Gerade jetzt, in der Urlaubszeit, findet eine heikle Form der Kommunikation wieder massenhafte Anwendung: der Zettel von Nachbar zu Nachbar. Wer in seinem Briefkasten zwischen Telekom- und Lidl-Werbung einen handgeschriebenen Wisch vorfindet, wird diesen garantiert als Erstes lesen. Die derzeit häufigste Variante zieht Arbeit nach sich, liegt aber als Vertrauensbeweis nahe am Kern gutnachbarlicher Beziehungen: »Bin für zwei Wochen auf Ibiza – könntet Ihr vielleicht meine Blumen gießen/die Katze füttern/nach der Post gucken? Schönen Dank schon mal!« Täuschend echt und doch nur Werbung: Ein aktuelles Fundstück aus Berliner Briefkästen BILD

Dass derlei Zettelchen im Gegensatz zu den meisten professionell gestalteten Werbebroschüren tatsächlich gelesen werden, hat natürlich auch die Werbeindustrie erkannt, die ständig nach neuen Wegen ins Bewusstsein der Konsumenten suchen muss. Zu den neueren Formen gehört das so genannte Guerilla-Marketing: Es trifft den Kunden da, wo er es am wenigsten erwartet. Guerilla-Marketing, heißt es im Internet-Portal einer Gruppe von Reklamepartisanen, »zielt im Kern darauf ab, wie ein Guerilla-Kämpfer Aufmerksamkeit zu erzeugen, durch ausgefallene, überraschende, originelle, außergewöhnliche, geschickte oder unterhaltsame Aktionen und Ideen«. Anfangs, in den sechziger Jahren, noch auf kleine Firmen beschränkt, sei die Guerilla-Taktik inzwischen eine »Option und Strategie auch für Großunternehmen« geworden. Für eine große Bank zum Beispiel.

»Heute Abend könnte es etwas lauter werden« steht in blauer Handschrift auf einem Stück Recycling-Papier, das vermutlich Tausende von Berlinern kürzlich sehr aufmerksam aus ihrem Poststapel gefischt haben. Eine »Auszugsparty« wird in Aussicht gestellt, »wir ziehen nämlich in unsere eigenen 4 Wände«. Es folgt aber nicht etwa die Einladung zum Mitfeiern, sondern eine Empfehlung der Immobilienfinanzierung einer bestimmten Berliner Bank. Auf der Rückseite findet sich, wie aus Versehen mit verteilt, eine hingehuschte Überschlagsrechnung, die vorgeblich auf einem Telefonat mit der Bank beruht und Kredit, Jahreszins und Tilgung mit der bisherigen Miete verrechnet, darunter ein Smiley-Gesicht.

Der einzige Hinweis darauf, dass der Absender nicht »Ihre Nachbarn« sind, wie es die Unterschrift weismacht, sondern die PR-Leute einer Bank, steht auf der Rückseite klein gedruckt am Rand, nebst Telefonnummer fürs Beratungsgespräch.

So ziemlich jeder Empfänger wird zunächst auf diesen Trick hereingefallen sein und sich dann über die vergeudete Aufmerksamkeit geärgert haben.

Das flaue Gefühl im Magen ruft den Wunsch hervor, dass so etwas eigentlich verboten sein müsste. Und tatsächlich: Laut Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verhält sich wettbewerbswidrig, »wer den Werbecharakter von Wettbewerbshandlungen verschleiert«, sprich: wer Werbung macht, die nicht als Werbung erkennbar ist. Der daraus entstehende Nachteil muss allerdings »nicht unerheblich« sein, also erheblich. Wie erheblich ist so eine kleine Irritation am Briefkasten?

Der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs zufolge ist »die Ausgestaltung des neuen Wettbewerbsrechts durch die Rechtsprechung noch in vollem Gange«. In der Zwischenzeit können sich die Reingefallenen damit trösten, dass es dann doch nicht »etwas lauter« geworden ist, sondern nur etwas unlauterer. Jürgen von Rutenberg