Seit einer Woche und länger erleben wir in Israel, was bisher unvorstellbar schien: Ein Raketenregen geht auf unsere Städte nieder, der Norden des Landes ist unter Beschuss. Während diese Zeilen geschrieben werden, finden acht Arbeiter in der Unterstadt von Haifa in einem Depot der israelischen Eisenbahn den Tod. Ende Juni: Junge Männer betrauern den Tod eines Freundes, eines gerade mal 18-jährigen Siedlers, in Jerusalem BILD

Unvorstellbar? Man schreibt das Wort und wundert sich zugleich darüber. Im Radio geben die Behörden ihre Anweisungen aus, verlangen von den Fahrern, ihre beim letzten Alarm mitten auf der Straße zurückgelassenen Autos fortzuschaffen und die Fahrbahnen nicht zu blockieren, Rettungswagen hätten Verletzte zu bergen; den Studenten wird mitgeteilt, dass Prüfungen verschoben werden; der Zivilschutz fordert die Bevölkerung auf, sich in geschützte Räume zurückzuziehen, möglichst weit entfernt von Fenstern und Außenwänden. Das gilt zunächst für die Landesteile nördlich von Haifa und Tiberias, doch bald werden auch die Bewohner von Tel Aviv vorgewarnt.

Die Wirklichkeit hat sich plötzlich verwandelt, sie scheint grotesk zu werden und aus den Fugen zu geraten – aber ist sie unvorstellbar? Während man den Worten im Radio, den Szenen auf dem Bildschirm folgt, ist man weniger überrascht, als man es gern wäre. Was jetzt geschieht, ist nie undenkbar gewesen; man hat sich nur geweigert, es zu denken.

Israel ist in den Ausnahmezustand getreten. Die militärische Aktion, deren Zeugen wir werden, trägt den Codenamen »Neue Richtungen«, und sie soll, so wird uns versprochen, eine veränderte Situation herbeiführen. In der Demokratie – anders, als Carl Schmitt es sich vorgestellt hat – ist der Ausnahmezustand aber keineswegs nur ein Freibrief für die Herrschenden; spätestens mit ihm ist auch der Augenblick gekommen, der den Bürger zum Nachdenken zwingt.

Und schlagartig wird deutlich, dass Raketen über Israel gar nicht die Ausnahme sind, sondern seit langem zum Alltag dieses Landes gehören. Freilich nicht in seinen Macht- und Wirtschaftszentren, nicht in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv, sondern an seiner sozialen und politischen Peripherie. Seit Jahren im südlichen Sderot, das an den Gaza-Streifen grenzt, und früher im nördlichen Kiryat Schmona, an der Grenze zum Libanon – Entwicklungsstädte, die nicht nur geografisch weitab von Israels Metropolen liegen. »Unvorstellbar« waren die Raketen nur in unserer kollektiven Rhetorik, in Wahrheit haben wir sie verdrängt.

Auch aus unserem Gedächtnis. Der zweite Golfkrieg des Jahres 1991 ist noch gar nicht so lange her, da fielen irakische Scud-Raketen auf Tel Aviv und Haifa. (Nur Jerusalem lag nicht in der Schusslinie Saddam Husseins, als angeblicher Vorkämpfer des Islams durfte er den Felsendom nicht gefährden.) In unseren Wohnungen mussten wir Zimmer abdichten und Gasmasken aufsetzen, es wurde ein Krieg mit chemischen Waffen befürchtet. Die Bilder haben damals eine gewisse Berühmtheit erlangt, ihre Assoziation mit Auschwitz wird dazu beigetragen haben, dass wir sie schnell wieder vergessen wollten.

Jetzt, anderthalb Jahrzehnte später, hat sich vieles verändert. Es ist die Peripherie, die ins Zentrum der Ereignisse rückt: Zuerst wird ein israelischer Soldat in den Gaza-Streifen entführt, dann zwei weitere Soldaten in den Libanon. Islamistische Bewegungen im Süden und im Norden – die Hamas der Palästinenser, die libanesische Hisbollah – versuchen Israel in die terroristische Zange zu nehmen, und der Casus Belli ist gegeben.

Premierminister Ehud Olmert, der in dieser Situation seine Entscheidungen zu treffen hat, ist erst vor wenigen Monaten gewählt worden. Und im Gegensatz zu anderen Regierungschefs in der Vergangenheit – Jitzhak Rabin, Ehud Barak, Ariel Scharon – hat weder er noch sein Verteidigungsminister Amir Peretz die militärische Erfahrung eines Generals. Auf den ersten Blick mag das ein Nachteil sein; sollte der Ausnahmezustand uns aber ein wenig Glück bringen, so ist es vielleicht umgekehrt: Der Staatsmann hat nicht nur den Krieg zu gewinnen, sondern auch den Frieden, und das gelingt Generälen nicht immer.

Vor vierundzwanzig Jahren, 1982, führte Ariel Scharon uns vor, wie man es falsch macht. Soeben hatte Anwar al-Sadat seinen Frieden mit uns geschlossen, und Menachem Begins Verteidigungsminister wollte hoch hinaus. Im Libanon sollte der Nahe Osten verändert werden, in Beirut sollten die Christen an die Macht kommen, Jassir Arafat und seine Palästinenser sollten nach Jordanien verfrachtet werden und dort das haschemitische Königreich übernehmen. Im Massaker, das die Falange-Milizen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila verübten, erlitt diese Strategie schon bald ihren Schiffbruch, und die Folge war ein achtzehnjähriger Stellungskrieg, der auf beiden Seiten Tausende Opfer forderte. Im Jahr 2000 endete er in einem wenig durchdachten Rückzug, dessen Preis wir jetzt zu zahlen haben.

Es geht ein weiteres Mal darum, die Gefahren auszuräumen, die uns aus dem Süden des Libanons drohen, doch das politische Klima hat sich grundlegend geändert. Es war noch Ariel Scharon selbst, der im Sommer 2005, ein halbes Jahr vor seinem Schlaganfall, den Abzug aus dem Gaza-Streifen vornahm und damit ein Zeichen setzte. Jahrzehntelang hatte er alles getan, um die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten voranzutreiben, und jetzt, nach dem Tod Jassir Arafats, wusste niemand besser als er, dass die Zeit der Okkupation allmählich zu Ende gehen musste.

Scharons Verzicht auf den Gaza-Streifen kam einem politischen Erdbeben gleich. Der Likud, die damalige Regierungspartei, brach auseinander; durch die Zufälle eines persönlichen Schicksals wurde Ehud Olmert, zweiter Mann in der von Scharon gegründeten Kadima-Partei, zum Premierminister gewählt; und zwei islamistische Bewegungen, ermutigt durch Israels doppelten Rückzug im Norden und im Süden, witterten leichte Beute.

Sie setzten zum Zangenangriff an, und der Ausnahmezustand trat ein. Israel hatte sich auf einen neuen Weg gemacht, mit der Hamas- und der Hisbollah-Bewegung nebst ihrem Raketenarsenal jedoch verbanden sich zwei Feinde gegen den Judenstaat, die ihm das Existenzrecht absprechen. Wenn die Regierung jetzt nicht handelte, drohte sie von einer Entwicklung überrascht zu werden, deren Dynamik nicht abzusehen war.

Es ist ein Augenblick, in dem die Weichen für die Zukunft gestellt werden, und Ehud Olmert und Amir Peretz dürfen die Fehler des alten Scharon nicht wiederholen. Ihre militärische Aktion an beiden Fronten muss umsetzen, was ihnen der neue Scharon als Erbe hinterlassen hat. Die Erkenntnis, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten eines Nachbarstaates einzumischen haben; auch nicht in die Angelegenheiten eines Nachbarvolkes, dessen Staat noch nicht errichtet ist. Dass es zu unterscheiden gilt zwischen Terrorismus und dem legitimen Wunsch nach Freiheit; nach dem Ende einer Besatzung, die auch wir nicht ertragen würden, wenn ein Nachbar sie uns aufdrängen wollte.

Es wird nicht leicht sein, diesen goldenen Mittelweg zu gehen. Denn hinter Hamas und Hisbollah stehen ein judenfeindlicher Iran und ein Syrien, die den Konflikt im Nahen Osten nicht beenden wollen. Doch andere – stillschweigend und nicht nur stillschweigend, im Westen und in der arabischen Welt – geben uns Zeit, und wir sollten sie nützen. Damit uns, wie es leider schon zu oft geschehen ist, der Ausnahmezustand nicht wieder zu einem Dauerkrieg erstarrt.

Der Autor, geboren 1944, lehrt Germanistik an der Hebräischen Universität Jerusalem. 2005 erschienen von ihm in Deutschland »Der Traum und der Tod: Heinrich Heines Poetik des Scheiterns« und der Roman »Mir soll’s geschehen«