SchuleMisstraut allen Noten!

Jörg Laus Plädoyer für Zensuren in der Schule hat unter Pädagogen eine heftige Debatte ausgelöst. Eine Streitschrift von Hans Brügelmann

Nach Pisa zeigte sich die aufgeklärte Öffentlichkeit einig: Es ist ein Skandal, dass das deutsche Schulsystem ein Viertel seiner Schüler ohne zureichende Basiskompetenzen ins Leben entlässt. Betroffen sind vor allem Kinder aus den unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien. Mehr als ein Drittel aller 15-jährigen Schüler/-innen hat im Laufe ihrer Schulzeit die demütigende Erfahrung von Zurückstellung und Sitzenbleiben erlebt. Die Folgen belegt er-neut eine aktuelle Befragung der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Köln: Nach der Angst, ihre Eltern zu verlieren, rangiert unter Jugendlichen die Furcht, in der Schule schlechte Leistungen zu erbringen, an zweiter Stelle.

Kinder wollen wissen, wo sie stehen, schreibt Jörg Lau in der ZEIT Nr. 27/06 . So weit, so gut. Nur: Sagt eine 3 in Deutsch dem Schüler wirklich, wo er steht? Sie signalisiert ihm doch allenfalls, dass er etwa im Durchschnitt seiner Klasse liegt. Aber zeigt sie, dass er in geübten Diktaten nur wenige, in freien Texten dagegen viele Recht-schreibfehler hat, dass er flüssig vorlesen kann, aber Informationen aus Sachtexten nur ungenügend versteht? In der Note verdunstet die Vielfalt des individuellen Leistungsspektrums, der Rest kommt in eine Schublade.

Und selbst deren Etikett kann täuschen. Gerade lese ich in einer Fallstudie unseres Projekts »Lernbiografien im schulischen und außerschulischen Kontext«, dass die 13-jährige Billy in Mathematik zwischen 3 und 5 steht, nachdem sie bei ihrer letzten Lehrerin jahrelang eine 1 hatte. Weiß Billy dank der Noten tatsächlich, wo sie »wirklich steht«? Und was ist beim Klassenwechsel von Marc? Eben noch bekam er in seiner leistungsstarken Klasse eine 4, da steigt er nach dem Umzug der Familie auf eine 2. Weil er jetzt mehr kann?

In der Expertise Sind Noten nützlich – und nötig? für den Grundschulverband hat unsere Arbeitsgruppe an der Uni Siegen eine Vielzahl empirischer Studien ausgewertet. Sie zeigen, dass verschiedene Lehrer Leistungen nach ganz unterschiedlichen Kriterien und anhand unterschiedlicher Maßstäbe bewerten. Gibt man dieselben Arbeiten einer größeren Zahl von Lehrern und Lehrerinnen zur Bewertung, streuen die Noten über die ganze Skala von 1 bis 6. Und das nicht nur im Aufsatz, sondern auch in Rechtschreibung und in Mathematik. Für den einen ist der Lösungsweg wichtig, für den anderen zählt nur das richtige Ergebnis. Merkmale der Person wie soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, wie Geschlecht und Sprachgewandtheit führen sogar zu systematischen Verzerrungen.

Jörg Lau hat Recht: Verbale Beurteilungen sind nicht objektiver. Aber sie beanspruchen dies auch nicht – und sie machen die Subjektivität des Lehrerurteils durchsichtig und diskutierbar. Natürlich ist es nicht damit getan, Ziffern durch Wörter zu ersetzen. Die Chance von Berichten liegt aber darin, dass sie können, was mit Noten nicht gelingen kann: konkret beschreiben und damit erkennbar machen, wo genau die Stärken und Schwächen in einem Lernbereich liegen und vor allem, wie die Leistungen sich entwickeln, das heißt, was ein Schüler dazugelernt hat und was seine nächsten Lernaufgaben sind.

Wir haben in mehreren Untersuchungen festgestellt, dass Kinder mit Erfahrungs- und Kompetenzunterschieden von drei bis vier Entwicklungsjahren in die Grundschule kommen. Dieser Abstand bleibt über die Schulzeit hinweg erhalten. »Karawaneneffekt« haben wir diesen im Grunde erfreulichen Tatbestand genannt: Alle Kinder lernen erheblich dazu! Aber wer als Erster ins Rennen gegangen ist, kommt eben häufig auch als Erster im Ziel an. Und da soll man vergleichend bewerten? Leistung ist doch, was der Einzelne aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Der Zuwachs an Können und Wissen ist zu würdigen, wenn wir Leistung anerkennen wollen

Wohlgemerkt: Wir reden nicht über Sportler, die sich bei deutschen Meisterschaften oder bei Olympischen Spielen vergleichen, weil sie sich in ihren ganz besonderen Begabungen und Fähigkeiten aneinander messen wollen – und dies freiwillig. Wir reden auch nicht von der Ausbildung für einen Beruf, in der es darum geht, Dritte vor den Unzulänglichkeiten eines inkompetenten Handwerkers oder Arztes zu schützen. Wir sprechen über die allgemeinbildenden Schulen, in die die Kinder in einer besonders verletzlichen Phase ihrer Entwicklung gehen müssen.

Statt ein Viertel von ihnen als Versager ab-zustempeln, sollten wir sie für ihr zukünftiges Leben stark machen. Wie aber fühlt sich ein Schüler, der lernt und lernt, dadurch mehr und mehr kann, aber immer nur gesagt bekommt: Die anderen sind »besser« als du? Unsere Gesellschaft kann es sich einfach nicht leisten, alle diejenigen mit Fünfen und Sechsen abzumeiern, die wegen geringerer Begabung oder wegen misslicher Zufälle in ihrer Bildungsbiografie ihre Schullaufbahn mit dem Handicap eines mehrjährigen Rückstands starten.

Eltern und Kinder brauchen und wollen Noten? Warum kommen dann andere Länder, die bei Pisa, Timss und Iglu sogar erfolgreicher waren als Deutschland, über viele Schuljahre ohne Noten aus? Wollen Schüler und ihre Eltern dort etwa nicht wissen, »wie gut sie sind?« Meine Gegenthese: In Deutschland brauchen wir die Verrechenbarkeit von Ziffernnoten, weil wir Kinder ständig aussortieren: Zurückstellung am Schulanfang; Sitzenbleiben; Überweisung in die Sonderschule für »Lernbehinderte«; Aufteilung auf die Schularten der Sekundarstufe. Nur weil die Auslesefunktion der Schule so tief im Denken aller verankert ist, scheint es kaum jemanden zu interessieren, wie sicher Noten die Leistungen der Schüler und ihre voraussichtliche Entwicklung wirklich erfassen. Dabei zeigt nicht nur Pisa, dass sich die Leistungsverteilungen von Gymnasium-, Real- und Hauptschule breit überlappen. Auch Tests erlauben keine verlässlicheren Prognosen. Deshalb wurden zum Beispiel die Schulreifetests schon vor Jahren abgeschafft. Zwar war für Kinder, die als »nicht schulreif« diagnostiziert wurden, das Risiko größer, in der Grundschule Schwierigkeiten zu bekommen, als für »schulreife«. Aber die große Mehrheit von ihnen war erfolgreich, wenn sie trotz des negativen Testurteils eingeschult wurden.

Testwerte und Ziffernnoten täuschen eine diagnostische Scheinpräzision vor, die ihren Kredit weit überziehen. Vor allem bei der Entscheidung über Einzelfälle. Hinzu kommt: Kinder mit vergleichbaren Voraussetzungen entwickeln sich in der Regel besser, wenn sie nicht zurückgestellt, sondern eingeschult werden, wenn sie nicht wiederholen müssen, sondern versetzt werden, wenn sie in der Regelschule bleiben, statt auf die Sonderschule zu gehen, und wenn sie eine höhere Schulform in der Sekundarstufe besuchen dürfen. So werden Noten zur Selffulfilling Prophecy. Nicht nur wegen des Pygmalion-Effekts, also der Steigerung oder Dämpfung der Leistungszuversicht durch externe Rückmeldungen. Auch die äußeren Lernbedingungen haben einen großen Einfluss. Zukünftiger Schul- und Lebenserfolg ist eben nicht aus individuellen Voraussetzungen berechenbar.

Aber auch über die Wirkung der »harten Währung« Noten auf die Begabten und sozial Begünstigten sollte man nachdenken. Dazu gibt es ebenfalls empirische Studien. Ein Lernen aus Interesse an der Sache leidet nicht nur unter der Bestrafung durch schlechte Noten. Es lässt auch nach, wenn Schüler sich als abhängig erleben von externen Belohnungen.

Sicher: Menschen lernen auch, wenn jemand sie mit Zuckerbrot und Peitsche dazu antreibt. Aber solche Antreiber können nicht ein Leben lang neben ihnen stehen. Und sie sollen es auch nicht. Schule ist nicht nur der Ort, an dem Wissen und Können vermittelt werden, sie ist auch der Raum, in dem sich die individuelle Persönlichkeit und soziales Verhalten entwickeln. Nur wenn Selbstständigkeit gefordert und ermöglicht wird, können Kinder lernen, selbstständig zu werden.

Die hierarchische Schule der Kaiserzeit passt nicht mehr in eine demokratische Gesellschaft. Sie ist politisch überholt. Und sie lebte von Annahmen über »Begabung«, über »Leistung« und ihre Erfassung, die sich wissenschaftlich längst nicht mehr halten lassen. In der Fachwelt ist dies seit mehr als 40 Jahren bekannt – und zwischenzeitlich immer wieder bestätigt worden. Wir brauchen keine technisch perfektionierte Selektion, sondern diagnostisch fundierte Förderhilfen, wie sie der Grundschulverband unter dem Stichwort »Pädagogische Leistungskultur« entwickelt hat (ZEIT Nr. 50/05).

* Hans Brügelmann, 59, Autor des Buches »Schule verstehen und gestalten«, ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen.

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Leserkommentare
  1. Leider war mein Brief heute nicht in der ZEIT, deswegen stelle ich ihn hier ein:

    Mit Erschrecken habe ich Ihren Artikel zum Thema Zensuren in der Grundschule gelesen. War es tatsächlich DIE ZEIT, die ich heute morgen aus meinem Briefkasten gezogen habe?
    Die wichtigen Argumentationsstränge des Artikels klingen so: Noten sind erstens gut, weil Kinder diese wollen. Zweitens erinnert sich der Autor an seine eigene Schulzeit, ihm haben Noten rückblickend eher gut getan, und nicht geschadet.
    Meine Frage: Ist etwas schon automatisch gut, wenn Kinder es wollen? Oder anders gefragt – warum wollen Kinder gerne Noten bekommen? Tatsächlich zur Leistungsrückmeldung schwarz auf weiß? Oder doch eher, weil sie in Familie und Schule mitbekommen haben, welch großes Aufheben stets um dieses Thema gemacht wird? Zu prüfen ist, ob Noten tatsächlich das sind, was Herr Lau meint, oder ob dies den Kindern nur – bewusst oder unbewusst – beigebracht wird.
    Nun zum zweiten Argument: Die Zuhilfenahme der eigenen Schulerinnerung stellt meines Erachtens eines der größten Probleme der Schulpädagogik und -politik dar. Jeder erinnert sich an die eigene Schulzeit, also kann auch jeder mitreden! Und einige – so auch Herr Lau – verallgemeinern dann den Einzelfall zur allgemeinen Erkenntnis. In eigentlich allen anderen Wissenschaften undenkbar.

    Und um eben nicht ausschließlich über individuelle Erinnerungen zu reden und mit diesen zu argumentieren, hier noch einmal ein wichtiges Faktum: Noten sind ungerecht und eben nicht objektiv. Das hat Karl-Heinz Ingenkamp bereits 1977 in seinem Klassiker „Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ empirisch nachgewiesen. Hartmut von Hentig nannte es die „Objektivierung des Subjektiven“, aber noch immer wollen viele an diese (Schein-)Objektivität glauben.
    Aus empirischer Sicht ist es nicht einmal legitim, einen Notendurchschnitt zu errechnen, da Zensuren nicht intervallskaliert sind. Trotzdem sind Durchschnittsberechnungen – egal ob Grundschulzeugnis, Abitur oder Staatsexamen – immer wichtig und häufig folgenschwer. Das beweist nicht ihre tatsächliche Qualität!

    Herr Lau meint, dass eine Ziffernzensur dem Schüler die eindeutige und klare Rückmeldung bringt. Schön, wenn dem so wäre! Aber wofür steht denn dann die 3 auf dem Zeugnis? Bin ich talentiert, aber faul? Habe ich extreme Rechenschwierigkeiten, aber durch unglaubliche Anstrengung diese Note erreicht? Kann ich in einer extrem leistungsstarken Klasse eben nicht ganz vorne dabei sein? Habe ich eine Lehrerin, die sowieso keine Vieren und Fünfen gibt? All das steckt nicht in der Zahl, und das macht sie so wenig aussagekräftig.

    In zwei Punkten allerdings stimme ich dem Autor zu: Zum einen brauchen Schüler tatsächlich klare Rückmeldungen. Zum anderen sind verbale Beurteilungen nicht automatisch schon brauchbar und gut. Formulierungshilfen per PC können diese sogar ad absurdum führen, das ist sicherlich richtig.
    Aus Sicht der empirischen Unterrichtsforschung (vgl. Hilbert Meyer 2004) können folgende Tipps auf dem Weg zu einer effektiven Leistungsrückmeldung hilfreich sein: Rückmeldungen zu Schülerleistungen sollten zügig gegeben werden und transparent sein. Es geht dabei um den aktuellen Lernstand, aber immer auch um die nächsten Schritte. Nicht Festschreibung von Fähigkeiten ist das Ziel, sondern Möglichkeiten zur Verbesserung. Es geht also auch bei der Leistungsbewertung immer um individuelle Förderung.
    Daraus habe ich für meine Arbeit als Grundschullehrer gefolgert, dass nicht die Zeugnisausgabe am Ende des Schuljahres entscheidend für eine Leistungsrückmeldung ist, sondern Gespräche mit Kindern – ebenso Kritik und Lob wie auch Abmachungen zur Weiterarbeit – während des Schuljahres. Das verbale Beurteilungszeugnis kann dann als zusammenfassende Darstellung dieser Gespräche und Entwicklungen gesehen werden. Wenn ich gut gearbeitet und kommuniziert habe, enthält es für meine Schüler nichts wesentlich Neues.

    Thomas Hoppe, Münster

  2. Was soll man dazu sagen.
    Ein solcher Bockmist wird schon seit Jahrzehnten immer wieder aufgefrischt, quasi ökologisch verblendet recycelt.

    In den Neunzigern war dies ein ganz heißes Thema. Was wurde da nicht alles vorgeschlagen, am besten gefiel mir die "Verbale Beurteilung", nach dem Motto:"Du bist ein netter Kerl, zur Versetzung reicht es allerdings nicht aus.." Was bitte schön sollte daran schonender sein?

    Es ist ein unumstößlicher Fakt, daß gerade Kinder sich als Vorbereitung auf das spätere Leben gewissen Leistungsanforderungen stellen müssen. Alles durchwinken und danach darauf hoffen, daß dem lieben Kleinen irgendwann schon der Knoten platzt, ist ein Überbleibsel der antiautoritären Erziehungmodelle.
    Wo diese hinführten ist uns allen bekannt, gerade letztes Jahr waren Bücher dieser verlorenen Generation, der Komunenkinder, überall zu kaufen.

    Es stimmt mich sehr traurig, daß ausgerechnet meine Lieblingszeitung sich dazu hinreißen läßt, soetwas überhaupt zu publizieren.

    In diesem Sinne
    János R. Sin, 27
    Budapest

    • mkayi
    • 13. Juli 2006 14:49 Uhr

    Hallo, bitte den Artikel noch einmal genau lesen.

    Hier geht es nicht um Schonung des Kindes, sondern darum, dass eine Zahl keine Auskunft über Lernerfolg und keine Information über Verbesserungsansätze gibt.

    Sie sind im Grunde nicht präzise genug.

    Geschnallt?

  3. Hinter den Vorschlägen zur Abschaffung der Noten steckt immer wieder dieselbe sozialromantische, fast möchte ich sagen, sozialistische Idee: laßt uns, statt der objektiven Leistung, die subjektive Leisung bewerten. Wie heißt es im Artikel? " Leistung ist doch, was der Einzelne aus seinen Möglichkeiten gemacht hat." Wie pädagogisch! Wie sozial! Wie unbrauchbar.

    Unter Jugendlichen, so der Autor, rangiere "die Furcht, in der Schule schlechte Leistungen zu erbringen, an zweiter Stelle". Schlimm, fürwahr. Also weg mit den Noten! Laßt uns den Jugendlichen lieber etwas vorlügen. Wer sich von hundsmiserabel auf miserabel verbessert, verdient dann dasselbe Zeugnis wie einer, der sich von gut auf sehr gut steigert.
    Das Dumme ist: die Kinder werden nach der Schule in eine Berufswelt geworfen, die nach Kompetenzen fragen wird.
    Da interessiert es keinen mehr, ob der Kandidat dumm oder faul war oder einfach schlechte Startbedingungen hatte.
    Zeugnisse, die keinen Aussagewert über das objektive Leistungsniveau mehr bieten, werden schlichtweg keinen Arbeitgeber interessieren. Statt dessen werden sie noch viel stärker als heute auf eigene Tests und Eingangsprüfungen setzten - und die Kandidaten darin eiskalt benoten, nach ihren eigenen, garantiert unpädagogischen Kriterien. Und die Kandidaten werden dann keinerlei Erfahrung damit haben, was das bedeutet.

    Verbale, "individuelle" Beurteilungen so zu fassen, daß sie einen objektiven Leistungsstand widerspiegeln, ist praktisch unmöglich - das zeigt alle Erfahrung. In der Summe kommt immer Geschwafel heraus, und nebenbei: das Ganze ist noch viel subjektiver als die Noten, die den Lehrer zumindest zwingen, sich regelmäßig Gedanken über den Leistungsstand seiner Schüler zu machen. Wenn Studien ergeben, daß Lehrer bestimmten Kindern - etwa wegen Geschlechts und sozialer Herkunft - systematisch schlechtere Noten geben -- was bitte sehr spricht dafür, daß dieselben Lehrer bereit und imstande sein werden, die subjektive Einzelleistung derselben Kinder fair und objektiv zu beurteilen? Nein: die persönliche Sympatie des Lehrers wird, sollte das System je mehr als bloßes Geschwafel sein können, eine noch viel größere Rolle spielen als heute.

    Aus der durchaus berechtigten Kritik am Notensystem werden völlig falsche Schlüsse gezogen: weg damit! Das ist so, als würde man fordern, die Autobahnen abzuschaffen, weil zu viele Unfälle passieren, oder die Polizei, weil dort zu viel Korrption herrscht. Natürlich leidet unser Notensystem darunter, daß den Lehrern objektive Maßstäbe fehlen: niemand vergibt gern nur Einsen oder nur Sechser. In einer schwachen Klasse wird ein mittelmäßiger Schüler viel besser abschneiden als in einer starken. Das ändert man nicht, indem man die Noten durch Geschwafel, also das unzureichende System durch ein Pseudo-System ersetzt, sondern indem man sie weiter objektiviert.

    Wie wäre es, jede Jahrgangsstufe mit landeseinzheitlichen Leistungstests nach dem PISA-Prinzip abzuschließen, die anonym korrigiert werden? Wenn man den Klassenlehrern nur noch Dinge wie Mitarbeit und Sozialverhalten zur eigenen Beurteilung überließe? Plötzlich könnte keiner mehr sich über zu viele "falsche" Grundschulempfehlungen beklagen. Wären die Tests deutschlandweit, dann würde die Leistung eines bayerischen Hauptschülers direkt vergleichbar mit der eines Berliner Gymasiasten.

    Die GEW diskutiert dergleichen nicht einmal an. Kein Wunder, denn für sie ist das ein Horrorszenario. Plötzlich müßten sich nicht nur Schüler, sondern indirekt auch Schulen, Schulsysteme und Lehrer einer objektiven Beurteilung stellen. Wieviel bequemer ist es doch, die Schüler mit zwar nutzlosen, aber gut aussehenden (Achtung: bewußte Getrenntschreibung - keine reformierte Schlechtschreibung) Zeugnissen auf die Arbeitswelt und nicht selten ihr eigenes Scheitern loszulassen.

    Dabei würde eine solche Systemverbesserung es erlauben, die irreführenden formalen Abschlüsse endlich abzuschaffen. Eltern drängen ihre Kinder heute nicht aufs Gymnasium, weil sie dort mehr lernen, sondern weil man dort den "wertvollsten" Abschluß erhält. Das würde sich schlagartig ändern, wenn allein das erzielte Testergnis zählt - unabhängig davon, ob es an einer Hautschule oder einem Gymnasium erworben wurde.
    Plötzlich würde es viel leichter, mit geänderten Schulformen zu experimentieren, von der Gesamtschule bis hin zu neuen Aufteilungen (z.B: die begabungsmäßig relativ eng beieinanderliegende, breite Masse der durchschnittlich Begabten in eine Mittelschule (statt "Realschule") integrieren, Gymnasium und Hauptschule als Sonderformen für jeweils vielleicht 15% der Schüler erhalten.

    Denn das ist heute die eigentliche Krux beim vielgeschmähten Grundschulübertritt: wenn angeblich die Hälfte der Übertrittsempfehlungen "falsch" sind, dann sollte man auch einmal sagen, woran das wirklich liegt: eben an der Breite des Mittelmaßes. Es gibt weit mehr durchschnittlich begabte Schüler als sehr begabte bzw. sehr unbegabte. Vom Prinzip her eine klassische Glockenkurfe. Wenn nun aber in vielen Bundesländern die Hälfte aller Schüler ein Gymnasium besucht, dann bedeutet das: die "Trennlinie" zwischen Gymnasium und Realschule verläuft genau im Mittelmaß, da, wo sie die meisten Schüler drängeln und die Unterschiede der Leistungsfähigkeit ziemlich gering sind. Hier objektiv nach Leistung zu trennen, ist praktisch unmöglich. Statt dessen orientieren sich die Lehrer an sekundären Differenzierungskriterien wie dem, ob der (mittelmäßige) Schüler zu Hause ein Umfeld vorfindet, von dem erwarten kann, daß es ihn durch erhöhte Leistungsanforderungen hindurchtragen wird. Das ist nicht unfair, sondern realistisch. Ein Durchschnittskind wird das Gymnasium mit viel Nachhilfe aus dem privaten Umfeld (insb. Elternhaus) ziemlich sicher schaffen - und mit viel Gegenwind fast zwangsläufig scheitern. Das ist nicht fair, aber Tatsache. Man kann diesen Unterschied durch ein besseres Schulsystem verringern, aber in keinem Land der Welt ist es bislang gelungen, ihn auch nur annähernd zum Verschwinden zu bringen.

    Die GEW interessiert so etwas herzlich wenig.

  4. 5. \N

    Herr Sin, lassen Sie sich von den Kommentaren nicht abschrecken. Sie haben natuerlich voellig Recht! Auch wenn ich die Dinge nicht aus Sicht eines Grund- sondern Hochschullehrers beurteile, so faellt auf, dass die Absolventen heutiger Gymnasien mittlerweile leider in der Mehrzahl der Faelle ein erschreckendes Niveau haben, in vielen Faellen zur Loesung einfachster Dreisaetze nicht mehr befaehigt sind und mir Formulieren zumuten, die an Koerperverletzung grenzen. Auf der anderen Seite stelle ich aber gerade bei diesen 'Exemplaren' eine erstaunliche Selbstueberschaetzung ihrer eigen Leistung fest und das trotz oder vermutlich wegen der altbekannten 'schmeichelnden' Notengebung die heutzutage ueblich ist. Nicht die Noten sind das Problem, sondern die Art und Weise wie sie vergeben werden! Das hat selbst frueher in der Diktatur der Proletariats besser funktioniert und es faellt mir nicht gerade leicht, dies zuzugeben... Ausserdem, man stelle sich vor, wenn Hochschulen oder Arbeitgeber in jedem Jahr tausende 'verbale' Beurteilungen zu analysieren und danach die jeweils geeigneten Kandidaten fuer Studium oder Lehre auszuwaehlen haetten. Ein Ding der Unmoeglichkeit! Also: mehr Realitaetssinn und Pragmatismus bitte.
    Noch eine Anmerkung am Ende. Der Artikel bevorzugt mir zu sehr den Blickwinkel des schlechten Schuelers mit der schlechten Note. Was ist mit den guten Schuelern, die fuer ihre Leistungen gute Noten bekommen und ploetzlich feststellen, dass Leistungswille und Fleiss sich lohnend auszahlen. Das funktioniert auch mit Schuelern mit anfaenglichen Startproblemen. Schliesslich steckt der Sportler in uns allen. Man muss ihn nur wecken. Dann kommt der Wille und die Motivation von ganz allein. Fuer ein 'sehr gut und weiter so' als Zeugnis waere mein Fleiss sicher schnell verflogen, so wie im Sozialismus/Kommunismus tendentiell die Leistungsmoral. Und nicht vergessen, Studium kommt vom lateinischen studere und das heisst sich bemuehen und nicht andere.....
    Moege der Bessere gewinnen.

  5. Lieber rijukan,

    also ist alles gut wie es ist? Dreigliedriges Schulsystem, falsche Grundschulempfehlungen (In Ihrem Kommentar mit anscheinend ironisch gemeinten Anführungszeichen versehen) kann eigentlich alles bleiben wie es ist. Man muss halt nur *noch* etwas "objektiver" prüfen (== aussieben)? Oder, frei nach Paul Watzlawick: wir legen einfach immer nochmal "mehr von demselben" oben drauf, irgendwann werden die Schüler schon besser, ganz bestimmt.

    Nebenbei bemerkt: wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie auch kein Problem damit, dass Lehrer nicht nur meine Kinder beurteilen, sondern auch gleich noch meine Fähigkeit, meine Kinder in bildungstechnischer Hinsicht zu unterstützen und von dieser Einschätzung dann eine Empfehlung für eine weiterführende Schule abhängig machen ("...ob der Schüler zu Hause ein Umfeld vorfindet, von dem erwarten kann, daß es ihn durch erhöhte Leistungsanforderungen hindurchtragen wird") ? Ne, is klar. Dass sich die Schule wie selbstverständlich darauf verläßt, dass Eltern bitteschön den Hilfslehrer abgeben ist Skandal genug, wir sollten dieser Praxis nicht auch noch das Wort reden (Und wenn ja, dann lassen Sie uns, ganz in Ihrem Sinne, auch bitte gleich noch "landeseinheitliche Leistungstests" für Eltern einführen, in denen diese Fähigkeit ermittelt wird ;-)

  6. Sehr geehrter Herr Frankusa!

    Ich möchte mich recht herzlich für Ihre Unterstützung bedanken.

    Ihre Argumentation ist vollkommen schlüssig und es gibt auch nichts was man dieser hinzufügen müßte.

    Die Kritik von Herrn oder Frau Mkayi bezüglich meines Kommetares greift meiner Meinung völlig ins Leere, da eine Konkretisierung nicht notwendig ist.
    In Frankreich gibt es 20 Notenstufen, man könnte also meinen, genug Spielraum für Beurteilungen. Ist aber nicht so.

    Es geht hier aber um etwas ganz anderes.

    Die Gesellschaft verweichlicht, kann Druck nicht mehr standhalten. Klingt drastisch, ist aber genauso.
    Heute müssen die Lehrer den Lehrplan nach den Wünschen der Kinder gestalten, daß ist an sich nichts schlechtes, es verfehlt jedoch den erzieherischen Wert, da nicht abgestimmt sondern von kleinen Wohlstandsterroristen aufgezwungen wird.
    Hat das Kind an einem Tag schon zwei Hausaufgaben, wirds für den dritten Lehrer schon eng. Wie also den Stoff durchbringen? Herrscharen von Psychologen breiten ihr Wissen über das Land aus, Lösungen bieten sie alle nicht.

    Na und das der Vorschlag von der GEW kommt, die sich mit einer absoluten Gehirndiarrhoe (Nationalhymne) nach Jahren aus der Versenkung zurückgemeldet hat, tut ihr übriges.

    Mir hat es immer geholfen, wenn ich gewußt habe, daß es für gute Noten auch immer gute Gegenleistungen gibt.
    Das war in der Schule so, an der Uni und heute im Beruf so.
    Im Beruf gibt es keine Nuancen zwischen gut gemacht und durchgefallen. Je früher das die Kinder lernen, desto besser. Insofern sind fünf Notengrade schon fast Luxus.

    In diesem Sinne
    János R. Sin
    Budapest

    • Wollff
    • 13. Juli 2006 18:22 Uhr

    Oder die Sache mit den halben Sachen

    Um die Sche mit den Pädagogen aufzuklären: Ich mag sie nicht, weil sie sich immer wieder in ideologische Grabenkämpfe verwickeln und dabei blind für die Praxis werden. In diesem Fall kämpfen die Anhänger der Noten gegen die Jünger der verbalen Beurteilung. Was bersehen wird: Beides funktioniert, nur auf das Umfeld kommt es an.

    Erstmal sollten wir uns allerdings nichts vormachen, am Ende bekommt jeder Schüler seine Noten. Schwarz auf weiß und gnadenlos, denn spätestens beim Abitur sind es nur noch die Zahlen die zählen für den berüchtigten NC. Dort befindet sich der Schüler in einer Prüfungssituation mit erheblichem Notendruck und je mehr Erfahrung mit ähnlichen Situationen vorhanden ist, desto besser für ihn. Eine gänzlich notenlose Schule steht für mich damit sowieso schonmal außer Frage.

    Das ist aber nicht der Hauptgrund für meinen Zweifel an der notenlosen Notengebung. Sie ist nämlich eine halbe Sache. Und wie das mit halben Sachen so ist, sind sie leider nicht immer halb so gut wie das Ganze, sondern funktionieren meistens garnicht. Ich bin überzeugt, verbale Beurteilung kann mindestens genauso funktionieren wie ein System mit klassischer 1-6 Benotung, allerdings braucht es dafür einen motivierten Lehrer, der sich wirklich einsetzt und den Kindern das nötige Feedback gibt, das mit einer verbalen Benotung einhergehen muss.

    Und da liegt das eigentliche Problem, das leider in den heiligen Hallen der Pädagogen allzu oft übersehen wird. Mit der klassischen Notengebung lässt sich deutlich leichter Druck erzeugen, der die Kinder zumindest in einigen Fällen zum Lernen bringt.
    Bei verbaler Beurteilung muss motiviert werden und das ist deutlich mehr Aufwand. Bei großen Klassen soviel mehr Aufwand, dass es nicht mehr möglich ist sich für jeden Schüler genügend Zeit zu nehmen um mit ihm seine persönlichen Probleme zu erläutern. Spätestens dann geht die Sache schief, weil die notenlose Benotung in die schon genügend verrissene antiautoritäre Nichterziehung umkippt.
    Wenn das einzige Feedback des Lehrers ein "nicht so gut" unter der Kassenarbeit ist, wird weder motiviert noch Druck erzeugt und ein Ausbleiben des Lernerfolgs ist vorprogrammiert, wie auch ein späteres Scheitern des Schülers wenn er mit echten Noten konfrontiert wird.

    Man muss sich einfach entscheiden was man will: Klassischer Frontalunterricht mit Druck und Noten in großen Klassen oder individueller notenfreier Unterricht in kleinern Klassen. Beides funktioniert. Individualunterricht ohne Noten funnktioniert wahrscheinlich sogar besser, ist gerechter und bietet sowohl den begabten als auch den unterdurchschnittlichen Schülern bessere Förderung. Er ist allerdings erheblich teurer, da er nur in kleinen Klassen so funktionieren kann wie er soll und sonst kläglich versagt.
    Eine direkte Umstellung von benotet auf notenfrei in großen Klassen mit Frontalunterricht ist meines Erachtens zweifellos mit schwerwiegenden Problemen verbunden und wird zu enormen Schwierigkeiten vor allem für die Schüler führen.
    Wenn, dann bitte eine richtige Umstellung des Schulsystems (ja, in diesem Fall kann man Finnland ausnahmsweise sogar als passendes Beispiel heranziehen) und nicht wieder halbe Sachen, die garnicht funktionieren.

    Wolf

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