So fängt kein Film über HipHop an, mit einem Motorschaden in der Provinz. Dayton, Ohio, der Himmel ist weit, der Rasen grün, die einzige Reminiszenz an innerstädtische Ghettos sind einige Sozialbauten, gegen deren Tristesse eine 30-köpfige Marching Band tapfer anprobt, während am Straßenrand zwei Männer in das Getriebe ihres Wagens starren, als handelte es sich um ein Orakel. Für Minuten ereignet sich gar nichts außer einigen Dialogen vor offener Motorhaube, bis endlich ein Witz der unscheinbareren Sorte zur nächsten Szene überleitet. Aber natürlich gehört das alles zum Konzept. Star zum Anfassen: Erykah Badu auf der Bühne bei Dave Chapelle BILD

Wie Michel Gondrys Block Party beginnt ein Musikfilm, der die Klischees seines Gegenstands von der ersten Sekunde an hintertreibt: keine Goldkettchen, keine Gangsta-Romantik, auch keine Champagnersüffeleien am Pool und hypermotorisch in die Kamera wackelnde Frauenhintern. Statt Tempo zu machen, gibt er sich einem eigenen, schleppenden Rhythmus hin, und statt Hochglanzbilder zu liefern, zeigt er HipHop von seiner unspektakulären, alltäglichen Seite. Die Musik-Doku als Roadmovie: Pleiten, Pech und Pannen beeinträchtigen das Geschehen nicht, sie geben ihm im Gegenteil eine spontane Dramaturgie.

Durchs Geschehen improvisiert sich David Chappelle, in den USA ein Starkomiker mit eigener TV-Sendung, der hier allerdings in spezieller Mission unterwegs ist. Er wirbt für das Konzert der Konzerte, die Show, bei der er selbst gern zu Gast wäre. Als »day-long life-affirming celebration of music, comedy, history and community« ist das Ereignis annonciert, im New Yorker Viertel Bedford-Stuyvesant soll es stattfinden, umsonst und draußen mit Vertretern des alternativen HipHop von Kanye West über Mos Def bis hin zu Erykah Badu. Dank seiner Kontakte ist es Chappelle gelungen, all diese Berühmtheiten für einen Tag zusammenzubringen, eine Reunion der legendären Fugees inbegriffen, was bislang fehlt, ist das Publikum. Also reist er ihm, begleitet von Gondrys Kamerateam, entgegen.

Block Party ist ein Film auf der Suche nach seinem Objekt. Chappelle, dessen Sitcom-trainierter Charme die Türen öffnet, führt in amerikanische Wohnzimmer, wo 16-jährige Collegeboys Dialoge aus seinen Sendungen nachsprechen und Hausfrauen sich auf ein Schwätzchen unter Nachbarn einlassen, er verteilt Einladungen, castet die Marching Band aus Dayton vom Fleck weg, hält Mikrofone vor verblüffte Münder und gibt selbst die menschliche Beatbox. Der Narr als Handlungsreisender: Je planloser er durch die Szenen zu stolpern scheint, desto zielsicherer findet er die Spontaneitätskultur HipHop dort, wo sie keiner vermutet, in der Provinz des Mittleren Westens, im inneren Ausland der Vorstadt.

Es sind die Nebendarsteller, die hier zu Hauptakteuren werden, Figuren wie Luz Grice, die Leiterin einer Kinderkrippe in Bedford-Stuyvesant: Gondrys Team klingelt sie aus ihrem Job, weil die Bühne vom Dach des Gebäudes aus am besten zu filmen ist, und nimmt dabei ein paar Bilder mit. Oder der Kellner eines Fastfood-Restaurants, der vor offener Registrierkasse zu einem hinreißenden Spontanrap ansetzt. Die Kamera rückt diesen Helden des Alltags auf die Pelle, sie liest aus ihren Gesten und Reden den Stand des Projekts HipHop. Die Diagnose: Seit den Anfängen in den Siebzigern hat sich gar nicht viel verändert, noch immer gibt es Armut, Rassismus und ethnische Segregation. Mit dem Unterschied, dass wenige sehr, sehr reich geworden sind.

Das Unbehagen über diesen Zustand ist auch Chappelle anzumerken. Steil ging sein Aufstieg als Stand-up-Comedian vonstatten, so steil, dass er über Jahre bloß von Pointe zu Pointe und von Projekt zu Projekt zu hasten schien. In den USA wird er spätestens seit seiner im Fernsehen ausgestrahlten Chappelle Show als Celebrity verehrt und auf der Straße um Autogramme angegangen, ein Erfolg, der samt Starkult und DVD-Auswertung ein wenig an die Selbstvermarktung Harald Schmidts erinnert. 50 Millionen Dollar sollen Chapelle für die dritte Staffel seiner Sendung geboten worden sein. Doch statt zu unterschreiben, zog er sich erst einmal von der Öffentlichkeit zurück.

Block Party, ausschließlich mit eigenem Geld finanziert, zeigt eine Suche, die zugleich den eigenen Wurzeln gilt. Das Kiezfest, es ist ja tatsächlich so etwas wie die Urszene der jüngeren schwarzen Musik, eine Spontanveranstaltung, bei der der Strom aus Telefonmasten gezapft, der Sound aus alten Schallplatten gekratzt und der Text dazu improvisiert wurde. Block Party knüpft daran an, indem die Vorbereitungen zur großen Fete in den Mittelpunkt rücken. Wie zu einer Demo sieht man die Massen herbeiströmen, um sich von abtrünnig gewordenen Superstars über ihre eigene Kultur aufklären zu lassen, eine Mobilisierung im Sinne der Pioniere. Auch sie verknüpften ihren Auftrag noch mit einer Mission: HipHop als Edutainment, als Nachrichtensendung aus einer vergessenen Wirklichkeit.