Wenn ich in Irland bin, schreibe ich auf Englisch. In Frankreich schreibe ich auf Französisch, und wenn ich in Deutschland bin, genauer gesagt im Schwarzwald, dann ist die Sprache Deutsch. Bei meinen Träumen ist es genauso. Das ist so, weil ich das Glück habe, dreisprachig zu sein. Trotz dieser drei Sprachen haben meine Träume eines gemeinsam: Sie sind Albträume. »Am Morgen nach einem schlimmen Albtraum sage ich mir: Tomi, du liebst Horrorfilme, dieser Traum war ein toller Horrorfilm, und du warst der Hauptdarsteller. Dann geht es mir besser« BILD

Der Schlaf ist bekanntlich zeitlos. Da treffen sich alle Erfahrungen des Lebens. Vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr habe ich gute Träume. Sonst habe ich jede Nacht Albträume.

Jeden Morgen wache ich mit großer Angst auf. Manchmal brauche ich eine Stunde, um sie zu überwinden. Aber mittlerweile habe ich einen Trick gefunden. Ich liebe Horrorfilme. Am Morgen nach einem schlimmen Albtraum sage ich mir: Tomi, du liebst Horrorfilme, dieser Traum war ein toller Horrorfilm, und du, Tomi, warst der Hauptdarsteller. Dann geht es mir besser. Aber was heißt schon besser? Ich leide an Verfolgungswahn – in meinen Träumen. Dabei tauchen verschiedene Horrorträume immer wieder auf. Da ist einmal die Situation, in der ich verhaftet werde, ohne etwas getan zu haben. Dann dieser absurde Traum, dass man mir nach dem Krieg vorwirft, einem Arbeiter das Geld geklaut zu haben, und alle bezeichnen mich als Dieb. Häufig träume ich auch vom FBI. Das hat mit meiner Zeit in Amerika zu tun. Amerika ist wie ein Film. Ich lebte in der McCarthy-Ära in Amerika, diese Zeit hat mich gezeichnet.

Ein weiteres Thema, das mich verfolgt, ist die Verantwortung. Ich träume, dass ich mit meinen Kindern verreise. Ich bin dann in einer fremden Stadt, und ich weiß nicht mehr, wo das Hotel ist und wo meine Kinder sind. Wir müssen den Flieger nehmen, und ich finde meine Kinder nicht und werde verhaftet. Ein Albtraum, den ich regelmäßig habe, ist, dass meine Frau einkaufen geht – wir wohnen in Irland auf dem Land, sind weit entfernt von allem, und sie geht einmal in der Woche in die Stadt. Meine Frau kommt also in meinem Traum mit vielen, vielen Sachen zurück, und ich stecke all dieses Zeug in den Kühlschrank, und da ist plötzlich kein Platz mehr. Dann mache ich den Kühlschrank wieder leer und fange von vorne an und so weiter. Vielleicht ist dieser Traum für euch lustig, aber für mich gar nicht. Dieser Traum macht mir Panik.

Ich sagte ja bereits, dass ich zwei- oder dreimal im Jahr auch schöne Träume habe. Und dann ist es phänomenal, morgens aufzuwachen ohne Angst und Zweifel. Und wenn ein ängstlicher Mensch wie ich plötzlich keine Angst mehr hat, das ist ein wunderbares Gefühl. Aber die Angst wird mich wohl immer begleiten. Ich glaube schon, dass das mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun hat. Und natürlich mit dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht auch mit dem strengen Protestantismus während meiner Kindheit im Elsass. Diese Religion hat nur Schuldgefühle produziert, immer Schuldgefühle. Und meine Träume und diese Rastlosigkeit darin sind eine Reaktion darauf. Aber das ist eine Abwehr, eine Abwehr zu dem Ding, das Angst und Zerbrechlichkeit heißt. Das ist wie weiterkämpfen, weiterstreben, weitergehen, jetzt weg mit diesem schwarzen Spektakel, jetzt mache ich was Lustiges.

Ich benutze immer meine eigene Technik: Wenn es einem gut geht, lernt man nicht vieles, aber wenn es einem schlecht geht, lernt man viel, viel mehr, denn man muss sich wehren und über schwierige Situationen lachen.

Nur einmal hatte ich all diese beängstigenden Träume nicht: Als ich im Koma lag, das war der beste Moment in meinem Leben. Die Sache mit dem Koma ist ganz einfach: ein wunderbares Gefühl von Frieden, das ich noch spürte, als ich wieder aufwachte. Als es vorbei war, habe ich nicht gleich über diesen Zustand nachgedacht. Man kommt da ziemlich langsam raus. Und dann habe ich eigentlich das beste Stück meines Lebens geschrieben. Im Schlaf erreiche ich nie diesen Frieden. Im Koma zu sein ist auch eine Art Schlaf, allerdings ohne Träume und böses Gewissen, ohne Schuldgefühl. Das war die größte Freiheit. Vielleicht haben wir ein doppeltes Leben. Ein Leben wach und das andere Leben im Schlaf. Aber ich bin doch froh, dass ich nicht mehr im Koma bin.