihm Trost: Er wird nicht ganz verschwunden sein.«

In der Tat appelliert der Grabspruch an eine Gemeinsamkeit der Toten mit den Lebenden. Auch ihr Dasein ist eine Einübung ins Nicht-Sein. Daran vom Grab aus zu erinnern hat keinen Sinn, denn frei nach Stirner ist die Welt, wenn ich nicht mehr bin, auch nicht mehr. Es gibt keine Kommunikation mit denen, die mich überlebt haben, keine übers Grab hinaus. Das sollte ich jetzt schon, wo ich noch unter den Lebenden weile, wissen und mir keine neckischen postmortalen Sprüche ausdenken.

Dennoch kann ich mich der Inschrift nicht entziehen. Meine Forschungen ergaben, dass sie buchstäblich auch so lautet: N F F N S N C. Zum non fui, fui und non sum kommt ein non curo, das den Appell noch deutlicher macht und das (zumindest in meiner Übersetzung) noch deutlicher die stoische Botschaft vor die Augen führt: Bin nicht gewesen, bin gewesen, bin nicht mehr, keine Sorge.

Spaziergang mit Seneca heißt ein Taschenbuch, erschienen bei dtv und herausgegeben von Brigitte Hellmann. Der Untertitel Ein Lesebuch für Nachdenkliche stellt in seiner Schlichtheit das Anspruchsvolle so richtig heraus; hier gibt es nur das Beste vom Besten, in Ausschnitten zwar, zum Beispiel von Aristoteles eine Überlegung über das Wesen der Bewegung, von der man wohl etwas verstehen muss, um einen Sinn fürs Werden zu bekommen. Wunderbare Sätze flimmern einem vor den Augen: »Einsamkeit ist der Zustand eines Menschen, dem niemand helfen kann.« Und diese Sentenz von Epiktet lehrt, dass Philosophen Wörter genauso ernst nehmen, wie sie gedacht sind: Wem noch zu helfen ist, wie will denn der einsam sein?

Aber in der Revue dieser Allerbesten (»Laotse, Heinrich Heine, Konfuzius, Konrad Lorenz, Fred Adams, Theodor Fontane, Immanuel Kant und viele andere«) halte ich es mit dem Titelgeber, mit dem Stoiker Seneca. Niemand soll glauben, die Sache mit der Stoa könne ein Spaziergang sein. Das stoische Dogma ist die Härte. Es ist nicht ohne Witz, dass Seneca wie kein anderer die Lächerlichkeit des äußerlichen Lebens, die Wirren der Triebhaftigkeiten durchschaut hat und dass er dabei selber ein mehr als abenteuerliches Leben führte. Als Opfer höfischer Intrigen wurde er verbannt, und Stoiker, der er war, hielt er die Verbannung besser aus als ehemals Cicero und Ovid. Messalina war seine Feindin gewesen, und Agrippina, die neue Kaiserin, holte ihn zurück, damit er ihren Sohn, den jungen Nero, erzöge.

Aber andererseits passt gerade die stoische Haltung auf diesen antiken Wahnsinn. Seneca stellt alles bloß, was auf den ersten Blick das Leben ausmacht: Begierde, Todesfurcht, Profitgier, Machtgier, die Sucht nach Ehre, Reichtum und Ansehen. Aus der Hetzerei des Daseins folge, »dass wir weder zu leben noch zu sterben wünschen: Das Leben hassen wir, den Tod fürchten wir«. Die stoische Weisheit besteht darin, sich das Leben auszutreiben, damit man den Vorteil genießt, von nichts mehr aus der Ruhe gebracht zu werden. Dahinter steht der Glaube, die Welt durch Selbstbeherrschung beherrschen zu können: Die Zügelung aller Anfechtungen macht uns frei. Der Weise, sich unnötige Stöße ersparend, geht weg, nach draußen, »während drinnen der Kampf um den Gewinn wogt«.

Es ist eine mordsmäßige Selbstüberschätzung, wenn man wähnt, mit so einem wie Seneca könne man heute gemütlich spazieren gehen. Manfred Fuhrmann, der Professor für lateinische Philologie, dem die deutschsprachige Öffentlichkeit unserer Tage viele Erkenntnisse über Seneca verdankt (siehe vor allem sein im Fest-Verlag erschienenes Buch Seneca und Kaiser Nero), beschrieb auch in dem Reclam-Band Geschichte der römischen Literatur Senecas Ende: Der Philosoph war in eine Verschwörungsgeschichte hineingeraten, Nero befahl ihm den Selbstmord. »Er aber«, so Fuhrmann, »schied, indem er sich Sokrates zum Beispiel nahm, mit philosophischer Gelassenheit aus dem Leben (65 n. Chr.).«

 
Leser-Kommentare
  1. Bei aller Bewunderung fragt man sich doch mit Fuhrmann, ob der Einfluss des Erziehers Seneca auf den jungen Nero von bleibender Natur war. Ironischerweise war es doch gerade Nero, der ihn dann in den Tod trieb.

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