KinoZwei und ihr Kino

Seit fast dreißig Jahren pflegen Claude Chabrol und Isabelle Huppert auf der Leinwand die heimliche Revolte. Auch in ihrem neuen gemeinsamen Film »Geheime Staatsaffären« von 

Für ihn hat sie ihre Tochter, ihre Eltern, eine ganze Familie und sich selbst umgebracht. Sie hat gelogen, betrogen, geschossen und in sieben Filmen eine Menge Gift in der Welt verteilt. Seit fast dreißig Jahren zieht Isabelle Huppert mit Claude Chabrol in die Schlacht. Sie ist die Partisanin seines Kinos, eine Muse, Begleiterin und Verbündete mit wechselnden Waffen. Ausgerüstet mit tödlichen Pülverchen wie in Violette Nozière , mit einem Jagdgewehr wie in Biester oder jetzt, als Ermittlungsrichterin in Chabrols neuem Film Geheime Staatsaffären, mit dem Paragrafenwerk der französischen Justiz. Manchmal, so Chabrol, träume er davon, Isabelle Huppert auf der Leinwand einfach nur ein Maschinengewehr in die Hand zu geben und sie alles niedermähen zu lassen.

Huppert und Chabrol, das ist eine seltsame Mischung aus Feminismus und Klassenkampf, weiblicher Aggression und Systemkritik, die sich auf der Leinwand zu einer unorthodoxen Heldinnengalerie zusammensetzt. Und zu einer im Gegenwartskino einzigartigen Symbiose von Regisseur und Schauspielerin.

Auf instinktsichere, manchmal sogar unverschämte Weise hat sich der Routinier Claude Chabrol in den letzten Jahren auf die ungeheuerliche Präzision und Präsenz seiner Lieblingsdarstellerin verlassen: Auf ihr nahezu unbewegtes Gesicht, in das sich alle Abgründe und Leidenschaften hineinlesen lassen. Auf ihr Spiel, das mit zwei Zuckungen des Mundwinkels von weltumarmender Lebensgier und kleinbürgerlicher Verzagtheit erzählen kann. Auf ihre elektrisierende Grundgereiztheit, die von großer Ungeduld mit den sich träge dahinschleppenden Phänomenen des Lebens kündet. Er drehte Filme wie das gediegene Mörderinnendrama Süßes Gift , die im Grunde aus nichts als Huppert bestehen. Er ließ sie, wie in der Betrügergroteske Das Leben ist ein Spiel, durch ein fadenscheiniges, rumpeliges Drehbuch schreiten, wohl wissend, dass Huppert das Kind schon schaukeln würde, ja dass am Ende auch die albernste Handlung an ihr abperlen und man allein ihren Ausdruck in Erinnerung behalten würde. Er, der große Analytiker der Bourgeoisie, eröffnete mit ihr ein weiteres Chabrol-Universum: das der an sich und der Welt scheiternden Kleinbürgerin. Auf der Leinwand sind Chabrol und Huppert eine Person, eine Idee, eine Haltung, eine Bild gewordene Komplizenschaft.

In seinem neuen Film Geheime Staatsaffären setzt Claude Chabrol mehr Huppert frei als je zuvor. Und damit auch jene latente Bösartigkeit und subversive Energie, die seit je ihre gemeinsamen Arbeiten durchdringen. Huppert spielt Jeanne Charmant Killman, eine Ermittlungsrichterin, die sich durch den Sumpf der Pariser Finanzaristokratie wühlt. Chabrol zeigt, wie sie eine Korruptionsaffäre aufklärt, die bis in die höchsten Staatsetagen reicht. Tatsächlich macht er wenig mehr, als die Kamera auf Huppert zu halten, die mit roten Lederhandschuhen, roter Tasche und roter Brille in die Schlacht der Verhöre, Hausdurchsuchungen und kompromittierenden Quittungen zieht. Man muss sich nur anschauen, wie sie ihr kleines, vermufftes Büro im Pariser Justizpalast betritt, um den ersten dicken Fisch in die Mangel zu nehmen. Mit siegessicherer Professionalität begegnet sie der Arroganz des Konzernchefs. Sie beugt sich über Akten und schießt kleine Schnipsel der Beweislage über den Schreibtisch. Ganz Herrin des Terrains, untersagt sie ihrem fein bezwirnten Gegenüber das Rauchen, um sich wenig später selbst eine anzuzünden. Huppert braucht nur diese Szene und ein paar winzige Gesten, um klar zu machen, dass sie angetreten ist, um den fett im Pariser Politfilz sitzenden Schmiergeldkönigen, der ganzen korrupten Mischpoke, mit aller Lust und Wucht vors Schienbein zu treten.

Und doch geht es Chabrol nur vordergründig um diesen Korruptionsskandal, der an die Affäre um den staatlichen Erdölkonzern Elf Aquitaine angelehnt ist. Seine Untersuchungsrichterin führt noch einen anderen, um einiges schwierigeren Feldzug, mit unübersichtlichen Fronten und wechselnden Feinden. Sie kämpft gegen das Imponiergehabe von Unternehmenschefs, die zwischen Büro und Aufzug von drei Sekretärinnen umflattert werden, die gerade das Wochenende mit der Geliebten arrangieren. Ihre Verdächtigen sind feiste Herrschaften in Ledersesseln, die bei Zigarre und Cognac über Karrierefrauen als Piranhas schimpfen. Und im Büro wartet ein Vorgesetzter, dem die Effizienz seiner Richterin unheimlich ist. Sie prallt gegen eine Mauer aus patriarchalischer Arroganz, gönnerhaften Attitüden und gegen die Codes der Herablassung. Kurz: Wie fast immer bei Chabrol-Huppert geht es auch um das Verhältnis von Männern und Frauen, um die uralten Regeln ihres Zusammenlebens, also ums Ganze.

Und wie so oft in Chabrols Filmen werden Geschlechter- und Klassenkonflikte auch in Geheime Staatsaffären so lange überlagert und verschmolzen, bis sie nicht mehr auseinander zu halten sind. Etwa wenn die industriellen Strippenzieher darüber lästern, dass die Richterin einst als Au-pair-Mädchen in die großbürgerliche Familie ihres Ehemannes kam. Oder wenn sich Killman von einem weltmännisch auftretenden Manager wegen ihres niedrigen Einkommens bemitleiden lassen muss.

Es ist ihre keineswegs unsympathische Freude am gesellschaftlichen Aufstieg, an der eigenen Prominenz, am Image der gnadenlosen Ermittlerin, die die Heldin von Geheime Staatsaffären mit ihren filmischen Schwestern im Geiste verbindet. Alle großen Chabrol-Huppert-Figuren wollen hoch hinaus, meistens höher, als ihre Umgebung zulässt. Schon die junge Violette Nozière , Titelheldin des 1978 entstandenen ersten gemeinsamen Films, versucht der kleinbürgerlichen Enge zu entkommen. In der elterlichen Wohnung spielt sie das kernseifeduftende Mädchen in Kniestrümpfen und verdingt sich nachmittags in einem Stundenhotel als Hure. Mit Geldgeschenken erkauft sich Violette die Zuneigung eines Schnösels aus feiner Familie, der sie jedoch im Stich lässt. Als das Doppelleben aufzufliegen droht, vergiftet die Achtzehnjährige kurzerhand ihre Eltern.

Hoch hinaus und vor allem hinaus aus der normannischen Provinz will auch Emma Bovary in Chabrols Flaubert-Verfilmung von 1991. Mit erstaunlichem Mitgefühl zeichnet Chabrol die brutale Lässigkeit ihres aristokratischen Liebhabers und Emmas kleinbürgerliche, romantisch entflammbare Unsicherheit, an der sie zugrunde geht. Hoch hinaus, zumindest ein bisschen höher als in den dritten Stock eines proletarischen Hinterhauses, will schließlich auch die Engelmacherin Marie-Louise Giraud in Eine Frauensache . Das heimlich verdiente Geld soll den Künstlertraum erfüllen, die Sehnsucht nach der Karriere als Sängerin, nach einem Leben jenseits der schmutzigen Treppenhäuser. Doch der aus dem Krieg heimgekehrte Ehemann fühlt sich vom neuen Selbstbewusstsein seiner Frau gedemütigt – und denunziert sie. Eine Frauensache ist eine jener lebenshungrigen Huppert-Revolten, über denen von vornherein eine erbarmungslose Schicksalhaftigkeit liegt. Beharrlich durchleuchtet Chabrol den Alltag des Vichy-Frankreich, das offiziell mit den Nazis kollaboriert, Abtreibung jedoch mit der Guillotine bestraft. »Es sind alles Männer, wie können sie verstehen?«, sagt Marie über ihre Richter.

Natürlich wird auch die Untersuchungsrichterin in Chabrols neuem Film in ihre Grenzen verwiesen. Sie scheitert an einer Verschwörung von Politik und Industrie, an einem Justizsystem, das sich zum Büttel der Mächtigen macht. Und sie verzweifelt an einem Ehemann, der sich von der Arbeitswut seiner Frau bedroht fühlt. Zu Hause, in der großbürgerlichen Riesenwohnung, pflegt er seine Depression und wechselt Glühbirnen aus, »die bald kaputt gegangen wären«.

Claude Chabrol selbst hat sich einmal als »cryptofeminist«, als verkappten Feministen bezeichnet, was sicherlich nicht kokett gemeint war. Und doch liegt ihm nichts ferner, als seine Figuren zu strahlenden Sinnbildern der Frauenbefreiung zu machen. Jawohl, sie sind Opfer. Opfer ihrer Herkunft, ihrer Männer, der patriarchalischen Verhältnisse, ihrer klischeebeladenen Sehnsüchte. Aber sie sind eben auch ganz und gar eigenständige Personen, widersprüchliche und komplizierte Autorinnen ihres Schicksals. Getrieben von Narzissmus, Arroganz und Größenwahn, geplagt von zerstörerischen Leidenschaften und billigem Romantizismus. So anrührend Violette Nozière sein mag, wenn sie sich von ihrem Geliebten bis auf die Knochen ausnutzen lässt, so eiskalt wirkt sie als Elternmörderin, die sich vor Gericht mit Engelsgesichtchen zum Missbrauchsopfer erklärt. Kleingeistig sind Emma Bovarys Prunksucht, ihre Verachtung für den trotteligen Ehemann, ihr Snobismus gegenüber den Dienstboten. Kein Mensch wird sich mit der Schweizer Schokoladenerbin solidarisieren, die in Süßes Gift ihre gesamte Familie mit homöopathischen Schlafmittel-Dosen sediert. Und die skrupellose Engelmacherin aus Eine Frauensache jagt uns Schauer ein, wenn sie schulterzuckend über den Tod einer Klientin hinweggeht, sich den misslungenen Eingriff sogar noch bezahlen lässt.

Anders als es zunächst scheinen mag, ist auch die Untersuchungsrichterin in Chabrols neuem Film keineswegs nur die hehre Dienerin des Staates. Manchmal scheint ihr die Allmacht ihrer Befugnisse zu Kopf zu steigen. Wenn sie mit Durchsuchungsbefehl und Verstärkung im Büro eines Konzernchefs einrückt, wenn sie mit herrischer Geste den Schlüssel zum Safe fordert und Laptops konfisziert, dann steht ihr der Triumph allzu offensichtlich ins Gesicht geschrieben.

Nein, diese Frauen sind keine Engel. Sie sind schlau, kalt, ehrgeizig, durchtrieben und allzu oft geld- und machtgeil. Wirklich mögen kann man sie nicht. Aber doch bewundern für die Beharrlichkeit, ja obsessive Energie ihres Strebens. Und für ihr vergebliches Aufbegehren.

Denn erst in ihrem Scheitern wachsen die Chabrol-Huppert-Figuren über sich und ihre Ambitionen hinaus. Erst wenn sie um sich schlagend untergehen, sich zum letzten Mal aufbäumen, gelangen sie zu ihrer wahren Größe. So wie die Engelmacherin aus Eine Frauensache , wenn sie im Gefängnis, vor dem Gang zur Guillotine, voller Hass und Verzweiflung ein blasphemisches Gebet zum Himmel stößt: »Heilige Maria, voller Scheiße, verfault sei die Frucht Deines Leibes.«

Den wohl schönsten Triumph im Untergang schenkte Chabrol dem Duo Isabelle Huppert und Sandrine Bonnaire in seinem Film Biester . Mit großkalibriger Munition strecken die Postbotin und das Dienstmädchen eine aufgebrezelte Familie im Salon ihres Luxushauses nieder. Plötzlich sind die Herrschaften nur noch bürgerliches Splattermaterial in einem Kampf, der lange begonnen hat, bevor die Handlung einsetzt. Genussvoll schießen Bonnaire und Huppert auf die Bibliothek, den Inbegriff unerreichbarer Bildung, und stellen den Fernseher ab, in dem eben noch Così fan tutte übertragen wurde. In der Stille nach der Schlacht, im Innehalten nach dem Mord und während sich das Blut langsam auf dem Parkett verteilt, gehen die beiden Frauen plötzlich auf in der Symbolkraft des Moments.

Wer würde nicht auch Jeanne Charmant Killman ihren Sieg in der Niederlage gönnen, den Moment der Genugtuung, bevor alles den Bach runtergeht. Während andere Chabrol-Huppert-Figuren sterben oder im Gefängnis landen, wird die unbequeme Richterin zwangsbefördert, was bei Chabrol ungefährt dasselbe ist, denn ihr wird der Fall entzogen. Kurz bevor sie ihr Büro verlässt, bietet ihr der Vorgesetzte, der sie an die Politik verraten hat, noch eine Prämie an. In diesem Moment schießt alles zusammen: die gönnerhafte Arroganz der Macht und die Ohnmacht einer Frau, die am Ende doch Opfer der Strukturen wurde, die sie eine Karriere lange bekämpft hat. Auch das Maschinengewehr, das Chabrol Huppert so gerne einmal in die Hand drücken würde, scheint plötzlich im Raum zu schweben. Doch der Realist und resignierte Träumer weiß, dass die Logik seiner Figuren zu subtil ist für die Revolution. Immerhin, die Richterin blickt ihren Chef einen Moment lang an, als sei er ein lästiges Insekt. Dann sagt sie mit schöner Beiläufigkeit: »Behalten Sie das Geld. Und kaufen Sie sich davon ein paar härtere Eier.«

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Claude Chabrol | Isabelle Huppert | Film | Kino
    Service