Vor ein paar Wochen habe ich Milan aus der Parallelklasse in New York wiedergesehen. Er sah nicht gut aus. Er trug ein kurzärmliges Oberhemd mit aufgesetzten Schulterstücken, darunter ein geriffeltes Unterhemd, an den Füßen Badelatschen. Alles an ihm hing. Die Schultern, die Haare, die Mundwinkel, vor allem die Mundwinkel. Er war blass, hatte dunkle Schatten unter den Augen, eine viel zu große Sonnenbrille auf der Nase und sagte Sachen wie: »Ist doch keine Sicherheit in diesen Centers hier.« Er sagte Ssssenters. Das haben selbst die New Yorker verstanden. Das ganze Kino hat gelacht. In Brooklyn wohnt Anja Reich mit Mann und Kindern BILD

Milan und ich sind zusammen zur Schule gegangen, auf die 26. Oberschule Berlin-Lichtenberg. Er war in der A-, ich in der B-Klasse. Ein Kleiner Unscheinbarer mit Brille. In der fünften Klasse ist er weggezogen. Ich weiß nicht, warum, aber ich weiß, dass ich nicht damit gerechnet habe, ihn jemals wiederzusehen. Oder einen von den anderen. Kristian hatte ich zuletzt als Schaffner auf dem Bahnhof Nöldnerplatz gesehen, Steffen soll Schließer im Gefängnis sein. Uwe ist tot. Drei Jahre vor meiner Abreise nach New York habe ich seine Todesanzeige in der Zeitung gelesen. Es klang nach Selbstmord.

Aus Berlin-Lichtenberg kamen keine Filmstars. Dachte ich. Bis ich Milan im Tribeca Cinema auf der Leinwand wiedersah. Er spielte die Hauptrolle.

Es war bei einem Screening, das die Marketinggesellschaft German Films in Robert De Niros kleinem Programmkino veranstaltete, in der Hoffnung, den Film nach Amerika zu verkaufen. Oliver Mahrdt, der German Films in New York vertritt, hatte mir erzählt, er habe da was ganz Cooles ausgegraben. Netto sei von einem Studenten der Filmhochschule Babelsberg, spiele im Osten und habe verschiedene Preise gewonnen. Mahrdt kommt aus Heidelberg, ist aber immer so braun, als käme er gerade aus der Karibik, trägt eierschalenfarbenen Sommeranzüge und Einstecktücher. Für ihn war Netto ein kleiner, verwackelter Film aus dem Osten. Für mich war er eine Zeitreise.

Ich saß im Kino in Tribeca, hörte unter mir den A-Train der New Yorker Subway anfahren, während vor mir auf der Leinwand die S-Bahn über die Bernauer Straße rumpelte und Milan Peschel aus der A auf einem alten Ostsofa saß und sich mit dem Finger im Ohr pulte.

Ich liebe diese kleinen Filmvorführungen in Tribeca. Ich habe hier Sommer vorm Balkon gesehen, Alles auf Zucker, Zeppelin und Der Rote Kakadu. Es gibt nichts Schöneres, als abends mit der Subway von Brooklyn über die Manhattan Bridge zu fahren, die Lichter der Wolkenkratzer zu sehen, die Canal Street entlangzulaufen, an den kleinen, voll gestopften chinesischen Läden vorbei, um dann in einen langsamen deutschen Film einzutauchen. Die Menschen auf der Leinwand sprechen meine Sprache, die Probleme sind mir vertraut, es ist meine Welt, aber ich kann jederzeit wieder aufstehen und rausgehen. In eine andere Welt. Meine andere Welt.

Ich habe 21 Jahre lang in der DDR gelebt, zehn Jahre in der Bundesrepublik, 1999 bin ich nach Amerika gezogen, das ist mein siebtes Jahr in New York. Wenn man mich fragt, wo ich zu Hause bin, weiß ich keine Antwort.