Auf dem Burgberg von Bad Harzburg steht die Canossa-Säule, ein 16 Meter hoher Obelisk aus weißem Granit, 1877 von »deutschen Männern und Frauen in Dankbarkeit und Zuversicht« errichtet. Das Monument trägt auf der einen Seite die schlichte Inschrift »Nach Canossa gehen wir nicht. Reichstagssitzung 14. Mai 1872«, auf der anderen ein bronzenes Reliefporträt Otto von Bismarcks.

Denn es war der Reichskanzler, der den Satz gesprochen hatte, und die Zeitgenossen hatten den historischen Vergleich auch sofort verstanden: So wie Bismarck gegen die katholische Kirche einen »Kulturkampf« führte, der den Einfluss des ultramontanen »Reichsfeindes« zurückdrängen sollte – die »römische Herrschsucht«, die »deutsches Leben bedroht« –, so hatte sich 800 Jahre zuvor der deutsche König (und Kaiser) Heinrich IV. gegen den Machtanspruch eines Papstes gewehrt. Und verloren: Als armseliger Bittsteller war er im Januar 1077 vor der Burg Canossa am Rande des Apennin über der Ebene des Po bei Reggio erschienen, um sich Gregor VII. zu unterwerfen. Dutzende von Historienbildern aus den Tagen des Berliner Kaiserreiches zeigen die Szene. Sie durfte und sollte sich nicht wiederholen, und das gerade durch den Triumph über Frankreich erfolgstrunkene protestantisch dominierte deutsche Bürgertum fand in Bismarck den Verteidiger seiner vermeintlich angegriffenen Ehre. Dafür setzte sie ihm dieses Denkmal.

Natürlich war das Geschichtsklitterung, eine bizarre Stilisierung. »Canossa« hatte nichts mit Bismarck zu tun, das riesige multikulturelle römisch-deutsche Reich, wie es sich von der Nordsee bis ans Mittelmeer erstreckte, nichts mit dem in jeder Beziehung kleindeutschen Kaiserreich von 1871. Der Gang nach Canossa war auch kein Debakel gewesen, sondern ein kühner Schachzug. Und selbstverständlich hatte Heinrich IV. nichts gemein mit Wilhelm I. im Rauschebart und Siegerkranz.

Wer beziehungsweise wie er war, der Kaiser aus dem Geschlecht der Salier, kann nur rekonstruiert werden. Vielen Zeitgenossen schien er eine schwierige, gespaltene Persönlichkeit zu sein. Als unzuverlässig, wortbrüchig, nachtragend, oft jähzornig wird er beschrieben und – schlimmster Vorwurf gegen einen mittelalterlichen Herrscher, der sich in der Nachfolge Christi sah – als unbarmherzig.

Der Hochadel, die führende Schicht des Reiches, beklagte sich, zu wenig von Heinrich zurate gezogen zu werden. Die Fürsten begannen, königliche Dekrete zu missachten, und rebellierten.

Der Kaiser hatte allerdings gute Gründe, gegen Herzöge und Grafen misstrauisch zu sein. Im Jahr 1056 beim Tod seines Vaters Heinrich III. erst sechs Jahre alt, erlebte er in der Folgezeit, wie sich die Großen des Reiches beständig in die Amtsgeschäfte der Regentin, seiner Mutter Agnes, einmischten. Trauriger Höhepunkt dieses ständigen Kampfes um Macht und Einfluss auf den minderjährigen König war seine Entführung durch den Erzbischof von Köln, die den gerade Zwölfjährigen beinahe das Leben gekostet hätte. Er versuchte zu fliehen und sprang vom Schiff seines ehrwürdigen Kidnappers in den Rhein.

»Steige herab, steige herab, du ewig Verdammter!«