Österreich Meister des Bihänders

Noch einmal zieht Schauspielchef Martin Kusej in die Salzburger Festspielschlacht. Dann verabschiedet er sich vom Theater.

Salzburg

Die Stadt, der schöne Schein, die Miniatur einer Welt, in der sich alles zu einer harmonischen Traumkulisse fügt. »Denk ich ganz spontan an Salzburg«, sagt der geborene Kärntner Martin Kusej, dann versinnbildliche für ihn die Festspielstadt den Inbegriff eines Felix Austria: »Alles so wunderbar gelogen und unglaublich schön und so dick aufgetragen, dass es eigentlich gar nicht wahr sein kann.«

Jedes Mal, wenn der 45-jährige Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele von seinem derzeitigen Wohnsitz Hamburg anreist, überwältigt ihn das Panorama, das Ensemble von schroffen Bergen und barocker Stadtlandschaft. Gleichzeitig gesteht er sich bei jeder Ankunft ein, wie sehr er seine Salzburg-Gefühle im Norden vermisst.

Viel Zeit bleibt dem Theaternomaden allerdings nicht, über Heimat und Fremde zu grübeln. Fünf Wochen lang steht er nun unter »explosionsartigem Dauerbeschuss, dass nicht einmal Zeit zum Luftholen bleibt«. In seiner zweiten und letzten Festivalsaison ist er für insgesamt zwölf Schauspielproduktionen zuständig und für die 23 Veranstaltungen der Reihe »Magazin des Glücks«, einem interdisziplinären »Salon zur Erforschung der Grundlagen des Komischen« unter Beteiligung der deutschen Denkergarde der 68er-Generation (Alexander Kluge, Oskar Negt), den Kusej sich hat einfallen lassen.

Im Regiebuch steht knapp und bündig: »Knödel«, »Schaas«, »Nein!«

Für den routinierten Regisseur ist die Rolle des Festivalgastgebers eine »neue Herausforderung«. »Als Regisseur ist man viel schroffer, mehr in sich zurückgezogen und auf die eigene Inszenierung konzentriert«, sagt er. Die Funktion des Programm-Koordinators hingegen verlange von ihm, sich für alles und jeden zuständig zu fühlen: »Da wird man zu einer 24 Stunden lang geöffneten Anlaufstelle, zum Reibebaum und Trostpflaster.« Die Atemlosigkeit während des Festspielsommers liegt aber auch an seinem eigenen Anspruch. Kusej möchte die vielen unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten, die in seinem Programm mitwirken, zu familiärem Gemeinschaftssinn begeistern und den Zoo sensibler Seelen zu einem großen »Salzburger Ensemble« zusammenschweißen. Deshalb genießen seine Anbefohlenen Privatbetreuung. Sei es, dass er für einen seiner Autoren schnell über das Mobiltelefon einen Zahnarzttermin organisiert, während er durch die Altstadt hastet, sei es, dass er auf dem Mountainbike die Salzburger Märkte abgrast, um für das abendliche Feinschmecker-Menü einzukaufen, das er regelmäßig für eine vertraute Runde in seinem Sommerhaus am Mönchsberg auf den Tisch zaubert.

Schon in seinen Grazer Studententagen, als ihm allmählich die Einheitsspaghetti anfingen aus dem Hals herauszuhängen, will er die »phänomenale Kommunikationsebene beim Kochen und Essen« entdeckt haben. Daraus entwickelte sich im Lauf der Karriere ein Teamritual. Zur Besprechung nach der Probe pilgerte häufig die Crew in einen Hauben-Tempel. Die vielen »Hüftgold-Restaurants«, auch in und um Salzburg reichlich vorhanden, haben bei dem leidenschaftlichen Genießer, der ursprünglich Sport studiert hatte, sichtbar angeschlagen. Doch wenn er selbst am Herd steht, sei es schlicht das »Höchste an Entspannung«.

Die gönnt er sich selbst im anschwellenden Trubel des Festspielbetriebes. In den Tagen vor seiner eigenen Premiere am kommenden Sonntag, mit der das Festival in diesem Jahr eröffnet wird, freilich mitunter ein Drahtseilakt. Das sind die Tage, an denen sich der Regissseur und Impresario in Personalunion »stehend k.o.« fühlt.

Als Kontrapunkt zu dem pompösen Mozart- Marathon der Musikschiene des Festivals stellte Tragödienspezialist Kusej ein »lustiges und heiteres Komödienprogramm« zusammen und griff selbst zu Nestroy, den er merkwürdigerweise für »stets milde belächelt« hält. Die Posse Höllenangst spielt zwar zur Zeit des Katzenjammers nach der niedergeschlagenen Revolution, doch sie erzählt eine Geschichte, die gut zum Zustand der modernen Gesellschaft passt. Dem Schustersohn Wendelin gelingt es nicht, das heiß ersehnte Glück, das er plötzlich tatsächlich in Händen hält, sich selbst zu gönnen, geschweige denn, es zu genießen.

Für den chronisch unzufriedenen Theatermacher (Noch-Burgtheater-Direktor Klaus Bachler über seinen zeitweiligen Hausregisseur: »Er ist kein Meister des Floretts, sondern des Bihänders«) stellt sich Glück vor allem am Theater ein, in jenen Augenblicken, in denen in der Zusammenarbeit mit einem Schauspieler irgendein ein Knopf aufgeht und die Ahnung eines großen Theatermoments den Raum ausfüllt: »Wenn wir beide einfach wissen, das ist es jetzt.« Kusej vergleicht das letztlich unerklärliche Aufblitzen mit einem Liebesakt und ergänzt, dass sich daraus nur höchst selten Freundschaften, die über das Theater hinaus reichen, entwickeln würden.

Obschon »mit mörderischem Perfektionismus und grundsätzlicher Skepsis« beschwert, begibt sich der Regisseur immer wieder auf die Suche nach flüchtigen Glücksmomenten. Nach dem ersten Durchlauf der Höllenangst- Proben sitzt Kusej mit einem Glas Wein vor dem Vorhang am Bühnenrand des Salzburger Landestheaters, dort, wo er vor zwanzig Jahren als Regieassistent seine Laufbahn begann, und sucht nach einem geeigneten Ton, das Ensemble auf seine Generalkritik einzustimmen. Im Regiebuch hat seine Assistentin seine Anmerkungen notiert, die in ansteigender Folge der Ablehnung lauten: »Knödel«, »Schaas«, »Nein!«. Natürlich findet Kusej aufmunternde Worte, die seinen Einwänden die Schärfe nehmen, ohne ihnen ihre Entschiedenheit zu rauben. Im Unterschied zu vielen Großregisseuren, die als Diktatoren und Menschenschinder verschrieen sind, wirkt Kusej wie ein Räuberhauptmann, der vor seinem ihm auf Gedeih und Verderb verschworenen Haufen hockt und die Empfindsamkeit jedes Einzelnen auszuloten trachtet. Tobias Moretti, den er im vergangenen Jahr in Grillparzers König Ottokar inszenierte, glaubt eine eigene Qualität der Menschenführung bei Kusej erkannt zu haben: »Er führt dich bis an den Rand des Abgrundes, aber er springt im Fall des Falles auch selber mit.«

»Manchmal möchte ich mich im Anzug auf den Residenzplatz legen«

Trotz seiner anerkannten Qualitäten, die er nicht zuletzt in seinen beiden Salzburger Intendanten-Lehrjahren unter Beweis stellte, wurde Kusej bislang noch nicht mit der Führung eines großen österreichischen Theaters betraut. Zwar wird sein Name immer wieder als heißer Tipp gehandelt. Doch zuletzt, als man nach einem Nachfolger für den scheidenden Burgtheater-Direktor Ausschau hielt, wurde Österreichs renommiertester Regisseur nicht einmal zu Sondierungsgesprächen eingeladen. Staatssekretär Franz Morak ernannte den neuen Mann handstreichartig.

Obwohl er aufgrund seiner »genetischen Unsesshaftigkeit« für eine langjährige Amtszeit ohnehin nicht infrage gekommen wäre, ärgert den Lehrersohn, dass seine Leistungen so demonstrativ missachtet werden. Nach langem Schweigen machte er vergangene Woche seinem Groll über die »Unverfrorenheit« Luft. Das trug ihm in der deutschen Tageszeitung Die Welt prompt den Vorwurf ein, nun die »beleidigte Leberwurst« zu spielen.

Es sei keineswegs beleidigte Eitelkeit gewesen, meint Kusej, die ihn zu seiner kurzen Attacke veranlasst habe, sondern ihn schockiere, »wie selbstherrlich die Regierung wichtige, kulturpolitische Entscheidungen trifft«. Und es erinnere ihn daran, warum er bereits vor acht Jahren schon einmal Österreich verlassen hatte und nach Hamburg gezogen war. Das Burgtheater, gelobt er, werde er nun wohl nie mehr betreten: »Zeit zu sagen: Hey, ciao!«

Nach der Festspielzeit sind noch zwei Regiearbeiten in Ljubljana und Zürich angesetzt, dann will er sich die nächsten fünfzehn Monate lang aus dem Spiel nehmen und durch die Welt vagabundieren.

Die Erinnerung an seine Salzburg-Gefühle werden ihn wohl begleiten. Während der hektischen Festspieltage, erzählt er, gebe es Momente der Erschöpfung, »wo ich denke, ich leg mich jetzt so, wie ich bin, im Anzug mitten auf dem Residenzplatz hin«. Täte ers, die Salzburger würden vermutlich gelassen reagieren: »Das ist der Schauspielchef, der ist müde, lasst ihn in Ruhe.« Kusej schmunzelt: »So ist das, wenn man gut aufgehoben ist.«

 
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