KinderbetreuungBeruf Tagesmutter

Wer die Jüngsten betreut, braucht eine gute Ausbildung. Noch gibt es sie nicht von 

Hunderttausende von Eltern sind in Deutschland auf der Suche nach einem Platz für ihr Kind. Lassen sich in Kitas auf beängstigend lange Wartelisten setzen, absolvieren einen Besichtigungstermin nach dem anderen, sitzen demütig in Vorstellungsgesprächen, mit dem Gefühl, sich als Eltern bewerben zu müssen. Im Jahr 2004 gab es im Westen der Republik nur für 2,7 Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz. Für 100 Kinder also nicht einmal drei Plätze.

Dass die gewaltige Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ein Problem ist, hat auch die Politik erkannt. Laut dem so genannten Tagesbetreuungsausbaugesetz, kurz TAG, seit Januar 2005 in Kraft, soll es bis 2010 für 30 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsangebote geben. Ein ehrgeiziges Vorhaben. 230000 neue Plätze müssen geschaffen werden. Nach den Zahlen, die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen vergangene Woche in Berlin präsentiert hat, besteht Hoffnung: Im Vergleich zu 2002 habe sich das Betreuungsangebot um 25 Prozent verbessert. Vor allem Tagesmütter helfen aus der Krise.

Das stellt die Eltern vor das nächste Problem: Woher sollen sie wissen, ob die Tagesmutter, der sie ihr Kind anvertrauen, auch gut ist? Erst jetzt beginnt man in Deutschland über die Qualität der Tagespflege nachzudenken. Vom Geschirrspüler über den Kindersitz bis zur Babysonnenschutzcreme wird hierzulande alles geprüft und getestet, nur für die, denen wir unsere Jüngsten anvertrauen, hat sich lange niemand interessiert.

»Das ist ein Skandal«, sagt Wolfgang Tietze, Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin. Tietze ist Mitautor des gerade veröffentlichten 12.Deutschen Kinder- und Jugendberichts. Demnach werden in Deutschland 140000 Kinder im Alter bis zu sechs Jahren von Tagesmüttern (selten auch -vätern) betreut. 80000 Kinder sind unter drei Jahre. Tagespflege ist ein weites Feld, es reicht von der Betreuung durch eine Kinderfrau, die im Haushalt der Eltern arbeitet, bis zur so genannten Tagesgroßpflege, bei der in angemieteten Räumen bis zu acht Kinder betreut werden. Es gibt die informelle, von den Eltern organisierte und finanzierte Tagespflege. Die Betreuerin ist dabei Angestellte, die Eltern sind Arbeitgeber. Und es gibt die öffentliche, gesetzlich geregelte Tagespflege, vom Jugendamt vermittelt und finanziell unterstützt. Die Tagesmutter ist dabei selbstständig. In den östlichen Bundesländern herrscht die öffentliche Tagespflege vor, im Westen die informelle.

Es gibt Eltern, die singen Loblieder auf ihre Tagesmutter – familiäre Betreuung, mehr Zuwendung fürs Kind. Andere klagen nur – Mittagsschlaf nach Vorschrift, keine Ausflüge, Sicherheit und Hygiene lassen zu wünschen übrig, Tagesmütter, die bei Krankheit oder Urlaub keine Vertretung organisieren. Dazu die Scheu der Eltern, die Betreuerin zu kritisieren, weil sie Angst haben, dass das Kind darunter leidet.

»Die Qualität der Tagesmütter ist sehr unterschiedlich«, sagt Wolfgang Tietze. »Teilweise sehr gut, teilweise hanebüchen.« So ergab eine Untersuchung in Brandenburg, dass jede siebte Tagespflegestelle eine gute bis sehr gute pädagogische Qualität hat und ebenfalls jede siebte eine unzureichende. Zwei Drittel waren mittelmäßig. Dabei ist im Osten die Ausbildung der Tagesmütter meist besser als im Westen, viele haben dort einen Abschluss als Erzieherin. Qualität misst sich etwa daran, wie viel Spielmöglichkeiten die Kinder haben, ob der Tagesablauf auf sie zugeschnitten ist, sie Trost und Aufmerksamkeit bekommen, sprachlich gefördert werden, welche pädagogische Vorbildung die Tagesmutter hat. Weder gibt es derzeit einheitliche Standards für die Betreuer noch verbindliche Eignungsprüfungen. Tietze sagt: »Es gibt Städte, in denen reicht das polizeiliche Führungszeugnis als Qualifikation aus.«

Natürlich geht es auch anders. Der Tagesmütterbundesverband und seine regionalen Vereine kümmern sich um sorgfältige Vermittlung, fachlichen Austausch der Betreuerinnen untereinander und um Weiterbildung.

Wer seine Kleinsten zu einer Tagesmutter wie Ingeborg Bruns bringt, muss sich um sie keine Sorgen machen. Seit 1971 ist die gelernte Kinderkrankenschwester in der Tagespflege. Wie viele Kinder sie in den mehr als vier Jahrzehnten betreut hat, kann sie auf Anhieb nicht sagen, 70 werden es wohl gewesen sein, zwei eigene Töchter hat sie auch großgezogen. Gerade sind Sascha, 3, Tim und Svenni, beide 2, Noah, 18 Monate, und Annika, sechs Monate, bei ihr. Die einen sind fünf Tage die Woche da, die anderen nur vier oder zwei. Maximal fünf Kinder dürfen Hamburgs Tagesmütter gleichzeitig betreuen. Ingeborg Bruns sitzt auf der überdachten Terrasse ihres Hauses in Farmsen, Tim kriecht aus einem Indianerzelt, Svenni mustert das aufgebaute Minitrampolin. Sascha kommt auf dem Dreirad, stoppt und sagt: »Wenn ich groß bin, hol ich die Ingeborg mit dem Brummi ab.« Dann fährt er in Richtung Garten. Was macht eine gute Tagesmutter aus? »Man muss genau hinschauen«, sagt Ingeborg Bruns. »Was braucht das eine, was das andere Kind.« Ist eines etwa mit der Sprache zurück, müsse man besonders viel mit ihm sprechen. »Aber ich bedränge die Kinder nicht, ich richte mich nach ihren Bedürfnissen. Ich muss ihnen auch Freiräume lassen.« Dann kommt Svenja vorbei: »Ingeborg, Nase putzen.« – »Tagespflege ist für mich ein Beruf«, sagt Bruns selbstbewusst, »seit 40 Jahren.«

Leider ist er nicht anerkannt. Schon 1973 titelte die Frauenzeitschrift Brigitte: Wir fordern einen neuen Beruf: Tagesmutter. Passiert ist seitdem wenig. Tagespflege werde immer noch als eine Art »Zusatztätigkeit« betrachtet, heißt es beim Bundesverband. Das gilt auch für die Bezahlung: Nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts in München kommt eine Tagesmutter mit vier Vollzeit-Pflegekindern nach Abzug aller Ausgaben in der Regel nur auf 900 Euro im Monat.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick über die Grenzen. In Dänemark, Schweden und Finnland sind die Tagesmütter meist beim Jugendamt angestellt, die Gewerkschaften kämpfen für faire Konditionen. So bekommt eine Tagesmutter in Dänemark ihr Gehalt direkt von der Kommune, durchschnittlich 2300 Euro im Monat. In Deutschland versuchen nur einige wenige Vereine, ihren Tagesmüttern ein Festgehalt zu bezahlen.

Das neue Gesetz soll die Qualität der Tagespflege verbessern. Träger sollen Qualifizierungskurse anbieten. Grundlage ist ein vom Deutschen Jugendinstitut entwickeltes Curriculum, das 160 Stunden umfasst. Die Bausteine heißen etwa »Förderung von Kindern«, »Entwicklung von Kindern beobachten und wahrnehmen«. Der Bundesverband der Tagesmütter und -väter verteilt Zertifikate für das erfolgreiche Bestehen. Der Haken dabei: Diese Kurse sind ein Angebot, vorgeschrieben sind sie nur zum Teil. So sind in dem einen Bundesland 15 Stunden Pflicht, in dem anderen 60 Stunden, was darüber hinausgeht, ist freiwillig. Zum Vergleich: In Finnland müssen angehende Tagesmütter einen 250 Stunden umfassenden Kurs inklusive Prüfung absolvieren.

Der Bund will nun für die Qualifizierung von Tagesmüttern zehn Millionen Euro zuschießen. Wie sich Qualität sichern lässt, listet der Kinder- und Jugendbericht auf. So sollen etwa die Anbieter angemessen entlohnt und sozial abgesichert, die Betreuer nach einheitlichen Kriterien geprüft werden und einen Qualifizierungskurs von 160 bis 200 Stunden absolvieren. Und sich regelmäßig weiterbilden. Um bei Krankheit oder Urlaub eine Vertretung garantieren zu können, sollen sie lokale Netzwerke bilden. Und, ganz wichtig: Es braucht ein Gütesiegel, das es den Eltern ermöglicht, eine gute Pflegestelle zu erkennen.

Christiane Humbeck und Fridtjof Küchemann aus Frankfurt am Main haben diese Unsicherheit auf eine ganz eigene Art überwunden. Sie sind »Vizeeltern« geworden. Ihr Sohn Jasper ist ein Jahr alt, mit einem Paar, das einen Sohn im gleichen Alter hat, teilen sie sich eine Kinderfrau, eine ausgebildete Erzieherin. Zwei Tage die Woche betreut sie die beiden Jungen. Mal in der einen, mal in der anderen Wohnung. An zwei weiteren Tagen wechseln sich die Eltern untereinander ab, ein Vater oder eine Mutter betreut dann die zwei Kinder. Alle Elternteile haben in ihrem Job reduziert, so funktioniert die Kombination aus Kinderfrau und Vizeeltern reibungslos.

Für dieses Modell braucht es natürlich gute Startbedingungen. »Die Eltern müssen die gleichen Vorstellungen von Erziehung haben«, sagt Fridtjof Küchemann. Und manche Dinge muss man eben doppelt anschaffen wie Hochstuhl und Kinderbett. Auch einen Zwillingswagen haben sich die Eltern der beiden Einzelkinder besorgt.

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