Nahost-Krieg Familie Hajaj und der Krieg
30 Jahre lang hatten sie ein Haus im Gaza-Streifen. Am 8. Juli wurde es von Raketen getroffen. Es waren palästinens ische Waffen, sagen die Israelis. Es waren israelische, sagen die Palästinenser. Die Geschichte eines Angriffs, bei dem die halbe Familie umkam.
Am frühen Abend des 8. Juli kletterte der elfjährige Rani Hajaj auf das Dach seines elterlichen Hauses in Schadschaja am Stadtrand von Gaza-Stadt. Es ist nicht eines der hier typischen Häuser, die in den Gassen höher und höher wachsen. Das zweistöckige Gebäude steht für sich allein auf freiem Feld. Vom Dach aus sieht man im Westen das chaotische Gewühl der Stadt. Auf der anderen Seite, im Osten, stehen verlassene Lagerhallen und aufgegebene Industrieanlagen. Dahinter zieht sich in 800 Metern Entfernung der Grenzzaun zu Israel über das sanft gewellte Hinterland. Eine Straße führt an dem Haus vorbei zum Grenzübergang Karni. Sie verliert sich zwischen verwilderten Feldern. Alles ist ruhig.
In den frühen Morgenstunden noch waren israelische Panzer ganz nahe bis zu den Feldern auf der anderen Straßenseite herangerückt. Junge Männer und Teenager waren ihnen entgegengelaufen, hatten den Soldaten zugerufen, dass sie Feiglinge seien, und mit Steinen nach ihnen geworfen. Arabischen Zeitungsberichten zufolge mischten sich auch Freischärler unter die Menge, bewaffnet mit Kalaschnikows und Raketenwerfern. Im Verlauf des Tages töteten die Israelis vier von ihnen. Dann hatten sich die Panzer zurückgezogen und in einem halben Kilometer Entfernung geparkt.
Die Explosion schleuderte Schaban vier Meter weit durch die Luft
Rani hörte jetzt das Brummen eines Flugzeugs. Eine Drohne offenbar, er dachte sich nichts weiter dabei. Es kommt oft vor, dass eine israelische Drohne in diesem Krieg über den Häusern kreist.
Als Rani vom Dach des elterlichen Hauses kletterte, hörte er wieder die Geräusche eines Flugzeugs. Eine halbe Stunde später waren seine Mutter, seine jüngste Schwester und ein Bruder tot. Drei weitere Brüder waren schwer verletzt.
Man brachte Rani auf die orthopädische Station des palästinensischen Schufa-Krankenhauses, in Gaza-Stadt. Sein linker Unterschenkel wurde mit einer Stahlschiene verschraubt. Die nackte Brust ist wie von einem Hautausschlag mit kreisrunden, teilweise infizierten Wunden übersät. Fast die Hälfte seines Gesichts ist verbrannt, sein Kopf liegt auf einem mit Flugzeugmustern verzierten Kissenbezug. Die Flugzeuge scheinen von allen Seiten auf ihn einzustürzen.
Ein Krieg hat die Familie Hajaj erfasst, mit dem Israel die Freilassung des im Juni von der Hamas entführten Gefreiten Gilat Schalit erreichen will. Am 28. Juni marschierte die Armee zuerst im Süden, später im Norden und dann im mittleren Gaza-Streifen ein. Die Luftwaffe bombardierte den Amtssitz des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija, drei weitere Ministerien, zahlreiche Brücken und das zentrale Elektrizitätswerk.
Das Haus der Hajajs ist geräumig, und dennoch gehört es keinem wohlhabenden Palästinenser. Vor dem Haus parkt ein alter Lastwagen. Der Volvo-Truck gehört dem Transportunternehmen, für das der Vater arbeitet. Früher, als es noch keine Grenze gab, sei er durch ganz Israel gefahren, erzählt er, später haben sich seine Touren auf den Gaza-Streifen beschränkt. Die Ladung: alles von Orangen bis Holz. Seit dem Rückzug der Israelis im vergangenen Jahr und angesichts des nun fast immer geschlossenen Grenzübergangs Karni gebe es kaum noch Arbeit für ihn.
Das Haus baute er nach seiner Hochzeit, gut dreißig Jahre ist das her. Sechs Töchter und acht Söhne wuchsen darin auf. Drei Töchter heirateten, sie sind ausgezogen. Auch die beiden ältesten Söhne Ayman und Schaban heirateten. Die setzten nach ihrer Hochzeit ein Stockwerk auf das elterliche Haus. Das teilen sie sich nun, in der einen Hälfte wohnt Ayman, in der anderen Schaban.
Beide gingen auf die Al-Azhar-Universität, die säkulare Universität, deren Professoren und Studenten der Fatah-Partei des Präsidenten Machmud Abbas nahe stehen. Sie hatten diese Hochschule der Islamischen Universität vorgezogen, eine fundamentalistische Hochschule, in der Leute aus dem Umfeld der Hamas den Ton angeben. Ayman brach sein Jurastudium allerdings nach zwei Jahren ab, wurde Lastwagenfahrer wie sein Vater. Schaban studierte Betriebswirtschaft, nach dem Studium fand er einen Job im Al-Deira-Hotel, dem besten Hotel im Gaza-Streifen.
Onkel Anwar beschreibt das Haus des Vaters als »Stammhaus der Familie«. Es sei für alle der Ort gewesen, an dem man sich traf, an dem man zusammensaß und Neuigkeiten austauschte. Jeder aus der Familie sei dort ein und aus gegangen. Jeder erfuhr Gastlichkeit. Farid Hajaj, der Vater, ist offenbar ein großzügiger Mann.
Rani behauptet, er könne sich genau daran erinnern, was an jenem Abend geschah, als er vom Dach herunterkam. Um halb acht Uhr versammelte sich die Familie zum allabendlichen Grillen im Garten hinter dem Haus. Onkel Anwar kam zu Besuch. Als er eintraf, zogen die älteren Schwestern sowie die Frauen der beiden ältesten Brüder sich ins Haus zurück. Sie machten sich in der Küche zu schaffen. Es sollte ihnen das Leben retten.
Etwas später ging Ayman, der älteste Bruder, in die Küche, um noch Maiskolben für den Grill zu holen. Auch er sollte Glück haben. Der Vater begleitete den Onkel zum Hoftor. Deshalb überlebten auch sie. Denn genau in diesem Moment hörte Rani wieder das, was er für eine Drohne hielt. Im nächsten Augenblick bemerkte er das Blut an seinem Körper. Er verlor kurz das Bewusstsein.
Dann sah er Ayman, der sich über Schaban beugte. Wenig später, weiß Rani, sei er von Ayman in den Krankenwagen getragen worden. Schaban lag schon auf einer Pritsche, ebenso der achtjährige Ibrahim und der 13-jährige Khalid.
Khalid erinnert sich vor allem an die Hitze, dass er wie wild davonrannte und schrie, bis irgendjemand – wer, weiß er nicht mehr – ihn einfing.
Schaban, der Buchhalter, hörte weder eine Drohne noch ein Geschoss. Er erinnert sich nur, dass die Mutter an jenem Abend auf einem Plastikstuhl unter dem Küchenfenster saß. Schaban stand vor ihr. Und dann sah er, wie ein schweres Geschoss in sie fuhr. Die Explosion habe ihn vier, fünf Meter weit durch die Luft geschleudert. Auch er spricht von der Hitze, die plötzlich entstanden sei. Dann sah er seinen Bruder Ayman, der sich über ihn beugte.
Die Schwestern und Schwägerinnen rannten aus der Küche, denn dort bot sich ihnen ein entsetzliches Bild. Die Mutter tot, ebenso der 22 Jahre alte Muhammad, niemand spricht bis heute davon, wie Rawan, das Nesthäkchen der Familie, ausgesehen hat. Das kleine Mädchen war gerade fünf Jahre alt.
Ein Sprecher der israelischen Streitkräfte gab am nächsten Tag folgende Erklärung ab: »Die israelischen Streitkräfte führten am Wochenende eine Anzahl von Luftangriffen gegen bewaffnete Terroristen durch. Außerdem bombardierte unsere Artillerie Örtlichkeiten im nördlichen und südlichen Gaza-Streifen, von denen aus Kassam-Raketen nach Israel abgefeuert wurden.«
Onkel Anwar behauptet, »Mitglieder des Widerstandes« hätten zu keiner Zeit im Haus der Hajaj verkehrt. Der Vater habe ihnen, wenn sie sich auf der Straße trafen, klar gemacht, dass sie unter seinem Dach nicht willkommen seien, daran hätten sie sich auch gehalten. Sie hätten das Haus auch nie, obwohl so nah an der Grenze, als Deckung genutzt. Der Vater erklärt: »Ich gehöre nicht zur Hamas, ich gehöre nicht zur Fatah, ich gehöre nicht zum Widerstand. Ich bin ein einfacher Lastwagenfahrer.«
Galt der Angriff dem Onkel? Seine Antworten sind ausweichend
Der Onkel beantwortet die Frage, ob er das Ziel eines fehlgegangenen israelischen Tötungsversuchs gewesen sein könnte, nicht ganz so eindeutig, er stellt eine Gegenfrage: »Warum ich? Ich bin ein Taxifahrer. Ich wünschte mir, sie hätten mich getroffen.«
Es klingt fast wie ein Ausrede, unwillkürlich stellt sich der Verdacht ein, dieser Mann könnte sehr viel politischer sein, als er zugibt. Die israelischen Streitkräfte bringen jedoch kein Mitglied der Familie mit Terrorakten in Verbindung. In einem Artikel des Londoner Independent werden sie mit den Worten zitiert: »Die israelische Luftwaffe identifizierte am 8. Juli Bewaffnete in einer Straße in Schadschaja, die ein Panzerabwehrgeschütz transportierten, und schaltete die Gruppe aus.« Schadschaja ist der Stadtteil, in dem das Haus der Familie Hajaj steht.
Der Artikel nennt außerdem eine anonyme israelische Militärquelle, die erklärt, dass die Familie nicht von einem israelischen Geschütz, sondern von einer palästinensischen Panzerabwehrrakete getroffen worden sei. Eine Erkenntnis, die das Militär aus nachrichtendienstlichen Erkundigungen gewonnen habe.
Die »anonyme Militärquelle« ist ein Mitarbeiter des Presseamtes der israelischen Streitkräfte, der nicht verraten will, warum man ihm das Zitat nicht namentlich zuschreiben könne. Auch sieht er sich außerstande, weitere Einzelheiten der nachrichtendienstlichen Informationen zu nennen.
Der Bestatter fand ein Stück Rakete direkt unter dem Herzen der Toten
Aber auch die palästinensische Seite ist in Beweisnot. Das Palästinensische Menschenrechtszentrum verurteilt das Massaker zwar als »Fortsetzung der Kriegsverbrechen, welche die israelische Besatzungsarmee während der letzten zwei Wochen im Gaza-Streifen verübt hat«. Und es erklärt, eine Voruntersuchung habe ergeben, dass ein israelisches Flugzeug die Bombe um 19.50 Uhr abwarf. Der Direktor des Menschenrechtszentrums, Radschi Surani, ist allerdings ebenso wenig wie die Israelis in der Lage, seine Version mit handfesten Indizien zu untermauern. Weder das Menschenrechtszentrum noch irgendeine offizielle juristische Instanz hat die Überreste des Sprengkörpers für eine forensische Untersuchung eingesammelt. Radschi Surani, Rechtsanwalt von Beruf, reagiert ausgesprochen brüsk, wenn man ihn um Beweise für seine Behauptungen bittet. Seine Behauptungen zu hinterfragen scheint für ihn gleichbedeutend mit einer Parteinahme für Israel zu sein.
Nachforschungen hat allein ein Neffe der Hajaj-Familie angestellt. Der Junge bewahrt die Raketenteile, die er fand, in einem Plastikeimer auf. Sehr viel Kupferdraht ist darunter, ein von der Explosionshitze blasig verformtes, handtellergroßes Montageteil mit Mikrochips und eine kleine Platte mit den Aufschriften »Airborn 10400 9647« und »RM 352-152-5565BN«.
Womöglich waren es wirklich zwei Raketen, die in kurzem Abstand fast dieselbe Stelle des Hauses trafen. Das zumindest behauptet der Vater. Er sagt, er habe deutlich zwei Explosionen gehört. Dafür spricht, dass in seinem Haus zwei Löcher zu sehen sind, eine etwa zwanzig Zentimeter tiefe Grube im Bereich des Fundaments und direkt darüber ein eher unerhebliches Loch in der Hauswand. Erstaunlich ist, wie gering die sichtbare Zerstörung ist, die an dem Gebäude entstanden ist.
Besonders wichtig erscheint dem Neffen ein zylindrisches blankes Metallteil, das offenbar im Leib der Mutter gefunden wurde, »direkt unter dem Herzen«, als ihr zerfetzter Leichnam für das Begräbnis hergerichtet wurde. In gerade noch lesbarer Schrift steht auf einem daran befestigten schwarzen Schildchen das Wort »Israel«. Daneben ist die Nummer 28 eingeritzt. Der Neffe verwahrt das Stück, in ein Taschentuch gewickelt, an einem geheimen Ort. Für ihn ist es der Schlüssel zur Wahrheit.
Ist es möglich, dass diese Teile einem palästinensischen Panzerabwehrgeschütz entstammen? Die israelischen Streitkräfte relativieren gegenüber der ZEIT ihre Ausagen im Independent. Sie erklären, eine palästinensische Panzerabwehrwaffe sei nur eine Möglichkeit. Allerdings bestehen sie kategorisch darauf, selbst nicht die Verursacher zu sein. »Wir wissen, dass der Vorfall nicht von einer von unseren Flugzeugen abgefeuerten Rakete verursacht wurde.«
Ein britischer Diplomat, der als ehemaliger Offizier über gute Kenntnisse palästinensischer und international verwendeter Waffensysteme verfügt, glaubt, die beschriebenen Teile stammten vermutlich aus einer in einem Drittland gefertigten, über Kupferdraht ferngesteuerten Rakete. Die Aufschrift »Israel« bezeichnet seiner Meinung nach das Käuferland. Seinem Kenntnisstand zufolge besitzen palästinensische Terrorgruppen im Gaza-Streifen keine derart ausgefeilten Waffensysteme.
Mit Sicherheit lässt sich jedoch nichts sagen. Nicht einmal, dass die Teile in dem Plastikeimer des Neffen tatsächlich vom Ort des Geschehens stammen. Man kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass eine Terrorgruppe den Hajajs die Bombenreste zur propagandistischen Ausbeutung des Vorfalls andiente. In einem Klima von Gewalt, Terror und allgemeinem Hass auf Israel wäre es durchaus verständlich, wenn sich Menschen aus Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand und aus Furcht vor den Terrorgruppen fügen und falsche Indizien vorlegen. Von einem Rechtsstaat ist im Gaza-Streifen keine Spur. Sich den Bewaffneten zu widersetzen wäre selbstmörderisch.
Was immer die Wahrheit ist – am Schicksal der Familie Hajaj ändert das nichts. In Gaza-Stadt, vor allem im Stadtteil Schadschaja, prangen in diesen Tage an Hausmauern, auf Plakatständern und in den Rückfenstern der Autos die Poster mit den Fotos der getöteten Kinder und einer Rose als Symbol für die Mutter. Beim Begräbnis der drei »Märtyrer« war Rawans kleiner Körper in eine Flagge des Islamischen Dschihad gewickelt. »Wenn es bisher noch Zweifel gab«, rief der Prediger Hunderten von Trauernden in der alten Al-Amri-Moschee zu, »so haben diese Märtyrer uns gezeigt, dass wir verpflichtet sind, gegen die zionistischen Besatzer zu kämpfen.«
Selbst gemäßigte arabische Medien wie Islam Online und die Gulf Times beschrieben den Tod der Hajajs als ein Fanal im palästinensischen Freiheitskampf. Sind die Hajajs wirklich jene gänzlich unpolitische Familie, wie der Vater es immer wieder behauptet? Unter welchem Druck stehen sie?
Der Islamische Dschihad riss das Begräbnis der Hajajs an sich
Im Gaza-Streifen herrscht ein regelrechter Wettbewerb, Kriegsopfer für sich zu instrumentalisieren. Der Islamische Dschihad riss das Begräbnis der Hajajs an sich, organisierte und bezahlte die Zeremonie. Der Vater sagt, er habe dafür zwar die Zustimmung gegeben, in seiner Trauer jedoch nicht wahrgenommen, dass das tote Mädchen in die Fahne der Extremistengruppe gewickelt war.
Die Wirkung, die sich der Dschihad davon versprochen hatte, blieb allerdings aus. Die Welt hat sich zu sehr an Bilder von palästinensischen Trauerzügen gewöhnt. Außerdem hat die Identifizierung des Leids mit Symbolen des Terrors einen mittlerweile eher abschreckenden Effekt.
Vater Hajaj kann nicht verstehen, warum sich jetzt niemand mehr um ihn und seine Familie kümmern will. Er hatte sich nach dem kurzen Medienrummel, der das Begräbnis begleitete, vorgestellt, die ganze Welt wüsste nun von ihrem Schicksal. Die Vereinten Nationen haben sich in seinen Augen völlig desavouiert. Die arabischen Staaten verhielten sich nicht besser. »Sie alle«, sagt er, »haben uns im Stich gelassen.« Internationales Recht sei eine Illusion. »Es gilt nur die Macht. Wer stark ist, ist stark, wer schwach ist, ist schwach.«
Einige zerfetzte braune Plastikstühle sind als Zeugen des Vorfalls an seinem Haus zurückgeblieben, Reste von Blut an einer Mauer, verbogene, schwarz verfärbte Fensterläden. Eine eingehende Inspektion des Hauses ist nicht möglich, die sich zuspitzende Gefahrenlage im Gaza-Streifen lässt dies nicht zu.
Die israelische Armee hatte bei einem Telefonanruf versichert, sie führe in der Gegend derzeit keine Operationen durch, »halten Sie sich nur fern von Terroristen, dann brauchen Sie sich keine Sorgen um Ihre Sicherheit zu machen.«
Kurz vor der Ankunft an seinem Haus dann eine Handy-Nachricht vom Vater: Es sei zu gefährlich, sich bei ihm zu treffen. Er sei in seinem Lastwagen geflohen, jedermann renne um sein Leben. Eine der palästinensischen Milizen feuerte offenbar in unmittelbarer Nähe des Hauses Raketen nach Israel ab.
Wir kurven gerade durch roh aufgeschüttete Erdhaufen, die überall als improvisierte Abwehrstellungen gegen eine israelische Invasion der Stadt dienen. Plötzlich verschwindet alles Leben von den Straßen. Kein Auto, kein Mensch ist mehr zu sehen. Vor den Läden und Werkstätten werden die Eisentore zugeschlagen. Schwer bewaffnete, vermummte Gestalten huschen durch die Gassen, verbergen sich im Schutz von Hauseinfahrten und Sandsäcken. Eine Spannung liegt in der Luft wie vor einem schweren Gewitter.
Umdrehen ist nicht mehr möglich, es sei denn, man wollte sich in den Augen der Vermummten verdächtig machen.
Zum Glück kennt der Fahrer jede Gasse, er findet auf Schleichwegen einen Weg zurück in die Stadt. Wir begegnen den ersten Autos. Aus ihren Fenstern ragen Gewehrläufe heraus, die Männer, die diese Waffen im Anschlag haben, lachen fröhlich auf ihrem Weg zur Front. Der Gaza-Streifen scheint über einen nicht endenden Nachschub junger Männer zu verfügen, deren einziger Lebensinhalt der bewaffnete Kampf zu sein scheint.
Wir treffen den Vater schließlich in einem Haus, in dem ein Teil der Familie bereits seit dem Unglück eine Notunterkunft gefunden hat. Er hockt auf einem Teppich und lädt uns ein, neben ihm Platz zu nehmen. Ein Neffe bringt Kaffee.
Jetzt bricht draußen das Gewitter los – ein Kriegs-Gewitter ohne Blitze und Pausen zwischen dem Gewehrgeknatter und den Donnerschlägen der Artillerie. Niemand schenkt ihm Beachtung, das Gefecht findet in sicherem Abstand statt.
Wird er wieder in sein eigenes Haus ziehen, wenn die Lage sich beruhigt hat? – »Nein«, sagt er, ohne auch nur einen Moment lang nachzudenken. »Nie mehr.« Der Lebensabschnitt ist zuende. »Die Juden würden dort wieder Bomben auf uns werfen.«
Der 13-jährige Khalid sitzt neben seinem Vater auf dem Teppich. Khalid wurde wegen eines Granatsplitters, der sich in seiner Schädeldecke vergraben hatte, in eine Spezialklinik nach Israel überwiesen. Der Vater begleitete ihn. Die medizinische Hilfe funktioniert, trotz Krieg und Bomben. Und sie wird mit unverhohlenem Widerwillen in Kauf genommen. Ein Grund zur Dankbarkeit sehen die Hajajs darin nicht.
Der Vater sagt, er wolle vom Kämpfen nichts wissen, Gewalt führe zu nichts
Nachdem Khalid zurückkam, wurde er zuerst ins Schufa-Krankenhaus gebracht, aus dem er trotz andauernden Fiebers als Erster der vier Brüder entlassen wurde. Das Krankenhaus benötigt jeden verfügbaren Platz. Allein in der letzten Woche wurden bei israelischen Angriffen nach Angaben des Palästinensischen Menschenrechtszentrums über 200 Menschen verletzt und 26 Palästinenser getötet.
Khalid behauptet von sich, er kenne keine Furcht mehr. Er hätte keine Angst, in das Elternhaus zurückzukehren. Vor dem Unglück sei er ein Kind gewesen. Er dachte nie über diese Dinge wie den Konflikt mit Israel nach. »Jetzt«, sagt er, »bin ich ein Mann. Vielleicht werde ich eines Tages selber gegen die Juden kämpfen.«
Der Vater will vom Kämpfen nichts wissen. Gewalt, sagt er, führe zu nichts. »Wir sind ein schwaches Volk.« Noch einmal macht er seinem Zorn über die internationale Gemeinschaft Luft, die die Palästinenser nicht gegen die aggressiven Juden beschütze.
Hat die fehlende Unterstützung nicht damit zu tun, dass Palästinenser immer wieder terroristische Gewalt anwenden? – »Unsere Schwäche«, erklärt er, »ist der Grund dafür, dass Menschen sich manchmal wie Tiere benehmen.«
Hat er jede Hoffnung aufgegeben? – »Hoffnung ist nur mit Gott.«
Die Hajajs sind eine gottesfürchtige Familie. Iman, die viertälteste Tochter, glaubt, Allah habe das, was passierte, mit kleinen Zeichen angekündigt. Zwei Tage vor dem Unglücksabend sei die kleine Rawan auf die Straße gerannt. Der Mutter gelang es gerade noch, sie vor einem herannahenden Auto zurückzureißen. »Du wärst beinahe in den Tod gerannt!«, schimpfte sie mit ihrem Kind. Da habe die Kleine geantwortet: »Wenn ich sterbe, wirst du auch sterben. Wir werden zusammen sterben.«
Iman, die drittälteste und noch unverheiratete Tochter, trägt ihr Kopftuch eng um das schöne Gesicht geschlungen. An der Seite ist es mit einer Brosche zusammengesteckt. Sie hat sich mit drei schwarz verschleierten Frauen auf Kissen an der gegenüberliegenden Wand niedergelassen – Großmutter und zwei Tanten, die zunehmend das Gespräch an sich ziehen. Am Tag vor dem Unglück, erzählen sie, habe die Mutter gegenüber älteren Verwandten die Bemerkung fallen lassen, »ich werde vor euch ins Paradies kommen«. Fast triumphierend berichten sie von der Erfüllung des Fingerzeigs Gottes.
Der jetzt 50-jährige Vater kannte seine zwei Jahre jüngere Frau schon als Kind. Ihr Mädchenname lautete ebenfalls Hajaj. Ihre Ehe war eine von den Eltern arrangierte Verbindung. Er behauptet, die Gewichte innerhalb der Familie seien zwischen ihm und seiner Frau »fifty-fifty« verteilt gewesen, eine etwas unbeholfene Beschreibung von Gleichberechtigung. Er lächelt verlegen. Er fühlt sich augenscheinlich nicht wohl dabei, über solche Dinge zu reden. Er war der Mann, der Lastwagenfahrer, der Geldbeschaffer. Die Frau kümmerte sich um die Kinder.
Die Generation der Kinder ist genauso traditionsverhaftet wie die der Eltern
Wie hat er es geschafft, dass die meisten seiner Kinder auf die Universität gehen? Der bei der Explosion umgekommene Muhammad hatte gerade sein Juraexamen an der Al-Azhar-Universität bestanden. Außer Ayman und Schaban studierten drei der fünf älteren Töchter. Iman ist jetzt Labortechnikerin. Nisrin, Mutter eines Kindes und zum zweiten Mal schwanger, hat Mathematik studiert, sie ist Lehrerin an einer von den Vereinten Nationen betriebenen Schule. Die 22-jährige Hebah studiert arabische Literatur. Nur die zweitälteste Tochter heiratete unmittelbar nach der Oberschule, sie hat mittlerweile selbst sechs Kinder.
»Sie verdienten sich ihr Studium durch Jobs in den Semesterferien«, sagt der Vater. Half er ihnen? »So weit wir das konnten.« Die Leute in Gaza sind findig. Sie kaufen und verkaufen Land, es wird gefeilscht, geschmuggelt und hinterzogen. Die Schattenwirtschaft floriert. Niemand verrät einem Fremden, wie genau die Regeln sind bei diesen Geschäften.
Nisrin, die Mathematikerin, ist von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt. Durch den Sehschlitz blickt man in große, gefällige Augen. Man kann aus der Stellung der Augen eine breite Stirn erahnen. Schabans Frau ist sieben Monate nach der Eheschließung im siebten Monat schwanger. Die Generation der Kinder ist trotz des Bildungssprungs so traditionsverhaftet wie die der Eltern.
Schaban, der Betriebswirt, liegt links neben Rani auf der orthopädischen Station des Schufa-Krankenhauses. Seine Gesichtshaut ist verbrannt. Er hat kaum mehr Haare auf dem Kopf. Er hat eine Weile vor sich hingedöst, jetzt erwacht er aus seinem Schlaf. Der Schlaf ist eine Flucht.
Glaubt er, die Familie werde sich je wieder unbeschwert im Garten zum Grillen zusammensetzen können? Seine Augen werden feucht.
Schaban gehört, daran scheint es kaum Zweifel zu geben, zu den Menschen, die Frieden wollen. Er hält den um Ausgleich bemühten Präsidenten Machmud Abbas für einen guten Mann. Verhandlungen versprechen in seinen Augen die einzige Lösung des Konflikts. Warum sperrt sich Israel? Das kann er nicht verstehen. »Israel muss damit aufhören, uns als Terroristen zu behandeln.« Er wiederholt fast wörtlich die Meinung des Vaters: »Wir sind schwach. Wir haben keine Macht.«
Er kann sich nicht vorstellen, dass sich jetzt einer seiner Brüder, nach all dem Leid, einer militanten Gruppen anschließen könnte. Nein, das glaubt er nicht. »Wenn jeder, der einen Verwandten verloren hat, Rache nehmen wollte, gehörte das ganze Land bereits zum Widerstand. Aber nicht jeder will Rache nehmen. Es gibt andere Dinge im Leben.«
Schaban fühlt sich verpflichtet, in Zukunft eine neue Rolle anzunehmen. Er hat das Gefühl, er müsse für die jüngeren Geschwister nun so da sein wie früher ihre Mutter. Er spüre das Bedürfnis, mit ihnen zusammen zu sein, mit ihnen zu reden. Vor allem der achtjährige Ibrahim habe die familiäre Katastrophe doch überhaupt noch nicht realisiert.
Ibrahim schläft im Bett rechts neben Rani. Seine Hände sind friedlich unter der linken Wange gefaltet. Unter der Decke lugen seine dick verbundenen Füße hervor. Das angeschwollene rechte Knie ist unverbunden, man sieht eine vernähte Wunde. Das linke Knie wird eine zweite Operation benötigen, damit Ibrahim wieder gehen kann.
Über jedem Bett hängen Bilder der »Märtyrer«, die in der Klinik starben
Es ist heiß auf der Station. Es riecht nach Schweiß und verbrauchter Luft. In einem gegenüberliegenden Bett liegt ein Freischärler im Sterben, er wurde bei Kämpfen mit der israelischen Armee im mittleren Gaza-Streifen schwer verletzt. Seine Frau hält seine mit dicken, blutgetränkten Bandagen verbundene Hand.
Über jedem Bett sind Bilder von »Märtyrern« befestigt, die hier starben, Mitglieder von Hamas, des Islamischen Dschihad und des militärischen Flügels der al-Fatah, der Partei des Präsidenten Machmud Abbas. Gehörten sie der Fatah an, kleben neben ihren Bildern Grußbotschaften der Partei mit einem Porträt des vor zwei Jahren gestorbenen Vorsitzenden Jassir Arafat.
Nisrin und Iman flößen Rani Wasser in den Mund und legen ihm kalte Umschläge auf die Beine und auf die Stirn, um das Fieber zu senken. Krankenschwestern scheint es nicht zu geben, nur hin und wieder lässt sich einer der völlig überforderten Ärzte sehen. Er kommt kurz herein, zieht die Vorhänge um die Betten zu und versucht, die Patienten zu untersuchen. Das ist kaum möglich, so viele Verwandte umdrängen die Betten.
Das Krankenzimmer spielt jetzt die gleiche Rolle wie früher das Haus der Hajajs. Onkel Anwar kommt jeden Tag zu Besuch, er ist einer von vielen. Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten, Schwager und Schwägerinnen, Onkel und Tanten – es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, da ist es kaum möglich, den Überblick zu behalten. Dazu kommen Schabans Kollegen aus dem Al-Deira-Hotel. Auch sie erscheinen regelmäßig zu einem Besuch, oft zehn Personen auf einmal. Das Hotel schickt ihm und seinen Brüdern außerdem jeden Tag kostenlos Mahlzeiten ins Hospital.
Die Männer schwatzen und ratschen und diskutieren, es wird geraucht und Kaffee getrunken. Die Frauen umsorgen die verletzten Kinder. Ihm gehe es jetzt schon viel besser, sagt Rani tapfer. Aber wenn er draußen Schüsse und Explosionen hört, vor allem nachts, wenn israelische Jagdbomber wieder im Tiefflug über der Stadt die Schallmauer durchbrechen, liegt er heiß und ruhelos auf seiner Matratze.
Ibrahim erwacht aus seinem Fieberschlaf. Er erbettelt sich von einem Besucher ein Mobiltelefon und spielt wenig später völlig entrückt Street Race und Backgammon. Der jüngste Bruder weiß noch nicht, dass seine Mutter nicht mehr am Leben ist. Einmal fragt er Iman, warum die Mutter ihn nicht besuchen komme. Die Schwester antwortet ihm, sie sei da gewesen, aber er habe geschlafen. »Warum«, fragt er, »habt ihr mich nicht geweckt?« Iman antwortet ihm: »Du brauchst deinen Schlaf.«
Manchmal will Ibrahim mit seinen Brüdern über das Unglück sprechen. Die lenken dann vom Thema ab, reden von anderen Dingen. »Er ist zu jung«, sagt Rani, »er kann das noch nicht verstehen.« Dabei ist Rani selbst noch ein Kind.
Der Vater ist gekommen. Er sitzt auf einem Stuhl zwischen den Betten der beiden jüngsten Söhne. Ibrahim fährt unbekümmert fort, Street Race auf dem Mobiltelefon zu spielen. Kein Wort wird gesprochen. Der Vater schweigt und ringt um Fassung. Rani sieht zu ihm auf, der Kummer ist kaum zu ertragen.
- Datum 26.07.2006 - 08:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.07.2006 Nr. 31
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