Diese Schweden! Besitzen sie ein Krimi-Gen, das andere nicht haben?, rätselte kürzlich eine Wiener Kritikerin über dieses Volk, dem die Mordfantasien nicht ausgehen. Sie haben eines, und bei Åsa Larsson kann man verorten, wo es sitzt. In Kiruna nämlich, weit nördlich des Polarkreises. Kiruna – das ist Weite, Leere, Nordlicht, Mittsommerhelle. Kiruna ist die größte Stadt Schwedens. Auf knapp 20000 Quadratkilometer kommen 23000 Menschen, unvorstellbar.

»Sehr verwundbar sind sie dort, hart und stolz auf ihre Arbeit«, charakterisiert Åsa Larsson die Nordleute. »Die Männer sind leicht am Wasser gebaut.« In Kiruna hat im 19. Jahrhundert der Biologe Lars Levi Laestadius, der »Apostel der Samen«, eine Freikirche gegründet, die sich nach ihm nennt. Wenn der Geist über die Gläubigen kommt, reden sie in Zungen, und wenn der Glaube und die Selbstgerechtigkeit überhand nehmen, dann brechen sie auf und bestrafen die Unbußfertigen. Sie töten den Gendarmen und den Kaufmann und misshandeln den Pfarrer. Das geschah 1852, und wenn man die Kriminalromane von Åsa Larsson liest, rückt einem diese Vergangenheit dicht auf die Pelle. Denn sie spielen im Milieu der Verklemmten, Aufbrausenden, Selbstgerechten aus den protestantischen Freikirchen, in denen die Macht der Gottesmänner grenzenlos scheint. Selbstverständlich Männer: In Sonnensturm sind es drei Pastoren, die die »Kraftquelle« – so heißt ihre Gemeinde – mit Charisma, moralischer Erpressung und geschickt gewähltem Gotteswort betreiben. Bis ihr Apostel, ihr »Paradiesjünger«, der schöne Viktor Strandgård, ohne Hände und Augen in einer Blutlache auf dem Boden der neu errichteten Kirche liegt.

Zu Hilfe gerufen von der anämischen Schwester des Ermordeten, kehrt Steueranwältin Rebecka Martinsson, eine verlorene Tochter, aus der Hauptstadt in das Gebiet der frommen Männer zurück. Mit ihr nehmen wir halb angewidert, halb fasziniert eine Welt aus christlichem Fundamentalismus, Pharisäertum und Glaubenskampf in Augenschein, von deren Existenz wir nur aus alten Büchern gehört haben. Bücher etwa, wie sie ein Jeremias Gotthelf aus der abgeschiedenen Welt Schweizer Bergtäler ans Licht hob. Wie dieser die soziale und geistige Armut seiner Gebirgler, so hat auch Larsson die Enge des Freikirchenwesens am eigenen Leibe erfahren. Ihre Großeltern waren Laestadianer. Ihre Eltern konvertierten zum Kommunismus, und sie – »Wie protestiert man gegen kommunistische Eltern?« – schloss sich als Jugendliche wieder einer Freikirche an.

Hinter den Fassaden: Die Versagensängste

Ihrer intimen Kenntnis des Nordens und der Sektenwelt entspringen eindrücklich gezeichnete Charaktere. Unvergesslich das zarte Schwestergeschöpf, das von patriarchalen Autoritäten zermürbte Weibchen Sanna in Sonnensturm. Ebenso eindringlich die Pastorin Mildred Nilsson, die im gerade erschienenen zweiten Band Weiße Nacht als besserwissende, besser manipulierende, besser intrigierende Konkurrentin den Hass der alteingesessenen Kirchenmännerwelt auf sich zieht. Als feministisch Selbstgerechte demoliert sie die Fassaden, hinter denen die Mitglieder der altväterlichen Jäger- und Kirchengemeinde ihre Versagensängste verbergen – bis geschieht, was geschehen muss. Zerschlagen und ausgeblutet hängt die Pastorin an der Empore ihrer Kirche, gegenüber die Statuen des Predigers Laestadius und seines Samenmädchens Maria.

Wieder ermitteln Rebecka Martinsson und die lebenskluge Kriminalbeamtin Anna Maria Mella getrennt und gemeinsam. Immer deutlicher wird, dass diesen schwachen, heuchlerischen, narzissti-schen Männern nur noch der Mord als Ausweg blieb, wenn sie ihre Welt zusammenhalten wollten. Wer von ihnen es dann tatsächlich war, spielt kaum noch eine Rolle. Die Bücher von Larsson sind kleine Wunder: Genau, einfühlsam und ohne Häme zeichnet sie die innere Enge, die Lebenssuche ihrer Nordleute. Doch am besten hat mir die eingewobene Tiergeschichte von der Wölfin Gelbbein gefallen, die, verstoßen von ihrem Rudel aus der finnischen Nordmark, nach Norbotten einwandert – eine poetische Miniatur, die doch ihren genauen Platz im Kriminalgeschehen hat.

»Sonnensturm«, 2004 ebenfalls bei Bertelsmann erschienen, wurde in Schweden als bestes Krimidebut ausgezeichnet