Klassiker der Moderne (23) Italienische Fischpredigt
Mit seiner Sinfonia schrieb Luciano Berio 1968 einen "Reißer" der Neuen Musik: tiefgründiger Humor, wenig Atonales
Als das Berliner Philharmonische Orchester anlässlich der Expo 2000 mit den Scorpions auftrat, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Längst war Cross-over zum Marketing verkommen. Doch als man in den sechziger Jahren begann, zusammenzubringen, was nicht zusammengehört, war das Ergebnis nicht nur sensationell, sondern wollte auch einer kulturell verunsicherten Gegenwart den Spiegel vorhalten.
Für den 10. Oktober 1968 hatten sich die New Yorker Philharmoniker anlässlich ihres 125. Geburtstages ein Werk von dem italienischen Komponisten Luciano Berio gewünscht. Der brachte als Gratulanten die Swingle Singers mit, als Vorreiter des Cross-over schon damals ebenso legendär wie umstritten. Sinfonia taufte Berio sein Werk betont harmlos, doch derart »zusammenklingende Töne« waren bis dato kaum jemals zu vernehmen gewesen. »Ein musikalisches Weißglut-Erlebnis«, befand die Time, »welches die Malaisen der Zeit besser heraufbeschwört als alle Sit-ins, beards, beads und clubbings, die das heutige Leben hervorbringt.«
Im dritten Satz der fünfsätzigen Sinfonia lieh sich Berio das Scherzo aus Gustav Mahlers Zweiter Sinfonie aus, das seinerseits auf dem Wunderhorn-Lied Des Antonius von Padua Fischpredigt fußt – ein sarkastisches Gleichnis über die Behäbigkeit des Menschen. Berio gibt den Satz nahezu taktgetreu wieder, lässt ihn aber gelegentlich verstummen, instrumentiert ihn um, überzeichnet ihn. Er blendet Debussy und Beethoven mit delikaten Naturschilderungen ein, treibt Mahler mit ein paar Takten aus dem Sacre du Printemps voran, demontiert den schwungvollen Walzer aus Strauss’ Rosenkavalier mit Hilfe von Ravels La Valse. Der Spaßfaktor war hoch, der Atonalitätsgrad gering. Die Neue Musik besaß einen »Reißer«.
Der Humor dieser Collage aber täuschte, wie derjenige in Mahlers Scherzo. Die Sinfonia zeichnete ein pessimistisches Porträt vom Aufbegehren der 68er. Immer wieder feuern die Swingle Singers an: We need to do something, Keep going! Sie skandieren Parolen, die während der Pariser Mai-Unruhen auf Häuserwände geschrieben wurden. Am Ende setzt sich tiefste Resignation durch. Über weite Strecken wird aus Samuel Becketts Roman The Unnamable gelesen – übrig bleiben Geste und Show. Und der Name des Dichters Majakowskij, den eine mörderische Diktatur in den Freitod trieb. Wer wollte da noch den Fischen predigen?
Die Wucht des Werkes hat keine Einbußen erlitten. Beim ersten Hören der Sinfonia wird deutlich, wie eng Mahler, die vielen Zitate und Beckett aufeinander abgestimmt sind, und bei jeder Wiederbegegnung erkennt man mehr Bezüge. Für einen kurzen Moment war Cross-over eine ernste und kluge Angelegenheit. Christoph Becher
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.07.2006
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