KlassikAuf dem Katapult

Die junge Cellistin Marie-Elisabeth Hecker spielt herzzerreißend traurig und traumwandlerisch schön von Matthias Altenburg

Sie sollen nicht singen mit ihrem Instrument, Sie sollen beten… Hier stirbt jemand, und was machen Sie? Sie versuchen, es mir gemütlich zu machen.« Der Pianist Menahem Pressler ist ein kleiner runder Mann, vital, energisch und sehr bestimmt. Er wurde 1923 in Magdeburg geboren, floh vor den Nazis nach Palästina und gründete in den USA das berühmte Beaux Arts Trio. Sein Leben ist eine Welt für sich, sein Ruf furchteinflößend. Jetzt reißt er die Augen auf, fuchtelt mit den Händen und versucht zwei jungen Musikerinnen beizubringen, wie man Schostakowitschs Trio in e-Moll zu spielen hat. »Nicht wimmern!… Schreien Sie!… Was war das jetzt? Ich höre etwas, aber ich fühle nichts. Sie spielen nur mit den Händen. Ich will Ihre Gedärme spüren und keine schönen Töne hören…«

Die beiden Elevinnen schauen sich immer wieder an, verziehen den Mund, verdrehen die Augen, kichern unsicher, und wenn ihnen wieder eine Stelle besonders gut gelungen ist und der alte Mann knurrend seine Zufriedenheit kundtut, tauschen sie beglückt ein schnelles Lächeln. Die Geigerin Alissa Margulis und die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker gehören zu den 23 Nachwuchs-Instrumentalisten, die von der Kronberg Academy in den Taunus eingeladen wurden, um bei den Chamber-Music-Tagen zwei Wochen lang mit den Meistern ihrer Fächer zu arbeiten.

Das ist eine Ehre, aber es ist auch eine Fron. Denn die hier teilnehmen dürfen, beherrschen, so jung sie auch sein mögen, ihre Instrumente seit vielen Jahren, gehören schon jetzt zur Elite der kommenden Musikergeneration und sind allesamt Preisträger internationaler Wettbewerbe. Dort, wo sie herkommen, werden sie bereits gefeiert, hier müssen und dürfen sie beweisen, dass sie ohne Eitelkeit bereit sind, hart an sich zu arbeiten. Allüren wären fehl am Platz, gefragt ist die Bereitschaft, sich als Gleicher unter Gleichen zu vervollkommnen. Zu den Grundsätzen der Academy gehört es, junge Musiker nicht nur in der Entwicklung ihrer Kunst, sondern auch ihrer Persönlichkeit zu fördern und zu verhindern, dass sie allzu rasch einem hungrigen Markt ausgeliefert und dort womöglich binnen kurzem gefressen werden.

»Schon wieder?«, fragt Marie-Elisabeth Hecker, als ihr ein neuer Interviewpartner angekündigt wird. Und: »Ist das wichtig?« Zum Glück fehlt ihr noch jede Gewandtheit im Umgang mit den Medien. Zum Glück probt sie noch lieber, als dass sie posiert. Ja, sagt sie, das Klassik-Label Harmonia Mundi habe ihr schon ein Angebot für eine CD-Aufnahme gemacht, aber sie habe erst einmal abgelehnt. Sie ist 19 Jahre alt und das fünfte von acht Geschwistern einer Pfarrersfamilie aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Zwickau, »einer sehr kleinen Stadt«. Nein, eine Homepage habe sie noch nicht, aber das werde jetzt höchste Zeit. Nein, ebenfalls noch keinen Manager, aber auch das stehe wohl kurz bevor. Sie sitzt auf einem Katapult, und sie weiß es. Seit sie im letzten Jahr überraschend den Pariser Rostropowitsch-Wettbewerb gewonnen und der Fernsehsender Arte darüber einen Film gezeigt hat, hat sich ihr Leben verändert. »Gründlich«, sagt sie, »jetzt wollen alle was von mir.« Und wenn sie dabei nervös mit den Lidern zwinkert, merkt man, wie sehr sie das alles überfordert. Zum Glück steht ihre Mutter in der Nähe, eine schmale Frau, so schlicht wie evangelisch, deren Gesicht man alles ansieht, was sie gerade fühlt: den Stolz auf ihre Tochter, die Freude über deren schwindelerregenden Erfolg – aber auch die bange Sorge, in welch fremde Welt man die zerbrechlich wirkende Marie denn nun wohl entführen wird.

Die ist so dünn, dass ihr Rumpf hinter dem Cello fast verschwindet. Die ist so blond, dass man ihre Wimpern kaum sieht. Die ist so groß, dass sie den Pianisten um zwei Köpfe überragt. »Was heißt hier, das können Sie nicht spielen? Schostakowitsch hat es aber gewünscht, also sollten wir es wenigstens versuchen… Wenn Ihnen die Finger wehtun vom Zupfen, dann nehmen Sie eine Wurzelbürste und schrubben so lange über die Fingerkuppen, bis die eine Hornhaut haben… Ich will pawumm, pawumm hören, nicht dawimm, dawimm!« Marie-Elisabeth Hecker nickt. Sie weiß sofort, was der Alte meint. Sie spielt pawumm, pawumm. Und dann, am Ende der Proben, steht Menahem Pressler auf, bedankt sich bei seinen jungen Mitspielerinnen und sagt: »Meine Damen, seien Sie beruhigt. Was wir hier machen, wird einfach wunderschön werden!«

Ein Woche später , der Tag des Konzerts. In Frankfurt kocht die Hölle: Polizeihubschrauber, Martinshörner, Tausende Studenten blockieren die A66, der Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Ein paar Kilometer weiter, in der Kronberger Stadthalle, herrscht gespannte Ruhe. Das Trio sitzt auf der Bühne. Das Publikum wartet, dass die Musik beginnt – kein Flüstern, kein Hüsteln. Die Cellistin hat die Augen geschlossen, braucht endlos lange, sich zu konzentrieren; fast scheint es, als würde sie nun wirklich beten. Dann endlich setzt sie den Bogen an, und ein leiser, schwebend geisterhafter Ton erfüllt den Saal. Klavier und Geige kommen hinzu, die Musik wird lauter, schneller, steigert sich ins Furiose – und dann passiert es: Eine Cellosaite springt. Kurze Beratung, der Schaden wird behoben, man setzt von neuem an. Aber schon nach wenigen Minuten geschieht das nächste Malheur: Diesmal verabschiedet sich eine Saite vom Instrument der Geigerin. Es ist, als müsse das Material vor der übergroßen Gespanntheit dieser Musik kapitulieren. Als müssten die Musiker gezwungen werden, sogar diesem Totentanz mit überlegener Gelassenheit zu begegnen.

Wieder schließt die Cellistin die Augen, wieder beginnt man. Und nun, beim dritten Anlauf, gelingt es. Und es gelingt auf eine so traumwandlerisch schöne, auf eine so herzzerreißend traurige Weise, dass man sich fragt, woher diese Musikerinnen schon wissen können, was sie da zum Ausdruck bringen. Mit einer solchen Inbrunst, mit solch inniger Hinwendung und lebenssatter Reife spielt Marie-Elisabeth Hecker das Largo, dass man fast ein wenig Angst um sie bekommen könnte.

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  • Schlagworte Klassik | ARTE | Cello | Musiker | Pianist | USA
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