Jetzt hat sich unsere Bildungsministerin Annette Schavan also ins Kopftuch der Doris G. verbissen wie ein Hund in eine Knochenattrappe aus Rinderhaut. Dieser Vergleich ist treffender, als der Leser vielleicht glaubt. Denn auch der Hund denkt, es handele sich um einen echten Knochen – er ist es aber nicht. Ähnlich meint auch Frau Schavan, das Patriarchat beim Kopftuch packen zu können – doch mitnichten! Als sie baden-württembergische Kultusministerin war, ließ ihre Schulbehörde muslimischen Lehrerinnen das Kopftuchtragen verbieten; die Lehrerin Doris G. klagte, und jetzt gab ihr das Stuttgarter Verwaltungsgericht Recht: Auch Ordensschwestern unterrichteten schließlich im Habit.

Erstaunlich, wie wenig es die Katholikin Schavan beunruhigt, dass in ihrer Kirche immer noch keine Frau ein höheres Amt bekleiden darf. Stattdessen wies die Ministerin kategorisch jede Ähnlichkeit zurück: Die Tracht der Nonnen sei religiös begründet, ein muslimisches Kopftuch hingegen bedeute etwas Politisches .

Schavans aufs Politische zielende Behauptung, »hinter diesem Kopftuch (stecke) eine Botschaft, die nicht vereinbar ist mit unserem Grundgesetz«, lässt sich empirisch leicht widerlegen. Denn wer fünf Frauen mit Kopftuch befragt, wird fünf verschiedene »Botschaften« finden. Die eine trägt ihr Kopftuch für Gott, die andere, weil es so gut zu ihren H&M-Klamotten passt. Die dritte Kopftuchträgerin wird sich als vehemente Feministin entpuppen, die vierte verweist auf die dörfliche Sitte, nach der schon Oma und Uroma ein Kopftuch getragen haben; der fünften schließlich hat es ihre ultrasäkulare Mutter verboten, also trägt sie es erst recht.

Wechseln wir vom Empirischen lieber zum Symbolischen. Das Kopftuch, sagte Schavan weiter, sei »ein Symbol für die Unterdrückung der Frau«. Stimmt. Das Kopftuch ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau ebenso wie der Lippenstift, der Kochlöffel und der Ehering. Der Lippenstift erinnert daran, dass die Frau meist für den Mann schön zu sein hat, den Kochlöffel schwingt sie, nachdem sie im Büro genauso hart gearbeitet hat wie er; der Ehering bedeutet in der Regel, dass sie weniger verdient und höhere Steuern zahlt. Kurz und gut: In einer patriarchalen Welt ist alles irgendwie ein Symbol für irgendetwas zwischen den Geschlechtern, darin unterscheidet sich die Religion nicht vom Schlafzimmer oder von der Küche.

Und hier kommen wir wieder auf den Hund zurück. Die Welt ist voller Kaninchen. Die meisten sind weit weg, hoppeln flink herum und können sich allgemein besser wehren als eine Rinderhautattrappe. Ist es also aus Hundesicht nicht schlauer, sich an den falschen Knochen zu halten? Und nach diesem Muster knöpft sich auch Schavan vor, was sie von der patriarchalischen Wirklichkeit auf dem Rechtsweg zu fassen bekommt – viel ist es nicht. Hilal Sezgin