Buch im Gespräch Im Konflikt mit Iran geht es nicht nur um die Bombe

Iran ist täglich in den Schlagzeilen. Wer sich für die aktuelle Lage dort interessiert, kann viel Lesestoff in den Zeitungen finden, viele Hintergrundberichte im Fernsehen sehen und im Radio hören. Man möchte daher glauben, dass der durchschnittlich Interessierte gut und ausreichend informiert ist. Wer das Buch Iran. Die drohende Katastrophe von Bahman Nirumand liest, dem wird allerdings schnell klar, wie wenig wir über dieses Land immer noch wissen. Wir sind, um es in einem Wort zu sagen, in Sachen Iran ziemlich borniert.

Natürlich nimmt Bahman Nirumand Teherans Griff nach der Bombe zum Anlass, dieses Buch zu schreiben. Das ganze erste Kapitel widmet er diesem Thema. Dabei muss der Autor die Schwierigkeit meistern, eine Situation zu beschreiben, die völlig im Fluss ist. Das kann nicht wirklich gelingen, denn zu schnell ändert sich die Lage. Wer hätte zum Beispiel bis vor kurzem gedacht, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, mit Teheran direkt zu verhandeln? Kaum jemand. Inzwischen aber ist es so weit.

Nirumand konnte das wahrscheinlich nicht mehr berücksichtigen, vielleicht aber wollte er es auch nicht, weil er diese Entwicklung nicht für bedeutend hält. Denn er sieht zweierlei Fundamentalismen am Werk, einen in Teheran und einen in Washington. Der Autor behauptet, dass der im Juni 2005 gewählte Präsident Mahmud Ahmadineschad schon wenige Monate nach seiner Amtseinführung auf der Kippe stand. »Die eigentliche Rettung kam dann von außen.« Ahmadineschad war es gelungen, durch seine Attacken auf Israel eine Front gegen sich zu errichten. »Die weltweiten Proteste rückten ihn mit einem Schlag ins Rampenlicht und machten einen Helden aus ihm. Er (…) hatte es gewagt, der Supermacht USA und dem mächtigsten Staat im Nahen Osten Israel die Stirn zu bieten.« Das ist richtig, doch sind die Belege dafür, dass Ahmadineschad schon vor dem Aus stand, nicht wirklich überzeugend. Wenn das eine Schwäche dieses Buches ist, dann ist es eine zu vernachlässigende.

Denn die eigentliche Stärke Nirumands liegt darin, dass er unseren Blick weg von der Bombe hin zur iranischen Gesellschaft lenkt. Wir entdecken ein Land, in dem es einen erbitterten Kampf zwischen den Islamisten gibt, die ihre Macht mit Klauen und Zähnen verteidigen, und einer Bevölkerung, die nach Freiheit dürstet. Nirumand benennt die Akteure, er beschreibt ihre Strategien, ihre Mentalität und ihr Denken. Es ist ein Verdienst des Autors, dass er uns einführt in die äußerst differenzierten intellektuellen Debatten, die innerhalb Irans geführt werden. Er macht uns auch klar, dass Iran die Bühne ist, auf der die Zukunft des Islams zur Debatte steht. Nirumand kommt zu einem sehr klaren Urteil: »Der eigentliche Schlüssel, um das Tor zu einer modernen Welt zu öffnen, besteht in der Historisierung des Islam.«

Der Autor ist offensichtlich – und zu Recht – von der Sorge getrieben, dass eine Katastrophe droht. Er insistiert immer wieder darauf, dass man das Augenmerk weg von der Bombe hin zu den Menschenrechten richten müsse – nur so könne man die Zivilgesellschaft stärken und das Ende des Regimes einleiten. Dafür findet er ein schönes Bild: »Das Regime gleicht einer flachen Insel, um die das Wasser immer höher und höher steigt, bis es irgendwann die Insel überflutet.« Dieses Buch ist ein wertvoller Beitrag zur aktuellen Debatte. Es ist ihm zu wünschen, dass es eine ebenso breite Leserschaft findet wie im Jahre 1967 sein Band Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt (erschienen in der Reihe rororo-aktuell ), das seinerzeit einen wichtigen Anstoß gab für die Studentenbewegung.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service