Fußball »Du wirst hinken«
Das Beschimpfen auf dem Fußballplatz hat Tradition – bis zu Zidanes Kopfstoß redete nur niemand darüber
Herbert Finken ist als Fußballer nicht besonders auffällig geworden. Er war Verteidiger, spielte in der Saison 1965/66 für Tasmania Berlin in der Bundesliga, zu mehr als zehn Einsätzen hat sein Talent nicht gereicht. Trotzdem ist Finken eine historische Figur des deutschen Fußballs geworden: Man könnte ihn den Erfinder des Trash Talks nennen. Der Verteidiger pflegte seine Gegner nämlich mit den Worten zu begrüßen: »Mein Name ist Finken, und du wirst gleich hinken.«
Das Phänomen Trash Talk ist später weniger subtil geworden. Bei Stan Libuda, dem Dribbler aus dem Ruhrgebiet, reichte es Anfang der Siebziger noch, ihn während des Spiels zu fragen, ob er wisse, was seine Frau gerade mache. Fortan war der bekanntermaßen eifersüchtige Libuda nicht mehr zu gebrauchen. Natürlich wussten seine Gegenspieler, dass Libuda einen labilen Charakter hatte – genauso wie die Italiener wussten, dass Zinédine Zidane zum Jähzorn neigt. Immerhin hat Zidane fünf Jahre lang für Juventus Turin gespielt, sein Trainer war damals Marcello Lippi, der Nationalcoach der Italiener. Ob Marco Materazzi den Franzosen jedoch gezielt zu einer Tätlichkeit provozieren wollte und ob er Zidane wirklich als »Sohn einer terroristischen Hure« bezeichnet hat, wird wahrscheinlich nie zweifelsfrei zu klären sein. Zweifelsfrei hingegen ist, dass ein größeres Publikum durch die Affäre zum ersten Mal vom so genannten Trash Talk gehört hat. Die Spieler reden nämlich nicht gerne darüber. »Es gibt eine Art Ehrenkodex«, sagt der frühere Nationalspieler Fredi Bobic. »Nach dem Spiel sollte alles vergessen sein.«
In anderen Sportarten hat der Trash Talk eine sehr viel längere Tradition. Boxer beschimpfen sich beim öffentlichen Wiegen gegenseitig, der psychologische Effekt geht gegen null. In der amerikanischen Basketball-Liga ist folgender Satz weit verbreitet: »Your game is as ugly as your girl«, dein Spiel ist genauso hässlich wie deine Freundin.
»Man textet sich gegenseitig zu und versucht zu provozieren«, sagt Fredi Bobic. »Wenn es gegen die Hautfarbe geht, wird es problematisch.«
Nenad Jestrovic, serbischer Stürmer vom RSC Anderlecht, wurde im November des vorigen Jahres für drei Spiele gesperrt, nachdem er im Champions-League-Spiel gegen den FC Liverpool seinen Gegenspieler Mohamed Sissoko aus Mali wegen dessen Hautfarbe beschimpft hatte. Rassistische Beleidigungen werden inzwischen von den Fußballverbänden verfolgt und geahndet. Das war nicht immer so.
Der Senegalese Souleyman Sané vom 1. FC Nürnberg hat 1989 öffentlich darüber geklagt, dass ihn der Kölner Paul Steiner während eines Spiels mit rassistischen Beleidigungen entnervt habe. »Scheißnigger, hau ab! Was willst du in Deutschland?«, habe Steiner gesagt. Der Kölner entschuldigte sich später und bestritt, ein Rassist zu sein. Ein paar Jahre danach berichtete Abderrahim Ouakili von 1860 München über ein Wortgefecht mit Mario Basler, das in der Beleidigung »scheißmarokkanisches Arschloch« endete. Ouakili sagte: »Arschloch allein hätte auch gereicht.« Stefan Hermanns
- Datum 19.07.2006 - 06:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.07.2006 Nr. 30
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