Gaza-Stadt

In Gaza City tobt sich der Krieg im Schufa-Krankenhaus aus. Verletzte werden auf Händen hereingeschleppt, überarbeitete Ärzte hasten von einem Patienten zum anderen, es ist ein chaotisches Durcheinander. Über fast jedem Bett sind Bilder von »Märtyrern« befestigt, die in ihnen starben. Die Stationen sind voll belegt. Statt Krankenschwestern kümmern sich schwarz gekleidete Mütter und Frauen um ihre verwundeten Angehörigen.

Dort, wo es für Hilfe zu spät ist, gibt es ruhige Stellen. Ein junger Mann liegt auf einer Stahlpritsche. Er hat ein schönes, scharf geschnittenes Gesicht. Der Kopf ist in den Nacken zurückgefallen. Ein dünnes Rinnsal Blut ist aus der Nase ausgeflossen und auf der Wange eingetrocknet. Ein weißes Papiertuch deckt den Körper ab. Unten ragen die Füße heraus, grau, blutleer, wie aus Stein gemeißelt. Eine Kugel hat eine fingerlange, ovale, tödliche Wunde in seine linke Schulter gerissen.

Nachts um halb zwei reißt eine gewaltige Explosion die Stadt aus dem Schlaf. Der Strom fällt aus. Stille. Dann springt ein Notstromaggregat an, übertönt dröhnend alle anderen Geräusche. Wenig später meldet das Fernsehen, ein israelischer Luftangriff habe das zuvor schon einmal bombardierte Außenministerium der palästinensischen Autonomiebehörde zum Einsturz gebracht. In den frühen Morgenstunden rattern Gewehrschüsse durch den Norden der Stadt.

Montag im Gaza-Streifen, an der fast schon vergessenen »Südfront« der Gewaltaufwallung, die den Nahen Osten heimsucht. Hier, daran muss man nun beinah schon erinnern, begann der unerklärte Krieg, den Israel seit gut einer Woche gegen die Milizen der Hamas und der Hisbollah führt. Am 25. Juni überfielen die Hamas und andere palästinensische Freischärler einen Militärposten in Israel und entführten den 19-jährigen Gefreiten Gilad Schalit. Der Landstrich ist seither abgeschnürt. Der Grenzübergang Erez ist nur für Journalisten und Mitarbeiter internationaler Organisationen offen. Sie müssen unterschreiben, dass sie weder der Internationalen Solidaritätskampagne für Palästina angehören noch Verbindungen zu ähnlichen Organisationen unterhalten.

Vor der Küste verjagen Schnellboote der israelischen Marine Fischer, die ihre Netze zu weit draußen im Mittelmeer auslegen. An der Ostgrenze donnern fast im Minutenabstand Panzerkanonen. Die Geschosse wühlen die Felder auf, sie sollen das Areal unzugänglich machen für palästinensische Kommandotrupps, die von dort aus Raketen abschießen wollen. Die Kleinstadt Beit Hanoun, eine Hochburg der Hamas, ist seit drei Tagen von der Außenwelt abgeschnitten. Israelische Scharfschützen haben die Hausdächer besetzt. Wer sich der Stadt nähert, riskiert, erschossen zu werden.

Es gibt auch ein »normales« Leben. Unter einer zerbombten Brücke sägen Kinder aus den Trümmern ragende Stahlruten ab. Sie laden die Streben auf ihre Fahrräder und bringen sie zu einem Alteisenhändler. Der, will einer wissen, schmelze das Metall ein und werde es, wenn die Blockade vorüber sei, nach Israel verkaufen.

Gazas Jeunesse dorée – so etwas gibt es hier! – und die eleganten Frauen reicher Palästinenser vertreiben sich derweil die Abende auf der Terrasse des noblen El Deira Hotel. Sie trinken Fruchtcocktails, rauchen Wasserpfeife und bewundern ihre Babys. Man hat das Gefühl, der Krieg finde weit weg statt. In Wirklichkeit zersetzt er jede Faser des Lebens. Zuhair El Hendi macht jetzt sogar mit einer Bäckerei Verluste, die er vor wenigen Monaten für 30000 Dollar erworben hat. Der Brotverkauf bringt wenig Gewinn. Süßigkeiten und Spezereien, mit denen er Geld zu verdienen hoffte, vertrocknen in der Auslage. Kaum jemand kann sie sich mehr leisten.

Der Ausnahmezustand schlägt sich überall nieder, sogar in den Statistiken der Gebärstation des Schufa-Krankenhauses. Der Chefgynäkologe Thabet El-Masri rechnet die Zahlen gerade zusammen. Seine Station ist das Zentrum für Frühgeburten im mittleren und nördlichen Gaza-Streifen. Diese sind dem Arzt zufolge seit April von 47 auf 63 Prozent hochgeschnellt, ebenso die Fälle, die eine Behandlung der Babys auf der Intensivstation nötig machen. El-Masri hält die Kriegsführung Israels für verantwortlich, vor allem die Taktik von Jagdbombern, im Sturzflug über den Dächern der Stadt die Schallmauer zu durchbrechen. Der Lärm führe zu schreckverursachten Krämpfen und Gebärmutterblutungen. »Die Zahl lebensfähiger Geburten geht zurück«, erklärt er im kühlen Medizinerjargon, »und die Qualität der Erzeugnisse ebenso.« Eine Hebamme bringt ein in ein Tuch eingewickeltes Frühchen auf die Intensivstation, ein erbärmliches Wesen. Die Beine und das Rückgrat sind verformt, Leber und Gedärme hängen in einem transparenten Sack aus dem Bauch. Normalerweise sähen sie solche Entwicklungsanomalien ein- oder höchstens zweimal im Jahr, sagt der leitende Krankenpfleger Muhammad El-Hendi. In den vergangenen zwei Wochen habe es aber drei solcher Fälle gegeben, heute sei es schon der zweite. Er schiebt die Schuld allein israelischen Projektilen zu, die angeblich Chemikalien enthalten sollen. Eine wissenschaftlich vermutlich fragwürdige Theorie, aber im Krieg zählt der Glaube mindestens so viel wie die Wahrheit.

Plötzlich knallen Schüsse im Eingang des Hospitals. Die Menschen rennen und suchen Deckung. Mit Kalaschnikows bewaffnete Typen laufen durch die Gänge, besetzen Treppenaufgänge und Türen. Vor dem Ausgang sinkt ein von einer Kugel getroffener Mann auf den Bürgersteig. Zwei verfeindete Clans liefern sich ein Gefecht – mitten im Hospital.

Die Anarchie in Gaza hat seit der Machtergreifung der Hamas ein groteskes Ausmaß angenommen. Die Clans, die mit Waffen- und Drogenschmuggel ihr Geld verdienen, sind mächtiger denn je. Die teils von der Fatah und teils von der Hamas kontrollierten Sicherheitskräfte verfolgen unterdessen ihre eigene Agenda und treiben den Landstrich an den Rand eines Bürgerkriegs. Wer vor einem von den Truppen des Fatah-Paten Muhammad Dahlan mitten in der Stadt abgeriegelten Areal grundlos stehen bleibt, läuft Gefahr, erschossen zu werden.

Politisch scharfsichtige Geister vertreten die nicht ganz abwegige Ansicht, Hamas habe die Entführung des Gefreiten Schalit angezettelt, um von ihrer Unfähigkeit abzulenken, den Gaza-Streifen zu regieren. Denn die Unzufriedenheit wuchs zusehends. Immer mehr Menschen bereuten es, den Islamisten mit ihrer Stimme zur Macht verholfen zu haben. Sie warteten vergeblich auf geordnete Zustände, die Hamas während des Wahlkampfs versprochen hatte. Nach dem israelischen Einmarsch sind sich wieder alle einig. Die Juden, das alte Vorurteil ist nun auch bei vielen gemäßigten Palästinensern wieder zum Gemeinplatz geworden, seien die Ursache allen Übels.