Radsport Training macht den Körper zum Genie

Natürlich ist dem Menschen nicht sein Leib – sondern der Wunsch, diesen zur Kunst zu optimieren. Gedanken des Kulturwissenschaftlers Hartmut Böhme zum Fall des Radlers Jan Ullrich

In Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften , dessen Protagonist Ulrich heißt wie unser gestürztes Rad-Idol, heißt es: »Es hatte damals schon die Zeit begonnen, wo man von Genies des Fußballrasens oder des Boxrings zu sprechen anhub, aber auf mindestens zehn geniale Entdecker, Tenöre oder Schriftsteller entfiel in den Zeitungsberichten noch nicht mehr als höchstens ein genialer Centrehalf oder großer Taktiker des Tennissports. Der neue Geist fühlte sich noch nicht ganz sicher.« Für den Romanhelden Ulrich reicht diese Inflation von Genies schon aus, um Abschied von allen heroischen Karrieren zu nehmen und ein Mann ohne Eigenschaften zu werden, statt sich auf eine einzige zu konzentrieren und diese ins irgendwie Geniale zu steigern. Das aber darf man mit Fug von einem Pedaltreter erwarten: nichts als dieser zu sein. Unser Jan Ullrich indes hat zu viele Eigenschaften. Und darum fehlt ihm zuletzt das Zeug zu einem Idol oder einem Genie der Straße. In die Sportgeschichte wird er eingehen als einer, der seinem Talent nicht gewachsen war.

Als Ulrich, der Romanheld, auch noch von einem »genialen Rennpferd« liest, fallen ihm seine Begabungen und Eigenschaften endgültig ab wie welke Blätter. Pferde sind erstklassige Renner, aber bekanntlich ziemlich dumm. Doch das ist übelwollend. Denn auch von Menschen, Sportlern zumal, finden wir es ganz richtig, dass sie auf irgendeinem Gebiet – Ballzauberer, Bergkönig, Iron Man – Wunderbares leisten, darüber hinaus aber von begnadeter Ahnungslosigkeit sind. Unter den Bedingungen der funktionalen Ausdifferenzierung, die die Moderne und darum auch den Sport charakterisiert, erwarten wir geradezu, dass die Genies des Rasens, des Rads oder der Schanze wie Pferde sind. Und Pferde wie Maschinen. Daran hat es der andere Ullrich, Jan eben, deutlich vermissen lassen. Er wollte mehr als ein Pferd, nämlich Mensch sein, und damit fängt bekanntlich alle Fehlbarkeit an.

Die modernen Götter des Sports sind sterblich und austauschbar

Nun sind die Enttäuschung und Empörung groß. Sie schlagen auf der Richterskala der sportiven Erregungen nur deswegen nicht so weit aus, weil zum Zeitpunkt, als die Nachricht vom Göttersturz des Pedalisten uns erreichte, wir gerade auf der Welle des fußballerinen Enthusiasmus surften. Nicht nur Jan, fast alle Favoriten der Tour sind gesperrt. Nun wird das graue Feld der Rad-Heloten nicht mehr von den großen Stars gekerbt. Kaum bemerkt, fast wie durch die Hintertür, haben die noch nicht erwischten Pedaltreter und all die Wasserträger, die ungedopt im Niemandsland des Feldes ihre Dienste für die Chemie-Helden verrichteten, das Rennen schon während der spannendsten Phase der WM aufgenommen. Doch müssen wir uns nicht sorgen: Auch wenn neben Ullrich manch weiterer Favorit gesperrt wurde, es werden neue Stars geboren werden. Denn, wie gesagt, in einem funktions- und ökonomiebestimmten Sport sind die Leistungsträger so austauschbar wie überall sonst auch. Es muss Idole geben, aber nicht diesen da, heiße er Jan Ullrich oder Lance Armstrong.

Dennoch ist, was uns im Fall Jan Ullrich widerfuhr, für das Spektakel und die Ökonomie des Sports bemerkenswert. Da ist zuerst die tragische Fallhöhe, der Sturz des Stars. Stars sind Objekte eines gnadenlosen Vampirismus, mit dem wir Fans unsere Verehrungsobjekte aussaugen. Es ist seit langem bekannt, dass der Sport als kompetitives Spektakel heute nicht nur ein besonders deutlicher Fall der modernen Leistungsgesellschaft, sondern der popularen Konsumkultur ist. Die modernen Götter sind Markenzeichen, mit denen sich zu identifizieren Lust bereitet, die stets auf Wiederholung aus ist und in ihrer Unersättlichkeit ziemlich mobil. Wir wollen die Fußballkunst wie ein Elixier hineinschlürfen, und wenn es Ronaldo nicht mehr bringt, bringt es eben Cristiano Ronaldo.

Mit dem Radsport ist es nicht anders. Für die Fans müssen Idole sein, egal, welche. Anders als in alten Religionen sind die Götter heute sterblich und austauschbar, sie können verworfen, verbraucht und symbolisch getötet werden. Der moderne Sport hört niemals auf das Regime des einen Gottes. Er ist abergläubisch, pagan, und huldigt der Vielgötterei und Idolatrie. Darum ist die Sport-Religion so anschlussfähig für den polymorphen Kapitalismus, dem es ebenfalls nur auf die gesteigerte Zirkulation der Werte ankommt, nicht auf ihren Inhalt oder ihre Besonderheit. Aus diesem Grund sind wir längst daran gewöhnt, unsere Wünsche nach überalltäglichen Idolen abzusichern durch einen robusten Zynismus, der auch Götterstürze so routiniert wegsteckt wie die gewohnten Enttäuschungen, dass der Glanz der Waren nicht hält, was er verspricht.

Fetischistische oder idolatrische Kulte im Sport oder im Konsum operieren längst nicht mehr im Modus zwanghafter Anhänglichkeit wie früher der religiöse oder sexuelle Fetischismus oder der magische Bann der Götter. Vielmehr gehört es zur Moderne, dass sie die psychischen Bindeenergien durch bezaubernde Objekte ebenso ausnutzt, um kollektive Erlebnisintensitäten zu choreografieren, wie austauscht, wenn die Aura der Diven und Stars wie jetzt im Falle Jan Ullrichs implodiert. Der Sudden Death eines Halbgotts wird durch die notorische Untreue unserer gefräßigen Unterhaltungsgier ausgependelt, wenn er nicht gar als eine besonders erlebnisdichte Tragödie konsumiert wird. Wenn schon ein Rennpferd genial ist, dann ist der Fall eines Rennfahrers tragisch.

Der zweite Punkt, der durch den Abtritt Jan Ullrichs grell beleuchtet wird, ist der manipulierte Körper. Bertolt Brecht notierte schon 1928 in dem kleinen Aufsatz »Die Krise des Sports«: »Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.« Wir wissen also, dass Hochleistungssport mit Gesundheit kein Paar bildet. Womit aber dann? Mit Betrug? Mit Entertainment? Mit Profit? Mit Karriere? Ja gewiss, mit alldem. Dem Körper durch Doping zu Leistungen zu verhelfen, die er durch bloßes Training nicht erbringt, dient ja nicht nur der Leistungssteigerung. Sondern diese dient dem Ruhm und dem Geld, das Sportstars ebenso für sich wie für ganze Stäbe und Firmen erwirtschaften. Der Körper generiert den Sieg, der Sieg den Ruhm, der Ruhm das Geld. Auf dieser Linie sind die physische, die symbolische und die ökonomische Ebene des Sports nicht nur verbunden, sondern verkettet. Es wäre toll, dies zu leugnen.

Doping ist ein Symptom des Systems Sport, ein kultureller Trend

Das schwächste Glied in dieser Kette ist jedoch, gegen allen Anschein, der Körper. Da er auch die Quelle der symbolischen und ökonomischen Wertschöpfung ist, versteht sich von selbst, dass er zum Instrument, zum Medium und zu Kapital gemacht werden muss. Das erzeugt, auf physiologischer Ebene, systemische Widersprüche: Körperleistung trifft schneller auf Grenzen als die Wünsche nach Sieg, Ruhm, Karriere und Geld. Jeder Star wird heute auf all diesen Ebenen gemanagt. Und es ist wahrlich eine Kunst, das Körpermanagement mit den Ansprüchen auf symbolisches und reales Kapital so zu balancieren, dass der Körper des Stars für eine Reihe von Jahren seine Leistungsfähigkeit bewahrt, um mit ihm hinreichende Beträge an Ruhm und Geld zu erwirtschaften – für den Star selbst wie seine Hintermänner. Es ist von außen schwer vorstellbar, welch ungeheurer Druck in diesem komplexen Gemenge erzeugt wird. Denn Sport funktioniert längst nicht mehr als Ich-AG, sondern als System.

Darum ist der gedopte Körper, auch im Fall Jan Ullrichs, nicht als moralischer Defekt einer Person zuzuschreiben. Doping ist vielmehr das Symptom des Systems Sport und stellt darüber hinaus einen kulturellen Trend dar. Doping ist keine individuelle Perversion, sondern der verfemte Teil eines Megatrends, der weit über den Sport hinausreicht. Das macht die Sache nicht besser und entschuldigt auch nicht die skandalöse Verantwortungslosigkeit von Verbänden, Funktionären, Ärzten, Managern, Firmen, die daran beteiligt sind.

Es hängt anthropologisch mit der exzentrischen Positionalität des Menschen (Helmuth Plessner) zusammen, dass er nicht nur seine Umwelt, sondern auch sich selbst auf allen Ebenen vergegenständlicht, und das heißt heute: verwissenschaftlicht. Sportler sind szientifische Artefakte. Leistung wird schon längst nicht mehr als Vermögen des natürlichen Leibs verstanden. Sondern der Körper wird angeeignet und modifiziert, ein Körper, den wir haben wie ein Ding, das optimiert werden muss. Man ist kein Verächter der Ästhetik gut trainierter Körper, wenn man behauptet, dass Leistungssportler Züchtungsprodukte sind und ihre Körper kunstvolle Instrumente. Dagegen ist schon deswegen schwer zu argumentieren, weil es seit der Jungsteinzeit, also seit den Hirten- und Bauernkulturen, eine tief verwurzelte Selbstverständlichkeit ist, dass die Menschen Tiere, Pflanzen und sich selbst optimieren. Nichts anderes war und ist: cultura. Noch die schönen Idealkörper klassischer Kunst legen davon Zeugnis ab. Sie sind nicht Natur, sondern eben… Kunst.

Die Endlichkeit des Leibes als biomechanische Herausforderung

Über den moralischen Katzenjammer des Falls Ullrich sollten wir nicht vergessen, dass wir längst die biomechanischen Ingenieure und die molekularbiologischen Alchemisten des menschlichen Körpers geworden sind, dessen natürliche Grenzen vor allem als Herausforderung zu ihrer Überschreitung verstanden werden. Die Endlichkeit des Leibes ist die träge Grenze eines Willens, der ebendiesen Leib zu seinem Produkt und Instrument machen will – sei’s früher als Krieger oder heute als Sportler.

Vergessen wir auch nicht, dass außerhalb des Spitzensports Millionen normaler Bürger mit Pharmaka aller Art, durch mitunter gesundheitsgefährliche Diäten, durch mentale und physische Fitness-Programme und medizinische Selbstsorge ihren Körper einem umfassenden Regime unterwerfen, das die eigenen Leistungsgrenzen ausweiten soll. Wir sind längst unsere eigenen Biopolitiker geworden. Darin überwiegen die Angst, den Leistungsanforderungen nicht mehr zu genügen, und der Wunsch nach Selbststeigerung bei weitem das löbliche Interesse an Gesundheit. Denn Gesundheit ist dabei kein Ziel, sondern ein Mittel. Der Spitzensport bringt dies nur auf den Punkt. Der Unterschied zum multiplen Doping im Alltag besteht nur darin, dass dieser überhaupt nicht und jener zu wenig kontrolliert wird.

Es gibt einen fatalen Zusammenhang zwischen Spitzensportlern à la Ullrich und all den dopenden Hänschen um die Ecke, die allein in die weite Welt wollen, vor der sie doch Angst haben: Der Sport ist das medizinische, informatische, psycho-mentale und kybernetisch-mechanische Großlabor, in dem nicht nur die optimierten Körper unserer Sportidole fabriziert werden, sondern auch die Strategien eines alltagstauglichen Optimierungswettbewerbs, der seine Stützpunkte in all den Fitness-Studios, psychophysischen Trainingsprogrammen und leider auch Arztpraxen hat, die an den getriebenen Leistungsträgern unserer Gesellschaft verdienen wollen. Darum ist der Fall Ullrich zwar auch der Sturz eines Idols, der Crash eines Millionenunternehmens, die Beschädigung einer Sportart; er ist aber vor allem unser eigener Fall. Denn wir sitzen im Glashaus.

Der Autor ist Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Rowohlt Verlag die Studie: »Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne«

 
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