Es ist früh um sieben, als Wolfgang Schmittke* (Name von der Redaktion geändert) auf seinen Balkon im dritten Stock des Hotels Oasis Moreque tritt, um nachzusehen, ob die Engländer schon wieder alle Liegen mit ihren Handtüchern besetzen. Schmittke beugt sich über die Geranien, er gähnt, alles noch ruhig am Pool. Zufrieden dreht er ab, als er im Augenwinkel sieht, dass gerade ein Schiff der Küstenwache in den Hafen einbiegt, im Schlepptau eines dieser Afrikaner-Boote, die er im Weltspiegel gesehen hat. Schmittke holt den Feldstecher, hebt an und peilt. Sieht schwarze Gesichter und bunte Mützen, müde Körper – 60, vielleicht 80, die dicht an dicht auf Planken kauern, die unter dieser Last eigentlich brechen müssten.

Das ist verrückt, denkt Schmittke, ein Wahnsinn. Kein Wunder, dass bei diesen Überfahrten einige ums Leben kommen. Schmittke ist seit zehn Jahren in Rente, aber er ist neugierig geblieben, einer, der den Dingen nachgeht.

Mal sehen, was da los ist, sagt er sich, nimmt die Kamera und drei Handtücher, die er auf dem Weg zur Mole noch rasch am Pool platzieren will, eins für sich, eins für Christa, seine Frau, eins für Uwe, ihren Sohn, der sie zu dieser Reise überredet hat. Schmittkes haben kurz vor Weihnachten pauschal gebucht, daheim in Erfurt, zwei Wochen Halbpension mit Meerblick, da ahnten sie noch nicht, dass es ein Ausflug in ein Krisengebiet werden sollte.

Er eilt an den Hotelburgen vorbei, an Izzys Neuem Bierstübchen, stapft über die behindertengerechten Rampen an der Promenade, im Kopf die Nachrichten der letzten Tage, die steigenden, verwirrend hohen Zahlen jener Boote, die hier in Los Cristianos, am Südzipfel Europas, ein neues Nadelöhr gefunden haben. Es gab dieses Foto von Flüchtlingen, die entkräftet einen Strand erreichten, an dem Touristen in der Sonne badeten; es gab diese Meldung, dass eines der Boote nach Barbados abgetrieben war, an Bord elf Leichen, die längst schon Mumien waren nach ihrer wochenlangen Irrfahrt über den Atlantik. Begegnung zweier Welten auf offener See: Urlauber und Bootsflüchtlinge beobachten einander von Teneriffa BILD

Schmittke kann verstehen, dass diese Leute etwas wagen. »Ist doch klar, die wollen sich verbessern, die haben ja da drüben nichts. Fragt sich nur, wo die hier Arbeit finden sollen.«

An der Mole reiht sich Schmittke ein in eine Gruppe Schaulustiger, er steht ganz vorn am Flatterband, aber viel sieht er nicht, ein Schiff der Guardia Civil parkt vor dem Flüchtlingsboot. Die Afrikaner huschen durch den Sucher seiner Kamera und verschwinden in einem Zelt, wo sie vom Roten Kreuz behandelt werden. Ein Fall für die UN, denkt Schmittke. Ein Drama wie in Darfur.

Wenig später werden die Flüchtlinge in die fensterlosen Busse der Policía Nacional verfrachtet. Als sie weg sind, erkennt Schmittke, wie ein paar Männer von der Küstenwacht das kleine, bunt bemalte Boot zerschreddern. Früher schob er an der Stanze seine Schichten, in einem Werk, das Schreib- und Bohrmaschinen fertigte, und so, wie das afrikanische Boot zerfasert, meint er, müsse dessen Kunststoff mit Asbest versetzt sein. Schmittke macht ein Foto.

Mass Diop hatte von einem Unwetter gehört draußen vor der Küste, die Rede war von vielen Toten. Es hatte sich herumgesprochen unter den Wartenden von Nouadhibou, der Hafenstadt im Norden Mauretaniens, knapp 900 Kilometer südlich von Los Cristianos auf Teneriffa, und Diop war irritiert. Die ganzen vorigen Tage hatte er am Strand gesessen, ruhig und konzentriert, hatte geangelt und das Meer beobachtet, und es war still gewesen, beinahe gespenstisch glatt. Jeden Abend hatte er, am Boden auf der löchrigen Matratze liegend, die Nachrichten verfolgt, doch dieses Unwetter hatte niemand angekündigt. Es kam ganz plötzlich, das war das Unheimliche.

Dann rannte er im Licht der Dämmerung durch die Straßen von Thiarka, dem engen Fischerviertel von Nouadhibou, wo er Unterschlupf bei einem Freund gefunden hatte. Ein strenger Wind ging über den Wüstensand. Vor schiefen Hütten banden sich die Zigarettenhändler ihren Turban vors Gesicht. Frauen schafften Mangokisten aus dem Staub, die Coiffeur-Baracken namens »Barcelona« und »Madrid« schlossen ihre Türen.

Als Diop den Strand erreichte, sah er, wie ein paar Männer der Marine vom Wasser her einige Plastiksäcke ans Ufer trugen. Sie reihten sie im Sand auf, es waren 60, vielleicht 80, und überall standen junge Burschen, deren sorgenvolle Blicke diesen Säcken folgten, unter deren Haut sich klar die Umrisse von Körpern abzeichneten. Diop hörte, sie seien kurz zuvor in See gestochen. Diop wusste, sie träumten seinen Traum.

Diop. Gesprochen: Job, wie Arbeit. Ein Name wie ein großer Wunsch. Diop ist 33, ein kräftiger, manchmal schlaksig wirkender Mann mit wachen Augen, geboren in St. Louis im Senegal, Installateur, verheiratet mit Khady, die gerade sein zweites Kind gebar. Als er am Telefon erfuhr, dass er eine Tochter habe, war er schon seit drei Monaten auf Teneriffa. Jetzt sitzt er hier, in einem Café bei Los Cristianos, und erzählt seine Geschichte, Kapitel für Kapitel. Fotografiert werden will er nicht.

An diesem Tag in Nouadhibou, sagt er, habe man ihm mitgeteilt, dass es nun so weit sei. Übermorgen Nacht, hieß es, am Hafen von Thiarka, solle es losgehen. Man habe endlich einen Fischer aufgetrieben, der ihnen sein Boot verkaufte, sieben Meter lang, drei breit, Diskretion inklusive.

Diop hatte von seinem Freund von der Gruppe erfahren: 48 Männer, alle jung und fest entschlossen, Männer aus dem Senegal, aus Mali und Nigeria, aus Ghana, Gambia und Guinea-Bissau. Sie warfen ihr Geld zusammen und legten fest, wer was zu tun hatte. Einer kaufte die Motoren, 40 PS stark, die stärksten, die er finden konnte. Andere kauften 1200 Liter Treibstoff, ein GPS-Gerät und Schwimmwesten.

Diop zog, als die Nachricht von dem Boot kam, los, um das Essen zu besorgen. Seiner langen Liste folgend, navigierte er durch das Gewimmel der kleinen Läden längs der Hauptstraße. Er machte Haken unter 50 Kilo Reis und 20 Liter Öl, unter 15 Kilo Makkaroni, 10 Kilo Rind-, 10 Kilo Hühnerfleisch, 10 Kilo Fisch, unter Tee und Brot und acht Kanister Wasser. Das alles brachte er mit einem Eselskarren zu sich in den Hof. Dann hörte er vom Zwischenfall am Strand. Er lief hin, und als die Plastiksäcke fortgetragen waren, blickte er hinaus aufs Meer, das wieder ruhig und friedlich dalag, so als wäre nichts gewesen.

Luis Carrion steht auf der Mole von Los Cristianos, nur wenige Meter entfernt von den Rathkes auf ihren Handtüchern am Pool, und dirigiert das Einsatzkommando. Schon wieder hat er einen Funkspruch erhalten, ein Boot mit 80 Leuten sei unterwegs, wieder hat er die Küstenwache mobilisiert, das Rote Kreuz, die Guardia Civil. Jetzt wartet er auf das Flüchtlingsboot, das sich vom Horizont her nähert. Seit Marokko seine Grenzen geschlossen hat, kommen sie aus Mauretanien und dem Senegal – anfangs nicht viele, aber seit das Wetter stabil ist, beinahe stündlich. Manchmal 100, manchmal 500 am Tag. Sie orientieren sich am Teide, dem höchsten Berg der Insel, der wie ein mächtiger Sombrero auf dem Ozean liegt.

Hinter dem Flatterband am Anleger drängen sich die Fotografen und Kameramänner, aber Carrion nimmt sie kaum mehr wahr. Seit Wochen arbeiten er und seine Leute 16 Stunden am Tag, sie kommen kaum zum Essen.

Carrion ist der Polizeichef von Los Cristianos, ein kleiner, gut gebräunter Mann von Mitte 40. Er hält sich aufrecht in seiner schwarzen Uniform, mit seinem Dreitagebart. Er reibt sich die Augen. Er beobachtet, wie entkräftete Männer auf steifen Beinen über die Reling des Rettungsschiffes klettern, nacheinander wie Ameisen. Wie Leute vom Roten Kreuz sie zum Zelt führen, wo sie mit Wasser, Decken und Biskuits versorgt werden, wie sie schließlich, auf dem Boden sitzend, für die Kameras zum Abschuss freigegeben werden.

Carrion streift sich einen Mundschutz über, wirft einen Blick ins Zelt und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ein Arzt reicht ihm einen rosa Zettel. Damit wendet Carrion sich zu den Kameras.

»Einer muss ins Krankenhaus«, sagt er in die Mikrofone, »alle anderen sind wohlauf. Ein Wunder nach fast einer Woche auf dem Meer.«

Er nimmt seine Mütze ab.

»Es sind Männer aus der Mittelschicht. Sie machen keinen Ärger, man muss sie ehrenvoll behandeln. Es wäre falsch, zu glauben, dass sie nichts zu verlieren haben.«

Carrion ist dieser Tage häufig im Fernsehen zu sehen. Auf der Straße grüßen sie ihn plötzlich, die Zeitungen nennen ihn einen Helden. Er winkt ab. »In dieser traurigen Geschichte gibt es keine Helden. Weder sie noch mich.«

Carrion war nie in Afrika, aber er möchte diese Leute verstehen. Sobald er Zeit findet, will er sich Bücher über den fremden Kontinent ausleihen. Vorigen Herbst hat man ihn von Madrid hierher versetzt. Bis dahin lehrte er an der Polizeiakademie Strafrecht, jetzt, dachte er, solle er Drogendealer jagen und Streitereien zwischen betrunkenen Touristen schlichten, stattdessen verwaltet er nun diesen nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom. 72 Stunden bleiben die Flüchtlinge auf seiner Polizeistation. Er nimmt ihre Fingerabdrücke, legt eine Akte an, und einer der Schnellrichter drückt einen Stempel hinein. Dann schickt er sie in Reisebussen in die großen Auffanglager in den Bergen, wo sie 40 Tage bleiben, bevor sie entweder aufs Festland ausgeflogen werden oder dahin, wo sie herkommen – falls man das herausfindet und falls es Rückführungsabkommen mit diesen Ländern gibt.

Ob alles reibungslos verlaufe?

Er zuckt mit den Schultern. »Ich leite hier die wichtigste Polizeistation Europas, aber mir fehlen Dolmetscher, Juristen, Psychologen.«

Er ist seit 24 Jahren Polizist, aber so etwas hat er noch nicht erlebt. Er schläft noch immer in der Dienstwohnung neben dem Büro, seine Frau und seine beiden Töchter, die in Madrid geblieben sind, hat er vor vier Wochen das letzte Mal gesehen.

Die Sonne steht schon hoch, als Mass Diop aus dem Schlaf hochschreckt. Er muss lange geschlafen haben, seit sechs Stunden sind sie wohl unterwegs, der Ozean ist spiegelglatt, kein Land mehr in Sicht. Sie sitzen dicht gedrängt, Diop hockt hinten rechts, neben dem Motor, auf der anderen Seite Modo aus dem Senegal, alle paar Stunden wechseln sie sich mit dem Steuern ab. Diop steht auf und ergreift das Ruder. Man hat ihm gesagt, er müsse nur der Richtung folgen, die der Pfeil des GPS-Gerätes anzeige. Er müsse großen Schiffen ausweichen, auf Haie achten und auf Wale. Er hört das Knattern der 40 PS, die sie nach Europa bringen sollen. Diop hat keine Ahnung von Motoren, aber dieser hier scheint gleichmäßig zu laufen.

Als sie aufgebrochen sind, ist Diop als Erster am Steg gewesen. Frisch rasiert, eine Hose aus Segeltuch angezogen, eine Baseballkappe aufgesetzt. Er atmete die kühle Nachtluft, nun gab es kein Zurück mehr. Sie schoben das Boot ins Wasser, knipsten die Taschenlampen aus, doch in der Bucht von Nouadhibou war kein Patrouillenboot zu sehen, nicht mal ein Licht. Diop war erleichtert, als sich der schwarze Ozean vor ihnen auftat. Er betete.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als die Ersten sich erbrachen. Die meisten von ihnen sahen das Meer zum ersten Mal, sie weinten leise, rollten sich zusammen vorn unter der Plane. Einige klagten über Kopfweh. Diop gab ihnen Aspirin. Es sind nur ein paar Tage, tröstete er sie, es geht vorbei. Diop kennt das Meer.

Daheim in St. Louis, der stolzen Kolonialstadt an der Küste des Senegals, hat er manchmal auf dem Fischerboot von Freunden ausgeholfen. Wenn seine Kunden wieder mal nicht zahlten; wenn sein Laden für Sanitäranlagen so schlecht lief, dass er sich schämte.

Diop war ehrgeizig. Bis er 18 war, besuchte er die Schule, dann lernte er Installateur. Seine Mutter sollte stolz sein auf ihren Lieblingssohn. Aber Diop, inzwischen selbst Familienvater, konnte sich keine eigene Wohnung leisten. Er lebte immer noch bei ihr und seinem Vater, einem Pensionär der Stadtverwaltung, in dieser grauen Mietskaserne in der Innenstadt, wo er sich mit Khady, seiner Frau, und Daouid, seinem Sohn, ein Zimmer teilte, Wand an Wand mit seinen Schwestern, seinen Brüdern und deren Frauen. Sie waren 14 Leute in vier Zimmern, und irgendwann stand dieses Wort im Raum: Europa.

Dort könne er es schaffen, sagte ein Cousin, der in München studiert hatte, sie brauchten dort gute Handwerker. Und da war der Nachbar, der es nach Italien geschafft hatte und einmal im Jahr heimkam mit Fußballtrikots, Handys und teuren Uhren im Gepäck. Diop hatte nie etwas Illegales getan. Er trinkt keinen Alkohol, isst nur ausgeblutetes Fleisch und betet fünfmal am Tag in Richtung Mekka, aber er spürte, so ging es nicht weiter.

Khady erwartete sein zweites Kind, er träumte davon, ihr ein Haus zu bauen. Es war im November, als ihn jener Freund aus Teneriffa anrief, er klang euphorisch: »Vier Tage und vier Nächte auf See, 400 Euro, und du hast’s geschafft.«

Vielleicht, dachte Diop, ist es ja wirklich wie in den Rambo-Filmen, die er so mag; dass am Ende der Stärkste gewinnt und das Gute triumphiert.

Kein Schiff am Horizont, nicht eines. Diop steht hinten im Boot und hält Wache. Eine Kollision, und sie müssten kentern. Ein Unwetter, und ihr Boot wäre verloren. Er blickt aufs GPS: noch 850 Kilometer bis Teneriffa. Wenn der Wind nicht dreht, wenn der Himmel klar bleibt und die Strömung sanft.

Schmittkes Stammplatz am Pool liegt in der zweiten Reihe. Von dort hat man einen guten Überblick. Es ist Mittagszeit, von der Terrasse scheppert Time of My Life vom Dirty Dancing- Soundtrack herüber, und während Uwe einen Krimi verschlingt, verfolgen Wolfgang und Christa Schmittke die Wasserballpartie im Pool. Es wird gekreischt, geplanscht, und hinter der Terrasse wird gesägt, aber die Gäste kriegen das nicht mit; sie dösen unter gelben Sonnenschirmen, satte Körper in Bikinis und Bermudas, gestrandet auf Handtüchern, die aussehen wie große Euro-Scheine.

Christa Schmittke reibt sich Lichtschutzfaktor 30 auf ihre rote Nase. Ein Österreicher schleppt sich an den Billardtisch, auf seinem T-Shirt steht »dive now, work later«. Ein englisches Rentnerehepaar schlurft zur Minigolfanlage, die früher, als die Gäste jünger waren, mal ein Tennisplatz war. Damals, in den Sechzigern, nahm Liz Taylor ihre Drinks an der Hotelbar, außer ein paar Fotos im Treppenaufgang ist von diesem Glanz nicht viel geblieben. Heute ist das Moreque Mittelklasse. In der Lobby gibt es einen Friseur, eine Internet-Ecke und einen Automaten, der die Bild ausspuckt. Am Ausgang zur Terrasse parken die Senioren-Buggys, gleich daneben wirbt eine Tafel für das Animations-Programm der Woche: Tischtennis und Billard, Darts und Karaoke, Show-Kochen und Bingo.

Christa Schmittke ist zufrieden, auch wenn ihr der Prospekt ein malerisches Fischerdorf versprochen hat. Vielleicht, sagt sie, sei das ja früher so gewesen, bevor man an der Küste überall diese Betonklötze errichtet habe. Bevor die deutschen Banken kamen und die englischen Pubs, all die Cafés und Restaurants mit ihren vielsprachigen, bebilderten Menüs. Christa Schmittke sagt, sie habe nicht den Eindruck, hier in Spanien zu sein.

Bis zur Rente war sie Sachbearbeiterin in einem Kombinat für Mikroelektronik. Die Schmittkes sind bescheiden. Sie waren schon auf Djerba, in Antalya und Agadir. Im Grunde suchen sie immer das Gleiche: etwas Ruhe, etwas Bräune, ein paar Bilder für das Fotoalbum. Eigentlich ist es wie vor der Wende, als sie ihren Trabi jeden Sommer an die Ostsee steuerten – für alle Fälle haben sie den Wasserkocher und das Kaffeepulver im Gepäck.

Draußen auf dem Atlantik fauchen die Gaskocher. Dampf steigt aus den Töpfen, es wird Reis geben und Sardinen. Es ist der zweite Tag.

Keine Wolken. Ruhige See.

Die Köche heben das gegarte Essen auf vier große Aluminiumteller und verteilen sie im Boot. Vorsichtig beugen sich die Männer vor und greifen mit den Händen zu. Kaum einer spricht. Kanister treiben vorbei, im Rumpf des Bootes sammelt sich Wasser, das stetig durch die Ritzen dringt. Ein paar Männer schippen es ebenso stetig raus, mit Plastikeimern, es sind dieselben, über denen sie sonst hocken, um ihre Notdurft zu verrichten.

Diop steckt sich Zigaretten an, um die Minuten wegzurauchen. Manchmal steht er auf und schüttelt seine Glieder aus. Er betet, meist mit Modo, gemeinsam murmeln sie die Verse der Fatiha-Sure, gelobt sei Allah, barmherziger König am Tage des Gerichts, weise uns den rechten Pfad. Dann lehnt sich Diop zurück, und wenn er die Augen schließt, dann sieht er Khady, seine Frau, sieht ihre langen schwarzen Haare, ihre tiefbraunen Augen, und er stellt sich vor, wie Khady nach Dakar aufbricht, um auf dem Markt Kosmetik einzukaufen, Cremes und Bleichmittel fürs Haar, die sie daheim in St. Louis an ihre Freundinnen verkauft.

Sie gingen auf dieselbe Schule. Diop war zwei Klassen über ihr. Er gab ihr Nachhilfe in Mathe, und ihm gefielen ihre langen Beine, ihre ruhige Art. Sie gingen Salsa tanzen, und als er sich beim Militär verpflichtete, waren sie längst ein Paar. Sie stationierten Diop im Osten, und Khady wartete zwei Jahre. Als er zurückkam, nahm er sie zur Frau.

Khady war schwanger, als Diop sie einweihte. Sie weinte jede Nacht, sie sagte: »Mass, geh nicht.« Er beruhigte sie. »Khady, glaub mir, ich denke an das Kind, aber ich will, dass es in einem guten Haus aufwächst. Es soll auf eine gute Schule gehen, hier in St. Louis.« Sie schluchzte. »Wenn dir was zustößt, werde ich allein sein.« Er streichelte ihr Haar. »Hab Vertrauen, ich bin stark. Und wenn mir wirklich etwas zustößt, sind meine Brüder für dich da.«

Als Khady einsah, dass er von seinem Plan nicht abzubringen war, gab sie ihm 100 Euro, alles, was sie hatte, und die gleiche Summe lieh sich Diop von seinem älteren Bruder, einem Steuerbeamten. Den Rest hatte er selbst gespart. Es war an einem Dezembermorgen gegen fünf Uhr früh, als Diop sich über seinen schlafenden Sohn Daouid beugte, um ihn zum Abschied auf die Stirn zu küssen. Dann brachte Khady ihn zur Tür. Sie schwiegen lange, sahen sich an. Diop ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Einer hat das Drama kommen sehen. Stand er, Ricardo Melchior, Regierungspräsident von Teneriffa, nicht vor neun Jahren in Brüssel und hat eine gemeinsame Migrationspolitik gefordert? Hat er nicht längst schon in Madrid vor diesem Ansturm gewarnt?

Jetzt schaut die Welt auf seine Insel, und er kann nur noch Zahlen herunterbeten: 9467 Afrikaner sind seit Januar auf den Kanaren angekommen, 5414 allein auf Teneriffa, weit mehr als im ganzen Vorjahr. Die jüngste Welle war die heftigste, und Melchior muss sehen, wie er das Chaos in den Griff bekommt.

Der Senegal habe sein Rücknahmeabkommen gekündigt, schreiben die Zeitungen, Brüssel rührt sich nicht, Madrid schickt kaum Unterstützung, und zu allem Überfluss gibt es Vorschläge, man könne die Immigranten in Hotels einbuchen. Es gab schon angenehmere Stunden in Melchiors Amtszeit als diesen Vormittag in Santa Cruz, der Inselhauptstadt, wo sie im Parlament zusammenkamen, um über die Lage zu debattieren.

Präsident Melchior ist ein fülliger Mann von 60 Jahren, mit seinem grauen Haarkranz erinnert er an einen Pastor. Im holzvertäfelten Saal des Regierungsgebäudes sitzt er erhöht am Kopfende, vor ihm die voll besetzten Reihen der Opposition, dahinter Kamerateams aus ganz Europa. Sein besorgtes Gesicht erscheint auf dem Flatscreen über ihm, er spricht ins Mikrofon:

»Die Insel hat 1500 feste Aufnahmeplätze, aber 6000 sind nun hier.« Polizei und Rotes Kreuz seien am Ende ihrer Kräfte, fährt er fort. »Wir brauchen Toiletten, Reisebusse, Hubschrauber.« Melchior nimmt einen Schluck Wasser, dann meldet sich Angel Llanos, der jugendliche Abgeordnete der Volkspartei, zu Wort. »Diese Lawine«, dröhnt er, »ist der größte Notstand in der Geschichte Teneriffas!«

Melchior straft ihn mit einem verächtlichen Blick. Diese Menschen wollten nicht nach Teneriffa, kontert er, sie wollten nach Barcelona, Hamburg und Paris. Dies sei nicht nur ein Problem der Kanaren. Es bedürfe eines strategischen Plans der EU, fordert er, und sein Gesicht rötet sich. Der Strom müsse in Afrika gebremst werden, man brauche Flugzeuge und Schiffe, Personal für Patrouillen und zur Bekämpfung der Schlepper-Mafia.

In Mauretanien warten Zehntausende, im Senegal noch mehr, ihr Weg wird immer brutaler. 3000 Menschen sind in den letzten Monaten gestorben, der Atlantik ist ein Massengrab. Melchior hält ergriffen inne: Es ist eine humanitäre Katastrophe. Er nimmt die Brille ab, stützt seinen Kopf auf die Hände und blickt in die Ferne. Am nächsten Morgen schreibt La Opinión, er sei ein Märchenerzähler, ein untätiger Heuchler.

»Sie schreiben, was sie schreiben müssen«, sagt Melchior in seinem Büro, versunken in einer braunen Ledercouch, die Krawatte schlängelt sich über das Massiv seines Bauches. Eigentlich ist er Ingenieur, und als er noch in Aachen studierte, fuhr er einen VW Käfer. Heute kämpft er auf der Insel für Solarkraft. Jacques Chirac hat ihm mal einen Orden für bürgernahes Engagement verliehen. Aber was kann er jetzt noch tun?

Er hat in Madrid seinen Fünfpunkteplan für Afrika vorgestellt und eine Dringlichkeitssitzung der EU-Außenminister beantragt. »Man muss die Boote wohl erst nach Madrid vor den Regierungspalast fahren, damit etwas passiert.« Er hebt die Hände. »Bisher kamen sie lebend an, aber was, wenn das Wetter umschlägt?«

Im Leichenwaschraum von Nouadhibou, er liegt auf dem Friedhof, kratzt Ahmad Ould Abdarahman mit einem Schwamm die Spuren der vergangenen Wochen weg. Draußen liegt die Sommerhitze schwer über den Gräbern, aber hier am Tisch ist es gut auszuhalten. Schattig ist es, kühl und etwas muffig, aber das kriegt Abdarahman nicht mehr mit.

Er nimmt den Gartenschlauch, presst den Daumen auf das Ende und fährt mit festem Strahl über die braunen Schlieren auf den Kacheln. Es ist ein hartnäckiger, klebriger Dreck, der ihm zu schaffen macht, Sand, den er aus schlaffen Körperfalten schrubbte, Kleiderfetzen, Hautpartikel. Abdarahman ist ein kräftiger Mann von 54 Jahren mit schnarrender Stimme. Er war schon bei der Müllabfuhr und Türsteher beim Bürgermeister; und weil er es als städtischer Angestellter kannte, versetzt zu werden, nahm er es gelassen hin, als man ihn im vorigen September zu den Leichensammlern schickte.

Die zehn Mann, denen er vorsteht, rücken aus, wenn Angehörige den Bestatter nicht bezahlen können oder es gar keine Angehörigen gibt. Ein ruhiger Job, sagt Abdarahman, bis vor einem halben Jahr die Wasserleichen kamen, obwohl er selbst nur jene Toten birgt, die schon gestrandet sind. Für alles, was man aus dem Wasser ziehen muss, ist die Küstenwache zuständig. Bei ihm, sagt er, seien es knapp über hundert, bei der Küstenwache gehe es in die Tausende, und dabei müsse man sehen, dass die meisten gar nicht aufgefunden würden. Sie kommen vom Kurs ab und treiben davon in Richtung Karibik. Es gebe da draußen so einen Punkt, sagt er, von dem werde alles Treibgut angesogen, er meint die Sargassosee.

Abdarahman legt den Schlauch beiseite, stiefelt zum Landrover, den sie aus den Restbeständen einer mauretanischen NGO bekommen haben, kramt eine rote Kladde aus dem Handschuhfach, setzt seine große, etwas schiefe Brille auf und deutet mit dem Finger auf die Spalte mit den Flüchtlingszahlen. Oktober: 0. November: 3. Dezember: 10. So langsam ging es los. »Wir dachten erst, es müsse sich um ausländische Fischer handeln, deren Boote gesunken sind. Eine Kette unglücklicher Zufälle. Wir haben weiter nicht darüber nachgedacht.« Aber dann häuften sich die Fälle.

Erst waren es mehrere im Monat, dann mehrere die Woche. Immer junge Männer, die Köpfe riesig, die Körper aufgedunsen. Häufig war die Kleidung mit der Haut verwachsen, und manchmal, wenn die Haie sich an ihnen satt gefressen hatten, fanden sie bloß Reste des Skeletts. Dann kam der 3. März.

An diesem schwarzen Dienstag hockte Abdarahman auf der Treppenstufe vor seinem Büro, als der erste Anruf kam. Es seien vier, sagte der Mann, der sie gefunden hatte. Abdarahman rief drei Mitarbeiter an. Dann nahm er die Spaten, die Handschuhe, den Mundschutz und räumte alles in den Landrover. Sie fuhren an die Küste, und die Männer, die sie auf die Trage hievten, schienen frisch zu sein. Einen nach dem andern brachten sie zum Friedhof, wuschen sie, rieben sie mit Blättern ab, wickelten sie in Leinentücher, dann legten sie sie in die Grube, Kopf nach Mekka, und sprachen ein Gebet, alles so, wie Abdarahman es in einem Seminar gelernt hat. Er sagt, ihm sei es wichtig, keinen Toten zu bevorzugen. Allah werde ihn am jüngsten Tag dafür belohnen.

Dann kam der nächste Anruf. Wieder drei, weiter nördlich diesmal, und so ging es fort bis zum nächsten Abend. Abdarahman notierte 48 Leichen, und wenig später hörte er, dass Überlebende gefunden wurden. Sie berichteten, ein Schiff der marokkanischen Küstenwacht habe sie zur Umkehr gezwungen, bei diesem Manöver seien sie gekentert. Erst jetzt, sagt Abdarahman, habe er begriffen, dass hinter all den Leichen ein System steckt.

Erst jetzt wurde ihm klar, was all die Ausländer aus den Nachbarstaaten, die seit Dezember scharenweise kamen, hier suchten – es sind 15000 in Nouadhibou – und warum sich vor den Western-Union-Schaltern diese Schlangen bildeten. Früher kamen viele her, um in den Eisenminen anzuheuern, im Hafen oder als Boy in den Familien. Heute kommen sie nicht mehr, um hier ihr Glück zu machen. Sie kommen, um zu gehen.

Abdarahman findet das nicht gut. »Diese Leute bleiben ein paar Wochen, verdienen ein paar Oughia, und wenn sie genug haben, verschwinden sie mit Kurs auf die Kanaren. Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Seit sie da sind, wird mehr eingebrochen, mehr gestohlen. Das Klima in der Stadt wird rauer.«

Dem Leichensammler leuchtet es nicht ein, dass diese Männer aus der Heimat fortgehen, aber vielleicht erwartet er auch weniger vom Leben. Er sagt, ihm reichten eine gute Arbeit, eine liebe Frau, ein bisschen Zeit, um seinen alten Vater zu besuchen. Dann stapft er zu den Gräbern hinaus und sammelt Autoreifen ein, die überall herumliegen. Auf den meisten Gräbern stecken Schilder, auf denen in schnörkeliger Schrift Geburtstage und Namen stehen. Dazwischen, unter Steinhaufen, ruhen die namenlosen Ausländer, und wenn der Wind still steht, dann hört man von der Friedhofsmauer her das sanfte Rauschen des Atlantiks.

»Modo«, flüstert Diop. »Modo, hörst du? Wir dürfen, wenn wir da sind, keinen Unsinn machen.«

Es ist Nacht auf dem Atlantik, die See ist immer noch glatt, und Modo, der ein sauberes Französisch spricht, ist hier der Einzige, dem Diop vertraut. »Verstehst du – unserem Plan treu bleiben! Jeder Cent für die Familie. Keine Drogen, nichts. Und zu niemandem ein Wort.«

Diop hatte den Bus genommen nach Nouadhibou. 24 Stunden dauerte die Reise, und als er am Senegal, dem Fluss, der beide Länder trennt, den Grenzbeamten seinen Ausweis zeigte, ließ man ihn passieren. Er wusste, Mauretanien, der Senegal und 15 andere Länder südlich der Sahara hatten dieses Abkommen geschlossen, das ihm erlaubte, sich überall frei zu bewegen. Erst nach der Grenze warf er seinen Ausweis weg. Es gab jetzt nichts mehr, was ihn verraten konnte. Er trug kein Telefon bei sich und kein Adressbuch, kein Foto von Khady und keines von Daouid. »Modo«, flüstert Diop, »zu keinem auf diesem Schiff ein Wort. Wir dürfen keine Spuren hinterlassen, sonst bleibt Europa nur ein Traum.«

Es ist ein sonniger Morgen in den Bergen der Insel, als Europa ihr doch noch seine Aufwartung macht. Der Präsident von Teneriffa empfängt es in der Militärbasis von Hoya Fria, dem größten Flüchtlingslager von Teneriffa. Er steht in einem Saal, am Revers das Wappen der Inselregierung, vor ihm sitzt die achtköpfige Delegation der EU. Leute vom Roten Kreuz haben sie durch das Lager geführt, dann hat der Regierungsdelegierte aus Madrid gesprochen, jetzt hebt der Präsident an.

Er spricht über die 300 minderjährigen Flüchtlinge auf der Insel, deren Versorgung jährlich sechs Millionen Euro kostet. Über die Männer, die illegal auf den Plantagen schuften, die Frauen, die in der Prostitution enden. Er spricht zehn Minuten, distinguiert und ruhig, dann schließt er mit einem Appell an eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung. Die Leute aus Brüssel nicken freundlich, aber ihr Interesse gilt den Standards von Schlafstätten und Hygieneklos. Man habe große Pläne, sagt ein Delegierter, man arbeite an einer EU-Richtlinie für Flüchtlingslager. Dann müssen sie los.

»Reine Zeitverschwendung«, sagt der Präsident später in seinem Büro.

Er hat andere Sorgen. Im Bergdorf La Montaneta sind Flüchtlinge mit Fußtritten empfangen worden, jetzt wird die Herberge bewacht. Ein Schuppen in Arona, in dem die Polizei die Flüchtlingsboote lagert, wurde dreimal angezündet. In El Freile überfiel jemand mit der Machete eine Bank – bis herauskam, dass der Täter Spanier war, dachte jeder, es sei ein Afrikaner gewesen. Die Stimmung droht zu kippen. Die Tourismusverbände werden langsam unruhig. »Sehen Sie, eine Million Menschen leben auf Teneriffa, die Insel ist voll.«

Es stimme natürlich nicht, dass alle Immigranten ausgeflogen würden, man müsse ja nur durch die Straßen laufen. Jeden Abend sickern sie aus ihren Unterkünften in den Bergen in die Küstenorte, streifen um die Tische an den Promenaden und bieten Sonnenbrillen an.

Manchmal redet der Präsident mit diesen Leuten. Neulich traf er im Lager Los Rodeos einen jungen Marokkaner. Er kam das erste Mal mit 16, sie brachten ihn zurück. Er kam wieder, sie flogen ihn wieder zurück, nun hat er es zum dritten Mal geschafft. Er träume davon, Fußballer zu werden, sagte er dem Präsidenten, und Melchior war beeindruckt. Er hat ihm zugeredet. Ihm Mut gemacht. Von Jungen gesprochen, die von ganz unten kamen und es nach ganz oben geschafft haben.

Je länger er spricht, desto gerührter wird er – von sich selbst, den Afrikanern, vom Zustand dieser Welt. Natürlich, sagt er, wollen die teilhaben am Kuchen, der direkt vor ihrer Nase liegt: die doppelte Lebenserwartung, die 50-fache Rente, die 300-fache Lebensqualität. Man dürfe nicht vergessen, auch Teneriffa sei durch die Devisen reich geworden, die seine Emigranten hierher überwiesen hätten. »Afrika verdient die gleiche Chance. Vielleicht sollte man sie einfach reinlassen, damit sie etwas in die Heimat schicken können.«

Vielleicht, denkt Melchior manchmal, wäre Wegsehen hier die bessere Entwicklungshilfe.

»Wegsehen«, sagt Yahya Ould Mohammed Vall, der Gouverneur von Nouadhibou, »hilft uns nicht. Wir sind nur Durchgangsland, kein Euro fließt zu uns zurück.«

Der Gouverneur, ein eloquenter Mann in Nadelstreifen, mit blank polierten Schuhen, empfängt in seinem abgedunkelten Büro. Er fläzt sich auf die schwarze Ledercouch und gähnt. Das große Referendum steht an, Vall steckt mitten in den Vorbereitungen. Termine mit dem Bürgermeister, Termine mit den Bürgern; erklären, warum die Verfassungsreform nötig ist. Es gab einen Putsch voriges Jahr, bald sind Wahlen. »Da steht die Sache mit den Flüchtlingen etwas hinten an.«

Andererseits ist Mauretanien mit seinen drei Millionen Einwohnern ein kleines Land. »Wir wurden von der Flüchtlingswelle überrollt«, sagt Vall. Während Europa den Marokkanern nach den Dramen von Ceuta und Melilla mit 40 Millionen Euro half, muss er nun zusehen, wie er klar kommt. Gerade mal eine spanische Delegation hat Vall seit März empfangen. Damals haben die Spanier angekündigt, mit Schiffen auszuhelfen, aber davon ist bislang nur eines eingetroffen. Ein Patrouillenschiff für mehr als tausend Kilometer Küste!

Vall erklärte seinen Gästen, dass ihn die Versorgung aufgenommener Flüchtlinge eine knappe Viertelmillion Euro koste, Geld, das er nicht habe. Die Spanier schickten ihm Soldaten, die seinen Leuten zeigten, wie man ein modernes Flüchtlingslager aus dem Boden stampft. Die Kassen aber blieben leer. Es schien, als würden bloß Bedingungen geschaffen, um die Afrikaner leichter abschieben zu können. 190 hat Spanien bisher ausgeflogen nach Nouadhibou. Vall fragt:

»Was haben wir zu tun mit diesen Leuten?«

Unter ihnen war vielleicht ein Dutzend Mauretanier. Ihm blieb nur, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er schickte seine Küstenwachenboote los, er forderte die Fischer auf, verdächtige Bewegungen auf See zu melden, und den Geheimdienst wies er an, die Suche nach den Hintermännern zu forcieren. Es hat dazu geführt, dass sie jetzt jede Woche rund sechs Boote abfangen.

»Sechs Boote sind besser als nichts«, meint Vall. »Aber sie schaffen das Problem nicht aus der Welt.«

Irgendwo finden sie immer ein Loch. Erst starteten sie von Marokko, dann von Mauretanien, und wenn man hier die Lage kontrolliert, zieht die Karawane weiter südlich, in den Senegal und nach Guinea-Bissau. Die Strecken werden länger und die Boote immer größer. Bald, sagt Yahya Ould Mohammed Vall, werden sie zu Hunderten auf ausrangierten Fischerkähnen kommen.

Eisiger Nachtwind streicht übers Boot und frisst sich durch die Kleidung, die klamm ist von der anbrandenden Gischt. Seit drei Tagen kämpft Mass Diop mit der Erschöpfung, seit drei Tagen hockt er in derselben Haltung, immer wieder nickt er ein. Bis auf das leise Wimmern vorn unter dem Dach ist es gespenstisch still. Neben ihm am Ruder hält sich Modo aufrecht. Um Batterie zu sparen, steuert er jetzt ohne GPS. Ein Stern am Himmel zeigt den Weg. Diop verliert ihn immer wieder aus den Augen. Sein Magen knurrt. Die Vorräte gehen zur Neige. Das Boot wird leichter mit jedem ausgetrunkenen Kanister Wasser, mit jedem leeren Fass Benzin, das über Bord geht. Sie nehmen Fahrt auf, immerhin.

Im Hotel Oasis Moreque beginnt das Abendprogramm. »Good evening, England«, ruft der holländische Animateur ins Mikrofon. »Bonsoir, la France.« Dann wendet er sich den Tischen der Schmittkes zu: »Guten Abend, Deutschland!« Durch die Gegend geht ein Raunen, Deutschland ist hellwach. Es gibt ein Quiz.

Wolfgang hält es nicht auf seinem Stuhl. Eben hat er Lieder von Abba und Joe Cocker erraten, jetzt fragt der Animateur: »Wann hat Kolumbus Amerika entdeckt?« Wolfgang schiebt sich nach vorn. »1492!«, ruft er, und der Animateur drückt eine Hupe, die Leute klatschen. »Prost!«, schreit der Animateur und reicht Wolfgang ein Glas Sekt.

Einen galligen Geschmack spürt Mass Diop auf der Zunge. Sein Mund ist trocken, und am Horizont dämmert der Morgen, als vorn im Boot auf einmal einer aufspringt.

»Land in Sicht!«, brüllt er. »Da ist Land!«

»Wie heißt du?«

»Mass Diop.«

»Wie alt bist du?«

»Dreiunddreißig.«

»Wo kommst du her?«

»St. Louis, Senegal.«

Der Mann ist glaubwürdig, dachte Luis Carrion, der Polizeichef von Los Cristianos. Erschöpft nach vier Tagen auf See, aber gefasst. Und er hatte ja auch keinen Grund, die Unwahrheit zu sagen, – ohne Papiere konnte man ihm ohnehin nichts nachweisen. Gegen Mittag hatten Carrions Leute ihn und 47 andere am Strand gefunden, zitternd und zu müde, um allein aufzustehen.

Es war Ende Dezember, Carrion saß an seinem Schreibtisch, neben ihm die spanische Flagge, hinter ihm goldgerahmt der König. Dieser Immigrant bereitete ihm Sorgen. Er hatte sich gierig auf das Essen gestürzt, und jetzt krümmte er sich und übergab sich immer wieder. Carrion ließ ihn ins Krankenhaus fahren, wo man ihn an einen Tropf legte. Die anderen aus diesem Boot dirigierte er nach Fuerteventura.

Nach fünf Tagen im Krankenhaus brachte man Mass Diop in ein Militärcamp. Hoya Fria war ein angenehmes Gefängnis. Er schlief in einem Vierbettzimmer, aß in einer Kantine, und im Hof durften sie sogar Fußball spielen. Am zwanzigsten Tag schenkte ihm jemand eine Telefonkarte. Er wählte mit unsicheren Fingern, und nach einer halben Ewigkeit meldete sich eine Stimme.

»Mutter?«

»Mass? Bist du es?«

Er hörte sie weinen. Vier Tage nach seinem Aufbruch hatte Khady seiner Mutter verzweifelt davon erzählt. Sie hatten angenommen, er sei tot. Mass Diop lächelt, wenn er an seine Mutter denkt. Er sitzt in einem Café in Arona, in den Bergen über Los Cristianos. Er trägt eine Camouflage-Mütze und eine ausgeblichene Jeans aus dem Altkleider-Fundus des Roten Kreuzes. Vier Monate sind vergangen, seit er entlassen wurde, seitdem lebt er hier in einer Flüchtlingsherberge, einen weißen Kasten am Ortsende, über der Tür das Rote Kreuz.

»Es ist nicht schlecht«, sagt er und zündet sich eine Zigarette an. Er kommt gerade vom Spanischunterricht, es geht voran, er traut sich jetzt, die Baustellen in Los Cristianos abzuklappern, zu fragen, ob sie Arbeit haben, aber bislang schickten sie ihn immer weg.

»Ohne Papiere? Vergiss es.«

Zweimal hat er bei der Kartoffelernte ausgeholfen, in den Bergen, er verdiente 35 Euro in acht Stunden. Ein anderes Mal gab ihm ein Bekannter aus Los Cristianos seinen Bauchladen mit Sonnenbrillen. Diop quälte sich zwei lange Samstage durch die Touristen. Er war zu schüchtern, diese Menschen anzusprechen, die ihr Leben zu genießen schienen. Selbst die Alten, sagt er, tanzten noch mit ihren Frauen auf der Straße. Eine einzige Brille hat Diop schließlich verkauft, für sieben Euro.

Von dem Geld besorgte er sich eine Telefonkarte. Er rief Khady an. Sie fragte, wann er heimkomme. »Hab Geduld«, sagte er ihr. »Es ist nicht einfach, aber es wird aufwärts gehen, ganz bestimmt. Ich brauche nur diese Papiere.«

Er sagt ihr nicht, dass er jetzt täglich eine Schachtel Zigaretten raucht. Wie mühsam die Tage zerrinnen. Wie die Spanier auf der Straße durch ihn hindurchschauen. In der Herberge sind sie zu fünft, alle ohne Arbeit, alle »sin papeles«. Ohne Papiere. Sein Zimmer teilt sich Diop mit Mor, einem 16-Jährigen von der Elfenbeinküste. Er sagt, der Junge sei sehr ängstlich. Es ist schon seltsam, Diop verließ die enge Wohnung in der Heimat, um seiner Familie ein Haus zu bauen, und jetzt lebt er hier mit einem fremden Kind in einem fremden Zimmer.

Bis Juli darf er bleiben. Er weiß nicht, wie es weitergeht. Er sagt: »Ich gehe dahin, wo es Arbeit für mich gibt. Nach Barcelona, nach Berlin, egal.« Wenn er Glück hat, kriegt er irgendwann Papiere. Eine Stelle auf dem Bau oder in den Gewächshäusern von Teneriffa. Wahrscheinlich aber wird er ein Schattenleben führen wie so viele. Abtauchen und zusehen, dass er der Polizei nicht in die Hände fällt. Auf keinen Fall aber kann Diop zurück.

»Ich würde mein Gesicht verlieren.«

An ihrem letzten Abend im Moreque sitzen Schmittkes auf der Terrasse und trinken noch ein Gläschen Rotwein. Sie wirken aufgewühlt.

Als sie heute früh zum Frühstück herunterkamen, war der ganze Saal gesperrt. Überall Polizei, Sanitäter. Wolfgang Schmittke ging der Sache nach, und an der Rezeption erfuhr er, dass eine alte Frau gestorben sei.

»Herzinfarkt«, sagt Christa Schmittke.

»Am Buffet.«