Islam Schavans Hundeknochen

Der Stuttgarter Kopftuchstreit.

Jetzt hat sich unsere Bildungsministerin Annette Schavan also ins Kopftuch der Doris G. verbissen wie ein Hund in eine Knochenattrappe aus Rinderhaut. Dieser Vergleich ist treffender, als der Leser vielleicht glaubt. Denn auch der Hund denkt, es handele sich um einen echten Knochen – er ist es aber nicht. Ähnlich meint auch Frau Schavan, das Patriarchat beim Kopftuch packen zu können – doch mitnichten! Als sie baden-württembergische Kultusministerin war, ließ ihre Schulbehörde muslimischen Lehrerinnen das Kopftuchtragen verbieten; die Lehrerin Doris G. klagte, und jetzt gab ihr das Stuttgarter Verwaltungsgericht Recht: Auch Ordensschwestern unterrichteten schließlich im Habit.

Erstaunlich, wie wenig es die Katholikin Schavan beunruhigt, dass in ihrer Kirche immer noch keine Frau ein höheres Amt bekleiden darf. Stattdessen wies die Ministerin kategorisch jede Ähnlichkeit zurück: Die Tracht der Nonnen sei religiös begründet, ein muslimisches Kopftuch hingegen bedeute etwas Politisches .

Schavans aufs Politische zielende Behauptung, »hinter diesem Kopftuch (stecke) eine Botschaft, die nicht vereinbar ist mit unserem Grundgesetz«, lässt sich empirisch leicht widerlegen. Denn wer fünf Frauen mit Kopftuch befragt, wird fünf verschiedene »Botschaften« finden. Die eine trägt ihr Kopftuch für Gott, die andere, weil es so gut zu ihren H&M-Klamotten passt. Die dritte Kopftuchträgerin wird sich als vehemente Feministin entpuppen, die vierte verweist auf die dörfliche Sitte, nach der schon Oma und Uroma ein Kopftuch getragen haben; der fünften schließlich hat es ihre ultrasäkulare Mutter verboten, also trägt sie es erst recht.

Wechseln wir vom Empirischen lieber zum Symbolischen. Das Kopftuch, sagte Schavan weiter, sei »ein Symbol für die Unterdrückung der Frau«. Stimmt. Das Kopftuch ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau ebenso wie der Lippenstift, der Kochlöffel und der Ehering. Der Lippenstift erinnert daran, dass die Frau meist für den Mann schön zu sein hat, den Kochlöffel schwingt sie, nachdem sie im Büro genauso hart gearbeitet hat wie er; der Ehering bedeutet in der Regel, dass sie weniger verdient und höhere Steuern zahlt. Kurz und gut: In einer patriarchalen Welt ist alles irgendwie ein Symbol für irgendetwas zwischen den Geschlechtern, darin unterscheidet sich die Religion nicht vom Schlafzimmer oder von der Küche.

Und hier kommen wir wieder auf den Hund zurück. Die Welt ist voller Kaninchen. Die meisten sind weit weg, hoppeln flink herum und können sich allgemein besser wehren als eine Rinderhautattrappe. Ist es also aus Hundesicht nicht schlauer, sich an den falschen Knochen zu halten? Und nach diesem Muster knöpft sich auch Schavan vor, was sie von der patriarchalischen Wirklichkeit auf dem Rechtsweg zu fassen bekommt – viel ist es nicht. Hilal Sezgin

 
Leser-Kommentare
    • Heuwyy
    • 13.07.2006 um 13:48 Uhr

    ich bedaure es auch, dass Ihr erster Kommentar gelöscht wurde. So erscheint zum einen mein Kommentar merkwürdig, zum anderen konnte ich beim besten Willen keine Beleidigungen feststellen und zu guter Letzt sollten hier doch unterschiedliche Auffassungen zumindest toleriert werden. Dafür war die Zeit doch eigentlich bekannt, oder liebe Forenmoderatoren?

    Nun aber mal zur eigentlichen Erwiderung. Mein Eintrag und der anderer scheinen ja einen wunden Punkt getroffen zu haben. Anders kann ich mir die vielfältigen Erwiderungen nicht erklären. Aber hier ist es wie überall, der der am lautesten schreit hat noch lange nicht recht. Vermutlich gibt es hier auch kein „richtig“ oder „falsch“. Dies sage ich nun nicht um einen „faulen“ Kompromiss zu finden, oder weil es die einfachste Art ist es allen recht zu machen. Es ist ja nun vielmehr so, dass jede Einstellung durch Prädispositionen gefestigt ist. So hat man in seiner Welt erst mal recht.

    So wie ich Ihnen das zugestehe molinocampo, so sollten Sie dies auch mir und anderen zugestehen. Ich bin kein „linker Gutmensch“ auch wenn Sie das vielleicht so gerne hätten. Ich versuche lediglich die Welt nicht als „schwarz“ und „weiߓ zu sehen. Doch genau das geschieht im Bezug auf Ihre Betrachtungsweise des Islam und des Kopftuches. Dies mach im übrigen auch die Autorin deutlich. Polemisch zwar, aber sie war es vermutlich leid immer die gleichen stupiden Argumente zu hören.

    1. Denn es ist Fakt, dass das Kopftuch pauschal kein Zeichen der Unterdrückung der Frau ist. Um es noch mal zu sagen, die Lehrerin wird nun wahrlich nicht unterdrückt. (Und sie jetzt in die Ecke von esoterischen New Age Jüngern zu stellen ist einfach unverschämt.). Und die Lehrerin ist wahrlich kein Einzelfall. Ich habe lange genug in der arabischen Welt gelebt um genügend Frauen zu treffen, die kein Kopftuch getragen haben, weil sie es als „rückständig“ empfanden. Andere wiederum tragen es um damit ihre Stolz auf ihre Kultur zu demonstrieren. Bei allen war die Entscheidung freiwillig.

    2. Auch das Kopftuch als nicht vereinbar mit unserem Grundgesetzt zu bezeichnen erachte ich als Grundfalsch. Es ist ein religiöses Symbol. Genau wie das Kreuz eines ist. Die Gesinnung dahinter ist wiederum eine individuelle Einstellung. Ich behaupte ja auch nicht, das Kreuz sei mit unserem Grundgesetzt nicht zu vereinen, weil der Papst gegen die Homoehe ist, und damit geschätzte 10% unserer Bevölkerung diskriminiert.

    3. Ihr Argument, das Muslime „Andersgläubigen“ respektvoller gegenüber sind, wenn Sie sich als gläubig und nicht als säkular zu erkennen geben ist vollkommen richtig. Ich konnte diese Erfahrung oft genug machen. Für viele Muslime ist es auch unverständlich, wie jemand nicht glauben kann. Es ist schon wichtig seine Werte und Auffassungen selbstbewusst zu vertreten. Tja jetzt passe ich wohl nicht mehr so ganz in Ihre Schublade, oder?

    4. Zur Abgrenzung. Natürlich gibt es ein Problem der Parallelgesellschaften, die sich abgrenzen. (Genauso, übrigends wie sich die Deutsche Gemeinde in Ägypten stark abgrenzt. Hier sprechen viele Schüler der Deutschen Schule höchsten „Taxi Arabisch“ obwohl sie seit ihrer Jugend dort wohnen). Das Problem ist nur allzu lang vernachlässigt worden. Dies liegt aber nicht nur am „MulitKulti“ der linken Gutmenschen, sondern auch an der lange fehlenden Erkenntnis der Konservativen, das Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Hier wurden Zuwanderern allzu lange keine langfristigen Perspektiven geboten. (Stichtwort Duldungspraxis). Und hierzu gehört auch ganz klar, das Kopftuchverbot. Deutlicher kann man integrierten, gut ausgebildeten Muslima wohl nicht mitteilen, dass man sie hier eigentlich nicht haben will.

    Und bitte Entschuldigen Sie, dass ich jetzt nicht mehr so ganz in Ihre Schublade passe. Aber mir ist das Thema zu wichtig, als dass ich mich von der Vielzahl Ihrer Postings beeindrucken lasse.

  1. Natürlich konnte ich an dieser Stelle, zu diesem Anlaß nur in äußerster Kürze paraphrasieren.

    Dazu gleich noch mehr unten.

    Doch zu ihren Einwänden: natürlich hat Frau G. darüber frei entschieden. Es geht aber nicht um ihre Gewissensentscheidung, sondern um die über diese Person hinausgehende Bedeutung des Kopftuchs (das ja im Falle von Frau G. gar nicht mal ein Kopftuch ist - deshalb hätte ich anstelle der Schulleitung auch auf eine Klage gegen Frau G. entschieden - offensichtlich war es auch Frau G. nicht unwichtig, sich von den inzwischen islamistisch konnotierten Kopftrachten anderer Musliminnen abzugrenzen).

    Dennoch bleibe ich bei meinen grundsätzlichen Aussagen:

    die komplexe Geschichte der westlichen Form weiblicher Lebensweise, die natürlich sowenig wie in anderen Kulturen allein durch individualisierte Positionsanalysen, oder außerhalb von Familien/Verwandtschaftszusammenhängen entstanden waren,ist deshalb von diesem diesen "Konstellationen" abhängig. Eigentlich sollten wir vielleicht mal zur Abwechslung was über die Rolle und das Selbstverständnis muslimischer Männer reden - mit denen ich, auch wenn das dem Klischee von Frau Schwarzer nicht entsprechen würde ("jeder Mann ein Pascha") um nichts in der Welt tauschen wollte.

    Ändern sich aber diese Konstellationen, dann ändert sich auch die Position der Frau (und natürlich des Mannes) in der Gesellschaft.

    Aber bezüglich dieser Konstellationen hat das islamische Kopftuch eine ganz bestimmte Funktion: es soll nicht nur die Geschlechter, sondern Nichtverwandte in extremer Form segregieren (und Gläubige und Ungläubige sowieso). Und wenn sie die REALITÄT in den großstädtischen Quartieren Deutschland offenen Augens besichtigen, werden sie die WIRKUNG dieser sozialen Praxis ganz offen beobachten können.

    Hier dazu noch ein link des doch sicherlich seriösen Tagesspiegel aus Berlin zu DIESEM Thema:

    [Link gelöscht, die Redaktion]

    Das ist auch der Grund warum Attatürk das Kopftuch verbieten ließ: er wußte, die sozialen Beziehungen in der Gesellschaft, die gerade (aber nicht nur) dieses Kleidungsstück (als Schrumpfform des Schleiers) propagierte, stand einer Entstehung einer Nationsgesellschaft von sich potentiell als Gleiche und Gleichen gegenüberstehenden Individuen und Gruppen entgegen.

    Mein Argument, daß Frauenklöster Ausdruck, aber auch Verwirklichungsformen bestimmter weiblicher Lebenschancen in der europäischen Gesellschaft waren (und sind), die es in der islamischen Kultur nicht gibt, behauptet ja nicht, daß es keine islamischen (nicht nur arabischen) Hochkulturen gegeben hat. Nur waren diese eben grundsätzlich anders "verfasst" - aber wenn ich das gesagt habe, dann bitte ich doch darum, diese abgedroschene Phrase von der mittelalterlichen Überlegenheit der arabischen gegenüber der europäischen Zivilisation nicht zu wiederholen. Sie ist tiefstes 19. Jahrhundert (damals ideologisch aus machtstaatlichen Gründen eingesetzt), hoffnungslos veraltet, und außerdem in vielen Aspekten äußerst zweifelhaft - ich erinnere daran, das das Mittelalter den Typ der "europäischen Stadt" hervorgebracht hat, ein völliges soziales Novum, mit völlig neuen Entwicklungschancen der damaligen Menschen; die mittelalterlich-christliche Kunst, die die Grundlagen für unseren modernen Kunstbegriff gelegt hat (so z.B. im Unterscheiden können zwischen "Bild" und "Abbild", auch so eine intellektuelle Leistung, die es im islamischen Kulturkreis nicht gibt - daher das dort traditionell herrschende Bilderverbot: oder wie der Kunstwissenschaftler Bazoon Brook es einmal ausgedrückt hat: wer Bilder verbietet, glaubt an die Macht des Bildes - und macht so das Bild zum Götzen. Aber das sind wieder so Fragen, die hier zu weit führen...).

    Öffentliches Leben und Nonnentracht: ja, denn das Leben im (Nonnen-)Kloster war immer viel vielschichtiger als es das heutige "Im-Namen-der-Rose-Publikum" sich vorstellen kann. Nur EIN Beispiel an das ich dachte, als ich das schrieb: einige Nonnenklöster in Ober- und Mittelitalien waren für die Musik, die die dort lebenden Frauen - teilweise Nonnen, teilweise als Klosterschülerinnen lebende Laien - berühmt: sie gaben auch Konzerte, die Noten zirkulierten in ganz Europa.

    In Frankreich lernt noch heute jedes Schulkind (kann man in Pisa-Deutschland nicht verlangen) die großen Äbtissinnen der franz. Geschichte kennen - die als Intellektuelle (und Politikerinnen!) Geschichte schrieben. Gabs aber auch in Deutschland - googeln Sie doch mal "Reichsklöster" und "Fürstäbtissinnen".

    Die Frauen- und Mädchenausbildung (hochrenommiert) lag traditionell in Händen vornehmlich der weiblichen Orden.

    Bezüglich der Rolle der Frauen in der Öffentlichkeit haben Sie mich völlig mißverstanden:

    ich monierte gerade das Fehlen von "role models" für das öffentliche Auftreten von Frauen in Positionen der Macht und Entscheidungen in Deutschland - ein Umstand, der übrigens von Frauen aus dem europäischen Ausland immer sofort und mit aller Schärfe festgestellt wird: auf diese nichtdeutschen Frauen wirken deutsche Frauen in den entsprechenden Positionen wie "Karikaturen des Männlichen" (ich zitiere hier wörtlich eine Französin, die excellente Kennerin deutscher Verhältnisse und Geschichte ist).

    Vergleichen Sie Lebenslauf, Karriere und Familienverhältnisse einer Ségolène Royal mit Frau Merkel und sie werden vielleicht ahnen was ich meine...

    Zur Trennung von geistlich und weltlicher Sphäre in der europäischen Tradition: tut mir leid, aber da fasste ich nur in Kürze zusammen, was in der alten und mittelalterlichen Geschichtschreibung Konsens ist. Im Grund hat sich diese Trennung seit der Etablierung des Christentums im (noch alten) Rom und in Byzanz vollzogen, allerdings früher und schärfer im westl.lateinischen Europa.

    Und hier noch einige Titel, die zu lesen hilfreich sein könnte, bevor abgestandene Argumente bemüht werden:

    Burguiere, Andre; Klapisch-Zuber, C.; Segalen, M.; Zonabend, F. (eds.) 1997 Die Geschichte der Familie. 4 Bände

    Darin gehts um die Familie nicht nur in Europa, sondern weltweit, aber mit starken Analysen vor allem auch zum arabischen Raum.

    Frau Klapisch-Zuber und Frau Zonabend sind übrigens renommierte, vielfach ausgezeichnete, dem Feminismus nahe stehende (natürlich nicht dem vulgär-Feminismus à la Schwarzer) Historikerinnen.

    Zur Persönlichkeit des mittelalterlichen Menschen am ausgezeichnetsten:

    Aaron J. Gurjewitsch

    Das Individuum im europäischen Mittelalter

    Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen

    Speziell zu den Grundlagen unserer heutigen westl.europ. Zivilisation im Mittelalter:

    Ferdinand Seibt

    Die Begründung Europas

    Ein Zwischenbericht über die letzten tausend Jahre

    und zahlreiche Titel des französischen Historikers

    Jacques Le Goff

    der Ihnen gerade zu den Veränderungen des Geschlechterverhältnisses im europ. Mittelalter einiges sagen könnte

  2. Leider ist die Meinung von molinocampo der Realität näher als die von heiner13, hinter der sich nebst dem Heiner auch eine Frau (Monika) "versteckt". Na ja. Meine Erfahrung im islamwissenschaftlichen Bereich vor Ort und den damit verbundenen Gesprächen zeigen ein ernüchterndes Bild zu den "versteckten" Frauen, deren Untertans- und Gehorsamspflichten (Sure 4.34 zu lesen ist ein klärendes Beispiel) und den in unseren Kulturkreisen leider oft bagatellisierten oder hochgespielten Interpretationen weit weg vom Land. Frau A. Schavan ist mit ihrer Meinung möglicherweise gar nicht so weit entfernt von der Lebensrealität, die leider auch von muslimischen Frauen - was u.a. das Kopftuch betrifft - öfters wegmanipuliert wird. Und möglicherweise hilft allen, die sich auf dieses komplexe Thema einlassen, eine Auseinandersetzung mit den Resultaten der aktuellen Hirnforschung zu den Gebieten Wegmanipulieren von eigenen Wünschen, die ausserhalb des Erlaubten sind und zum Kreieren von eigenen Wahrheiten. Viel Interessantes zu Bewusstem - Unbewusstem - und zum Verdrängen gibts wahrzunehmen.
    Viel Spass dabei.

  3. Datum 10.10.2005

    Fundamentalismus: Geschichte eines Weges in Gewalt und Terrorismus
    Muslimischer Terrorismus ist ohne die Ideengeschichte des Islam nicht verständlich. In einem kenntnisreichen Interview schildert der Islamwissenschaftler Dr. Ralph Ghadban diesen Weg.

    Herr Ghadban, es ist eine Ironie der Geschichte, dass wir mit Fundamentalismus, einem christlichem Begriff des 20. Jahrhunderts, eine islamische Richtung bezeichnen, die wir für das Entstehen des arabischen Terrorismus verantwortlich machen.

    Das ist richtig. Der Begriff wird auch von den Muslimen selbst angewandt, die ihn ohne Bedenken übernommen haben, um sich als Fundamentalisten - auf Arabisch usûliyûn zu bezeichnen. Ein Vergleich zwischen christlichen[1] und islamischen Fundamentalisten zeigt, dass beide in ihrer Kritik des Rationalismus und der Moderne und in ihrer Verurteilung der Demokratie übereinstimmen. Er zeigt auch, wie sie eine Rückkehr zu den unverfälschten ewig gültigen Grundlagen der Religion anstreben.

    Der arabische Begriff usûliya stammt von asl, was Ursprung/Grundlage bedeutet und ist eine Bezeichnung des Fundamentalismus, die auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Der muslimische Fundamentalismus ist jedoch viel älter und auf ibn Taimiya (1263-1327) zurückzuführen. Er trägt einen anderen Namen, nämlich der salafiya, und dieser Name verrät gleich, welche Grundlagen wiederbelebt werden sollen, und zwar sind dies die Grundlagen nach welcher sich die frommen alten Vorgängern, as-salf al-sâleh gerichtet haben.

    Wie ist dieser ältere Begriff entstanden?

    Die Gefahr ging nicht von
    den Kreuzrittern, sondern
    von dem Mongolensturm
    aus, der 1258 die Reichs-
    stadt Bagdad zerstörte
    und das 500 Jahre alte
    abbasidische Kalifat
    beendete

    Er hatte zunächst keine antichristliche Tendenz, denn nicht die Kreuzritter, die sich seit zwei Jahrhunderten an die schmale Mittelmeerküste klammerten, stellten die ernsthafte Gefahr für die Muslime dar. Im Laufe der Zeit hatte sich hier eine Art Koexistenz entwickelt. Die Gefahr ging vielmehr von dem Mongolensturm aus, vor welchem der Schöpfer des Begriffs salafiya, ibn Taimiya als Kind in Begleitung seiner Eltern von seinem Geburtsort Harran nach Damaskus flüchten musste.

    In seiner Lebzeit sah er die Kreuzritter verschwinden, ihre letzte Festung Akko fiel am 18. Mai 1291, die heute gängige Stilisierung ihrer Herrschaft als Bedrohung für den Islam ist ein Phänomen der Kolonialzeit im 19. Jh. Anders die Mongolen. Sie hatten vor seiner Geburt die Reichsstadt Bagdad 1258 zerstört und das 500 Jahre alte abbasidische Kalifat (749-1258) beendet. Sie drohten das ganze islamische Staatswesen zu vernichten. In Anbetracht des drohenden Untergangs wollte ibn Taimiya den Zusammenhalt der Muslime fördern und den Staat stärken.

    Der Begriff enstand also als eine Verteidigungsreaktion?

    Ja. Zur Überwindung der um sich greifenden Dekadenz sollte die Rückkehr zu den Fundamenten der Religion, dem Kuran und der Sunna und der Lehre der frommen Vorgänger, al-salaf al-saleh dienen. Dafür war die Überwindung der Lehre der Rechtsschulen notwendig, was die Ersetzung der Nachahmung (taqlîd) durch die geistige Anstrengung (Ijtihad) in Rechtsfragen bedeutete, und die Reinigung des Glaubens von Aberglauben und Irrlehren, verkörpert in der Praxis der Sufiorden, sowie der exzessiven Anwendung der Vernunft (Ra’y) in der Rechtsauslegung.

    Es gelten nur die Heiligen Texte wortwörtlich und anstatt Interpretation (ta’wîl) gilt nur die Übernahme des Alten (naql). Die Lehre ibn Taimiyas wurde bekämpft, weil er zugleich das Establishment der Ulema und die Scheichs der Sufiorden angegriffen hat. Beide sorgten dafür, dass er lange Zeit seines Lebens im Gefängnis verbrachte. Zur Geltung kam seine Lehre erst in den modernen Zeiten durch Mohammad ibn Abdel Wahab, der Gründer des Wahabismus.

    Das geschah erst rund vierhundert Jahre später?

    Ja. Der Wahabismus ist eine Reaktion auf einerseits die Herrschaft der Stämme in Arabien, die in Wirklichkeit nie richtig islamisiert waren und die eher nach ihren Stammesregeln und Gewohnheitsrecht lebten, und anderseits auf die Herrschaft der Osmanen, die sich von der Lehre der frommen Vorgänger des Frühislam, as-salafu as-sâleh, weit entfernt hatten.

    Der Wahabismus ist eine
    Reaktion auf die Herrschaft
    der Stämme in Arabien, die
    nie richtig islamisiert waren
    und auf die Herrschaft der
    Osmanen, die sich von der
    Lehre der frommen Vorgänger
    weit entfernt hatten

    Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (1703-1792), der der sunnitischen Rechtsschule der Hanbaliten angehört, wollte in Arabien den Islam reformieren und predigte die Rückkehr zum wahren Islam der Vorgänger (salaf). Dies ist der reine Monotheismus (tawhîd), der nur die Anbetung Gottes duldet. Er verurteilte deshalb alle anderen Formen der Verehrung von Heiligen, Schreinen und Grabstätten. Er lehnte die Anwendung der Ratio für die Qoranexegese ab. Es galt für ihn nur der literalistische Sinn des Textes, und insoweit hat er den Weg zur Erneuerung des Islam verbaut.

    Der wahre Islam ist in der Praxis der Salaf zu finden, alles was später dazu gekommen ist, wie der Mystizismus, der Asketismus, die Bruderschaften und die Rituale, die nicht im Koran vorgeschrieben sind, betrachtet ibn abdel-wahab als verwerfliche Erneuerungen (bida'), die beseitigt werden müssen.

    Er folgt damit seinem Lehrmeister Ibn Taymiya…

    Ibn Taymiya predigte in seiner Zeit auch die Rückkehr zum Salaf und bekämpfte die Erneuerungen (bida'). Insoweit war der Wahabismus puritanistisch. Sein Rigorismus war extrem, Muslime waren nur diejenigen, die seiner Lehre folgten, alle anderen sind Ungläubige und müssen bekämpft werden. Damit hat er zwei Kategorien eingeführt, die bei den späteren Islamisten verheerende Auswirkungen haben werden: den Takfir (Abfall vom Islam) der anderen Muslime und die Pflicht des Djihad (heiliger Krieg).

    Das Bündnis Ibn abdel-wahabs mit einem Stammesführer, Muhammad ibn Saud, im Jahre 1745 verlieh der Bewegung der Wahabiten die notwendige Schlagkraft für die Unterwerfung der Stämme. Die Wahabiten erklärten ihnen den heiligen Krieg. 1773 eroberten sie Riad und gründeten einen islamischen Staat, in dem die Menschen ganz nach den Geboten der gereinigten Scharia ein puritanistisches, pietistisches Leben führen konnten. Man ging so weit Musik und Tabak zu verbieten.

    Gab es parallele Entwicklungen in anderen Teilen der Erde?

    Mit dem Zerfall der islamischen bzw. dem Zuwachs der britischen Herrschaft auf dem indischen Subkontinent entwickelten sich auch hier sogenannte Erneuerungsbewegungen mit ähnlichen Zielen wie die der Wahabiten Arabiens. Sie wollten einerseits islamisches religiöses Leben durch die Ausrottung der vom Hinduismus ererbten Bräuche und Rituale stärken und anderseits eine klare Darstellung des islamischen Rechtes, damit dieser das Leben besser und straffer begleiten kann.

    Ähnlich den Wahabiten
    entwickelten sich auf dem
    indischen Subkontinent
    Erneuerungsbewegungen,
    die islamisches Leben durch
    die Ausrottung hinduistischer
    Bräuche stärken und durch
    das islamische Recht das Leben
    straffer begleiten wollten.

    Hauptfigur der Bewegung ist Schah Waliullah (1703-1763), ein Zeitgenosse Ibn abdel wahabs (1703-1792). Er war der erste Islamreformer, der die Gefahren des westlichen Modernismus für den Islam begriffen hat, und war Zeuge des Verfalles des Mogulreiches (1526-1857). Er predigte den Djihad und lehrte, dass die politische und militärische Herrschaft der Muslime um jeden Preis erhalten bleiben muss.

    Seine Ideen wurden später von der Bewegung der Mugahidin (Gotteskrieger) übernommen, die unter der Leitung ihrers Führers Sayyid Ahmed Brelwi (1786-1831), eines ausgewiesenen Wahabiten, sich noch intensiver und deutlicher für die Erhaltung der muslimischen Gemeinschaft in Indien und die Bekämpfung aller hinduistischen Einflüsse im privaten und sozialen Leben der Muslime einsetzte. Er ging soweit, die politische Spaltung von den Hindus zu betreiben und gründete in der Tat ein theokratisches Fürstentum, das 1831 von den Sikhs überrannt wurde, wobei er sein Leben verlor.

    Auch in Afrika gab es vergleichbare Entwicklungen?

    Die sogenannten theokratischen Staaten Westafrikas sind ganz ähnlich einzuordnen. Auch sie können als Versuche angesehen werden "Inseln einer neuen Ordnung inmitten der Unordnung zu schaffen", wie Montgomery Watt schreibt. Wobei die Unordnung hier hauptsächlich auf die Ankunft europäischer Händler an der Küste und den ansteigenden Sklavenhandel zurückzuführen ist.

    Im 18. Jh. erschienen, noch vor den Wahabiten Arabiens, Djihadi-Bewegungen in Westafrika, die zentralistische islamische Staaten errichteten. Das Imamat von Timbo in Futa Jalon (Senegal/Gambia) ist der erste durch Djihad errichtete islamische Staat (1728). Der Djihad war gegen Nichtmuslime gerichtet. Unter der Herrschaft Ibrahim Soris (1751-1791) entpuppte sich aber der aggressive heilige Krieg gegen die Nachbarländer als nichts anders als eine organisierte Sklavenversorgung.

    Unter der Herrschaft
    Ibrahim Soris entpuppte
    sich der aggressive heilige
    Krieg Sambias/Senegals
    gegen die Nachbarländer
    als organisierte Sklaven-
    versorgung

    Die nicht verkauften Sklaven wurden in Dörfern gesammelt und schufteten für ihren Besitzer. Die Muslime durften nicht versklavt werden, was wiederum die Verbreitung des Islam förderte. Das Imamat in Futa Toro ist ebenfalls das Ergebnis eines Djihad in den Jahren 1760 bis 1780, der aber gegen die eigene Elite geführt wurde, da diese die Sicherheit des Landes vor Sklavenrazzien nicht schützen konnte.

    Genau wie das Imamat in Futa Jalon hat die neue islamische Oligarchie in Futa Toro das Land islamisiert und lebte von den Einkünften aus den eigenen Sklavendörfern, sowie der Besteuerung des Handels mit den Europäern, hauptsächlich des Sklavenhandels.

    Diese innerafrikanischen Auseinandersetzungen hatten also ein religiöses Motiv?

    Durchaus. Die Djihad-Bewegungen erreichten einen Höhepunkt im Jahre 1804, als Shehu Usuman dan Fodio nach dem Vorbild Ibn abdel-Wahabs gegen andere Hausa-Muslime in heutigen Nigeria rebellierte. Er deklarierte sie als Ungläubige und erklärte ihnen den heiligen Krieg. Anders als die früheren Imamate hatte die Bewegung von Shehu Usuman wahabitische puritanische Züge. Im Jahre 1808 gründete er ein Fulani-Kalifat in Sokoto (Nigeria), das hundert Jahre später 1903 von den Briten annektiert wurde.

    Shehu Ahmadu Lobbo (1775-1844) war von der Lehre dan Fodios beeinflusst und hatte die gleiche fundamentalistische Einstellung. Er erklärte 1818 den heidnischen Fulani und Bambara den heiligen Krieg und errichtete in Macina (Mali) einen theokratischen Staat, der 1862 von Hajj Umar besiegt wurde. Hajj Umar (ca. 1794/1796-1864) begann seinen Djihad im Jahre 1852 gegen die Heiden in Segu und Karta, um 1862 den Staat Macina zu überrennen. 1891 eroberten die Franzosen sein Reich.

    Alle diese islamischen Staaten haben mit der Einführung der Scharia als Herrschaftssystem die Islamisierung ihrer Gesellschaften vorangetrieben. Moscheen und Koranschulen wurden überall errichtet. Die Imame übernahmen die religiösen, die juristischen und nicht selten die politischen Funktionen in den Dörfern. Die Einkünfte der Staaten im 19. Jh. stammten weniger aus dem Sklavenhandel als aus der religiösen Almosensteuer, des zaqât, was auf eine fortgeschrittene Islamisierung der heidnischen Bevölkerung hinweist. Letztendlich erweiterten die Djihad-Bewegungen das Herrschaftsgebiet des Islam beträchtlich.

    Merkantilismus und industrielle Revolution verstärkten das Gewicht Europas und damit seine Stellung gegenüber dem Islam jedoch beträchtlich.

    Nun, der jahrhundertealte feste Glauben an die Überlegenheit des Dar al Islam (Gebiet des Islam) zerschellte an den Mauern von Wien 1683 und die verheerende Niederlage der osmanischen Armeen in der russischen Steppe überzeugte die Osmanen nach dem Friedensvertrag von Kuchuk Kainarji 1774 von der Notwendigkeit von Reformen nach dem europäischen Muster.

    Sie begannen mit der Übernahme der Technik, dann der militärischen Organisation und schließlich führten sie im 19. Jahrhundert wirtschaftliche und politische Reformen, genannt Tanzimat, nach dem europäischen Vorbild durch und verwandelten ihr zerfallendes Reich in einen zentralistischen Nationalstaat. Selbst die Ideologie des Nationalismus wurde übernommen. Die Einführung des europäischen Rechtes verdrängte allmählich die Scharia, bis sie von Atatürk1926 endgültig abgeschafft wurde.

    Das sind eher äußerliche Veränderungen. Entstanden auch inhaltlich neue Konzepte?

    Die Islamreformer der
    Nahda wehrten sich gegen
    den modernen Säkularismus,
    glaubten aber einen modernen
    demokratischen Staat auf der
    Basis eines reformierten Islam
    errichten zu können.

    Neben dem aufgeklärten Beamtentum und den Nationalisten wirkte eine Gruppe von religiösen Gelehrten auch zugunsten des Nationalstaates. Das sind die Islamreformer der Nahda (Renaissance) um die Scheichs Gamal ad-din al-Afghani (1838-1897) und Mohammed Abdu (1849-1905). Sie wehrten sich gegen den modernen Säkularismus der Nationalisten, aber auch gegen die islamische Tradition, die im Laufe der Jahrhunderte die Religion korrumpiert hatte.

    Sie wollten zum wahren Islam bzw. zu den Quellen zurückkehren. Insoweit waren sie formell Fundamentalisten wie die Wahabiten, aber nur formell, weil sie inhaltlich eine ganz andere Position vertraten. Sie glaubten einen pluralistischen, demokratischen Staat mit einer Verfassung errichten zu können auf der Basis eines reformierten Islam, der auf einer modernen rationalen Interpretation des koranischen Textes basiert. Von den alten frommen Vorgängern wollten sie weniger die Lehre übernehmen, wie es die Wahabiten getan haben, sondern deren Haltung. Wie die Vorgänger zu ihrer Zeit den Koran als erste und daher neu interpretiert haben, so steht es nach ihrer Meinung auch den Gelehrten in dieser Zeit zu, den Text neu zu interpretieren.

    Es trifft nicht zu, dass alles ausgelegt worden ist, die Koranexegese muss weiter gehen und darf nie aufhören. Bei den Islamreformern war nicht mehr die Rede von der Umma, Gemeinschaft der Muslime und dar al-islam, Gebiet des Islam, sondern von islamischen Staaten im Rahmen eines lockeren internationalistischen Verbundes. Das war der Ansatz einer Trennung von Staat und Religion. Die Nationalstaaten wurden akzeptiert, die Religion wurde auf eine Metaebene ohne politische Konkretisierung verschoben. Die Denker der Nahda waren islamische Modernisten und keine islamischen Salafiten.

    Sie haben sich jedoch nicht durchsetzen können?

    Die Bemühungen um einen modernen Nationalstaat in den islamischen Ländern waren in der Türkei erfolgreich, wo der erste laizistische Nationalstaat auf islamischen Boden 1924 errichtet wurde. Im selben Jahr legten die Wahabiten mit der Eroberung des Hidjaz den Grundstein für die Errichtung des ersten islamischen Staates 1932 in Saudiarabien. Alle anderen islamischen Länder standen unter der Direktherrschaft der Europäer. In der Kolonialzeit haben liberale nationale Eliten ihre Länder auf den Weg der Unabhängigkeit geführt und Nationalstaaten gebildet, die zu schwach waren, um unter imperialistischen Verhältnissen zu bestehen.

    So entwickelten sich pannationalistische Bewegungen wie der Panarabismus, der Nasserismus und der Baathismus mit sozialistischer Färbung sowjetischer Prägung, um ihren Völkern den Wohlstand zu bringen. Sie mündeten aber alle in autoritären bis diktatorischen Regimen. Liberalismus, Nationalismus und Sozialismus haben es nicht geschafft den Völkern Wohlstand, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit zu bringen. Im Gegenteil, mit der Perfektionierung der Unterdrückung ihrer eigenen Völker zwecks ungezügelter Ausbeutung haben die Herrschenden ab den 70er Jahren das Volk in die Arme der Islamisten getrieben. Mit der islamischen Revolution im Iran 1979 erzielten die Islamisten einen entscheidenden Sieg. Seitdem spricht man von der islamischen Erweckung.

    Was geschah mit der Reformbewegung der Nahda?

    Im Jahre 1924 hat Atatürk das Kalifat abgeschafft. Die Nahda, deren Absicht die Versöhnung des Islam mit der Moderne war, spaltete sich in eine säkulare und eine salafitische Strömung. Die Säkularen plädierten für eine weitere Reformierung des Islam bis zur Trennung von Staat und Religion. Ihre Leitfigur war der ägyptische Scheich Ali Abdel-Razeq (1888-1966), der in seinem 1925 erschienenen Buch „Islam und die Grundlagen der Herrschaft“ den Säkularismus islamisch zu begründen versuchte. Die Salafiten dagegen vertraten mit ihrer Leitfigur Scheich Raschid Rida einen hanbalitischen Fundamentalismus und traten für die Wiederherstellung des Kalifatsstaates ein. Diese ideologische Ausrichtung brachte sie dem Wahabismus nahe, der auf der arabischen Halbinsel wieder siegreich war.

    In Ägypten entsteht wenig später ebenfalls als Reaktion auf die Dominanz des Westens eine ganz andere Bewegung?

    Die Gründung der
    Muslimbrüder stellt
    den Beginn
    des modernen
    politischen Islam
    dar. Ihr Ziel war die
    Errichtung eines
    islamischen Staates.

    Ja, Sie nahm altes auf, gab ihm zum Teil jedoch eine andere Zielrichtung. 1928 gründete der Schüler von Raschid Rida, Hassan Al-Banna (1906-1949) die Muslimbruderschaft. Wie die Wahabiten bezieht auch er sich auf den Koran, die Sunna und die Lehre der alten frommen Vorgänger al-salaf, seine Bewegung unterscheidet sich jedoch von den Wahabiten in ihrer Ausrichtung, sie ist primär politisch motiviert und nicht religiös, deshalb stellt sie den Beginn des modernen politischen Islam dar.

    Das Ziel der Muslimbruderschaft ist die Errichtung des islamischen Staates. Bis 1939 war die Rede von der Wiederherstellung des Kalifats. Danach waren sie der Meinung, dass ein islamischer Staat in eine Demokratie möglich wäre, wenn die Scharia die von Menschen erfundene Verfassung ersetzen würde. Die Wahabiten legen viel Wert auf die Reinheit der Lehre ohne Rücksicht auf die Anhängerschaft und die Politik. Die Muslimbrüder dagegen werben um die Gunst der Bevölkerung und streben eine einheitliche islamische Front an. Al-Banna sagt: „Lass uns handeln nach dem, was uns eint und die Strittigen Fragen entschuldigen“.

    Deshalb suchen sie im Gegensatz zu den Wahabiten die Zusammenarbeit mit den Schiiten und dulden die Sufiorden. Ihre Haltung zur Moderne ist auch anders, Osman Abdel Salam Nûh fasst in seinem Buch über die Divergenzen und Stimmigkeiten zwischen Wahabiten und Muslimbruderschaft die Unterschiede in einem Satz zusammen: „Sollen die moderne Erneuerungen der Scharia untergeordnet sein oder soll die Scharia sich der modernen Erneuerungen und der politischen Entwicklung unterordnen?“[2]

    Hier liegt auch ein Unterschied zwischen den Wahhabiten und den Muslimbrüdern?

    Die Anpassungsfähigkeit
    der Muslimbrüder ist in
    Wirklichkeit eine Täuschung,
    denn sie akzeptieren keine
    Trennung von Religion und
    Staat

    Ja. Beide gehen von der Scharia aus. Die Wahabiten verstehen sie als starr und unantastbar, sowohl ihre Grundlagen, al-usûl, als auch ihre Untergliederungen, al.furû’, sind allgemein gültig. Für die Muslimbrüder unterliegen die Untergliederungen furû’ den Gegebenheiten von Ort und Zeit, daher lautet ihre Maxime: Alles, was den Grundrinzipien des Islam nicht widerspricht ist islamisch. Sie zeigen daher eine Anpassungsfähigkeit, die aber in Wirklichkeit eine Täuschung ist, weil sie nicht bereit sind auf das Recht Gottes zu verzichten, ob es um Yusuf Qaradawi, Tariq Ramadan oder die islamischen Fiqhräte im Westen geht, sie akzeptieren keine Trennung von Religion und Politik bzw. Staat.

    Die Wahabiten sind, wenn man so will, die konservativen Salafiten und die Muslimbrüder die liberalen Salafiten oder wie sie sich selber nennen Salafireformer. Wie die Wahabiten schreibt auch die Muslimbruderschaft den heiligen Krieg auf ihre Fahne und teilt die Welt in das Gebiet des Islam, des Krieges und des Vertrages ein. Auf ihrem fünften Kongress 1945, beschloss sie in allen islamischen Ländern tätig zu werden und 1982 wurde ihre Weltorganisation gegründet.[3] 1962 entwarf Said Ramadan, der Vater von Tariq Ramadan, die Satzung der islamischen Weltliga mit Sitz in Saudiarabien, welche der Verbreitung des wahabitischen Salafismus dient.

    Wie ist ihre Haltung zur Gewalt?

    Die Muslimbrüder charakterisiert eine zwiespältige Haltung zur Gewalt. Sie sind im Prinzip für einen Weg durch die Institutionen und lehnen eine gewaltsame Übernahme der Macht ab, gleichzeitig schließen sie die Anwendung von Gewalt in der Form von Attentaten nicht aus, das belegt die 1942 gegründete Geheimorganisation, die zwischen 1945-48 unter anderem den Premierminister und einen Richter tötete sowie viele Studenten und Juden überfiel.

    Zeitweilig verlassen sie auch den institutionellen Weg, wie im Jahre 1948, als ihre Verschwörung gegen den Staat entdeckt wurde, was zu ihrem Verbot führte. Ein Charakteristikum der Muslimbrüder bildet die Tatsache, dass immer wieder Teile ihrer Mitglieder abdriften und sich radikalisieren. Den ersten Fall bilden die „Shabâb Mohammed“(die jungen Mohammeds), die sich 1940 spalteten, viel bedeutender aber ist die Strömung von Sayyed Qutb, der von al-Mawdudi beeinflußt war.

    Hier werden die Wurzeln für die Entwicklung in unseren Tagen gelegt?

    Richtig. Gehen wir zunächst noch einmal nach Indien: Mit der Absetzung des letzten islamischen Mogul-Kaisers Bahadur Shah Zafar durch die Briten im Jahre 1857 endete auch die formale islamische Herrschaft in Indien und die Muslime wurden zu einer Minderheit in einem nicht- islamischen Staat. Indien wurde zu dar al Harb (Gebiet des Krieges) und ein guter Muslim sollte nach dar al Islam (Gebiet des Islam) auswandern (Hijra). Die wichtigsten muslimischen Bewegungen entschieden sich für die innere Migration, für einen inneren Rückzug in die Festung ihres Glaubens.

    Die erste ist die 1867 entstandene Deobandi-Bewegung. Sie beruft sich auf die Tradition von Schah Waliullah und ist streng fundamentalistisch. Sie beabsichtigt die Wiederbelebung des klassischen Islam und seine Reinigung von Fremdeinflüssen als Grundlage für eine starke islamische Identität. Sie betreibt eine rege juristische Aktivität (Fiqh), um alle erdenklichen Lebenssituationen in einem nichtislamischen Staat nach der Scharia zu regeln.

    Sie setzt sich für eine strikte Geschlechtertrennung ein und hält die Männer für genetisch intelligenter als die Frauen, die die Schule nach ihrem achten Lebensjahr nicht mehr besuchen dürfen. Ihr Ziel war die Abkoppelung von den Hindus und die Bildung einer islamischen Gemeinschaft. Die Bewegung ist eng mit dem islamischen Bildungszentrum Dar al Ulûm, das 1866 in der Stadt Deoband gegründet wurde, verbunden.

    Dar al Ulûm ist heute die größte islamische Universität weltweit nach der Universität al-Azhar in Kairo. Im Jahre 2001 haben 65.000 Absolventen die Uni verlassen. Sie haben Tausende von Schulen (madrassas) gegründet. In Asien gab es im selben Jahr 15.000 madrassas darunter 4.000 in Pakistan, die sich deobandi nannten. Aus der deobandi-Bewegung stammen die Taliban.

    Und die zweite?

    Die Deobandi-Bewegung
    will alle Lebenssituationen
    in einem nichtislamischen
    Staat nach der Scharia regeln,
    setzt sich für Trennung der
    Geschlechter ein und hält
    Männer für genetisch intelli-
    genter. Aus der Deobandi-
    Bewegung stammen die Taliban.

    Die zweite ist die 1904 entstandene Sufi-Bewegung der Barelvi, die eine ähnliche Abgrenzung der islamischen Gemeinschaft von der Umwelt wie die Deobandis forderte. Sie bezweckt die Stärkung des Islam bei einfachen Leuten durch die Propagierung der Scharia durch angesehene Mittler wie die Scheichs der Sufiorden. Sie betrachtet den Propheten Mohammad als übernatürliches Wesen. Ihr populärer Pietismus, der gar nicht so weit vom Hinduismus entfernt ist, ruht auf seiner Quasivergöttlichung.

    Mohammed bildet die Identität der Gruppe, seine Beleidigung ist gleich eine Beleidigung der Gruppe. Das erklärt ihre heftige Reaktion in Großbritannien auf die satanischen Verse von Selman Rushdie.

    Die Deobandi-Bewegung verkörpert eine Abwendung von der Welt?

    Zum Teil. Aus der Deobandi-Bewegung stammen zwei Strömungen, die sich für die totale Abgrenzung von der Umwelt einsetzen. Die erste ist die Jama‘at at Tabligh (1927), die sich ganz auf die eigene Gemeinschaft zurückziehen will und eine totale Abschottung betreibt, ohne den umgebenden Staat ändern zu wollen. Sie verkörpert die vollkommene Form des islamischen Kommunitarismus. Der Kommunitarismus bezweckt die Aufteilung des Gemeinwesens in verschiedene religiöse Gemeinschaften, die auf diese Weise ihre Identität und ihre Lebensart bewahren können.

    Er ist eine Art Notlösung für die Muslime, die als Minderheit in einem nichtislamischen Staat leben. Daher ist er eine vorübergehende Lösung, bis der islamische Staat Wirklichkeit wird. Im Jahre 1992 machten die islamischen Kommunitaristen in Großbritannien einen Test, sie wählten ein selbsternanntes „muslimisches Parlament“ als Alternative zum britischen Parlament. Das war ein Schock für die britische Öffentlichkeit.

    Die zweite ist die von Mawdudi 1941 gegründete Jama‘at al Islamiya, die sich ähnlich abschottet, aber für die Errichtung des idealen islamischen Staates kämpft. Mit ihrer Hakimiyat-allah Theorie lieferte sie der Djihadi-Strömung ihre ideologische Grundlage.

    Wie entsteht die Lehre von der Herrschaft Allahs, also eines theokratischen Staates?

    Al- Sayyid Abu'l-A'la Mawdudi (1903-1979) war von Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft in Ägypten, beeinflusst und hat 1941 die Theorie von der Herrschaft Gottes „Hakimiyat Allah“ entwickelt. Im traditionellen und salafitischen Verständnis verfügt der Mensch als Stellverter Gottes über die Welt und verwaltet sie nach dem göttlichen Gesetz. Der Mensch muss Gott, seinem Propheten und den Machtinhabern gehorchen.

    Nach Mawdudis Auffassung steht die Welt einschließlich des Menschen Gott unmittelbar zur Verfügung, für die Führung der Gemeinschaft ist allerdings ein Kalif als Vertreter Gottes beraten von anerkannten Gelehrten notwendig. Gott herrscht in dieser Welt, das ist Theokratie, da diese Herrschaft nirgends zu finden ist, leben wir in der Djahiliya, d.h. der heidnischen vorislamischen Zeit und man muss den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen führen, bis die ganze Welt unter die Herrschaft Gottes bzw. des Islam gebracht wird. Mawdudi geht nicht soweit, die Muslime als Ungläubige zu bezeichnen, sein Djihad richtet sich gegen die Nichtmuslime. Mit seinem Jahiliya-Begriff ebnet er allerdings den Weg für Sayyed Qutb.

    Sein Name steht für die Radikalisierung der Muslimbrüder?

    Sayyib Outb erklärte die
    islamischen Gesellschaften
    für unislamisch und die Muslime
    für Ungläubige, denen man den
    heiligen Krieg erklären muß.

    Sayyed Qutb (1906 -1966), Mitglied der Muslimbrüder, führte die Lehre al-Mawdudis von Hakimiyat Allah in Ägypten im Jahre 1952 ein. In den 60er Jahren radikalisierte er die Lehre weiter. Ausgehend vom Jahiliya-Begriff Mawdudis, erklärte er die islamischen Gesellschaften für nichtislamisch und die Muslime für Ungläubige, Kuffar. Deshalb gehören sie nicht mehr dem Gebiet des Islam dar al-islam, an, sondern dem Gebiet der Ungläubigen, d.h. des Krieges, dar al-harb. Man muss ihnen den heiligen Krieg erklären.

    Der Djihad richtet sich gegen sie genauso, wie gegen den Westen. Diese Kriegserklärung führte zur Hinrichtung Qutbs 1966. Die Saat für den Terrorismus ab den 70er Jahren war aber gesät. 1969 kam es zu einem Bruch zwischen den Muslimbrüdern und den Anhängern des gewaltsamen Djihad, bekannt als Djihadis. Die Djihadis betrachten die Demokratie als Jahiliya (Zeit des Unglaubens) und wollen sie zerstören. Die Muslimbrüder akzeptieren die Demokratie als politisches System und wollen sie islamisieren.

    Die Djihadis betrachten das Fehlen eines islamischen Staates mit einem Kalifen als Grund für die Takfir der Muslime. Die Muslimbrüder betrachten die Staaten als islamisch, selbst ohne Kalif. Die Djihadis betrachten sich als die wahre Gemeinschaft (Umma) der Muslime, alle anderen sind Kuffar (Ungläubige). Die Muslimbrüder betrachten sich als eine Gemeinschaft von Muslimen unter anderen.

    Die Djihadis stammen alle aus den Reihen der Muslimbrüder. Die bekanntesten sind die oben erwähnten „schabab Mohammed“ von Saleh Sariye, der 1975 hingerichtet wurde, „at-tawaqquf wat tabyin“, „at takfir wal hujra“ und „tanzim al Djihad“, der al-Sadat 1981 ermordete und „Munazzamat al Djihad alislami“ von al-Zawahiri, der sich 1998 mit ben Laden vereinigte, um die „Internationale Front zur Bekämpfung der Juden und Kreuzritter“ zu gründen.

    Alle Bewegungen haben letztendlich den Weg in die Gewalt gefunden?

    Nein, nicht unbedingt. Die Theokratische Strömung gehört meines Erachtens nicht zu den Fundamentalisten. Für ihr Verständnis von Hakimiyat Allah, von Djahiliya, von Takfir und von Djihad finden sich in der Geschichte und der Doktrin des Islam keine Präzedenzfälle, der Bezug auf die Kharijiten, der oft erwähnt wird ist irrealistisch und konstruiert. Ihr Verständnis beruht auf Interpretationen (Ta’wîl), die im Lichte des politischen Kampfes gegen den Westen vorgenommen wurden.

    Bei dieser Auseinandersetzung suchen die Salafiten eine sichere Grundlage in der Vergangenheit, um sich vor den Umwälzungen der Moderne zu schützen bzw. die Moderne zu bewältigen. Die Liberalreformer der Nahda versuchen diese Grundlage neu zu interpretieren, um den Einstieg in die Moderne zu vollziehen und die Theokraten und Djihadisten flüchten in das Jenseits und wollen die Moderne und die ganze Welt zerstören.

    ­­*) Dr. Ralph Ghadban ist 1949 im Libanon geboren und lebt seit 1972 in der Bundesrepublik. Er hat 1972 den M.A. in Philosophie an der Libanesischen Universität erhalten. An der FU Berlin hat er Islamwissenschaft studiert (1988) und in Politologie promoviert (2000). Dr. Ghadban lehrt heute an den Fachhochschulen in Berlin.

  4. Und hier noch ein Ausschnitt aus der heutigen taz (nein, nicht faz!) zum Thema, warum die interessanteren und überzeugenderen Integrationsinitiativen aus der konservativen Mitte kommen:

    "In dieser Konstellation stimmen allein Initiativen der CDU optimistisch - trotz aller ausländerpolitischen Hardliner in ihren Reihen. Es war Kanzlerin Merkel, die die Fehler von Rot-Grün korrigierte und das Amt der Integrationsbeauftragten mit neuen Kompetenzen und neuer Würde versehen hat. Anders als Marieluise Beck wird Maria Böhm von ihrer Partei nicht als Paria behandelt. Sie ist im Kanzleramt angesiedelt und nicht mehr "Beauftragte", sondern Staatsministerin.

    Überraschen kann das nur, wer die CDU/CSU lediglich als tendenziell ausländerfeindliche Partei wahrnimmt. Das war sie in der Vergangenheit auch, aber nicht nur. Anders als die Sozialdemokraten haben sich CDU-Politiker immer wieder mit viel Energie und Leidenschaft am Thema Ausländer abgearbeitet; häufig in der Negation. Gleichzeitig hat die Partei nicht nur wichtige Befürworter der multikulturellen Gesellschaft wie Heiner Geißler und Barbara John hervorgebracht, sondern auch Kaliber wie den bayerischen Innenminister Günther Beckstein. Man muss Becksteins politische Schlussfolgerungen nicht teilen, mitunter sind sie zu bekämpfen. Trotz alledem ist er der Politiker in Deutschland, der sich am intensivsten mit dem Thema Islamismus und Islam beschäftigte und mit über die größte Kompetenz verfügt.

    Es ist auch das unionsregierte Nordrhein-Westfalen, das als erstes Bundesland ein eigenes Integrationsministerium eingerichtet hat. Ein Ministerium, das die Integrationspolitik als Querschnittsaufgabe koordiniert und steuert. Doch damit nicht genug: Dem Integrationsgipfel wird im September eine Islamkonferenz folgen. Diese soll im Bonner Haus der Geschichte tagen und aus etwa 30 ständigen Teilnehmenden bestehen. Laut Innenminister Schäuble werden dazu Vertreter des Islamrats, des Zentralrats der Muslime, von DITIB, der Gemeinde der Aleviten und selbst Vertreter der umstrittenen Milli Görüs eingeladen. Ziel ist ein "Gesellschaftsvertrag", der Vereinbarungen über zentrale Punkte des Zusammenlebens enthalten soll.

    Auch dies ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik, zu dem Rot-Grün weder den Mut noch das Interesse aufgebracht hatte. Es liegt nun an der viel beschworenen Zivilgesellschaft, den von der Union eingeleiteten Prozess durch produktive Debatten und Anstöße in einen migrationspolitischen Frühling münden zu lassen."

    EBERHARD SEIDEL

  5. "Dadurch, dass sich Frau Schavan und ähnlich handelnde und denkende Politiker und Bürger in das Kopftuch verbeißen, damit Mulimas in Deutschland diskriminieren, schaffen sie erst Konfronationslinien, die die wirklich gefährlichen Kaninchen ausnützen und in Zukunft noch weiter ausnutzen werden. Sicher nicht zu unser aller Wohl."

    Danke, heiner13, daß Sie hier ihre Motivation offenlegen - genau darum geht es: durch simples Appeasement unangenehmen Konfrontationen aus dem Weg gehen - Sie werden aber mit dieser Strategie erst Recht den Konflikt heraufbeschwören.

    Muslime sind sehr wohl bereit auch kontrovers zu diskutieren - solange sie das Gefühl haben, daß man ihre Anliegen ernst nimmt. Ihre Wischiwaschi Einstellung ist aber tatsächlich eine höhere Form der Verachtung gegenüber den geistigen und geistlichen Konflikten und Nöten von Muslimen in westlichen Gesellschaften....

  6. Doch zu ihren Einwänden: natürlich hat Frau G. darüber frei entschieden. Es geht aber nicht um ihre Gewissensentscheidung, sondern um die über diese Person hinausgehende Bedeutung des Kopftuchs (das ja im Falle von Frau G. gar nicht mal ein Kopftuch ist -

    hier wollte ich eigentlich schreiben:

    "deshalb hätte ich anstelle der Schulleitung auch auf eine Klage gegen Frau G. VERZICHTET - offensichtlich war es auch Frau G. nicht unwichtig, sich von den inzwischen islamistisch konnotierten Kopftrachten anderer Musliminnen abzugrenzen)."

  7. Sehr geehrte Frau Sezgin!

    Vielen Dank für diesen Artikel, unserer Meinung nach das intelligenteste und beste, was wir bisher überhaupt über das viel zu hoch gehangene "Kopftuchthema" gelesen haben (und das ist ziemlich viel!).

    Und, wer Bedenken hat, dass junge muslimische Frauen in Deutschland zu etwas gezwungen werden, was sie nicht wollen: Das beste Mittel dagegen wäre: Gute Schulbildung für ALLE (auch Kinder von Einwanderern, die vom deutschen Schulsystem bisher oftmals an den Rand gedrängt werden), genügend vernünftig bezahlte Arbeitsplätze auch und besonders für junge Frauen. So hätte das Patriarchat auf Dauer keine Chance. Wer wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht, sich selbst eine Wohnung leisten kann, der kann auch leichter über sein eigenes Leben entscheiden.

    Ob diese jungen Frauen dann mit oder ohne Kopftuch arbeiten, das MUSS uns (schon im eigenen Interesse) völlig gleichgültig sein, denn sonst schließen WIR nämlich viele junge muslimische Frauen aus angesehenen, gut bezahlten Berufen wie z. B. Lehrerin oder Richterin aus. Dann brauchen wir uns aber auch nicht darüber wundern, wenn keine Integration stattfindet, und in 50 Jahren Bürgerkrieg herrscht.

    Warum soll es wichtiger sein, wie jemand sich kleidet, als die Einstellung zur und die Qualität der Arbeit?

    Das heißt nicht, dass nicht Lehrer/innen oder Richter/innen, die gegen das Grundgesetz arbeiten, von der Arbeit ausgeschlossen werden müssen!

    Aber das am Kopftuch festzumachen (also ob jemand gegen die verfassungsrechtliche Ordnung der BRD arbeitet, ob jemand wegen seines eigenen Glaubens die im Schuldienst oder Richteramt notwendige Neutralität gegenüber Religionen verletzt), ist diskriminierend und zusätzlich gelinde gesagt lächerlich. Wenn es so einfach wäre, dann könnten wir uns den teuren Verfassungsschutz doch wirklich sparen.

    In einem möchten wir das schöne Bild mit dem Hundeknochen aber noch ergänzen: Leider ist es nicht ganz so harmlos!

    Dadurch, dass sich Frau Schavan und ähnlich handelnde und denkende Politiker und Bürger in das Kopftuch verbeißen, damit Mulimas in Deutschland diskriminieren, schaffen sie erst Konfronationslinien, die die wirklich gefährlichen Kaninchen ausnützen und in Zukunft noch weiter ausnutzen werden. Sicher nicht zu unser aller Wohl.

    Beste Grüße

    Heiner Tettenborn und Monika Koch

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.07.2006
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  • Schlagworte Annette Schavan | Islam | H&M | Kopftuch | Schulbehörde
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