Die größte Last, die der moderne Liebhaber zu tragen hat, ist die Last der Bilder. Der Liebesakt ist (neben dem Mord) der meistfotografierte, meistgefilmte Akt, den ein Mensch ausführen kann. Jedes Tun bedeutet Nachmachertum, Zitat, Heimwerkerelend. Der Mann beugt sich ironisch über seine Erektion, und er feiert ironisch jeden Höhepunkt. Er weiß zu viel über sich, als dass er sich noch gehen lassen könnte. BILD

Der Mann von heute hat auch schon Pornos gesehen, natürlich. In den USA, in Bushs Bible-Belt, ist die Porno-Industrie die größte im so genannten Unterhaltungsbereich, und bei uns klicken Millionen Leute die Adult-Seiten im Internet an.

Was sieht der Mann, wenn er Porno sieht? Ein geschwollenes, aufgepumptes, an allen Gliedern aus der Haut platzendes Dunlopmännchen, einen Ejakulationshelden, der seltsam uninteressiert am Weib vorbei auf sein stetig ein- und ausfahrendes Geschlechtsteil blickt. Ehe der Held ejakuliert, zieht er aber sein Glied ans Licht, denn er will sich ganz sicher sein: Ah, jetzt! Die Saat sprudelt ans Licht, ein Eiweißbrünnlein, drei Sekunden lang sprudelt es nur, dann wirft sich die Partnerin drüber und leckt es trocken.

Dieser kindische, rührende Moment, für den offenbar der ganze Film produziert worden ist, ist der Cum-Shot. Jeder Porno braucht den Cum-Shot, sonst ist es nicht echt gewesen. Mit dem Cum-Shot zahlt der Film seinem Zuschauer das Eintrittsgeld in Naturalien zurück. Der Cum-Shot ist die vulgäre Verbildlichung des letzten Glaubens, den der aufgeklärte westliche Mann noch hat, des Glaubens an seine Potenz, an die todesverscheuchende Wirkung der eigenen Manneskraft.

Der norwegische Dichter Ingvar Moe hat gesagt: »Wir leben so kurz und sind so unendlich lange tot.« Die Einsicht brennt tief in uns. Langer Tod, kurzes Leben. Und so packen wir alle Glückserwartung in die kompakteste Zeitkapsel. Der Orgasmus ist in der zwischen Carpe Diem und Todesangst schwankenden Kapitalistenwelt so etwas wie das kostbarste Gut: die angehaltene Zeit, ein Ewigkeitsausriss. Ich errege mich, also bin ich. Ich komme zum Höhepunkt, also war ich da. Im Betrachten eines Pornos wird der Mann in diesem Glauben bestärkt. Es wird ihm aber auch bewusst, wie albern dieser Glaube ist. Er begehrt und sieht sich dabei zu. Das macht ihn zum Clown.

Im intimen, millionenfach gesehenen, zu Tode inszenierten Moment des Liebesspiels ist der Liebhaber ganz bei sich – und als Betrachter seiner selbst völlig außer sich, ein Glutpünktchen, von weit oben gesehen wie von Google Earth.

Hugo von Hofmannsthal hat gesagt, eine Komödie setze alle Menschen in ein Verhältnis mit allen (alle sind schlecht, alle sind Kindsköpfe, über alle muss man lachen) und deshalb in ein Verhältnis der Ironie. Das sei der Gegensatz zur Tragödie, die sich am Unbedingten, Unvergleichbaren abarbeite. Insofern ist die Erotik von heute ein tragikomisches Feld: Jeder weiß alles darüber, wir stehen durchsichtig da.