Kino Endstation Urlaub

Greg Mc Leans Film »Woolf Creek« trägt den Horror in die Weite der australischen Landschaft.

Fast jedes mittelmäßige Splatterfilmchen wird inzwischen als Rückkehr des echten »harten« Horrors der siebziger Jahre verkauft. Tatsächlich orientierten sich jüngere Horrorfilme wie Hügel der blutigen Augen , Abgrund des Grauens oder Haus der 1000 Leichen mehr oder weniger erfolgreich an den Klassikern des Genres. So gelang es selbst einem mit banalen Effekten aufgepeppten Teenie-Schlächter-Werk wie Hostel unter Ankündigung schockierender Folterszenen eine halbe Million deutscher Multiplex-Besucher zusammenzuklauben. Mit Wolf Creek von Greg McLean kommt nun aber endlich ein Horrorfilm in die Kinos, der die Muster des Genres mit einem überraschenden Blick verbindet – auf eine Landschaft, deren schwindelerregende Weite geradezu danach ruft, kichernde Teenies für immer verschwinden zu lassen.

Zusammen mit drei jungen Leuten begibt sich die Kamera in den Outback im Herzen Australiens. Hier gibt es nur noch oben und unten. Nur den Himmel, der sich höher als sonst über die Erde zu wölben scheint. Und die Steppe, durch die sich eine der seltenen Landstraßen wie eine von unsicherer Hand geführte Naht zieht. In Woolf Creek ist der australische Kontinent ein unerschlossener Planet. Ein verwunschenes Terrain, das jeden Besucher zu absorbieren scheint, und so wundert man sich nicht, dass dort 30000 Menschen jährlich als vermisst gemeldet werden, wie eine Statistik im Vorspann fasziniert und feierlich verkündet.

Drei Rucksacktouristen, die Engländerinnen Liz und Kristy sowie den Australier Ben hat es in einem schrottreifen Auto hierher verschlagen. Sie wollen zum Wolf Creek, einem gigantischen Meteoriten-Krater mitten in einem einsamen Naturschutzgebiet. Nach Strand- und Pool-Partys steht ihnen der verkaterte Sinn nach Wildnis, Romantik, nach ein bisschen Verliebtsein. Es ist die klassische Sündenfall-Situation des Horrorfilms, der jugendlichen Hedonismus schon immer mit reaktionärer Autorität und Grausamkeit bestraft hat.

Im Grunde ist Wolf Creek kein Splatterfilm. Dazu fehlt ihm die Lust an grotesk zerlegten Körpern, an Blut, Gedärm und splitternden Knochen. Und von Hardcore-Produktionen wie Hostel unterscheidet ihn sein distanzierter Blick, der eher den Schock eines fassungslosen Zaungastes dokumentiert. Wolf Creek lässt sich Zeit bis zum schrecklichen Ausnahmezustand, in dem der Inbegriff des australischen Naturburschen – Crocodile Dundee – als psychopathischer Massenmörder auf die Leinwand zurückkehrt. Schon auf den Rastplätzen zum Ausflugsziel begegnet den Rucksacktouristen ein Haufen verkommener Gestalten, die in ihren großen Tagen mit bloßen Händen wilde Tiere erlegt haben mögen, nun aber den kleinen Trupp mit obszönen Provokationen einschüchtern. Einer dieser eher vom Alkohol als von der Sonne gegerbten Veteranen ist es auch, der den dreien hilft, als ihr Auto am Fuße des Wolf Creek nicht mehr anspringt.

Sie werden betäubt, gefesselt und gequält. Einmal entkommt die tapfere Liz und findet kistenweise Souvenirs, Fotos und Digitalfilme von vermissten Urlaubern. Es ist eine furchtbare Szene, die mit konsequent dokumentarischem Gestus nicht nur aus Blair Witch Project, sondern direkt aus der Wirklichkeit zitiert. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ein Serienmörder Rucksacktouristen und Highway-Reisende hinrichtete, dem Urlaubsland Australien seine Unschuld nahm und der Tourismusbranche spürbare Einbußen bescherte.

In Wolf Creek ist der Horror kein cooles Accessoire, kein anzüglicher Lustgewinn. Verstörend ruhig bewegt sich Greg McLeans Film durch diese Urerzählung des Genres und deutet es zugleich souverän um zu einem neuen, eben australischen Trauma. Am Ende geht der von der Kette gelassene innere Schweinehund der australischen Seele triumphierend dem Sonnenuntergang entgegen, verschwindet in einer kargen, unbezwingbaren Natur, die es als Einzige mit seiner gefährlichen Allgegenwart aufnehmen kann.

 
Leser-Kommentare
  1. ich habe wolf creek nun bereits 3 mal gesehen, wenn ich mich erinnere und ich bezweifle,dass ich ihn mir ein viertes mal zugemüte führen würde.dies ist jedoch nicht einem mangel an qualität geschuldet. denn betrachtet man wolf creek als terrorfilm, so erfüllt er das konzept unerbittlich, wenn er auch auch weit davon entfernt ist,einer tumben-teenager-schlachterei das wort zu reden, wie es seine "genre-verwandten" tun. wolf creek ist verstörend, ungemein verstörend aber er erreicht dies OHNE einen stillosen pornographischen blick auf innereien und tote körper, dem nichts verborgen bleibt. vielmehr entfaltet wolf creek seine wirkung durch die struktur der handlung, die in ihrer aufteilung zwar kein filmisches novum ist, aber dennoch durch den stilbruch in der mitte gewaltiges antithetisches potenzial besitzt. die schauspieler sind in ihrem spiel angenehm unaufdringlich und haben nicht den status von stereotypen, die es zur schlachtbank zu führen gilt.nicht zuletzt machen die beeindruckenden landschaftsaufnahmen und die ausgezeichnete fotographie wolf creek sehenswert. dass sich die horrorfilmgemeinde spottend und empört von wolf creek abwendet (zu wenig gewalt bla bla) ist in meinen augen eine weitere empfehlung und ein gütesiegel.man sollte diesen film zu schätzen wissen, ich für meinen teil werde ihn mir wahrscheinlich nicht noch einmal ansehen, denn wolf creek funktioniert...

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