Gerechtigkeit Opfer der Massenarbeitslosigkeit

Die Reichen sind in Deutschland reicher geworden, die Armen sind mehr geworden

Dies ist eine schlechte Nachricht: Die Verteilung der Einkommen in der Bundesrepublik ist ungleichmäßiger geworden. Populärer ausgedrückt, die Reichen sind reicher geworden, die Armen sind mehr geworden. Auf der Grundlage regelmäßiger Befragungen von Privathaushalten kommen Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zu dem Schluss, dass die Ungleichheit heute größer ist als in den vergangenen 20 Jahren und dass der Anteil der armen Haushalte stark zunimmt.

Die schlechte Nachricht kommt nicht aus heiterem Himmel. Der Trend der vergangenen Jahre hat sich fortgesetzt. Etwa bis zum Jahr 2000 wurden die Reichen zwar reicher, aber die Zahl der Personen in den unteren Einkommensklassen nahm nicht zu. Seitdem strebt die Verteilung in beide Richtungen, die Kluft wird größer – und das, obwohl der Staat und das komplexe System der sozialen Sicherung ungeheure Summen umverteilen. Damit bestimmte Bevölkerungsschichten gerade nicht zur Armut verdammt sind. Damit der Wohlstand einer kleinen Schicht nicht zum gesellschaftlichen Sprengstoff wird.

Die entscheidende Erkenntnis der neuesten Zahlen setzt unten in der Gesellschaft an: Immer mehr deutsche Haushalte fallen unter die Armutsgrenze. 1989 lag diese Quote noch bei 12,2 Prozent, inzwischen ist sie auf 17,3 Prozent angewachsen. Vor allem Arbeitslose und Alleinerziehende leben mit einem hohen Armutsrisiko und schaffen es nur mit großer Mühe, wieder nach oben zu kommen, nachdem sie erst einmal abgerutscht sind.

So etwas landesweit zu berechnen birgt Probleme. Mit Hilfe komplizierter Verfahren ermitteln die Experten das durchschnittliche Einkommen eines privaten Haushalts, erfassen dafür Einkünfte aller Art, addieren Sozialtransfers (wie Renten, Kindergeld, Arbeitslosengeld), reduzieren die Summe um die Steuerbelastung und berücksichtigen Zahl und Alter der Mitglieder des Haushalts. Die Einkommensangaben sind also konstruiert, aber sie sind über die Jahre vergleichbar. Und auf eine Zahl lassen sich die Fachleute auch gern festlegen: Der durchschnittliche deutsche Ein-Personen-Haushalt kann im Jahr rund 10000 Euro ausgeben.

Die Grenze, bei der Armut in Deutschland anfängt, ist auf 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Bewohner festgelegt. Wachsende Armut heißt nicht unbedingt, dass die Armen immer ärmer werden oder gar bis zum Niveau der Sozialhilfe absacken. Wohl aber, dass immer mehr Personen im Lande mit Einkommen unter der 60-Prozent-Linie auskommen müssen. Die liegt dem Betrag nach in einem wohlhabenden Land höher als in einem Land mit niedrigerem Wohlstand. Doch ist das Volkseinkommen der Deutschen in den vergangenen Jahren nur schwach gestiegen, sodass unter den neuen Armen auch viele sein dürften, die nicht bloß relativ verloren haben, sondern auch absolut. Gleichzeitig geht es den Deutschen im europäischen Vergleich noch relativ gut. Denn nur in Schweden und Dänemark ist der Anteil der Armen geringer.

Die Folgerung, aus der Armut gebe es kein Entrinnen, ist zumindest voreilig. Hierzulande hat ein Drittel der Betroffenen nach zwei Jahren den Sprung über die Armutsgrenze wieder geschafft. »Kurzfristige Armutserfahrungen«, so eine noch unveröffentlichte DIW-Studie, »reichen bis weit in die mittleren Einkommenslagen hinein.« Allerdings ist auch hier der Trend unerfreulich. In der Sprache der DIW-Forscher: Der »Anteil mit dauerhaften Armutserfahrungen« an der gesamten Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Die Erklärung für diese unerfreuliche Entwicklung ist schnell gefunden: die Massenarbeitslosigkeit. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist das entscheidende Moment für den Abstieg auf der Einkommensleiter. Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto größer wird das Risiko des Abdriftens unter die Armutsgrenze. Dieser Zusammenhang wird überdeutlich, wenn man die Entwicklung der Armutsrate über Jahre hinweg vergleicht. In der Hochkonjunktur geht sie zurück, in der Flaute steigt sie an. Dass die Rate seit 2000 kontinuierlich auf den heutigen Höchststand angewachsen ist, ist eindeutig die Folge der schlechten Konjunktur und der steigenden Arbeitslosenquoten.

Ausgerechnet die Jahre der rot-grünen Koalition liefern dafür das Schulbeispiel. 1998, beim Amtsantritt der Regierung Schröder, wuchs die Wirtschaft kräftig, die Arbeitslosigkeit ging zurück und damit auch die Armutsquote. Doch nach zwei Jahren geriet die Wirtschaft in eine Phase der Stagnation mit schnell steigender Arbeitslosigkeit – und wachsender Armut.

Mit Hans Eichels Steuerreform und der Senkung der Spitzensätze in der Einkommensteuer trug die Regierung sogar gezielt dazu bei, dass die Verteilung ungleicher und damit – gerade im Urteil der Regierungsparteien – auch ungerechter wurde. Frustriert musste die Regierung vergangenes Jahr in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht einräumen, dass ihre sozialpolitischen Anstrengungen den negativen Effekt allenfalls dämpfen konnten.

Natürlich darf das heute kein Argument für die Große Koalition sein, ihre Bemühungen von vornherein einzustellen. Es gibt besonders gefährdete Gruppen der Bevölkerung, denen gezielt geholfen werden kann. Da sind zuerst die Langzeitarbeitslosen. Je länger sie ohne Job sind, desto mehr schrumpft ihre Chance, der Armut zu entkommen. Ein Riesenproblem sind alleinerziehende Mütter und ihre Kinder. Sie sind seit je unter den Sozialhilfeempfängern und damit in der Armutszone überrepräsentiert.

Dazu wird in absehbarer Zeit eine neue gefährdete Gruppe kommen: Rentner in Ostdeutschland. Wer nach der Wende und womöglich im besten Alter keine Arbeit mehr gefunden hat, dem fehlen bei der Verrentung die entscheidenden Beitragsjahre. Und anders als ihre Altersgenossen in Westdeutschland können sie in aller Regel nicht auf ein zusätzlich zur Altersversorgung angespartes Vermögen zurückgreifen. Die im Westen Deutschlands fast verschwundene Altersarmut droht somit im Osten wiederzukehren.

Doch die wirklich überzeugende Antwort auf das Armutsrisiko bleibt die Schaffung von Arbeitsplätzen. Nur wer Arbeit hat, ist gegen den Absturz gefeit. Da mag die Zahl der Einkommensmillionäre zunehmen, die Kluft zu den Durchschnittsverdienern wächst – das ist das geringere Problem. Wichtiger ist, dass ein Abgleiten in die Armut nicht zum Massenrisiko wird.

 
Leser-Kommentare
  1. Im Grunde habe ich an den Staat geglaubt wie an einen Gott. Von Kindheit an. Deshalb wollte ich auch in den Staatsdienst und konnte nicht begreifen, dass ich fehlinformiert, nicht ausgebildet, verleumdet, schikaniert, terrorisiert, als Sündenbock mißbraucht und gemobbt wurde. Und schließlich auch noch um meine finanziellen Rücklagen gebracht. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich war doch immer ehrlich! Ich war doch bereit, Fehler zuzugeben! Ich habe mich doch so negativ dargestellt wie irgend möglich! Was sollte ich denn noch machen? Was soll ich noch machen?

    „Du denkst falsch!“ sagte eine Freundin. „Du mußt dich an den Markt anpassen!“ Sie schlug als erste Maßnahme eine andere Frisur vor. Wieder mal. Das Lied kann ich singen. Immer wieder soll ich was mit meinen Haaren machen. Schon meine Mutter kritisierte meine Haare. Da war ich zwei Jahre alt.

    Die Medien sind auch nicht hilfreich. Auch an die hab ich geglaubt. Das hat sich gegeben. Speichellecker. Die echten Probleme interessieren in den Medien absolut niemanden, sonst wären sie schon seit mindestens 25 Jahren ernsthaft angeprangert worden.

    Nicht die Arbeiter sind die Schwachen, nicht die Sozialhilfeempfänger, nicht die Rentner, nicht die Alleinerziehenden. Diejenigen sind die Schwachen, die keinen Zugang zur Gesellschaft bekommen, die einfach immer wieder abgelehnt und schikaniert werden und nicht wissen warum. Die noch so oft anbieten können, alles nur Erdenkliche zu tun, um akzeptiert zu werden, und noch nicht einmal einer Antwort gewürdigt werden.

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im Grundgesetz. Aber meine Menschenwürde wird Tag für Tag mit Füßen getreten, weil es nichts gibt, das ich tun könnte, um ganz normal Zugang zum sozialen Leben zu bekommen. Na ja, ich könnte mir eine andere Frisur zulegen. Oder Kopfstand lernen. Würde es nützen, würde ich es tun.

    Es gibt genug Jobs für mich. Alles, das irgendwie mit Sprache oder Verwaltung oder mit Anhörung oder mit Beratung oder mit IT-Anwendung oder mit dem Systematisieren und Strukturieren von Abläufen oder mit Informationsmanagement oder natürlich mit Rechtsfragen, sofern es öffentliches Recht betrifft, zu tun hat oder das ganz einfach improvisiert werden muss, könnte ich machen. Oder was ganz anderes. Irgendwie sollte die Sache auf jeden Fall herausfordernd sein. Aber wie komme ich ran? Typische Routineaufgaben allerdings sind nichts für mich. Werben kann und will ich nicht. Auch als Haarmodel habe ich mich noch nie beworben. Werde ich auch nicht. Versprochen.

    So kann es jedenfalls nicht weitergehen.

    WAS SOLL ICH MACHEN? WAS SOLLEN ANDERE WIE ICH MACHEN? ICH BITTE UM ANTWORT!!!!!!!

    (Den Ratschlag, Selbstmord zu begehen, bitte ich, sich zu sparen. Kein Interesse.)

  2. Auch in diesem Artikel wird wieder suggeriert, es fände eine Umverteilung von oben nach unten durch das Sozialsystem statt. Ein Totschlagargument konservativer Richtungen gg. eben dieses.

    Richtig ist: die Umverteilung findet (trotz Sozialsystem) von unten nach oben statt, wenn wenige immer reicher werden, viele dafür ärmer und insgesamt die Schere größer.

    Wer leiht dem Staat denn das Geld, für das wir alle den Schuldendienst aufbringen müssen und kassiert die Erträge. Als Lohnarbeiter und Steuerzahler, die nicht ihr Vermögen für das Finanzamt auf Null runterrechnen können?

    Eben. (Nur um das mal klarzustellen)

    • hawat
    • 26.07.2006 um 14:17 Uhr

    ...ja, gewiß doch - aber immer nur, wenn einem die Aussage passt. Wenn es dem jeweiligen nicht passt, "dann ist das aus dem u. dem Grunde nicht vergleichbar"

    Und es betrifft alle Beteiligten (oben, unten, Wirtschaft, Politik...)!!

    In der ganzen Diskussion stimmt etwas im Grunde nicht - nur was?!

  3. Was ist eigentlich so verderblich dran, wenn jemand rein materiell reicher ist als jemand anderes? Wenn eine firma gute gewinne macht, soll sie also die anderen freundlicherweise mitunterstuetzen, die - aus welchen gruenden auch immer - weniger erfolgreich sind. Und mit hilfe dieses ansatzes soll dann das wirtschaftswachstum angekurbelt werden. Woher stammt dieser in Deutschland so ausgepraegte sinn fuer gnadenlos ausgleichende gerechtigkeit, der - so bitter das leider klingt - keine maus mit investitionsabsichten hinter dem ofen hervorbringt? Warum gibt es keine klausel im grundgesetz, die ein anrecht auf allumfassende gleichheit postuliert? Antwort: weil es oekonomisch keinen sinn macht.

  4. So, der Minibeitrag ist also erschienen. Sehr schön. Und nun bitte noch die Antwort auf die Frage, was ich machen soll, um einen Job zu bekommen.

  5. Im vorherigen Kommentar muss es natuerlich heissen:

    "Ich glaube jedoch nicht, dass es eine Umverteilung von unten nach oben gibt, auch wenn mich die aktuelle Situation mit allen Steuerschlupfloechern genauso stoert wie die meisten hier."

    statt

    "Ich glaube jedoch nicht, dass es eine Umverteilung von oben nach unten gibt, auch wenn mich die aktuelle Situation mit allen Steuerschlupfloechern genauso stoert wie die meisten hier."

    Sorry

  6. Sorry, wenn das mit der Ideologie falsch 'ruebergekommen ist. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass eine Armutsdefinition auf rein deskriptiver Basis unmoeglich ist, da der Begriff inhaerent normativ ist.

    Ich finde auch keine Freude daran, dass jemand den Guertel enger schnallen muss (keine Ahnung wie das bei der CDU ist, ich habe keine Verbindung zu dieser Partei). Ich glaube jedoch nicht, dass es eine Umverteilung von oben nach unten gibt, auch wenn mich die aktuelle Situation mit allen Steuerschlupfloechern genauso stoert wie die meisten hier.

    Was mich an der Besteuerung der "Leistungsfaehigkeit" stoert ist die Lenkungswirkung. "Leistungsfaehigkeit" ist nicht angeboren sondern wird erworben und gerade in einem reichen Land wie Deutschland sollte es moeglich sein ueber Bildung eine tatsaechliche Chancengleichheit herzustellen. Leider hat PISA sehr eloquent aufgezeigt wo die Probleme liegen. Gerade bei den "Armen" gibt es offensichtlich wenig Anreize die Chance wahrzunehmen etwas am eigenen Los zu aendern wenn der Erfolg der Bemuehungen weitgehend wegbesteuert wird und man sich auch noch die wuesten Beschimpfungen der "sozial" gesinnten Mitbuerger anhoeren muss.

    Ich frage mich: Was ist das Ziel der Tabaksteuer? Was ist das Ziel der Oekosteuer? Was ist das Ziel einer progressiven Steuer auf "Leistungsfaehigkeit"?

    Was die Staatsverschuldung angeht: Ich habe da meine Zweifel ob die boesen Kapitalisten tatsaechlich wesentlich in Bundesschatzbriefe investieren. Das ist doch eher das Privileg der Mittelschicht. Mal ganz davon abgesehen dass die Schulden das Resultat der verfehlten Sozialpolitik sind, die das Staatsbudget seit Jahrzehnten uebermaessig aufblaeht.

  7. Ich schreib´ dieses Zeug völlig spontan. Für sonderlich talentiert halte ich mich eigentlich nicht. Ich meine wirklich, was ich versuche zum Ausdruck zu bringen. Aber danke für die Anregung, ich werden sie gründlich prüfen. Da muss ich echt erst mal drüber nachdenken. Und drüber schlafen. Danke auf jeden Fall!

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