Essener GartenstadtSchönere Häuser, bessere Menschen

Glück der Gartenstadt: In Essen feiert die Margarethenhöhe ihren 100. Geburtstag, in Dresden die Kunststadt Hellerau ihre Wiederauferstehung. von Manfred Sack

Selten hat ein Buch zur Baukunst so viel Furore gemacht wie das des englischen Büroangestellten Ebenezer Howard, der ein wissbegieriger Beobachter und ein fantasievoller Geist war und in Amerika seine Vision erlebt hatte. Der Titel lautet schlicht Tomorrow (Morgen), und erschienen ist es zum ersten Mal 1898. Howard hat darin die Überlegungen der Gartenstadtbewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts versammelt und ein Modell entwickelt, das – mehr als eine bloße Siedlung – alle Bestandteile einer selbstständigen Stadt enthält. 

Für die Mitte war ein Park vorgesehen, ringsum hatte Howard Wohnhäuser mit Gärten angeordnet, am Rand öffentliche Gebäude, Märkte, Lagerhäuser sowie umweltverträgliche Fabriken. Mehrere solcher Gartenstädte, von breiten Grüngürteln umgeben, sollten mit der Zentralstadt harmonieren, einer fortan polyzentrischen Großstadt.

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Zuerst ist dergleichen in England begonnen worden, in den beiden bei London liegenden Orten Letchworth (1903) und Hampstead (1907). In Deutschland machten sich Adolf Damaschkes Bund Deutscher Bodenreformer, der Bund für Heimatschutz, die Genossenschaftsbewegung und der Deutsche Werkbund ihre eigenen Gedanken. 1902 wurde in Schlachtensee bei Berlin die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet, als deren Hauptpropagandist der Gartenarchitekt Hans Kampffmeyer agierte, ein streitbarer, schwärmerischer Mann.

Weg von den Massenquartieren, den Mietskasernen im Schatten der Schlote! Heraus aus grauer Städte Mauern hin zur Sonne, zum Licht. Schluss auch mit Mietwucher und Willkür! Stattdessen Genossenschaft und lebenslanges Mietrecht. Es waren ökosoziale und kulturelle Ziele wie diese, welche die Gartenstadtidee mit der internationalen Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende verbanden.

»Grabt Schätze nicht mit Spaten, sucht sie in edlen Taten«

Das meiste wäre Theorie und gute Absicht geblieben, wenn der Vision nicht hier und da unerwartete Ereignisse zur Verwirklichung verholfen hätten – so wie es in Essen geschehen ist, obendrein mit gänzlich anderem Vorsatz, als ihn beispielsweise der Stahlkönig Alfred Krupp und sein Sohn im Sinn gehabt hatten. Sie wollten ihre Arbeiter in Siedlungen unterbringen, vor allem, um sie an die Firma zu binden, um Streiks und rote Agitation zu verhindern. Doch dann geschah im Kruppschen Siedlungswerk auf einmal etwas gänzlich andres.

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Friedrich Alfred Krupp 1902 war die in der Familie ungeliebte, bisweilen unwürdig behandelte Margarethe Krupp (1854 bis 1931) für ihre Tochter Bertha zur Treuhänderin des gewaltigen Firmenvermögens bestimmt worden. Sie hatte ein ausgeprägtes soziales Gewissen. Und sie steckte voller Energie. 1906, zur Hochzeit Berthas mit Gustav von Bohlen und Halbach, gründete sie die Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge, erwarb 50 Hektar Land im Südwesten Essens und stiftete als Startkapital eine Million Mark. Es war der Anfang eines unerhörten Unternehmens: der Gartenstadt Margarethenhöhe.

Unerhört zunächst in seiner Menschenfreundlichkeit, die einen im Zeitalter der Liebedienerei vor Aktienbesitzern und einer grenzenlosen, soziale Bindungen verhöhnenden, Menschen missachtenden Gewinnsucht staunen macht: Bodenspekulation war bei dem Projekt ausgeschlossen; die künftig zu errichtenden Häuser blieben Eigentum der Stiftung, die Mieten liegen noch heute unter denen des sozialen Wohnungsbaus. Schön gestaltete, gesunde, preiswerte Behausungen, zufriedene Menschen, die in Eintracht mit ihrer Umgebung leben – das war das Ideal. Oder sollte man sagen: die Utopie?

Unter den zwölf Architekten, die sich um das verlockende Projekt beworben hatten, wählte das Kuratorium der Stiftung den in Heppenheim geborenen Georg Metzendorf (1874 bis 1934) aus, der sich 1908 auf der Hessischen Landesausstellung in Darmstadt mit dem Modell eines kleinen Wohnhauses hervorgetan hatte. Gepriesen wurden daran nicht bloß die »gute Gesamtform«, sondern die überlegten Details, vor allem aber die »sichere Berechnung des Praktischen«. Metzendorf war, auch wenn das heute (so wie damals) romantisch wirkende Bild der Margarethenhöhe es kaum ahnen lässt, ein Funktionalist im edelsten Sinne. Die Gebrauchstüchtigkeit eines »Kleinhauses« im Inneren war ihm so wichtig wie die äußere Gestalt oder der Preis.

Leserkommentare
    • Colon
    • 04. August 2006 3:22 Uhr

    Ihre lebendig geschriebenen und trotzdem mit Informationen
    nicht geizenden Artikel, sind mir immer wieder eine große Freude, zumal sie sich immer noch spürbar engagiert für die genialste
    Erfindung der Bürgerlichkeit, die Stadt, einsetzen.

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