Trümmerlandschaften, aus denen Leichen ragen. Ärzte, die sich ihre Verzweiflung aus dem Leib schreien, weil sie dem Ansturm Verwundeter nicht mehr standhalten können. Flüchtlinge, die sich in kilometerlangen Trecks einen Weg durch die zerstörten Straßen bahnen. Hunderte von Toten, Tausende von Verletzten, eine Dreiviertelmillion Menschen auf der Flucht – das sind die erschreckenden Bilder aus dem Libanon nach fast zwei Wochen Krieg. Derweil schießt Hisbollah hartherzig weiter und erhält, als Widerstandsorganisation frenetisch bejubelt, mit jedem weiteren Kampftag Zulauf von jungen Männern. Der fortdauernde Krieg spielt den Radikalislamisten in die Hände. Leid im Libanon: Ein vollständig zerstörter Straßenzug in Beirut BILD

Auch aus Israel erreichen uns furchtbare Bilder. Kinderleichen in Haifa, zerschmettert von Geschossen Hisbollahs, Krankenschwestern, die um das Überleben von Verwundeten ringen, Tausende Menschen, die Schutz in den Bunkern oder im Süden des Landes suchen. In beiden Ländern ist das Elend groß, doch eine humanitäre Katastrophe bahnt sich im Libanon an. Israel hat als Antwort auf Hisbollahs Raketenterror und die Entführung von zwei Soldaten seine gewaltige Militärmaschine in Bewegung gesetzt. Sie walzt Wohnviertel nieder und tötet viele Zivilisten – auch weil Hisbollah gegen alles Völkerrecht gezielt aus Häusern und dicht besiedelten Gebieten feuert. Trotzdem ist Israels Gegenwehr überzogen und bricht ihrerseits das Völkerrecht.

Diesem mörderischen Kampf darf die internationale Gemeinschaft nicht weiter zusehen, viel zu lange haben die Amerikaner den Israelis freie Hand gelassen. Um die schlimmste Not zu lindern, muss jetzt sofort die Stunde der humanitären Helfer schlagen. Dann unverzüglich die Stunde der Waffenruhe. Und am Ende kommt die Zeit einer internationalen Friedenstruppe.

Die Frage, wer Angreifer und wer Angegriffener ist, lässt sich in dieser Region oft nur schwer beantworten. Hier gibt es selten die eine Wahrheit. Doch dieses Mal steht zumindest so viel fest: Israel hat sich 2000 aus dem Libanon zurückgezogen, während die libanesisch-islamistische Hisbollah keine Ruhe gab. Israel hat im Sommer 2005 auch den Gaza-Streifen aufgegeben, doch Hamas & Co schickten pausenlos Kassam-Raketen hinterher.

Es wäre hilfreich gewesen, manche Kritiker des Libanon-Krieges und der hartleibigen israelischen Besatzungspolitik hätten in den vergangenen Monaten ebenso die Angriffe von Hisbollah und Hamas gegeißelt. Man muss sich zum besseren Verständnis immer wieder vor Augen führen: Israel, diese atomar bewaffnete, eigentlich unbezwingbare Vormacht, dieser demokratische und wirtschaftlich prosperierende Leuchtturm in einer autoritär-tristen Region, fürchtet gleichwohl stets um seine Existenz. Inmitten der dunklen Machtspiele Irans und Syriens, des Raketenhagels und der Vernichtungsrhetorik von Hamas, Hisbollah und Iran ist das auch nicht verwunderlich.

Trotz alledem sprengt Israel im Libanon die Grenzen seines legitimen Selbstverteidigungsrechts. Zivilpersonen sind zu schützen, sagt das Völkerrecht, und die Angriffe müssen verhältnismäßig bleiben. Das sind keine weltfremden Juristenregeln, sondern es ist das ethische Minimum in einem Krieg. Die Weltgemeinschaft selbst hat sich dieses ius in bello auferlegt. Anders als Hisbollah wird Israel allerdings niemand vorwerfen können, es mache gezielt Jagd auf Zivilisten, es warnt diese sogar per Flugblatt vor. Doch es nimmt deren Tod und Verwundung massenhaft in Kauf. Für jede Rakete auf Israel, sagen die Militärs in Tel Aviv, würden sie bis zu zehn mehrstöckige Wohnhäuser im Libanon zertrümmern. Diese Vergeltung ist ebenso maß- wie ruchlos. Israel zielt nicht nur auf Hisbollah, es nimmt ein ganzes Volk in Geiselhaft.

Zudem: Jeder fünfte Libanese ist inzwischen auf der Flucht, es fehlen Lebensmittel, Notunterkünfte und Medikamente. Noch am Anfang der Woche konnte keine Hilfsorganisation ins Land, Israel blockierte sämtliche Zufahrten auf dem Land, zu Wasser und in der Luft. Auch das verstößt gegen das Völkerrecht, denn die Kriegsparteien, Israelis wie Hisbollah, sind verpflichtet, den Helfern so genannte humanitäre Korridore einzurichten, auf denen diese sicher zu den Notleidenden gelangen. Für das Allernötigste brauche man jetzt 150 Millionen Dollar Soforthilfe, sagen die Vereinten Nationen und bitten um Spenden; die Kosten für den späteren Wiederaufbau des Libanons schätzen sie auf viele Milliarden Dollar. Diesen Mittwoch, eigentlich viel zu spät, berät endlich eine internationale Libanon-Konferenz in Rom auch über humanitäre Hilfe. Neben dem Libanon, Ägypten, Saudi-Arabien, den USA, der EU, Russland, den UN und der Weltbank nimmt auch Deutschland daran teil. Es wäre gerecht, sie würden das Verursacherprinzip einführen, dann müssten auch Israel, Syrien und Iran für die verheerenden Schäden aufkommen. Wenigstens das.

Damit Israels Waffen nachhaltig schweigen, muss sich Amerika einmischen; damit Hisbollah nicht mehr feuert, Syrien. Jetzt rächt sich, dass George W. Bush wider alle realpolitische Vernunft sämtliche Drähte zum demokratiefeindlichen Regime in Damaskus gekappt hat. Dass sich Teheran auch als eine Folge des Irak-Kriegs zu einer unberechenbaren Regionalmacht aufschwingen konnte. Und dass Iran und Syrien über alle schiitisch-sunnitisch-alewitischen Rivalitäten hinweg in Sachen Terror gemeinsame Sache machen.

Greift der Waffenstillstand, sollten so bald wie möglich internationale Friedenstruppen in den Süden des Libanons einrücken, um Israel mit Hilfe einer Pufferzone Hisbollah vom Hals zu halten. Viele arabische Staaten halten das für eine gute Idee. Auch Israel ist einverstanden, sein Verteidigungsminister empfiehlt sogar die Nato als Schutzmacht. In der Tat verfügt das Bündnis inzwischen über die so genannte schnelle Eingreiftruppe, die genau das, was ihr im Libanon abverlangt würde, können soll: sichern, überwachen, notfalls kämpfen.

Es gibt allerdings viele Einwände gegen eine solche Truppe, die man ernst nehmen muss. Zum Beispiel: Wären Nato-Verbände bereit, notfalls beiden Seiten ein Gewehr vor die Brust zu halten – also auch den Israelis? Würden die Libanesen in fremden Soldaten nicht den verlängerten Arm Israels sehen? Wie robust wäre das Mandat der Truppe wirklich, und wie könnte sie bei der Entwaffnung Hisbollahs dienlich sein? Wie bindet man Amerika ein, das keine Soldaten schicken will, aber irgendwie mitmachen müsste, damit sowohl die Israelis als auch die Regierenden in Washington diese Armee respektieren?

Eine robuste Friedenstruppe, in welcher Form, Farbe und Aufstellung auch immer, ist unausweichlich – aber die Frage, ob an ihr Deutsche teilhaben sollen, derzeit nicht wirklich wichtig. Vorbilder für eine solche Einheit gibt es bereits, bei der Nato und ebenso bei den Vereinten Nationen – zum Beispiel die KFor im Kosovo. Was sonst wäre die Alternative? Weiterkämpfen bis zum Letzten, bis kein Stein mehr auf dem anderen steht und auch Nachbarstaaten in Flammen aufgehen? Dieser Ausgang wäre verheerend und muss verhindert werden. Um der vielen Menschenleben, um des Libanons – und um Israels willen.