DresdenKinder in den Zwinger!

Das 800 Jahre alte Dresden wirbt um junge Touristen. Eine Achtjährige hat die Stadt für uns getestet.

Ich sagte: Da gibt es jetzt eine kinderfreundliche Stadt, und jemand muss sie testen. Hast du Lust? Sie sagte: Klar, welche Stadt denn? Ich sagte: Dresden. Sie sagte: Nie gehört. Ich sagte: Du bist ja auch erst acht. Wir steigen aus dem Zug. Sie zieht ihr rotes Rollköfferchen hinter sich her mit den TShirts, der Zahnbürste und dem Sams-Buch. Unterwegs hat sie die Loseblattsammlung mit den Ausflugtipps Dresdner Eltern studiert. Hat in Dresden entdecken geblättert, dem Stadtführer für Kinder. Sie sagt: Dresden ist im 7. Jahrhundert von Sklaven gegründet worden. Von Slawen, sage ich.

Sie hat einen Plan gemacht. Was wir alles machen wollen. Ich darf jetzt bei der Umsetzung helfen. Also gut, sage ich, fangen wir mit der Frauenkirche an, im Krieg zerstört, nach fünfzig Jahren wieder aufgebaut, das Berühmteste in Dresden.

Aber wir kommen nicht hinein. Quer über den Neumarkt stehen die Senioren an. Vielleicht hat jemand diese immerwährende Schlange gesehen und ist so auf die Idee gekommen, um die jüngsten Touristen zu werben. Dresden feiert die 800 Jahre seiner ersten Erwähnung, da wären 100 Achtjährige ein belebender Kontrast in der Festgesellschaft.

Schwitzen vor der Kirche . Die Vormittagssonne brennt vom Himmel, ein sklavisches Posaunenquartett spielt zur Unterhaltung auf. Sie sagt: Das ist von Mozart oder von dem Vater von Mozart. – Woher weißt du das denn? – Von Klassik-Hits für Kids, die CD hast du mir doch geschenkt!

Wir schauen in die Höhe zur steinernen Kuppel. Ich erzähle vom Bau, von der Holzform, um die man die Steine gemauert hat, halbes Jahr sacken lassen, Gerüst weg und… hält! Sie sagt: Das haben wir bei Frau Huckfeldt auch gemacht. – Wie? Was? – Sonnenstrahlenhüte! Luftballons aufblasen, Pappmaché mit Kleister drum und zerstechen, wenn’s trocken ist.

Sie holt ihr Reisetagebuch hervor: Soll ich die Frauenkirche abzeichnen? Warum heißt die eigentlich Frauenkirche? Gibt es auch eine Männerkirche?

Wir verschnaufen uns auf einem Absatz zu Füßen Luthers. Sie sagt: Der lag auf dem Bauch, als die Kirche kaputt war. Ich sage: Das war nach dem Bombenangriff, sie haben ihn wieder aufgestellt. – Ist das ein Denkmal? – Ja. – Ist er gestorben? – Ja. Weißt du denn überhaupt, wer Martin Luther war? – Der hat zwölf Sachen, die er von der Kirche doof fandte, in die Tür geritzt.

Vergessen wir die Kirche, sage ich. Lass uns ins Residenzschloss gehen, in das Grüne Gewölbe! Das ist die berühmteste Schatzkammer Europas. Kabinettstücke und Pretiosen, Brillanten,Topase, Gold und Silber, Bernstein, Porzellan, Kirschkerne!

Kirschkerne? – Ja, mit hineingeschnitzten Gesichtern. Auf einem Kern sollen hundert Gesichter sein. Komm, das gucken wir uns an!

Wir stehen vor der Vitrine. Der Kirschkern ist 400 Jahre alt. Er scheint über die halbe Ewigkeit noch kleiner geworden zu sein. Ich blinzle durch meine Gleitsichtbrille. Ein schrundiger Obstrest! Sie steigt auf einen kinderfreundlich bereitstehenden Schemel und sieht durch die Lupe: Oh! Da sind Nasen. Was die früher alles gemacht haben, obwohl sie so viel ärmer waren!

Dann, im nächsten Raum, die Kugellaufuhr aus dem Jahr 1600: Wie ein güldener Berg ragt sie einen Meter auf von ihrem Tisch; jede Minute kommt oben ein rundgeschliffener Kristall ans Licht und rollt außen herum auf einer Bahn in die Tiefe. Wenn er unten im Gehäuse verschwindet, ist eine Minute um, und oben tritt die nächste Kugel aus. So eine Uhr hätte sie gern im Kinderzimmer.

Und dazu vielleicht, für die modebewusste Prinzessin, die Hutagraffe mit dem riesigen Diamanten! – Was ist eine Agraffe? – Eine Schnalle. – Was kostet die? – Keine Ahnung. – 4000 Euro? – Mehr. – 6000 Euro? – Viel mehr. – Eine Million Euro? – Keine Ahnung.

Nach einer Stunde zwischen Perlfiguren, Prunkkaminen, Emailminiaturen, Kokosnusspokalen und einer aus Elfenbein geschnitzten Fregatte samt geschnitzter Takelage und in die Wanten geschnitzten Matrosen erreichen wir mit letzter Kraft das Gästebuch. Schreibst du was hinein? Ser schön muss viel arbeit gekostet haben!!!

Draußen sagt sie: So was hasse ich, Ausstellungen, da steht man herum und langweilt sich, da bin ich immer froh, wenn wir gehen.

Gegenüber beim Paulaner im Taschenbergpalais kann man im Hof tafeln. Sie darf aussuchen. Spargelcremesuppe mit Schwarzwälder Schinken, Laugenbrezel, Apfelschorle. Stell dir vor, sagt sie, an der Brezel kauend, der Kirschkern geht ab, also, der liegt so herum, jemand macht sauber, guckt nicht richtig hin, sieht die Gesichter nicht, und schon landet er im Müll. – Weg ist er, sage ich. Sie grinst. Der Gedanke scheint ihr sehr zu gefallen.

Jetzt in den Zoo. Wir lassen uns fahren, in der Fahrradrikscha. Am Zwinger entlang, quer durch die Fußgängerzone, über Bürgersteige und Parkwege hinweg, am Aquarium und am Hygienemuseum vorbei. Ich sage: Das könnten wir uns auch mal ansehen, da gibt’s alles über den Menschen. – Och, nö.

So geht’s von den Reichtümern der Kurfürsten in die unterirdischen Gänge der Nacktmullen. Ein schlichtes Leben in Eusozialität: Ein Weibchen bekommt von mehreren Männchen Kinder für die ganze Sippe, alle anderen Mullen im Bau sind Hilfsmännchen und Hilfsweibchen. Genau umgekehrt wie bei August dem Starken, denke ich: Der hatte hundert Kinder mit seinen Mätressen, ernährte sich aber gewiss nicht von Wurzelknollen. Guck mal, ruft die Testerin: Die Maus da hat richtig ’n Rüssel!

Wir bestaunen den afrikanischen Grabfrosch, der schimmernd im Mulch liegt wie der smaragdgrüne Deckel auf einer königlichen Schatulle. Den Knatterfisch, der sich vermittels elektrischer Impulse auch in den trüben Becken des Dresdner Zoos zurechtfindet, und natürlich Drumbo, den drei Tonnen schweren Sympathie-Elefanten.

In einem realsozialistisch anmutenden Käfig baumelt das Binturong aus der Familie der Schleichkatzen, das einzige Säugetier der Alten Welt mit einem Greifschwanz. Die Welterstzucht, lesen wir, gelang 1962 in Dresden. Das war ein Jahr nach dem Mauerbau, rechne ich, als das ganze Halbland hinter Gitter kam. Und 17 Jahre nach dem Angriff, als freigebombte Löwen durch die brennende Stadt irrten.

Was für ein Eis möchtest du? – Brauner Bär. – Schmeckt das? – Mmmh. – Warum schaust dann so betrübt? – Das macht mich traurig, die eingesperrten Tiere. – Ich dachte, du gehst gern in den Zoo? – Ja, aber manchmal…

Sie ist müde. Wir nehmen die Straßenbahn zum Hotel. Straßenbahn ist toll. Hat ja nicht jede Stadt. Vor dem Zubettgehen noch eine Ansichtskarte an die Mama: Was du auf dem Bild siehst, ist eine Frauenkirche. Gute Nacht!

Am nächsten Tag gehen wir ins Verkehrsmuseum: das alte Dresden im Film. Zugegeben, das war meine Idee. Aufnahmen aus den dreißiger und vierziger Jahren, zusammengeschnitten in den Fünfzigern. Am Anfang steht das Ende. Wir sehen Ruinen, Schutt, tote Fenster in verrußten Gebäuden, Luther auf dem Bauch, in Schwarzweiß, mit Streichquartett. Dann kommt die Vorvergangenheit, und gleich wird’s besser: Die Straßenbahnen fahren durch barocke Pracht, Nymphen und Faune speien im Zwinger. Carl Maria von Weber leitet eine neue Epoche an der Semper-Oper ein; Richard Wagner wird Hofkapellmeister, komponiert den Fliegenden Holländer, den Tannhäuser. Das Schloss, von Kerzen tausendfach illuminiert. August der Starke, August der Starke, August der Starke. Der Schrank für sein japanisches Porzellan beherbergt später die Sächsische Landesbibliothek. Rathausturm. Elbflorenz. Meißen. Goethe. Weihnachten.

Ich bin entsetzt. Und dieser Film wird nun Gästen aus aller Welt gezeigt! Der Angriff – eine Art Naturkatastrophe. Dresden – armes Opfer, das sich das alles nicht erklären kann. Ich frage: Hast du das verstanden mit den Bomben? Sie sagt: Der Krieg hat die Stadt zerstört, und August der Starke hat sie wieder aufgebaut.

Das neue Dresden. Mit dem Fahrstuhl fahren wir nach oben in den Nudelturm. So heißt ein DDR-Plattenbau am Albertplatz, der nichts von einem Turm hat, nur die Aussicht. In dem Leitfaden der Dresdner Eltern wird das Restaurant empfohlen. Offenbar ist es das Höchste an Gastronomie, was die Stadt ihren jungen Besuchern zu bieten hat. Das Essen ist wirklich die Höhe: Nudeln mit Soße unter Billigkäse. Immerhin sieht niemand unser Gestocher; wir sind zur besten Mittagszeit die einzigen Gäste. Was sagt die Testerin? Na, ja, gehen wir jetzt in den Milchladen?

Der Milchladen, noch so eine Empfehlung: Pfund’s Molkerei in der Bautzener Straße. Das ist so ein Guinness-Buch-Ding: der älteste, schönste, buntgekacheltste, meistbesuchte Milchladen der Welt. Man kann dort ein Glas Milch trinken und zusehen, wie die japanischen Touristen omnibusweise vorgefahren kommen, um dagewesen zu sein. Kaufen kann man so seltsame Sachen wie Milchgrappa, den halben Liter zu 19 Euro. Auch sonst gibt es alles Mögliche mit Milch, was es anderswo ohne Milch gibt. Ich: Und? Sie: Kann ich ein Glas? Im Haus neben dem Milchladen versucht ein Senfladen weltschärfst aufzuschließen. Mit Erdbeersenf, Bananensenf, Johann-Sebastian-Bach-Senf oder Trabi-Senf, himmelblau und mittelscharf. Und mit Liebessenf – für jede Wurst geeignet. Komm, Kind, wir gehen!

So trödeln wir kreuz und quer durch Dresden, knipsen den sehr, sehr Goldenen Reiter, kommen an Putins Geheimdienstvilla vorbei, stürzen uns mit der Standseilbahn vom Weißen Hirschen oben steil hinunter in die Ebene am Fluss und werfen vom gar nicht so Blauen Wunder aus eine Flaschenpost in die Elbe. Sogar mit dem Schaufelradschiff fahren wir, aber nichts findet das Testkind so schön wie das Wasser in den Straßen.

Dresden hat Brunnen an jeder Ecke. Sozialistisch-futuristische, mythisch-sinnliche, märchenhafte. In der Hauptstraße, einer Fußgängerzone, ist ein moderner Brunnen sogar in den Gehweg eingelassen. Da sprudelt’s und spritzt’s aus 25 Düsen zum Entzücken der Testerin. In Hamburg, sagt sie, gibt es nur diese eine Fontäne, mitten auf der Alster, da kann man nicht mal die Finger reinhalten.

Ich frage: Und wenn du Dresden so in einem Wort beschreiben müsstest? Sie sagt: Frauenkirsche.

INFORMATION

Literatur:
Da gibt es von Matthias Stresow das Buch Dresden entdecken, der Stadtführer für Kinder , mit Bildern, Rätseln und Spielen, erschienen bei Nicolai, 80 Seiten, 14,90 Euro.

Elf lose Blätter umfasst der kostenlose Leitfaden In Dresden unterwegs mit Kindern der Dresden Werbung und Tourismus GmbH , Tel. 0351/491920.

Ganz hervorragend ist das von Renatus Deckert herausgegebene Taschenbuch Die wüste Stadt , in dem sieben Dresdener Dichter vorgestellt werden. Zu ausgewählten Arbeiten werden kurze Gespräche geführt, die einen kritischen Blick auf die Stadt ermöglichen. Insel Verlag 2005, 260 Seiten, 12,50 Euro

Frauenkirche:
Sie spontan am Morgen besichtigen zu wollen, ist aussichtslos. Besser ist es, nach der Mittagspause zu kommen oder am späten Nachmittag, wenn die Touristenbusse weitergefahren sind

Neues Grünes Gewölbe:
Sehenswerte Sammlung der verrücktesten Kostbarkeiten aus mehreren Jahrhunderten.Im Residenzschloss an der Sophienstraße, offen von 10 bis 18 Uhr außer dienstags

Elblandschaft:
Wunderbar, noch vorhanden, aber durch Brückenbau bedroht

 
Leserkommentare
    • Lillly
    • 07.08.2006 um 18:30 Uhr

    Liebe Kleine Achtjährige.
    Du tust uns leid, aber seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Leider kommt es immer häufiger vor das Eltern nicht mehr wissen was Kinder wirklich gern machen. Liegt aber meist daran dass sie zu wenig Zeit haben, oder sich nehmen und dann mal auf die Schnelle etwas "bieten" wollen. Dabei war dein Papa fast so nah dran. Kinder wollen in deinem Alter mit Wasser spielen. Also sag deinem Papa: " Wenn ich so 14 Jahre alt bin lass uns nach Dresden fahren und uns die Sehenswürdigkeiten anschauen, aber bis dahin, glaube ich sind Großstädte langweilig. Lass uns lieber mit Freunden die Kinder in meinem Alter haben, gemeinsam ans Wasser fahren und rumtollen und spielen.

    liebe Grüße von einem Papa mit Kindern

  1. Sehr geehrter Herr Stock, nach Dresden zu kommen, lohnt sich immer. Mit Kindern ist es noch besser.
    Aber:
    Es gibt einen "Weißen Hirsch", aber niemals einen "Weißen Hirschen"
    Darf man eine Flaschenpost vom Blauen Wunder einfach so runter werfen? Ich habe meine Bedenken.
    Ich lade Sie persönlch im Herbst nach Dresden ein, dann wird im Schloss das "Historische Grüne Gewölbe" wieder eröffnet. dann zeige ich Ihnen noch Altkötzschenbroda ( in Radebeul), das lohnt sich, auch mit Kindern.
    Frank Thomas, Radebeul

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