Internet Die Eine-Milliarde-Dollar-Frage

Wird der klassische Autor im Internet durch Schreibkollektive ersetzt?

Werden Autoren und Redaktionen, wie wir sie kennen, mit dem Internet zu Auslaufmodellen, und wäre das schlecht?

Diese Diskussion wird derzeit in Netzmagazinen wie www.edge.org und salon.com geführt. Den Anlass gibt ein Umbruch der publizistischen Ökonomie. Im Internet ist nämlich ein Öffentlichkeitsraum entstanden, der mittlerweile mehr ist als bloß ein elektronischer Ableger der Printwelt. So galt vor nicht allzu langer Zeit die Adresse www.nytimes.com noch als »Internet-Auftritt« einer berühmten Zeitung – als sei das Gedruckte die Substanz und das Elektronische das Akzidens. Mittlerweile erreicht die Website ein größeres Publikum als das Blatt, sie ist naturgemäß reaktionsschneller, und wenn ihre wachsenden Erlöse auch noch nicht den Einnahmenrückgang der Zeitung ausgleichen, so ist die wirtschaftliche und publizistische Richtung eindeutig: Beide Plattformen sollen das Publikum an die Marke binden und verhindern, dass es zur Konkurrenz abwandert.

Die Marke, das ist das Qualitätsversprechen der New York Times, zu erfüllen mit Website und Zeitung. Dadurch verändern sich Organisation und Berufsbilder. Nicht nur in der Times, auch in anderen amerikanischen, britischen und sogar deutschen Redaktionen wird mittlerweile morgens gefragt: Was geschieht heute, was wollen wir veröffentlichen, was kommt heute Mittag oder am Abend ins Netz und was morgen oder nächste Woche ins Blatt? Der Statusunterschied zwischen Print- und Online-Redakteuren erodiert, und es werden neue Talente frei, etwa die Fähigkeit schreibender Reporter, zu fotografieren oder Videos aufzunehmen.

Das ruft Ängste hervor, außerdem entzünden sich Interessenkonflikte um Einsparpotenziale und die Investitionen in Qualitätsjournalismus. Aber die darunter liegende, große und unbeantwortete Frage lautet, wie die Rollen von Print- und Online-Produkten in Zukunft verteilt sein sollen. Die Eine-Million-Dollar-Frage. Ach was, Milliarden!

Geschäfte dieser Größenordnung werden auch von der zweiten großen Veränderung im Netz erwartet, deren Schlagwort »Web 2.0« lautet. Ihr liegt die Tatsache zugrunde, dass das Netz – wie jedes Medium – soziale Bindung erzeugt. Im Unterschied zum Buchdruck mit beweglichen Lettern hört die Beweglichkeit seiner Informations-Atome nie auf, es lässt sich also alles und jedes rekombinieren. Das Umgruppieren von Informationen und von Informationsbeziehungen zwischen Menschen erlaubt dem Internet eine soziale Physik, die einem Demokrit Freude gemacht hätte: Atome gesellen sich zueinander, Neues entsteht. Selbsthilfegruppen, Themenlobbys, oder Märkte wie eBay.

Bei Google News rangieren Lokalblätter zuweilen ganz vorn

Oder so etwas wie Google News . Was die globale Online-Publizistik veröffentlicht, wird auf dieser Website zu Themenblöcken gruppiert. Die Methoden hält Google Inc. geheim, sie haben aber etwas mit Aktualität, der Häufigkeit bestimmter Schlagwörter und mit Verweisen zu tun. Die Arbeit wird von Maschinen geleistet. Nicht perfekt; während der Fußballweltmeisterschaft platzierte Google News oft das Unwichtige ganz oben und versteckte das Wichtige. Es kam auch schon vor, dass das Inhaltsverzeichnis der gedruckten ZEIT, wenn es online war, von Google News zu den Topnachrichten gezählt wurde – schmeichelhaft zwar, aber doch etwas irreführend. Und häufig rangieren Texte aus Lokalblättern weit vor denen aus Leitmedien. Doch das Prinzip solcher Nachrichten-Aggregatoren ist sinnvoll: Sie werden, sobald sie besser funktionieren, einen Überblick darüber verschaffen, was die Medien bringen.

Google News hat keinen Autor. Die Software setzt aber erstens Autoren voraus und zweitens eine Programmierung, in die menschliche Entscheidungen über Sinn und Unsinn eingegangen sind. Schon stärker berührt wird die Rolle des Autors durch den so genannten Open Source Journalism. Sein Entstehungsmythos geht so: Im Jahr 1999 wollte Andrew Leonard, Autor von Janes Intelligence Review, einem Fachblatt über die Welt der geheimdienstlichen Aufklärung, einen Artikel über Cyberterrorismus verfassen. Er stellte eine erste Fassung auf die Website slashdot.org und bat um Korrekturen und Hinweise . Die kamen en masse , und schließlich erschien ein rundum recherchierter Artikel in Jane’s.

Auffällig an der Geschichte ist freilich, dass nur noch Leonard als Autorenname erinnerlich ist. Von herkömmlichem Journalismus unterscheidet sich dessen Vorgehen auch nur insofern, als dass sein Text zuerst nicht in der Redaktion von Jane’s, sondern auf Slashdot gegengelesen und ergänzt wurde. Weiter geht da die Wikipedia , die kollektiv verfasste Netz-Enzyklopädie. Doch auch sie ist redaktionell organisiert und kennt sehr wohl die Autorenrolle. Den unzähligen gelegentlichen Mitschreibern steht eine Gruppe von hoch engagierten Redakteuren gegenüber, die – ebenfalls ehrenamtlich – an der Qualität des Werks arbeiten.

Die nächste Steigerung ist der »Bürgerjournalismus«. In einigen Ländern und Regionen, wo keine befriedigenden Lokalzeitungen oder überhaupt nur wenige Qualitätsmedien existieren, sind publizistische Websites entstanden, die von Laien geschrieben werden. Etwa in Südkorea, wo die Website Ohmynews das beste Medium des Landes geworden ist. In Deutschland hat die Netzeitung einen ähnlichen Versuch namens Reader’s Edition unternommen. Das ist aller Ehren wert, obwohl nicht ausgemacht ist, dass die Bedingungen für Bürgerjournalismus in Deutschland günstig sind, außer auf Lokalebene.

Wie auch immer, er ist ein Fall von user generated content (UGC): der Inhalt einer Website, der nicht in einer Redaktion entstanden ist. Oder vielleicht doch? Ohmynews ist nicht zuletzt deswegen beliebte Lektüre, weil eine Redaktion die Beiträge auswählt oder zurückweist. Qualität braucht Türhüter. Der Economist, ein hoch angesehenes Printmedium, macht es vor: Seine Leserbriefseiten zählen zu den besten Inhalten jeder Ausgabe. Aus aller Welt strömen Zuschriften in die Redaktion, und die Auswahl ist streng, sehr streng. Das macht viel Arbeit – und bringt ausgezeichnete Ergebnisse. Eine Website, die wie die Leserbriefredaktion des Economist vorgeht, würde allerdings auf eine spezifische Stärke des Netzes verzichten: lebendige Debatten. Sie sind mit strenger Vorauswahl der Beiträge schwerlich zu vereinbaren.

Indes, auch Netzdebatten müssen moderiert werden, jedenfalls zeigt das die Erfahrung mit kontroversen Themen. Im Netz existieren Formen der Selbstverwaltung unter Kommentatoren, etwa indem von den Usern ausgewählte Mitschreiber mehr redaktionelle Rechte als andere ausüben; da ist vieles möglich und sinnvoll, doch wer hohe Qualität der Inhalte verspricht, kommt letztlich um die redaktionelle Betreuung nicht herum. Diese Haltung wird im Netz gelegentlich als bevormundender »Nanny-Journalismus« angegriffen. Aber niemand ist gezwungen, sich darauf einzulassen, freie Spielplätze gibt es genug.

Einige Kritiker fürchten schon einen »digitalen Maoismus«

Diese Phänomene haben auch Leute auf den Plan gerufen, die vom Entstehen einer neuen, kollektiven Intelligenz schwärmen, von einer Demokratie, wie man sie noch nie gesehen hat, in der alle über alles mitbestimmen können. Das elektrisierte wiederum den Informatiker, Künstler und Essayisten Jaron Lanier, der darin einen »digitalen Maoismus« entdeckt, demzufolge die Weisheit in den Massen wohne. Lanier beschreibt in einem weithin diskutierten Artikel im Intellektuellen-Forum salon.com eine drohend heraufkommende Öffentlichkeit nach dem Muster der Mitmachshow Deutschland sucht den Superstar, in der das Individuum nur noch eine verachtete Nebenrolle spiele. Das ist auch insofern interessant, als dass dem Netz durchaus schon der entgegengesetzte Vorwurf gemacht wurde: Weil es nicht mehr ein einfacher Verteilmechanismus aus der Gutenberg-Zeit ist, in dem einer sendet und alle anderen empfangen, führe es zur Zersplitterung der Öffentlichkeit.

In dieser Diskussion schwingt viel unreflektierter Technikdeterminismus mit. Die Mediengeschichte stützt ihn nicht. Schon der Buch- und Zeitungsdruck erzwang keineswegs die eine oder andere Form der Öffentlichkeit. Kardinal Richelieu beispielsweise, der den französischen Nationalstaat formieren wollte, ließ in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts das regierungsamtliche Wochenblatt Gazette erscheinen und konnte daher auf die politisch immer etwas unsicheren Versammlungen der Generalstände als Proklamationsort verzichten. Doch ebenso gut wurden Zeitungen später zu Instrumenten von Oppositionen aller Art. Das Internet weist diese medientypische Amöbenhaftigkeit in noch viel höherem Maße auf, denn Computertechnik ist prinzipiell flexibel. Alles, was programmiert wird, kann auch umprogrammiert werden. Vereinzelung oder Gruppenbildung, Eindimensionalität oder Vielschichtigkeit sind nicht in der DNA des Internet angelegt. Ebenso wenig das Ende des Journalismus oder ein neues Zeitalter demokratischer Debatte. Techniken der Kommunikation erweitern immer nur den Möglichkeitsraum; erst der Kampf der Interessen verengt ihn zur Wirklichkeit.

Die gegenwärtige Diskussion über das Ende der Autorschaft hat übrigens Vorläufer. Als der Buchdruck sich durchgesetzt hatte, war ein Buch nur mehr ein Stück Massenware für jedermann. Ein Umstand, der noch im späten 17. Jahrhundert keinen Geringeren als Leibniz über die »schreckliche und stets wachsende Menge von Büchern« klagen ließ, die das Ende der Autorenrolle nach sich ziehen werde.

Zwei Jahrtausende davor überlieferte Platon die pessimistische Kulturkritik am phonetischen Alphabet, dem das Erinnern aus eigener Kraft und damit die Weisheit zum Opfer fallen würde. Die Menschen, die das Wissen herumtragen könnten, würden dadurch zu »Scheinweisen«.

Und wie überlieferte Platon diese Kritik? Mit Hilfe von Buchstaben. Und woher wissen wir von dem Autor Leibniz? Aus Büchern. Allein 20 Werke von und über Leibniz sind derzeit bei Amazon verfügbar, seine Monadologie hat den bemerkenswert hohen Verkaufsrang 9050 – das neue Medium stützt das alte.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Tod des Autors ist nach Platon und Leibniz natürlich von von vielen anderen beweint und bejubelt worden. Das schöne am Netz ist allerdings, dass man mit ein bischen ZEIT zwischen den Dingen auch den Totengräber in der eigenen Geschichte wiederfinden kann.

    So war die ZEIT schon einmal ganz fleißig dabei den Autor zu begraben, nämlich mit dem Internetliteraturpreis in den späten 90ern. Die Protagonisten der "Netzliteratur" führten damals das Ende der Autorenschaft ebenso auf den Fahnen, wie es heute die Web 2.0-Enthusiasten tun.

    Heute, 10 Jahre später, hat das Web selber die meisten Spuren der Netzliteraten verwischt. Die Grabstein der Totengräber verwittern immer mehr und Toni Mahoni als Autor 2.0 tanzt auf ihren Gräbern. :]

    http://www.zeit.de/archiv...

    [Links gelöscht, die Redaktion]

    • Anonym
    • 28.07.2006 um 17:30 Uhr

    Wenn ich mir eine Kapuze ueberziehe und oeffentlich eine radikale Rede halte, darf ich das, soweit ich weiss, auch nicht!

    Ist das aber nicht das Aequivalent zu Pseudonymen in der Zeit?

    Die Zeit war bisher eines der wenigen Medien, bei dem es moeglich war zu allen Themen, zu allen Autoren sehr unmittelbar Kommentare zu verfassen!

    Beim Spiegel z.B. finden Sie nichts vergleichbares!

    Die Pseudonyme aber bieten die Moeglichkeit selbst uebelste Propaganda zu verbreiten, es geht von jedem Computer dieser Welt soweit Internet, sie werden den Verfasser nicht ausmachen koennen!

    Fuer mich ist es nur logisch, dass das auch "Schmutz" anzieht und folglich klar, dass die Zeit mit dieser sehr offenen Handhabung frueher oder spaeter Bruchlandung erleiden musste!

    Ich bleibe dabei: wer etwas zu sagen hat, soll es sagen, aber offen und ehrlich, nicht versteckt und heimlich!

    Kommentatoren sollten sich nicht wie kleine Kinder benehmen: schellen und dann schnell weglaufen!

    Wenn die Zeit-Autoren mit ihrem Namen zeichnen und dann doch nicht gerade selten fuer ihre Artikel beschimpft werden, so doch die Kommentatoren bitte, die den Mut zur Kritik, auch den Mut zur Ehrlichkeit und zum Anstand!

    Alles andere ist doch absurd: sollen Herr Joffe und Herr von Randow sich von einer anonymen Masse schriftlich pruegeln lassen, so als waere die Zeit-Redaktion ein Sado-Maso Studio?

    Nein, das doch wohl nicht!

    Die einzige Chance, dass wir wieder kommentieren duerfen zu allen Themen, sehe ich darin, dass die Kommentatoren mit ihrem Namen zeichnen!

    beste Gruesse

    Gerhard Stenkamp

    Belgien

    und meinetwegen auch Diest (der Ort), (wen es interessiert)!

    PS: die Schuld fuer das Abschalten der Kommentare sehe ich vor allem bei den Kommentatoren selbst!

    • Colon
    • 28.07.2006 um 18:24 Uhr

    Herr Stenkamp, es ehrt Sie, wenn Sie in Klarschrift immer Ihren Namen und den Ort Ihres Verweilens nennen. Aber selbstverständlich ist im www die manchesmal erwünschte Namenlosigkeit nicht einfach herzustellen. Daher seien Sie versichert, dem Webmaster der ZEIT dürfte es prinzipiell eine leichte Übung sein, die Mailadressen und Namen hinter allen Dreckwerfern auszulesen. - Allerdings, die wirklich gemeinen und bösartigen, meist sind es "Buben", nutzen Techniken vor der Anmeldung.

    Bei den mir bisher aufgefallenen grenzüberschreitenden Kommentaren waren durchaus einige mit Klarnamen, die ich für durchaus authentisch halte. Reagiert man auf solche Fehltritte mit dem eigenen Klarnamen, dann erhält man ins eigene @Postfach oder aber sogar per Eilboten, so manche ungenießbare Retoure. - Der Freiraum im Web kann da schnell
    zum liebenswerten Puffer werden.
    Ein Publikationsorgan sollte damit umgehen können. Ich persönlich werde mich weiter verstecken wollen, oder nicht mehr kommentieren.

    Vielleicht können Sie die Kommentar, Blog und Debattenfunktionen (das gibt es, nach Anmeldung, auch noch bei der ZEIT), als Raum begreifen, in dem Menschen mit unterschiedlichen Schutzbedürfnissen Meinungen und Inhalte austauschen.

    Üble, die Spielregeln verletzende Blogs müssen raus. Das ist ureigenste Redaktionsaufgabe. Wenn es personell nicht geht weil der Mist überhand nimmt oder niemand Geld dafür bekommt, dann bin ich fürs zeitweilige Abschalten. -
    Allerdings mit Meldung auf den Kommentarseiten und mit
    verbessertem "Hinweis" rechts.

    Eine Redaktion hätte auch das Mittel, in unterschiedlichen journalistischen Formen, den miesen Verlauf und die übelsten Stücke aus den Diskussionen aufzuarbeiten. - Der Erkenntnisgewinn, soziologisch, psychologisch, kulturell, wäre nicht zu gering zu veranschlagen.

    • Colon
    • 28.07.2006 um 11:53 Uhr

    Was findet sich an verstreuten Lesesteinen an den Ufern des größten Internet Buchhändlers von G.W. Leibniz? - Relativ viel. Die gleiche Suchbewegung würde für Melchior de Polignac, einem von Leibniz selbst hoch geschätzten Zeitgenossen, wesentlich schlechtere Ergebnisse liefern. Wahrscheinlich wird man nicht einmal den „Anti-Lukrez“ auf Deutsch lesen können.
    Die prästabilisiernde Harmonie hat sich, wie eventuell die List der Vernunft oder die Lücke die der Teufel lässt, für unsere universal gebildete deutsche Monade entschieden.

    Aber ich würde jetzt einmal behaupten wollen, dass die ernsthaften Leser der ZEIT, der ZEIT-online und anderer hausgemachter Publikationen, zunächst einmal immer noch auf den Inhalt dessen schauen, was ihnen angeboten wird. Sehr schnell stellen dann manche fest, dass mit leichter Hand verfasste, meinende Traktätchen nicht mehr Information oder tiefere Auseinandersetzung liefern, als die regionale Tagespresse, die Netzzeitung,oder die diversen Fernsehanstalten, oder gar der geschulte Nachbar, Freund, Bekannte, beim gemeinsamen Pils nach dem Tennismatch. - Es ist leicht, sich diese Erkenntnis, auf das weltweite virtuelle Dauergespräch übertragen, vorzustellen und letztlich keine Schande.

    Professionalität interessiert den Leser nur marginal, dem Journalisten bedeutet sie Existenz. -
    Daher stammt das Versprechen des beruflich Publizierenden, Spielregeln und Qualitätskriterien einzuhalten die der schreibende Leser nicht einhalten muss, aus der Selbstdefinition des Berufsbildes und kaum aus dem Anspruch der Allgemeinheit. - Unsere Gesetze definieren
    ganz absichtlich Meinungsfreiheit nicht als spezifische Qualität, sondern meinen unsortierte Quantität. Auch größter Irrsinn, völliger Stumpfsinn und heiligste Dummheit dürfen sich äußern, solange dadurch Rechte anderer nicht erheblich verletzt sind. - Das Verlangen der Öffentlichkeit nach Differenzierung, gar nach der „brutalstmöglichen Aufklärung“ oder „Wahrheit“, ist häufig nicht allzu stark ausgeprägt und sehr situationsabhängig.

    Wie Sie, Herr von Randow, anmerken, wird die Frage, ob die Technik des Publikationsmediums eine große Rolle für die grundsätzliche Weiterentwicklung der veröffentlichten Meinung spielt, der Cyberspace gar die Gutenberg- Galaxis ablöst, eher überbewertet.

    Dafür gewinnen externe ökonomische Ansprüche an je spezifische Publikationsorgane eine immer größere Macht! Neben dem, Inhalt/Content, verkaufen Medien zunehmend Werbebotschaften und sich selbst als Image (Liberalität, Leitmedium,...), einem typischen Nutzerprofil möglichst passend zugeordnet. - Letzlich werden derzeit viele Statusbestätigungen an den nun mitgefragten und befragten Leserkunden gesendet. - Dazu in Analogie, existiert mittlerweile der „Meinungsjournalist“, als tatsächlich ausgeschriebene und besetzte Stelle. Warum aber, sollte die Meinung einer subjektivistisch schreibenden Edelfeder mehr Qualität und Gewicht besitzen, als eine Stimme im WWW-Ozean?

    Völlig ungerechtfertigt ist die immer noch geübte Praxis, zwischen Journalisten Hierarchien nach der Publikationstechnik aufzubauen. Das hat weder etwas mit Professionalität, noch mit Qualitätskriterien zu tun.

    Nach ökonomischen Gesichtspunkten ist der Journalist der Beste, dem man (Verleger), egal für welche Leistung, das höchste Honorar überweist. Auf diese Denkhaltung lassen sich Professionals mit angelsächsischem Kulturhorizont wohl leichter ein. Den kontinentalen Alteuropäern fällt das, mir sympathisch, immer noch schwer.
    Aber wenn Sie einen Begriff wie „Marke“ gebrauchen, so folgen Sie in der Sprache der Medien eindeutig den Verhältnissen. - Pflegekräfte, Ärzte und Prostituierte, allesamt sind sie mittlerweile im ökonomischen Neusprech „Dienstleister“, die ein „Produkt“ anbieten. Ihnen also ein herzlichstes Willkommen in feinster Gesellschaft.

    Liegt die Qualität der journalistischen Professionalität letztlich nicht in der Fähigkeit, besonders klug, unter Umständen weise, vor allem aber stilistisch besser, zu schreiben, zu filmen und gehört zu werden, spüren die Profis den kollektiv immer überlegenen Nutzer, dann muss wohl an anderer Stelle nach diesem Kriterium gefahndet werden.

    Vielleicht liegt das „Plus ultra“ letzlich darin, zu leisten was die Laien in den meisten Fällen nicht schaffen. Eine Form der Distanz von und zu der eigenen Meinung, die immer schon das je Andere aufscheinen lässt. Das ist schwer, weil diese Haltung dem Selbstreferenz einfordernden Markengedanken entgegensteht. Dafür kann aber jeder schreibende Profi legitim Geld verlangen, weil die Arbeit an der eigenen Subjektivität wahrhaftige geistige, manchesmal auch körperliche, Knochenarbeit ist.

    Das Ende vom Lied, jetzt einmal sehr düster ausgemalt, wäre, die Entstehung einer ultimativen journalistische Hypermacht im Netz der Zukunft 2.0: Der User, hier in der Erscheinungsform des Junkies gedacht, angefixt durch die Möglichkeiten des fast unendlichen Mittuns, liefert Content/ Inhalt ab, den er dann, neu verpackt und zu Discounterpreisen angeboten, im festen Glauben an ein Schnäppchen, eigenhändig über die virtuelle „Ladentheke“ zieht und wieder in sein Hirn pflanzt.
    Günstigenfalls zahlt die Lesergemeinde der Zukunft indirekt über den Kaufpreis für beworbene Automobile, Reisen, Designprodukte, das allfällige Ticketing und exklusive Verantaltungsangebote.

    Positiv gewendet, stellt sich die Frage: „Wohin treibt die ZEIT- Online?“, oder: „Welchen Anspruch hat das Kollektiv der Profis dort?“ Eine zweite Frage, als Reaktion auf die neuen technischen Möglichkeiten, „Was könnten zukünftig Leser und willige Mitverfasser einbringen?“. Die beiden Fragen sind eng verknüpft. Eine glaubwürdige Antwort letzlich auch eine Sache der Bereitschaft, für zusätzliche neue „Nutzer“ in bezahlte redaktionelle Arbeitskraft zu investieren.

    Bloggs, Kommentarforen und Links werden eine weiter wachsende Welt bleiben. Keiner wird leichtfertig davon wegkommen wollen, ausser vielleicht einige Regierungen mit Kontrollzwang. Aber was die ZEIT angeht, so bringen mitschreibende Laien nur zusätzliche Qualität ins „Blatt“, wenn sie betreut, angesprochen, angehört, beantwortet, begründet zurückgewiesen, eben geschätzt werden.

    Soziale Bindungen haben tatsächlich großen Einfluß aus die Qualität eines Mediums. So paradox es klingt, ich bin überzeugt, die besten Redaktionen sind diejenigen, denen es gelingt über Jahre hinweg vertrauensvolle und kontinuierliche Kontakte zu Beitragenden unterschiedlichster Herkunft und Denkungsart aufzubauen. Das merkt man, wenn die Redakteure gehen, die solche Netzwerke am Leben halten. Das Online Kind, so mein Eindruck, hat hier noch Nachholbedarf. Aber das liegt auch an der schieren Flut der Kommunikation und an der Personaldecke.- Insofern bezweifele ich, dass Qualität auf Dauer erzeugt und gehalten werden kann, wenn Redaktionen nur noch virtuell existieren. Ein tröstlicher protestantischer Gedanke, sich die Redaktion immer noch wie eine backsteinziegelrote „feste Burg“ vorzustellen. Darin „Schreibkollektive“, wie immer schon, und Teams die gemeinsame Reportagereisen nach Rußland und anderswo hin unternehmen und Autoren, die den Mut haben ihren wägenden Selbstzweifel öffentlich zu machen.

    Bleiben Sie neugierig. Bleiben Sie eigen.

  2. Wenn keine Pseudonyme mehr zugelassen werden, werden weniger Leser aus dem Nähkästchen plaudern. Sicher ist das einerseits ein Problem, allerdings ermöglicht es größere Freiheit und Ungezwungenheit. Wer schreibt schon gern einen Kommentar zum Thema männliche Sexualität mit seinem richtigen Namen? Wer erzählt von den Verhältnissen am Arbeitsplatz und ermöglicht so eine Gegenöffentlichkeit für reale Zustände, wenn er befürchten muss, daß der Chef oder ein Kollege mitliest?

    MfG

  3. Nannies stellt man ein, um seine Kinder zu kontrollieren, Herr Stenkamp, nicht erwachsene Staatsbürger.

    Dass die Zeit die Kommentarfunktion streicht, ist allerdings ihr gutes Recht. Dass sie dies aber nicht offen auf der Hauptseite begründet, lässt auf schlechtes Gewissen schliessen.

    Schade drum.

    Natürlich gibt es parteische Kommentare. Diese sind jedoch wenigstens als solche ausgezeichnet. Das ist etwas, was man nicht von jedem Artikel eines Zeit-Redakteurs behaupten kann. Nicht wahr, Herr Joffe.

    Die Forderung, keine Pseudonym-Kommentare zuzulassen halte ich allerdings für weltfremd. In Zeiten von Google und der Diktatur der Personalabteilungen, werde ich jedenfalls den Teufel tun mein "Recht auf freie Meinung" unter Klarnamen auszuüben. Ich muss nämlich auch essen. Und das kommt bekanntlich vor der Moral.

    • Anonym
    • 28.07.2006 um 18:32 Uhr
    7. @Colon

    Es gibt doch bei der Zeit einen Debattierraum (schreibt man mit drei t??, weiss ich nicht!), da darf jeder so ziemlich alles schreiben, ist nur weniger attraktiv, weil zu aufgeblaeht!

    Wer die bisherigen Kommentare zu den Autoren der Zeit nutzte, ist viel direkter beim Publikum!

    Dann noch: wenn ich in ein Internet-Cafe gehe, wie bitte finden Sie mich??

  4. Kollektive Autorschaft existiert bereits in der Wikipedia, wo oft viele Autoren zu einem wissenschaftlichen Artikel beisteuern. Von den positiven und negativen Erfahrungen der Wiki-Beiträger kann man durchaus lernen, was sich durch kollektive Autorschaft erreichen läßt und welche Vor- und Nachteile sich dabei zeigen. Einzelne Erfolge auf diesem Gebiet existieren bereits, wie vor einigen Jahren ein amerikanischer Bestseller demonstrierte, dessen "Autor" sich später als fiktiver Name eines Kollektivs erwies.

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