Es ist früh um sieben, als Wolfgang Schmittke* (Name von der Redaktion geändert) auf seinen Balkon im dritten Stock des Hotels Oasis Moreque tritt, um nachzusehen, ob die Engländer schon wieder alle Liegen mit ihren Handtüchern besetzen. Schmittke beugt sich über die Geranien, er gähnt, alles noch ruhig am Pool. Zufrieden dreht er ab, als er im Augenwinkel sieht, dass gerade ein Schiff der Küstenwache in den Hafen einbiegt, im Schlepptau eines dieser Afrikaner-Boote, die er im Weltspiegel gesehen hat. Schmittke holt den Feldstecher, hebt an und peilt. Sieht schwarze Gesichter und bunte Mützen, müde Körper – 60, vielleicht 80, die dicht an dicht auf Planken kauern, die unter dieser Last eigentlich brechen müssten.

Das ist verrückt, denkt Schmittke, ein Wahnsinn. Kein Wunder, dass bei diesen Überfahrten einige ums Leben kommen. Schmittke ist seit zehn Jahren in Rente, aber er ist neugierig geblieben, einer, der den Dingen nachgeht.

Mal sehen, was da los ist, sagt er sich, nimmt die Kamera und drei Handtücher, die er auf dem Weg zur Mole noch rasch am Pool platzieren will, eins für sich, eins für Christa, seine Frau, eins für Uwe, ihren Sohn, der sie zu dieser Reise überredet hat. Schmittkes haben kurz vor Weihnachten pauschal gebucht, daheim in Erfurt, zwei Wochen Halbpension mit Meerblick, da ahnten sie noch nicht, dass es ein Ausflug in ein Krisengebiet werden sollte.

Er eilt an den Hotelburgen vorbei, an Izzys Neuem Bierstübchen, stapft über die behindertengerechten Rampen an der Promenade, im Kopf die Nachrichten der letzten Tage, die steigenden, verwirrend hohen Zahlen jener Boote, die hier in Los Cristianos, am Südzipfel Europas, ein neues Nadelöhr gefunden haben. Es gab dieses Foto von Flüchtlingen, die entkräftet einen Strand erreichten, an dem Touristen in der Sonne badeten; es gab diese Meldung, dass eines der Boote nach Barbados abgetrieben war, an Bord elf Leichen, die längst schon Mumien waren nach ihrer wochenlangen Irrfahrt über den Atlantik. Begegnung zweier Welten auf offener See: Urlauber und Bootsflüchtlinge beobachten einander von Teneriffa BILD

Schmittke kann verstehen, dass diese Leute etwas wagen. »Ist doch klar, die wollen sich verbessern, die haben ja da drüben nichts. Fragt sich nur, wo die hier Arbeit finden sollen.«

An der Mole reiht sich Schmittke ein in eine Gruppe Schaulustiger, er steht ganz vorn am Flatterband, aber viel sieht er nicht, ein Schiff der Guardia Civil parkt vor dem Flüchtlingsboot. Die Afrikaner huschen durch den Sucher seiner Kamera und verschwinden in einem Zelt, wo sie vom Roten Kreuz behandelt werden. Ein Fall für die UN, denkt Schmittke. Ein Drama wie in Darfur.

Wenig später werden die Flüchtlinge in die fensterlosen Busse der Policía Nacional verfrachtet. Als sie weg sind, erkennt Schmittke, wie ein paar Männer von der Küstenwacht das kleine, bunt bemalte Boot zerschreddern. Früher schob er an der Stanze seine Schichten, in einem Werk, das Schreib- und Bohrmaschinen fertigte, und so, wie das afrikanische Boot zerfasert, meint er, müsse dessen Kunststoff mit Asbest versetzt sein. Schmittke macht ein Foto.