Wir liegen auf Matratzen ausgestreckt in einer Hütte an einem blauen See, irgendwo in den Bergen Tadschikistans. Draußen ist es still, doch in unseren Köpfen knattert, scheppert, dröhnt es. An Schlaf ist nicht zu denken. Matratzen, Wände, Zimmerdecke – alles bewegt sich, wie bei einem Landgang nach Tagen auf See. Auf dem Weg zum Ak-Baital-Pass grummelt der russische UAZ wie ein störrisches Kamel BILD

Unsere See, das ist die Straße, die M41. Diesem 1252 Kilometer langen, pockennarbigen Band folgen wir seit der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe; als Pamir Highway, eine der höchstgelegenen und ruppigsten Straßen der Welt, zieht es sich über mehrere spektakuläre Pässe hinüber nach Osch in Kirgisien. Unser Schiff ist ein steingrauer russischer UAZ.

Nach Sonnenaufgang rammt Alexej erneut die Gänge ins Getriebe des vierradgetriebenen Kleinbusses, der grummelt und rumort wie ein widerwilliges Kamel. Er drückt sein Gewicht in groben Schotter und kämpft unermüdlich gegen die Steigungen an. »Auf dieser Straße ist mein Baby besser als jeder Jeep«, behauptet Alexej. Er kurbelt mit der rechten Hand in der Luft und wippt mit dem Oberkörper vor und zurück, als wolle er so dem ächzenden UAZ den Berg hinaufhelfen. Seit über 30 Jahren fährt der hagere Russe Reisende durch Zentralasien. »Ich bin ein Zigeuner«, sagt er. »Ich muss fahren, immerzu fahren, weiter, weiter, Straßen, Straßen, Straßen!«

In Höhen um 3000 Meter sind die Berge Tadschikistans noch lieblich: Koniferenwälder, weite Bergwiesen, besetzt von den kleinen weißen Zelten der Schäfer; darüber Felswände aus ineinander gerührtem Rot und Grün. Die wenigen Dörfer heißen Vierzig Schluchten oder Viele Bäume, lehmbeworfene Häuser, umgeben von Gemüsegärten, Apfel- und Walnussbäumen. Bauern verkaufen am Straßenrand Benzin in Colaflaschen. Tankstellen gibt es fast keine.

Zivilisation ist für Nekschoh da, wo sein Handy Empfang hat

Auf dem Weg zum Khaburabot-Pass treffen wir den alten Ibrahimov. Der stämmige Mann in schweren Stiefeln kommt gerade vom Feld und erzählt, wie er damals, Anfang der vierziger Jahre, unter den Sowjets beim Bau der Straße geholfen hat. »Alle packten gemeinsam an, ohne Maschinen«, erinnert sich Ibrahimov und zeigt seine zerschundenen Hände, als stammten die Risse und Narben, der Dreck unter den zersplitterten Fingernägeln noch von jenem legendären Straßenbau. Früher mussten die Bauern mit Packeseln tagelange Märsche durch Schluchten und über vereiste Pässe unternehmen, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen; heute gelangt der Nachschub auf der Straße in die abgeschiedene Gegend. »Die Straße ist ein Segen, ein Werk Allahs, ausgeführt durch seine Kinder«, sagt Ibrahimov, und die Art, wie er über die M41 spricht – seine Augen leuchten, die Falten auf der Stirn glätten sich –, lässt uns ahnen, dass sie mehr ist als nur ein reiner Nachschubweg. Ibrahimov nennt sie Straße des Lebens.

Anfangs kurvt Alexej noch im Slalom um knietiefe Schlaglöcher, doch nach der Brücke bei Saril Dascht, wo die autonome Provinz Bergbadachschan beginnt, ist der Asphalt abgefahren, weggewaschen, verschwunden. Seltene Reste ragen aus der staubigen Piste und warten nur darauf, uns die Achse unter dem Hintern wegzureißen.