Geomarketing Deutschland privat

Adressenhändler und Unternehmen sammeln Daten über jeden von uns und verknüpfen diese jetzt mit digitalen Landkarten. Das lässt unsinnige und gefährliche Schlüsse zu.

Das Schreiben vom Brillengeschäft war an Matthias Kuhlmann* persönlich adressiert: »Wir haben Ihre Adresse von einem schwäbischen Adressenhändler gekauft. Dieser versicherte uns, Sie seien eine Frau oder ein Mann aus einem der besseren Stadtteile Hamburgs mit wahrscheinlich hoher Kaufkraft, überdurchschnittlicher Intelligenz und anspruchsvollem Lebensstil.« Man lade ihn zu einem Glas Champagner ein, bei dem er schicke Sonnen-, Fern- und Lesebrillen bewundern könne.

So funktioniert das Geschäft: Adressenhändler sammeln Informationen über Konsumverhalten, Zahlungsmoral und Einkommensverhältnisse jedes Haushaltes in Deutschland und verkaufen sie für Werbezwecke. 1,7 Milliarden adressierte Werbebriefe wurden im vergangenen Jahr verschickt. Je genauer ein Unternehmen die Adressaten kennt, umso wirksamer ist eine Marketing-Aktion. In Schickeriavierteln werben Optiker für Designerbrillen, in den Hochhäusern von Berlin-Moabit landet Schnäppchenpost.

Die Daten füllen seit langem die Festplatten der Adressenhändler. Nun jedoch kommt eine neue Dimension ins Spiel: Die Informationen über die Konsumenten werden mit digitalen Landkarten und Stadtplänen verknüpft, in die man nach Belieben hineinzoomen kann – bis auf die Ebene einzelner Straßenabschnitte. Auf dem Kartenausschnitt sehen Unternehmen, in welchen Straßen die Anwohner BMW und Mercedes fahren, welche Haushalte viel Geld fürs Telefonieren ausgeben und in welchen Vierteln die Zahlungsmoral niedrig ist. Das Motto: Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Geomarketing heißt das Stichwort, das den Puls von Marketing-Menschen in die Höhe treibt. »Statistische Daten werden erst dann interessant, wenn man sie mit geografischen Informationen verknüpft,« sagt Ernest McCutcheon vom Kartenspezialisten Digital Data Services in Karlsruhe, einem der Branchenpioniere. Im Geomarketing erscheint Konsum-Deutschland wie unterm Röntgengerät.

Die auf dieser Seite abgebildeten Karten zeigen nur ansatzweise, wie weit die Interpretationsmöglichkeiten von aussagekräftig bis völlig überzogen reichen. Als kleinste Informationseinheit ist meist der Landkreis, ein Wahlbezirk oder ein Postleitzahlengebiet gewählt. Mit der interaktiven Software von Geomarketing-Firmen kann man sich beliebige Straßenabschnitte vergrößern lassen und mitunter sogar die anonymisierten Konsumdaten von einzelnen Adressen abfragen. Solche Detailinformationen kosten mehr als 10000 Euro.

Zwar gibt nicht jeder Haushalt gern seine Einkommensverhältnisse preis, aber das ist auch nicht nötig. Marktforscher kennen andere Tricks: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) führt repräsentative Umfragen unter mehreren Zehntausend Deutschen durch und weiß, wie viel Geld die Befragten für 61 Warensortimente ausgeben, von Autozubehör über Backwaren und Damenoberbekleidung bis zur Tiernahrung. Der Adressenhändler Microm ordnet Haushalte und Nachbarschaften sozialen Schichten zu. Der Adressenhändler Schober verteilt jedes Jahr Hunderttausende von Fragebögen. Und der Kartenspezialist infas Geodaten, eine Tochter des Schober-Konzerns, schickt sogar Personal durch die Straßen, das den Wert und Zustand von Häusern abschätzt.

Für Statistiker und Geografen ist es ein leichtes, daraus die Zahlen auf Nachbarschaften und Straßenzüge umzurechnen. Das Prinzip lautet: »Gleich und Gleich gesellt sich gern.« Die Mieter in einem Hochhaus haben viele Gemeinsamkeiten, ebenso die Anwohner eines Villenviertels oder die Studenten auf dem Kiez. Es reicht also, wenn man nur über ein paar Personen etwas genauer Bescheid weiß.

Auch Behörden beteiligen sich am Konsumentenpuzzle: Das Kraftfahrtbundesamt verrät gegen Gebühr, unter welchen Adressen welche Automarken gemeldet sind – zur Anonymisierung werden mehrere Haushalte zusammengefasst. Und die Landesvermessungsämter haben eigens eine »Gemeinschaft zur Verbreitung der Hauskoordinaten« gegründet, um mit den GPS-Koordinaten aller Gebäude in Deutschland Geld zu verdienen.

Für Datenschützer ist das ein Albtraum. »Ich finde es problematisch, wenn Behörden aus fiskalischen Gründen Daten liefern, die für das Scoring herangezogen werden,« sagt der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. Beim Geoscoring verteilen Adressenhändler schlechte Noten für ganze Straßenabschnitte, wenn einige Anwohner Rechnungen oder Kredite nicht zahlen. Wer in so einer Gegend wohnt, muss meistens Vorkasse leisten, wenn er zum Beispiel im Internet einkauft. Schaar warnt vor sozialer Ausgrenzung: »Wer am falschen Ort wohnt, der wird pauschal beurteilt und bekommt unter Umständen keinen Kredit gewährt oder zu schlechteren Konditionen.«

* Name von Redaktion geändert

In der aktuellen Ausgabe des Magazins ZEIT Wissen erfahren Sie, was Datenhändler über die Privatadresse von Angela Merkel wissen

 
Leser-Kommentare
  1. Ich frage mich gerade, wie das alles mit unserem ach so tollen Datenschutzgesetzen möglich ist.
    Ich kann mich noch daran erinnern, als ich nach der Uni auf einmal anfing zu arbeiten und ach so plötzlich einen Brief von einem Autohaus bekam.

    Ich kann mir nur vorstellen, das z.B. die Krankenkasse Daten weitergibt. Das ist fast schon ein Grund nicht mehr mit der EC-KArte beim Einkaufen zu bezahlen und wieder auf Bargeld umzusteigen. Irgendwann werden bestimmt auch Profile über Posts wie diesen angelegt, um herauszufinden, wie sich die Psyche und die Einstellungen zusammensetzten. Schöne neue Welt.

  2. Im Prinzip trägt jeder selbst Verantwortung dafür, wem er sine Daten weitergibt und wem nicht. Falls ich im Zuge einer Geschäftsabwicklung via Internet auf einmal angeben muß, wo ich wohne, wie alt ich bin, welche Attribute mein Äusseres hat usw., klicke ich auf abbrechen, noch bevor ich ein einziges Zeichen in das Formular getippt habe, da verzichte ich lieber auf das Produkt, oder kaufe es im Laden, oder verzichte sogar darauf.
    Gibt es eigentlich auch Landkarten, auf welchen ich sehe, wie genau es welcher Händler mit Garantie, Freundlichkeit usw. nimmt? Kann mich an versuchte Klagen diverser Dubioser Onlinehändler erinnern, welche schlechte Bewertungen durch Kunden bekommen hatten, welche dies angekündigt hatten. Eigenschutz in Sachen Daten, wenn es der Wirtschaft hilft, kein Schutz für den Kunden. George Orwell sieht sicher mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf uns herab, 1984.... .

    • zimona
    • 22.07.2006 um 9:43 Uhr

    Das Ganze geht sogar noch weiter: Versuchen Sie einmal, wenn Sie die 'falsche' Postleitzahl haben, sich bei einem Online-Shop zu registrieren. Kein Erfolg. Es wird auf Postdirekt - eine Tochter der Deutschen Post - verwiesen. Es gebe Probleme mit der Adresse, möglicherweise sei man dort nicht gemeldet. Und das obwohl man seit Jahr und Tag dort Post zugestellt bekommt. Man könne Abhilfe schaffen, indem man ein unterschriebenes Formular zurückschickt, in dem man (fast) alle Persönlichkeitsrechte an Postdirekt abtritt. Möchte nicht wissen, wie viele das tun, um sich endlich online registrieren zu können. Das Absurde an dem Ganzen: Bei Verwendung einer PLZ aus einer 'besseren' Gegend klappt die Registrierung einwandfrei, obwohl man unter der Adresse nie gemeldet war, dort keine Post erhält. Selbst schuld, wenn man in einem Ghetto wohnt... Postdirekt weist die Vermutung von sich, dass es an der PLZ - die sich negativ auf den Scoringwert auswirken könnte - liege. Der OnlineShop erklärt sich schließlich nach längerem Briefwechsel dazu bereit, mich direkt ins System einzugeben und so Postdirekt zu umgehen.

    Alles in allem bleibt aber das Problem bestehen. Herr Seehofer sieht nur Handlungsbedarf, wenn es um Kredit-Scoring geht, dass aber Scoringwerte überall im Alltag Anwendung finden und dass sich die Zusammensetzung dieser Werte jeglicher Transparanz entzieht, ist ihm bisher entgangen.

  3. Was soll eigentlich die Aufregung?
    Wir als Konsumenten leisten dem doch selbst Vorschub- mit den Rabattkarten. Payback hat immerhin 28 Millionen Kunden.
    Man gibt dadurch quasi im Vorübergehen viele Details von sich und seinem Konsumverhalten preis und das für einen lächerlichen Rabatt.
    Die Verknüpfung dieser mit anderer Daten ist doch schon bereits im vollen Gange.

    Siehe auch: http://www.ard.de/ratgebe...

  4. "Gibt es eigentlich auch Landkarten, auf welchen ich sehe, wie genau es welcher Händler mit Garantie, Freundlichkeit usw. nimmt? "
    Antwort: Wenn, dann nur kurze Zeit, bis es durch Unterlassungsklagen wegen "Geschäftsschädigung" wieder eingestellt wird.

    • fbm
    • 23.07.2006 um 12:49 Uhr

    ein oder zwei der bisherigen kommentare verweisen auf die schuld des einzelnen an diesen datenerhebungen, frei nach dem motto "die DAUs wundern sich, dabei haben sie sich nur nie um ihren datenschutz gekümmert". der artikel richtet aber seinen fokus vor allem auf das verallgemeinern von solchen informationen. am beispiel: ich bin nachbar eines womöglich unvorsichtigen datenstreuers und seine niedrige zahlungsmoral sorgt dafür, dass ich von (zumeist ungewünschten) werbeversuchen so behandelt werde wie er...

  5. Herauszufinden, wo Kunden mit niedriger Zahlungsmoral sitzen, dazu braucht man keine Geoinformatik. Auch kann man nur schlecht verhindern, dass Leute durch die Straßen laufen und den Wert von Häusern abschätzen. Die Vorsilbe Geo- in "Geomarketing" bezieht sich nur auf die Visualisierung der Daten.
    Wenn Unternehmen von der schlechten Zahlungsmoral eines Kunden in einem statistischen Bezirk auf die Zahlungsmoral des ganzen Bezirkes schließen, so ist das moralisch nicht in Ordnung. Verhindern lässt sich das mit Datenschutz aber nicht.

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