Gesellschaft Die Stasi-Rentner

Ehemalige Offiziere des MfS leben in Berlin-Hohenschönhausen wie in einer Parallelgesellschaft. Sie treffen sich im »Insiderkomitee« und werten die Feindpresse aus. Dem Kinofilm »Das Leben der Anderen« setzen sie ihre unerschütterliche Weltsicht entgegen.

Peter Wiegand wartet in der Eingangstür einer Bank am Strausberger Platz in Berlin-Friedrichshain. Ein gedrungener Mann mit grauen krausen Haaren, in kurzärmeligem Hemd, in der Hand eine ausgebeulte Aktentasche. Wiegand schaut sich um, sucht ein Café; seine Wohnung ist für Journalisten tabu. »Ich kann mir eigentlich keine Gaststätten leisten mit meiner Strafrente«, sagt er. Wiegand war Oberst der DDR-Staatssicherheit: Er arbeitete als Vernehmer im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. In den siebziger Jahren hat er DDR-Bürger, die im kommunistischen Ausland straffällig geworden sind, zurückeskortiert. Meist waren es gefasste Flüchtlinge. Zuletzt betreute er Westdeutsche in Ostgefängnissen, vor allem Spione und Fluchthelfer. Die Bundesrepublik hat seine Rente um ein Drittel gekürzt. Wiegand ist nicht sein richtiger Name.

Er setzt sich auf eine Bank am Strausberger Platz. »Ich bin zu lebenslänglich verurteilt«, sagt er, »dabei habe ich nichts gemacht. Meine Eltern waren bei den Faschisten in Haft. Sie sagten: Rühr keinen Gefangenen an. Hab ich mich immer dran gehalten.«

Nur wirkt Wiegand auch nicht wie einer, der viel Mitgefühl mit den Gefangenen hatte; sein Ton ist harsch, sein Blick abweisend.

»Mit den meisten hatte ich kein Mitleid«, sagt er. »Waren ja Straftäter.«

Und wenn sich einer bloß jenseits des Eisernen Vorhangs verliebt hatte und über das kommunistische Ausland zu seiner Freundin rüberwollte?

»Warum hat er dann das arme Ungarn damit belästigt? Das bisschen Ehrgefühl hätte er haben können, einen souveränen Staat mit seinen Privatdingen in Ruhe zu lassen.« Er will doch noch etwas Positives sagen: »Ich habe von den Gesprächen mit den Häftlingen viel Allgemeinbildung gelernt. Meine Frau sagt, ich müsse mal zu Günther Jauch gehen. Ich bräuchte nur einen Telefonjoker für moderne Musik und Filme.«

Ein Telefonjoker für die neue Zeit – Wiegand ist ein bisschen wie ein in Bernstein konserviertes Insekt. Original Stasi. Bis hin zu dem mürrischen Zug, nach dem die DDR offenbar ihre Beamten mit Westkontakten aussuchte: die Grenzer, Reichsbahn-Schaffner und, so scheint es, auch die Betreuer von Westhäftlingen. Arbeit fand er nach der Wende keine mehr. Wahrscheinlich sind die letzten 16 Jahre deshalb so an ihm abgeperlt. Er hat nur Negatives erlebt. Selbst die Reisen, die er mit seiner Frau unternahm, konnte er nicht genießen. »Am Tegernsee sagten sie zu mir: Schön, dass ihr auch mal auf hohe Berge raufkönnt. Ich antwortete: Ich war schon auf 1000 Meter höheren Bergen. Im Kaukasus.«

Dann ist auch noch sein Sohn gestorben. Er war Leistungsschwimmer: Europameister, Silbermedaillengewinner bei Olympia. 1991 hat er im Alter von 32 Jahren einen Herzinfarkt bekommen. Vom Doping, hieß es in der Presse. »Unsinn. Ich habe ein Gutachten, das besagt, dass das nicht stimmt. Meine ganze Sippe hat es am Herzen, ich selbst habe zwei Bypässe.« Wiegand tut einem ein bisschen leid: ein alter Mann ohne Macht, ohne Land, ohne Sohn und sogar ohne Datsche. Bei der Stasi hatten alle Datschen so wie VW-Arbeiter Jahreswagen. Lediglich bei Wiegand meldete sich der Alteigentümer. Blieb nur das Vögelfüttern im Humboldthain. »Sogar die Meisen kamen zu mir auf die Hand«, sagt er. Im Winter hat er auch damit aufgehört.

Warum das denn?

»Na, wegen der Vogelgrippe!«

Wiegand hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Es heißt Besuchszeit. Er zieht es aus seiner Aktentasche und blättert es so ungeschickt auf, dass ein Aufkleber herausschaut, darauf steht seine Adresse, dabei wollte er die unbedingt für sich behalten. Er ist ein Geheimdienstmann außer Übung.

Das Buch handelt von seinen Berufserfahrungen in den DDR-Haftanstalten. Vor kurzem hatte er sogar eine Lesung, sie fand im Hotel Ramada statt, dem ehemaligen MfS-Ledigen-Wohnheim im Schatten der alten Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. »Wir von der Stasi sind ehrenwerte Leute: Wir haben uns immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten«, sagt er.

Ins Hotel Ramada waren auch ehemalige politische Häftlinge der DDR gekommen, die das natürlich anders sahen. Eine Frau erzählte, dass sie in DDR-Haft unter Drogen gesetzt und misshandelt wurde; ein Mann sagt, dass er sieben Jahre im Gefängnis saß, ohne jemals ein Geständnis abgelegt zu haben. Dann stand er auf und rief: »Ihr seid rot lackierte Faschisten.« Wiegand schaute konsterniert in die Runde. Seine Genossen, ehemalige Stasi-Offiziere, von denen bestimmt 30 im Publikum saßen, grummelten missfallend. Schließlich rief der letzte DDR-Spionagechef, General a. D. Werner Großmann: »Ich erstatte Anzeige. Ich lasse mich nicht als Faschist bezeichnen.« Die alten Hierarchien gelten noch: Der General spricht das Machtwort.

Als sich die MfS-Veteranen in der Woche darauf in einer Ladenetage nahe dem Bahnhof Lichtenberg wiedertreffen, reden sie noch immer anerkennend über ihren wehrhaften Chef. Doch der kleine Triumph weicht schnell einer seltsamen Sachlichkeit. Auch im internen Kreis geht es um Wiegands Buch: Einer der Männer will wissen, aus welchem Grund den Westhäftlingen Vitamintabletten in ihren Weihnachtspäckchen verweigert worden seien. Sie fragen so, als ob noch immer Westspione bei ihnen einsäßen; als ob es die DDR noch gebe und sie den an sich guten Strafvollzug noch ein wenig optimieren könnten. Eine Runde alter Männer, die sich nicht für das neue Land interessieren, so wie sich das neue Land nicht für sie interessiert.

Die meisten von ihnen wohnen nicht weit vom Lichtenberger Bahnhof. Zu DDR-Zeiten hatte die Stasi die Hälfte ihrer insgesamt 91.000 hauptamtlichen Mitarbeiter in Berlin stationiert. Manche sind nach der Wende aufs Land gezogen, sie haben sich ihre Datschen zu Wohnhäusern ausgebaut. So sparen sie sich die Miete. Ihre Hochburg aber ist das südliche Hohenschönhausen geblieben. Dort lag der Stasi-Sperrbezirk, in alten Stadtplänen als Güterbahnhof ausgewiesen. In Wahrheit waren dort hinter dicken Mauern die Untersuchungshaftanstalt des MfS und weitere Abteilungen der Stasi versteckt. Eine verbotene Stadt. Um den nahen Obersee hatten die Stasi-Generäle Wohnungen oder Villen, der DDR-Spionagechef Markus Wolf, sein Stellvertreter Werner Großmann und Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski. Allein der ehemalige Chef der MfS-Hauptabteilung für Wirtschaftsspionage ist am Obersee wohnen geblieben. Doch in den Plattenbauten und Fünfziger-Jahre-Häusern der umliegenden Straßen leben noch immer viele niedere Dienstränge: Majore, Hauptmänner.

Die Straßenbahn fährt in zehn Minuten von der Mitte Berlins ins kleine Stasi-Land hinaus. Gleich gegenüber der Haltestelle Freienwalderstraße liegt das Efinger, das früher Scharfes Eck hieß und die Stammkneipe der Stasi war. Im Vorgarten sitzen nur zwei Männer. Der eine hat schwarze halblange Haare und einen Ohrring, der andere weiße dünne Haare, er trägt ein beigefarbenes, kurzärmeliges Hemd. Keine Frage, wer Hauptmann a. D. Lothar Wötzel ist, der die Kneipe als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Äußerlich stimmen die Stasi-Klischees.

Wötzel arbeitete über zwanzig Jahre im Sperrbezirk. Hier, im Scharfen Eck, hat er mit den Kollegen auf Geburtstage, Hochzeiten und die Geburt ihrer Kinder angestoßen. Seine erste Tochter, erzählt er, sei am 12. August 1966 zur Welt gekommen. »Ich hätte mich ja über den 13. August gefreut. War der fünfte Jahrestag des Mauerbaus«, sagt er und lacht. Auch seine zweite Tochter verfehlte den 13. August knapp. Sie wurde am 19. August 1975 geboren.

Wötzel ist überraschend offen. Anders als die meisten Stasi-Mitarbeiter, die verschwiegen bleiben. Er trinkt seinen Kaffee aus, wirft noch einen prüfenden Blick in die Gaststube: auf die vergilbten Gardinen, die Holzdecke. »Ganz wie früher«, sagt er. Dann läuft er die Straße hinunter, an deren Ende das alte Untersuchungsgefängnis zwischen den Bäumen hervorschaut. Mittlerweile ist es eine Gedenkstätte. Früher wäre man nach 100 Metern an die Mauer des Sperrbezirks gestoßen. Jetzt steht hier ein Lidl. Gleich dahinter liegt ein Haus mit vernagelten Fenstern und einer rostigen Fahnenstange: Wötzels alter Arbeitsplatz, die Kriegsverbrecher-Kartei.

»Wie kann es sein, dass man uns alle pauschal als Verbrecher bezeichnet? Wir haben doch Nazis verfolgt!«, sagt er. Wötzel ärgert sich über die Artikel, die sich in den vergangenen Wochen häuften und ihn und die Kollegen als Ewiggestrige darstellten.

»Endlich muss mal die Wahrheit über uns ans Licht«, sagt er. Deshalb hat er sich als gläserner Stasi-Mann angeboten. Wötzel ist kein einfacher Gesprächspartner, er verliert sich in Details. Nur langsam kommt man in Richtung Haftanstalt voran. Dort fanden die Dienstversammlungen seiner Abteilung statt. Eine Zeit lang hat Wötzel selbst Gefangene vernommen: fahnenflüchtige NVA-Soldaten. »Bin ich nicht mit klargekommen. Geb ich ganz offen zu.« Seine Chefs beanstandeten die Vernehmungsprotokolle. Ihm fiel es schwer, Aussagen ins Stasi-Deutsch zu übersetzen. Das Klarkommen meint er fachlich, nicht psychisch. Es ist ihm noch heute ein bisschen peinlich. Wötzel wurde versetzt. Dass er zuletzt in der Abteilung für Kriegsverbrecher arbeitete, was moralisch besser klingt, war nicht sein Wunsch. Es war eine Degradierung.

Das ist alles nicht leicht zu verstehen. Wötzel hängt noch an den alten Maßstäben, einerseits. Andererseits sagt er: »Die totale Überwachung in den letzten Jahren der DDR fand ich völlig daneben.« Das Weltbild vieler Stasi-Leute 16 Jahre nach der Wende hat für Außenstehende irrationale Verwerfungen. Es ist eine Parallelgesellschaft mit eigenen Werten, Treffs und sogar einem eigenen Leitmedium: dem monatlich erscheinenden Rot Fuchs. Lothar Wötzel prägt eine Verbundenheit mit der DDR, aber auch eine späte Enttäuschung. Er verabschiedet sich freundlich. So war die Stasi offenbar auch: überzeugt, konfus, aber irgendwie auch herzlich.

Die Sonne ist untergegangen. Die letzten Besucher der Gedenkstätte besteigen ihren Bus; in diesem Jahr sind es mehr geworden. Ein Fernsehteam verstaut die Kamera. Das neue Land interessiert sich plötzlich doch für die alten Männer.

In der Diskussion der Bezirksversammlung Hohenschönhausen vom 14. März, die im Plattenbau hinter dem Gefängnis stattfand, war es zum Skandal im Sperrbezirk gekommen. Vordergründig ging es um Gedenktafeln. Der Leiter der Gedenkstätte in der Haftanstalt, Hubertus Knabe, hatte vorgeschlagen, an allen umliegenden Stasi-Abteilungen Schilder mit ihrer früheren Funktion anzubringen. Kultursenator Thomas Flierl von der PDS saß auf dem Podium. Lothar Wötzel war gekommen, 200 seiner ehemaligen Kollegen sollen da gewesen sein. Sie wollten keine Schilder an ihren alten Arbeitsplätzen. Sie stritten so heftig, dass Flierl auf dem Podium nicht mehr wusste, wie er reagieren sollte. Keiner hatte mit einem massiven Auftreten der ehemaligen Offiziere gerechnet. Seit der Wende hatten sie sich abgeschottet. Es scheint, als wollten die alten Männer sich die Deutungshoheit über ihre Geschichte erkämpfen. Gedenkstättenleiter Knabe warnt von ihren »gut organisierten Strukturen«.

Wolfgang Schmidt steht in seiner Wohnungstür. Randlose Brille, braune Lederschlappen. »Wir hätten auch tausend Männer zusammenbekommen können«, sagt er. Schmidt ist einer der Gründer des so genannten Insiderkomitees, einer Vereinigung früherer hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter. Der Verfassungsschutz stufte das Komitee als so gefährlich ein, dass er sogar einen V-Mann eingeschleust hatte. Der Spiegel deckte ihn auf.

»Ich würde mich beleidigt fühlen, wenn sich der Verfassungsschutz heute nicht mehr für mich interessierte«, sagt Schmidt lächelnd und weist den Weg in sein kleines Arbeitszimmer: eine Sitzecke unterm Fenster, an der Wand der Schreibtisch, Computer. Schmidt betreut die Homepage des Insiderkomitees. Gleich nach dem Aufstehen liest er das Neue Deutschland und die Internet-Ausgaben von taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung. Wenn ein Artikel für Genossen interessant sein könnte, schreibt er einen kurzen Hinweis auf die Homepage.

Vorigen Monat musste er die Homepage kurz vom Netz nehmen: 62.000 Besucher in vier Wochen. Fast wäre sie zusammengebrochen.

»Endlich wollen sich die Menschen ein eigenes Urteil über uns bilden«, sagt Schmidt.

Vielleicht liegt der Andrang auf der Website auch am Film Das Leben der Anderen, dessen Figuren die Stasi im Kino wieder lebendig gemacht haben und die Neugier auf die Originale weckten.

Wolfgang Schmidt hat Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck beraten. Wie die Hauptfigur in Das Leben der Anderen war Schmidt im MfS unter anderem für Kulturschaffende zuständig. Selbst die Abhörprotokolle von prominenten Regimekritikern wie Biermann und Havemann landeten auf seinem Schreibtisch. Zwei Abende lang hat er dem Regisseur die Details seiner Arbeit erklärt. Henckel von Donnersmarck saß hier auf dem Gästesessel, gleich neben dem räudigen Teddybären, dem Olympia-Maskottchen von 1980, das Schmidt von einer Moskau-Reise mitbrachte. Der Film gefällt Schmidt nicht besonders. »Ich mag ja die schauspielerische Leistung«, sagt er. »Doch wieder werden alle Klischees bedient.«

Wie soll man die Stasi sonst darstellen?

»Wir waren nicht opportunistisch«, sagt Schmidt, »Ich habe ehrlichen Gewissens beim MfS gearbeitet. Natürlich haben wir Fehler gemacht.«

Ein großes Problem, sagt Schmidt, sei die »latente Intelligenzfeindlichkeit« in der Stasi und der SED gewesen. »Die war ein Sargnagel der DDR: Leute, die intelligent sind, müssen sich doch auch mal äußern dürfen.« Die SED hätte sich die Anliegen der Oppositionellen anhören sollen, anstatt sie »uns zu übertragen«. Nur wenn das Gespräch auf die Opfer der Stasi kommt, zögert er kurz und sagt leise: »Ob die Geschichten immer so stimmen.« Das ist der Punkt, an dem alle Gespräche mit den Stasi-Offizieren enden: Sie lassen Kritik zu, Wiegand weniger, Wötzel mehr. Doch alle sind sie seltsam immun gegen das Schicksal der Opfer.

Der englische Historiker Timothy Garton Ash, der Mitte der Neunziger ehemalige Stasi-Offiziere besuchte, nennt das »Salami-Taktik des Verleugnens«: Jeder beharre aber darauf, dass er sich in seinem Zuständigkeitsbereich nichts zuschulden kommen ließ. Aber es ist mehr als das: In den Offizieren ist eine tiefe Überzeugung vom Kommunismus verankert; ein fast schon religiöser Glaube an ein System, das wichtiger ist als jedes Einzelschicksal. »Mein Verhältnis zur DDR ist wie das von Eltern zu ihren Kindern«, sagt Schmidt. »Auch wenn sie sich anders entwickeln, als man es sich vorstellt, verstößt man sie nicht.« Deshalb engagieren sich die Männer immer noch für die Stasi – obwohl einem im vereinigten Deutschland kaum etwas mehr Nachteile bringt.

Kurz nach der Wende besuchten sie sich bei ihren Prozessen. In Berlin gab es 22.550 Ermittlungsverfahren gegen hauptamtliche MfS-Mitarbeiter, DDR-Juristen, SED-Funktionäre und Mauerschützen, 877 Gerichtsverfahren. Nicht einmal zwei Dutzend ehemaliger Stasi-Offiziere wurden verurteilt. Wenn einer nicht gegen in der DDR geltendes Recht verstieß, konnte er nicht belangt werden.

In letzter Zeit verabreden sich die alten Offiziere zu Führungen durch die Stasi-Untersuchungshaftanstalt. Sie gehen sozusagen auf Kontrollgang. »Gedenkstättenleiter Knabe dramatisiert unsere Arbeit aufs unseriöseste«, sagt Schmidt. Die Männer mischen sich in Führungen ein, wenn sie etwas falsch dargestellt sehen. Sie wehren sich, weil ihre Position in den Medien nicht vorkommt. Schmidts morgendliche Zeitungslektüre erinnert an seine alte Arbeit bei der Stasi: Auswertung der Feindpresse. Fast alles, was er über das MfS findet, ist negativ.

Schmidts Frau schaut herein. Sie trägt einen Jogginganzug, sie kommt gerade vom Nordic Walking um den Obersee. Die Schmidts leben im Zentrum der MfS-Stadt. Früher konnten sie vom kleinen Arbeitszimmer aus bis in den Hof der Haftanstalt gucken. Deshalb wohnten zu DDR-Zeiten hier im Plattenbau ab Stockwerk fünf ausschließlich Mitarbeiter der Stasi. Beim Einkaufen, sagt Schmidt, sehe er noch immer viele ehemalige Kollegen. »Man grüßt sich freundlich, mehr oft auch nicht.«

Seine Bekannten trifft er heute im Haus des Neuen Deutschlands am Ostbahnhof. Alle zwei Monate kommt dort das Insiderkomitee zusammen. Ein kahles weißes Zimmer, ein großer Plastiktisch mit falschem Holzfurnier. Drum herum drängen sich 30 Männer und drei Frauen. Am Kopfende sitzen Wolfgang Schmidt und Wolfgang Hartmann von der HVA. Ihnen gegenüber die Stellvertreter von Mielke und Wolf, Wolfgang Schwanitz und Werner Großmann. Sie hören einem Mann zu, der von einem beruflichen Dilemma der letzten DDR-Jahre berichtet: »An der Akademie der Wissenschaften hat eine Gruppe ganz offen die Führung der SED infrage gestellt. Wir haben davon erfahren und gleich der Partei-Organisation mitgeteilt, dass sie sich mit denen auseinander setzen sollen. Das haben sie nicht getan. Also bin ich hingegangen und habe denen die Faust unter die Nase gehalten. Wieder haben wir uns unbeliebt gemacht.«

Noch immer suchen die alten Offiziere nach dem Grund für den Hass gegen sie und nach dem Grund für das Scheitern der DDR.

Eine Frau meldet sich zu Wort und sagt, sie sei zum Schluss gekommen, dass ein politisches System, das nur aus einer einzigen Partei und einem Sicherheitsapparat bestehe, einfach nicht funktionieren könne. »Richtig«, sagt erst HVA-Chef Großmann, »Richtig«, stimmen alle ein. Man spürt die Entlastung: Das System ist schuld. Der Kreis erinnert ein bisschen an eine Selbsthilfegruppe.

Wolfgang Hartmann macht einen Vorschlag: Das Insiderkomitee solle den Dialog mit den Opfern suchen. Er habe schon Kontakt aufgenommen. Nur noch die Opfer können die Anschuldigungen gegen sie entkräften. Die Ironie der Geschichte: Früher waren die Opfer von der Willkür der Stasi abhängig, jetzt sind die Stasi-Offiziere auf den guten Willen der Opfer angewiesen.

In der Erinnerung verhaftet - Eine Installation "Stasi City" von den Künstlerinnen Jane und Louise Wilson »

 
Leser-Kommentare
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