Schule Einfach aufgegeben

In den USA versagen die Highschools: 30 Prozent der Schüler eines Jahrgangs verlassen ohne Abschluss die Schule

Als die Zahlen auf seinem Tisch lagen, konnte er es kaum glauben. Jay Greene, damals noch wenig bekannter Erziehungswissenschaftler an der Universität von Texas, hatte die Regierungsstatistiken zu den US-Abbrecherquoten nachgerechnet. Mit niederschmetterndem Ergebnis: Sie waren falsch, und zwar komplett. Sie fußten auf unzutreffenden Annahmen, fragwürdigen Definitionen und jeder Menge Schönfärberei. Offiziell, so die beruhigende Botschaft der Statistikbehörde U.S. Census Bureau, schaffen 92 Prozent eines Jahrgangs den Highschool-Abschluss. In Wirklichkeit sind es gerade 70 Prozent, bewies Greene in seiner Studie, die Amerikas Schulpolitikern den Atem stocken ließ. Fast ein Drittel der Amerikaner hat keinen Schulabschluss. »Viele Experten hatten ja geahnt, dass es ein Problem gibt. Aber dass es so gewaltig ist, hatte ich nicht erwartet«, sagt Greene. Das war Ende 2001. Heute ist Jay Greene einer der bekanntesten Bildungsforscher in den USA, und in Präsident Bushs ansonsten umstrittenem Schulreformprogramm »No Child Left Behind« steht ein Passus, der erstmals Schulen zur Rechenschaft zieht, die zu viele Schüler nicht zum Abschluss bringen.

Ganz Amerika diskutiert in diesem Sommer über das Versagen der Highschools. Denn inzwischen haben sich Greenes Forscherkollegen die Abbrecherquoten der vergangenen Jahrzehnte vorgenommen – sie sind genauso schlecht. »Das ist wie eine Epidemie, die schon lange grassiert, und keiner wollte sie wahrhaben«, sagt John Bridgeland, der für die Bill and Melinda Gates Foundation kürzlich den bislang umfangreichsten Forschungsbericht zum Versagen der Highschools veröffentlicht hat, Titel: The Silent Epidemic.

Vor allem Schwarze und Latinos leiden unter dem Schulsystem

Und die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Vor wenigen Tagen erst hat das angesehene EPE Research Center erschreckende Zahlen bekannt gegeben: 1,2 Millionen Highschool-Schüler, die meisten von ihnen Angehörige von Minderheiten, werden in diesem Jahr ohne Abschluss abgehen. Drei Viertel der weißen Schüler werden am Ende ihr Diplom in den Händen halten, doch unter Schwarzen sinkt die Quote der Erfolgreichen auf die Hälfte. Die Erklärung dafür ist so einfach wie empörend: Für die Finanzierung der Schulen sind in den USA Städte und Landkreise zuständig. Schwarze und Latinos leben meistens in den heruntergekommenen Innenstädten, wo den Schulen schon lange das Geld ausgegangen ist. Während die Weißen draußen in den gepflegten Vororten ihre Kinder in bestens ausgestattete Schulen schicken, die keinerlei Verpflichtung haben, Stadtkinder aus dem benachbarten Schulbezirk aufzunehmen.

»Schwarzen gelingt der Sprung auf gute Highschools viel zu selten«, sagt Elaine Allensworth, Bildungswissenschaftlerin an der Universität von Chicago. Ihr Kollege Bob Balfanz von der Johns-Hopkins-Universität sagt, meist reiche ein Blick in die Schulstatistik, um die Abbrecherquote einer Schule vorherzusagen. »Der Lunch-Indikator sagt alles«, sagt Balfanz. Soll heißen: In Schulen, wo weniger als zehn Prozent der Schüler aus Geldmangel eine staatliche Beihilfe fürs Mittagessen bekommen, scheitert auch nur ein Zehntel. An Schulen dagegen, wo 60 Prozent das Mittagessen nicht selbst bezahlen müssen, schaffen nur 50 Prozent den Highschool-Abschluss. Das sind die Drop-out-Factories, die Abbrecherfabriken, wie Balfanz diese Art Schulen nennt.

Schulforscher haben drei Muster unter den Abbrecherkarrieren identifiziert. Die größte Gruppe der Abgänger bilden die benachteiligten Jugendlichen in den Innenstädten, die eigentlich wollen, die aber leistungsmäßig immer weiter zurückfallen und kaum Unterstützung von Lehrerseite erfahren. Ihr Versagen ist ein Versagen des Schulsystems. Die kleinste Gruppe wirft ein unvorhergesehenes Ereignis aus der Bahn, der Tod eines Familienmitglieds etwa oder eine ungeplante Schwangerschaft. Ihnen könnte eine bessere psychologische Betreuung helfen. Schließlich gibt es eine große Gruppe von Jugendlichen, die nicht wirklich gut sind in der Schule, aber auch nicht wirklich schlecht. Sie verlieren ganz einfach die Lust, erst recht, wenn sie in einer Umgebung aufwachsen, wo der Wert eines Highschool-Abschlusses traditionell weniger hoch eingeschätzt wird. Das gilt besonders für die Kleinstädte im Süden, Mittleren Westen und Südwesten des Landes, längst sind nicht mehr nur die Schulen in Amerikas Innenstädten von der Epidemie betroffen. Früher sei das Leben ohne Diplom außerhalb der großen Städte kaum ein Problem gewesen, sagt Elaine Allensworth. »Es gab genug Jobs auch für weniger Qualifizierte. Doch die Zeiten sind vorbei. Wenn heute schon Highschool-Absolventen die Anforderungen der Unternehmen kaum mehr erfüllen können, haben die Abbrecher erst recht keine Chance.«

Mike Hudson, Personalchef der US-Niederlassung des deutschen Baustoffkonzerns Knauf, bestätigt: »Wenn jemand zu unseren Jobmessen kommt und kein Highschool-Diplom dabeihat, kann er gleich wieder umdrehen.« Jobmessen für einfache Fabrikjobs, wohlgemerkt. Dabei sind Hudsons Ansprüche an einen Highschool-Abschluss denkbar gering. »Das ist für uns der Nachweis, dass der Betroffene Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen hat.«

Knaufs amerikanisches Hauptquartier liegt in dem 18000-Einwohner-Städtchen Shelbyville in Indiana. Der Bundesstaat ist Spitzenreiter in Sachen Abbrecherquote. Nach Angaben des U.S. Census Bureau gehen 14 Prozent vorzeitig ab, fast doppelt so viele wie im Bundesschnitt. Wie hoch die Zahl der Abbrecher tatsächlich ist, lässt sich zum Beispiel an Shelbyvilles Highschool ermitteln. Von 315 Schülern, die 2002 in die neunte Klasse kamen, sind dieses Jahr 215 mit dem Diplom nach Hause gegangen. Für den Rest sieht es finster aus. »Ganz gleich, welchen Lebensbereich man sich anschaut, Schulabbrecher liegen immer ganz hinten«, sagt EPE-Forscher Chris Swanson. Sie verdienen weniger, werden schneller arbeitslos und abhängig von Sozialhilfe, sie werden häufiger kriminell und landen im Gefängnis.

Lernfabriken mit über tausend Schülern sind üblich

Die Statistiken sind so alarmierend, dass die weltgrößte Stiftung die Rettung der amerikanischen Highschools zu einem ihrer wichtigsten Projekte auserkoren hat: Die Gates Foundation fordert unter anderem eine Verlängerung der Schulpflicht und kleinere, spezialisierte Schulen anstatt großer Lernfabriken mit über tausend Schülern, wie sie in den USA vielerorts üblich sind. Vor allem aber, so John Bridgeland, müsse die Bundesregierung ihr Schulreformgesetz ändern. »Wenn eine Schule sich bei den nationalen Standardtests verbessert, bekommt sie mehr Geld. Für eine niedrigere Abbrecherquote gibt es nichts. Also lohnt es sich unter Umständen für Schulen, schlechte Schüler loszuwerden.«

Doch die Gates-Stiftung belässt es nicht bei Forderungen. Sie fördert Schulen, die alternative Strategien ausprobieren – gegen die Bedenken einiger Bildungsexperten. Die Gründung unabhängiger Schulen, der vom Staat voll finanzierten Charter-Schulen, höhle das öffentliche Erziehungssystem weiter aus, befürchten sie, und wenn die Gates-Stiftung dann noch einzelnen Schulen Geld gebe, dann sei das zwar nett, »aber ich würde einen Ansatz begrüßen, der allen Schülern nutzt und nicht den paar Glücklichen, die zufällig in einer dieser Schulen lernen dürfen«, sagt Allensworth. Bridgeland hingegen betont, die geförderten Schulen könnten zum Vorbild für die anderen werden. Was Bridgeland meint, lässt sich in der Hauptstadt Washington beobachten. In einer heruntergekommenen Ecke im Nordosten liegt die César Chávez Public Charter Highschool for Public Policy. Ein ambitionierter Name für eine Schule, deren Schüler zu 80 Prozent ihren Lunch nicht selbst zahlen müssen und zu 50 Prozent kaum lesen können, wenn sie in der neunten Klasse auf die Schule kommen. Chávez war ein Arbeiterführer, der für die Rechte der Latino-Minderheit gekämpft hat. Er ist das große Vorbild von Irasema Salcido, die ihre Schule vor acht Jahren gegründet hat. Mittlerweile hat sie die Abbrecherquote von anfangs 40 Prozent auf 20 gesenkt, und vom Jahrgang 2006 haben satte 100 Prozent einen College-Platz bekommen. Wie Salcido das gemacht hat? »Wir können uns die Schüler nicht aussuchen, das ist Teil des Charter-Gesetzes«, sagt sie. »Aber die Lehrer schon. Und unseren eigenen Lehrplan entwickeln.« Disziplin, ein hoher Leistungsanspruch und individuelle Förderung, das sind Salcidos Glaubenssätze.

 
Leser-Kommentare
  1. Irgendwie zweifel ich grad an meinem Zeit Abo... das hab ich doch alles schon neulich im Time Magazine gelesen.... besonders die Beispiele aus Shelbyville

  2. Ein Highschool Abschluss war von je her „nix Wert“ da er lediglich die Eintrittskarte zu einer Berufsausbildung ist. Wenn man eine solche nicht schafft, dann verbleibt natürlich noch der Weg in die Geschäftsführung. Beispielsweise als Second Assistant Manager in einem Glas Bier Geschäft.

    Ich wünsche weitere 10 Jahre frohes studieren!

  3. A B E R...man muss auch sagen dass es nicht immer am Geld liegt wenn in der Schule die Kinder dem Unterricht nicht folgen oder garnicht erst hingehen.Mein Mann als Geschaeftsfuehrer einer grossen electronics Kette sieht viele Berufsanwaerter-viele davon kommen vom College UND alle haben den Wunsch Rapper zu werden.Sie meinen Schule und Ausbildung sind zeitverschwendung.In den Schulen gibt es viele Probleme mit Schuelern die der englischen Sprache nicht maechtig sind-nicht alle sind Immigranten- sondern sie kommen aus bildungsfernen Kreisen(wie man das in D.so schoen beschreibt)allerdings hilft es auch nicht wenn das Gros der Schueler nur spanisch sprechen kann und die Eltern selber Analphabeten sind...Es ist statistisch festgestellt worden dass in den sogenannten inner-City Schools viel Geld in Nachhilfe Kurse und andere Foerderklassen ausgegeben wird die irgendwie nichts bringen.Die Schueler versagen auch weil sich die Eltern nicht scheren- obwohl hier die Eltern sich sehr in den Schulen engagieren...Man muss beide Seiten der Medaille sehen um sich ein wirkliches Urteil ueber das Versagen gewisser Schueler bilden kann.

  4. Nur am Rande: In Deutschland ist ein Diplom immernoch ein Hochschulgrad, und ein "highschool diploma" sollte ein Highschool-Abschluss sein, kein Diplom, genauso, wie eine Highschool eben auch keine Hochschule ist.

  5. 5. @kb...

    Welch unglaubliche Frechheit! Im Ausland als Deutsche andere Minderheiten anzuprangern:

    "allerdings hilft es auch nicht wenn das Gros der Schueler nur spanisch sprechen kann und die Eltern selber Analphabeten sind..."

    Fragen Sie Ihren Mann mal, welche Minderheit die Problemkinder in den Innenstaedten der Ostkueste stellt (Tip: Es sind nicht an erster Stelle die Latinos...)

    Frau KB..., kehren Sie zuerst vor ihrer eigenen Haustuer!

    • HobNob
    • 02.08.2006 um 21:53 Uhr

    Und woher wollen Sie bitte wissen daß kb26919 Deutsche ist?

  6. ..sie regen sich kuenstlich auf! Ich kann das eher beurteilen als Sie denn schliesslich ging meine Tochter auf eine US High School und mein Enkel geht ab 8.14.in die erste Klasse..Ich ziehe nicht ueber Minderheiten her,meine Weissheiten hab ich noch am gleichen Morgen aus der hiesigen Presse.Wie man so schoen sagt in USA -take a chill pill...

    • TjaTja
    • 27.07.2006 um 18:31 Uhr

    ... bloss was sie nicht erwaehnt hatten, selbst ein Highschool Abschluss bedeutet mittlerweile schon so gut wie ueberhaupt nichts, dafuer gebraucht man einen Universitaetsabschluss. Als Uni Student hier in Amerika kann ich ihnen das bezeugen! Als ich damals in 1995 schon meinen Highschool abschluss gemacht hatte, war es mir vornerein schon klar dass ich ins College weiter musste. Wissen sie was es bedeutet hier in Amerika einen Highschool abschluss zu haben: GAR NICHTS! Und so kommt es dass ich zum beispiel, nachdem ich Ungarn das Medizinstudium unterbrochen hatte, weil es mir nicht gefiel, und hier in Amerika aus dem Selben Grund ein IT Studium aufgegeben hatte, dass ich mich jetzt als verheirateter 29-jaehriger, im Universitaetsstudium im Hauptfach Geschaeftsfuehrung befinde. Vom high school abschluss ist hier in Amerika schon ueberhaupt nicht mehr die Rede!

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