NS-Zeit : Gepäppelt und verbraucht

In Mauthausen ist die erste Ausstellung über Bordelle in den Konzentrationslagern zu sehen.

Der Geschlechtsverkehr durfte maximal 20 Minuten dauern und war ausschließlich in Missionarsstellung zu vollziehen. Damit keine verbotenen Gespräche dabei geführt wurden, ist durch das Guckloch in der nicht verschließbaren Schwingtür die Ausführung observiert worden. Verhütung gab es nicht. Zehn Männer mindestens waren täglich zwischen sechs und acht Uhr abends zu bedienen. Eindringlich fotografierte Harald Arnold die Baracken, in denen die Insassinnen des KZs Mauthausens lebten und arbeiteten BILD

Hunderte der 8500 Frauen, die im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen gefangen waren, mussten »Sex-Zwangsarbeit« leisten, nachdem am 11. Juni 1942 das erste Lagerbordell im NS-Reich offiziell eröffnet worden war – auf direkten Befehl Himmlers, der »den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber zuführen« ließ. Neun weitere Bordelle von Auschwitz über Buchenwald bis Dachau folgten.

Die erste und europaweit einzige Ausstellung zum Thema »Sex-Zwangsarbeit« geht in Mauthausen behutsam und beherzt das Tabu der Tabus in der Auseinandersetzung mit der Nazizeit an. Völlig unspektakulär und schlicht ziehen die Exponate den letzten Schleier der Verdrängung vor dem Verdrängten herunter: Schon in der KZ-Welt vor 64 Jahren tabuisiert, haben Gesellschaft und Wissenschaft nach 1945 einen großen Bogen um die Bordelle gemacht. Die im Frauen-KZ Ravensbrück dafür selektierten Opfer waren damals schon herabgewürdigt und versteckten, falls überhaupt noch am Leben, nach der Befreiung ihr Schicksal.

Tafeln, Diagramme, Dokumente, Karten, historisches Bildmaterial zeigen in der »Lagerschreibstube« der Baracke1, die gleich nebenan das Bordell beherbergte, wie dort der Alltag organisiert war und welche psycho-soziale Aufgabe diese Sex-Wirtschaft in der Lager-Organisation und für die Rüstungsindustrie hatte.

Denn in erster Linie ist Sex als Belohnung in einem ausgeklügelten Prämiensystem eingesetzt worden. Sex war Teil militärischer und kriegswirtschaftlicher Strategie, war Anreiz zur Erhöhung von Arbeitskapazität und Produktivität der männlichen Gefangenen. Ausschließlich nichtjüdische Häftlinge mit außerordentlichen Leistungen durften für zwei Reichsmark Lagergeld einen »Sprungschein« erwerben, mit dem sie einen registrierten Geschlechtsverkehr erwarben. Vor dem Akt wurden sie untersucht und mit einer Injektion behandelt. Die Frauen hatten sich danach mit einer Kresol-Lösung zu waschen. 45 Pfennige war ihr Lohn, 20 Pfennige davon nur wurden ausgezahlt. Die Gelder flossen direkt in die Reichskasse.

Die SS stellte also nicht nur ihre schwarz uniformierten Männer als Test-Freier, sie fungierte auch als Zuhälter für die übrigens ausschließlich nichtjüdischen Frauen, die aus besonders schweren Arbeitskommandos mit dem Versprechen gelockt wurden, nach sechs Monaten Sex-Arbeit entlassen zu werden. Nicht wenige sahen darin eine Überlebenschance. Aber nach einem halben Jahr kamen sie nach Ravensbrück zurück, zu »Asozialen« heruntergestuft und zu medizinischen Experimenten missbraucht. Zwangsabtreibungen waren an der Tagesordnung. Lesben sollten umgepolt und Schwule in Heteros verwandelt werden. Selbstverständlich herrschte auch bei dieser Dehumanisierung der Frauen die Hierarchie: Die schönsten Frauen des Bordell-Personals wurden der SS zugeführt, andere den Frontsoldaten zur Verfügung gestellt, »die Drittklassigen« kamen in die Häftlingsbordelle. Mit Sonderkleidung, Sonderessen, Höhensonnen ausgestattet, wurden sie zur Attraktion auf Zeit herangepäppelt und verbraucht.

Eine Ausstellung, die den Betrachter stumm und mit trockenem Mund allein lässt. Gerade die karge Ausstattung, der unterkühlte Zugriff auf Archivalien und wissenschaftliche Erkenntnis rufen Fassungslosigkeit und Verzweiflung hervor. Hier trumpft nicht Selbstzweckdesign hochmütig auf – mehr als ruhige Sparsamkeit der Präsentation verlangt der Originalschauplatz nicht. Seine stille Leere hat der Wiener Fotokünstler Harald Arnold ruhigen Blicks gebannt; als betrachte er mit den Augen der Opfer den Appellplatz vergewaltigter Körperlichkeit, führt er die Kamera mit großer Empathie und Zurückhaltung ins Bordell, um das Bordell herum, auf das Bordell und durch die Fenstergitter aus dem Bordell heraus – keine Blickflucht, sondern eindringliches Hinsehen.

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3
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Sex-Zwangsarbeit

Ist ja unglaublich! Also ich kann behaupten, dass ich mich geschichtlich etwas auskenne, aber Zwangsarbeit in Form von "Sex" und noch dazu in einem Konzentrationslager und zudem für KZ-Häftlinge, also das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Ich hab mir übrigens die virtuelle Ausstellung bereits angesehen. [Link gelöscht, die Redaktion]

Einfach unglaublich

Zwang

Die Japaner haben im Zweiten Weltkrieg ein ähnliches System entwickelt: Koreanische, Niederländische u.a. Frauen haben zwangsweise als 'Trost-Mädchen' gearbeitet. Das Tabu auf dieser Materie ist in der Kriegsgeschichte Asiens schon bekannt, doch in Japan nicht anerkannt.

Herabwüdigung??

Liebe Traude,

Ich glaub nicht, dass die Ausstellung die betroffenen Frauen bloßstellen möchte. Diese Frauen sind in Österreich bis 2005 nicht als Zwangarbeiter(innen) im Sinne des NS-Entschädigungsgesetzes angesehen worden und hatten somit keinen Anspruch aus diesen Mitteln. Erst im Herbst 2005 wurden die sogenannten "Asozialen" Häftlinge in das Gesetz mit aufgenommen. Für viele kommt dies natürlich zu spät, aber ich glaube das sollte dennoch kein Grund sein wegzusehen und ein Tabu von einer Generation an die nächste mitzugeben und scheinheilig durch Mahn- und Gedenkstätten zu laufen und an jenen erhaltenen Baracken vorbeizugehen, wo beschriebenes Unrecht vollzogen wurde. Daher finde ich die Ausstellung einen wichtigen und richtigen Schritt und keinesfalls eine Herabwürdigung der Opfer.

Liebe Grüße! Zorrg

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