ESOF 2006 Euroscience übt noch
Das europäische Forschungsforum ist weiter auf der Suche nach seiner Identität, kommentiert
Wie ideenreich ist Europa eigentlich? Gibt es eine eigene europäische Wissenschaft? Für solche Fragen bot sich das große Euroscience Open Forum ( Esof ) an, das in dieser Woche 1500 Forscher und Förderer, Wissenschaftspolitiker und Journalisten nach München gelockt hatte.
Wissenschaft ist zwar universal, dennoch hatte diese europäische Konferenz ganz eigene Qualitäten. Europas Kultur bringt Forscher auf andere Ideen und Produkte als Asien oder Amerika. Unsere Kultur ist streitlustiger, skeptischer, manchmal humorvoller und nachdenklicher oder gar ein wenig melancholischer als das atemberaubend dynamische Forschungsumfeld in Asien oder das fortschrittsgläubige in den USA.
Europa soll zwar zum führenden Forschungsraum werden, ist aber noch ein wissenschaftlicher Flickenteppich ohne Identität. Gerade hier könnten reflektierende und kulturelle Momente den Aufbruch fördern. Kraft ist da, das belegten mehr als 200 Vorträge, Dutzende Sitzungen und Diskussionsrunden, viele Reden. Bundespräsident Horst Köhler beschwor die Investition in Wissenschaft als »beste Sozialversicherung für die Zukunft«. Fast wichtiger jedoch war der europäisch-bayerische »Science Biergarten« im Zentrum der Konferenz. Hier diskutierte ein buntes Forschervolk aus mehr als 49 Staaten, entwarf Projekte, schmiedete Pläne. Und übte Kritik.
Tatsächlich waren auf dem Forum jene Themen untervertreten, über die sich die Europäer dringend verständigen müssten: die Stammzellforschung, die grüne Gentechnik, die Nukleartechnik. Die Initiatoren und Sponsoren wollen das Euroscience Open Forum verstetigen – da wäre es eine wichtige Aufgabe für die nächste Konferenz im Jahr 2008 in Barcelona, auch die Konflikte besser zu thematisieren. Eine gemeinsame europäische Forschungspolitik wird zweifellos immer wichtiger. Dies gilt dann aber auch für die Diskussion um ihre Ausrichtung, ihre Werte und ihre strategischen Ziele. Gewiss, Konflikte könnten bei der Suche nach gemeinsamer Identität stören. Aber ein Open Forum muss eben auch offen sein für kritische Gedanken.
- Datum 19.07.2006 - 08:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.07.2006
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