Leitartikel Gefährdet und gefährlich

Die Welt muss Israel helfen, sich zu wehren – aber auch, Maß zu halten

Ende dieser Woche tagt wieder die Weltregierung. Der UN-Sicherheitsrat beschäftigt sich mit Luftangriffen, Raketeneinschlägen und täglich mehr Opfern unter der Zivilbevölkerung im Libanon und in Israel. Er sucht: eine Lösung für den Konflikt im Nahen Osten. Daran hatte sich die Weltregierung bereits unter dem Namen G8 Anfang der Woche versucht. Die sieben großen Industrienationen und der Energiekraftprotz Russland einigten sich in St. Petersburg auf eine Erklärung, deren größter Erfolg darin lag, dass sie zustande kam. Die Kriegsparteien nahmen davon kaum Notiz.

So ohnmächtig sind die Mächtigen. In einer zerklüfteten, von immer kleineren Einheiten durchsetzten Welt verhallen auch die Stimmen der Großen schnell. Außerdem fällt auf: Selbst die Waffen der Starken wirken immer weniger. Israelische Streitkräfte attackieren den Libanon – aber schwächen sie damit die libanesische Hisbollah wirklich? Trotz der militärischen Überlegenheit offenbart Israel auch die eigene Verwundbarkeit. Noch nie hat die Hisbollah so weit nach Israel hineinschießen können. Da darf sich der Raketenlieferant Iran über die erfolgreichen Testflüge seines mordsgefährlichen Rüstzeugs freuen.

Zwei Gefahren drohen also: dass Israel im Kampf mit der Hisbollah das Schlüsselland Libanon destabilisiert und dass Iran am Ende dieses Krieges siegt, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Beide Szenarien wären folgenreiche Niederlagen für den Westen. Wie lassen sich diese abwenden?

Libanon – das ist nicht die geschundene Bürgerkriegsbühne des Gaza-Streifens, wo selbst viele Araber zugeben müssen, kaum noch hinzusehen, – wenn sie ehrlich sind. Aber wenn in Beirut Bomben fallen, erbeben viele Länder zwischen Ägypten und Iran. Libanon ist Schauplatz der nahöstlichen Stellvertreterkriege. In diesem Gelände verfolgen die Israelis jetzt die Hisbollah-Milizen. Ein Krieg mit Vorgeschichte. Seit der Gründung der Hisbollah durch Iran Anfang der achtziger Jahre hat Israel in fünf großen Offensiven versucht, der radikal-islamistischen Guerillaorganisation den Garaus zu machen. Fünfmal ist die Hisbollah gestärkt aus dem Konflikt hervorgegangen. Mehr Kämpfer, mehr Waffen, mehr Ansehen für Hassan Nasrallah, den Milizenführer im Krieg gegen das vielfach überlegene Israel. Auch die Geschichte dieses Zweikampfs zeigt die Ohnmacht der Mächtigen.

Nasrallah setzt auf Israels Fehler. Ihm nützt jede Bombe auf Wohngebiete, Elektrizitätswerke – und auf Kasernen der libanesischen Armee. Darum lächelt er bloß über die israelische Forderung an den libanesischen Premier und Hisbollah-Kritiker Fuad Siniora, dieser solle die Hisbollah entwaffnen, während er zugleich den Bürgern erklären muss, warum Strom, Lebensmittel und Touristen ausbleiben. Dem Hisbollah-Führer behagt auch das Zurückgleiten des Libanons in den Dunstkreis Syriens. Aus dessen Griff hatte sich das Land mit westlicher Hilfe erst im vorigen Jahr befreit. Nasrallahs Hoffnung: Israel versucht die Hisbollah mit Bomben lahm zu legen und schwächt dabei die gemäßigten Kräfte im Libanon.

Hinter diesen lokalen Scharmützeln liegt die Pulverspur zum großen Konflikt. Als Nasrallah vorige Woche zwei israelische Soldaten auf deren Boden kidnappen ließ, wird er dies nicht getan haben, ohne vorher bei seinen Gönnern in Teheran nachzufragen. Die iranische Führung kennt die Schwachpunkte ihrer Feinde: die Sorge um jeden einzelnen Soldaten in Israel; die Medienerregung im Westen, wo der Streit um Irans Atomprogramm schnell hinter libanesischem Gefechtsnebel verschwindet; die Wut der arabischen Straße über die israelischen Angriffe und westliche Gleichgültigkeit. Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad zieht in der Region alle Register. Er bewirbt sich damit um die freie Stelle, die früher Saddam Hussein besetzt hielt: die des knorrig-charismatischen Nahost-Führers, der dem Westen kühn die Stirn bietet. Nicht einfach, aber auch nicht unmöglich für den Iraner.

Ist Ahmadineschads Aufstieg unausweichlich, ebenso wie die Frontstellung Araber plus Iran gegen Israel plus Westen? Nicht ganz, wie ein Blick auf die Region zeigt. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak zürnt Syrien und Iran, die seine Vermittlungsdienste in der Krise sabotiert haben sollen. Saudi-Arabiens Herrscher erregen sich über »Abenteuer« und »verantwortungslose Taten« der Hisbollah gegen Israel. Jordanien und Ägypten verabscheuen die militanten Langbärte in Beirut und Gaza gleichermaßen. Das passt zu der neuesten Entwicklung im Irak, wo gemäßigte sunnitische Politiker Schutz von den USA erbitten, weil sie sich von radikalen Schiiten und deren Attentaten bedroht fühlen. Daraus spricht die gefühlte Ohnmacht der mächtigen Sunniten im Nahen Osten. Sie waren einst allein tonangebend und fühlen sich heute von den erstarkenden Schiiten in der Region bedroht.

Diese Befürchtungen könnten dem Westen helfen, den Handlungsspielraum im Ringen mit Iran zu erweitern. Die EU und Amerika scheinen sich wieder stärker in Nahost engagieren zu wollen, diesmal nicht mit Bomberflotten wie im Irak, sondern mit Diplomatenmissionen. Gut so. Die arabischen Staaten sollten sie dabei nicht umgehen. Ein Friedensplan wie der des heutigen saudischen Königs Abdallah darf nicht wie 2002 links liegen bleiben. Neue ernst gemeinte Vorschläge verdienen es, dass sich internationale Konferenzen mit ihnen beschäftigen, so zäh sie auch sein mögen. Der diplomatische Auftrieb – bitte keine Illusionen – wird nicht zu »der Lösung« führen, die gibt es nicht im Nahen Osten. Ein Modus Vivendi sowie die Isolierung und Spaltung der Radikalen sind die Ziele.

Und doch ist alle Mühe umsonst, wenn Israel nicht mitmacht. Da EU-Ratschläge in Jerusalem vielfach als Narretei abgetan werden, wird es die Aufgabe der US-Regierung sein, Israel davon zu überzeugen, sich nicht nur für die nächsten Wochen zu verteidigen, sondern für die nächsten Jahre. Dafür wäre es hilfreich, wenn die israelische Regierung nicht nur Araber identifizierte, die sie bekämpfen will, sondern auch solche, die sie sich als Nachbarn wünscht und deshalb stützt. Die gemäßigten Kräfte im Libanon zum Beispiel.

Den schwer erschütterten Libanon zu stabilisieren wird die Herausforderung der nächsten Monate werden, auch für den UN-Sicherheitsrat. Noch eine Darbietung ohnmächtiger Großmächte? Nicht unbedingt. Der Rat könnte seiner erfolgreichen Resolution 1559 von 2004 über den Rückzug Syriens aus dem Libanon eine weitere folgen lassen. Darin würde gefordert, dass Israel, Syrien und Iran die libanesische Souveränität zu achten hätten. Darin würde bekräftigt, dass die Hisbollah ihre Waffen abgeben muss. Längst kursiert ein guter Vorschlag: Eine UN-Friedenstruppe, aus mehreren Kontinenten, hoch gerüstet, mit Lizenz zum Schießen, soll im Südlibanon nach Kriegsende den Sicherheitsabstand zwischen der Hisbollah und Israel überwachen.

Im Libanon entscheidet sich, ob Teherans Einfluss in der Region wächst oder schrumpft. Iran ist aus jedem Krieg seit dem 11. September – Afghanistan, Irak – erfrischt hervorgegangen. Eine Waffenruhe kann dieses Muster brechen.

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Leser-Kommentare
  1. Hr. Thumann, ihr Artikel ist unvollständig, weil er die Rolle ausläßt, die die USA in diesem Konflikt spielen?. Die anderen Großen sind ohnmächtig, weil diese Großmacht in diesem Konflikt nicht nur untätig bleibt, sondern gezielt ihren Nahost-Ausputzer Israel von der Leine läßt. Nachzulesen zum Beispiel in einem Artikel des Amerika-Korrepondenten der israelischen Tageszeitung Haáretz,Shmuel Rosner, der in der gestrigen Onlie-Ausgabe der Haáretz genau diese Rolle beschreibt, in dem Artikel mit der bezeichnenden Überschrift "America´s Deadly Messenger". Damit ist Israel gemeint und Rosner schreibt, Israel könne sich mit diesem Krieg für die letzten Jahre (des Stillhaltens der Bush-Regierung) bedanken. Nachdem die Bush-Regierung im Irak massiv Schiffbruch erlitten hat, versucht sie jetzt also über ihren nahöstlichen Stellvertreter ihre abenteuerlichen Visionen im Krieg gegen den Terror zu verfolgen. Nach allem, was man in den letzten Tagen hört, wird sich auc Israel in diesem Abenteuer verfangen - die UN wird es dank der amerikanischen Blokadepolitik nicht daran hindern können.

  2. Mr. Michael Thumann schreibt in seinem Artikel:
    "Im Libanon entscheidet sich, ob Teherans Einfluss in der Region wächst oder schrumpft. Iran ist aus jedem Krieg seit dem 11. September – Afghanistan, Irak – erfrischt hervorgegangen. Eine Waffenruhe kann dieses Muster brechen."

    Ich weiss, wie die Kriege von grossen Denkern geplant, gelenkt und gewünscht werden (weil sie selbst nie betroffen sind). Würde Herr Thumann sich auch den Krieg wünschen, wenn er ein Kind in diesem Krieg verlieren würde und seine Frau im Libanon warten würde, von dort aus ausgeflogen zu werden...

  3. Ich bin maßlos empört über die Aufmachung dieser Schlagzeile. Es geht nicht allein um Israel, wie hier m.E. der Eindruck erweckt werden soll, sondern um das gesamte Pulverfass "Naher Osten". Wo bleiben die unschuldigen zivilen Opfer, Frauen, Kinder, Alte, welche in Flüchtlingslagern zusammengepfercht, keine Chance haben, den israelischen Bomben und Raketen auszuweichen ? Sind dies etwa keine Menschen, die ein Recht auf eine Heimat haben ?
    Warum soll einem Land geholfen werden, daß sich verächtlich über ein Gremium wie die UN hinwegsetzt, und einen völkerrechtswidrigen Krieg als gerecht bezeichnet ? Krieg ist Terror, die Leidtragenden meist unschuldige Zivilisten, dafür gibt es keine Berechtigung !

    Für mich wir die Konsequenz daraus sein, mein Abo zu kündigen, denn für ein solches "Buntzeitungsniveau" ist mir mein Geld zu schade.

    MfG

    • orplid
    • 22.07.2006 um 14:19 Uhr

    Tut sie es nicht, wird Israel mit seinem menschenverachtenden Großmachtgehabe die ganze Region destabilisieren und immer mehr Menschen weltweit gegen sich aufbringen - keine gute Position für einen stabilen Staat im Nahen Osten.

    • orplid
    • 22.07.2006 um 14:58 Uhr

    … diesen Krieg haushoch verlieren! Eine Alternative für eine echte Veränderung in der Region sehe ich nicht mehr!

  4. 6. P.S.

    Fritzfernando habe ich natürlich vergessen. Auch seine Meinungrespektiere ich:-)

  5. Genau das hat er gemeint und mittlerweile hat das außer PB auch wirklich jeder begriffen. J.S.

    • orplid
    • 20.07.2006 um 14:55 Uhr

    das wird wohl nichts mit der Übertragung des Links in einem Kommentar...so isses nun mal hier bei Der Zeit.

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