Mehr als 210.000 Studenten verlassen in diesem Jahr die Hochschule mit einem Abschluss. Etliche von ihnen haben bereits einen Arbeitsvertrag in der Tasche: Inzwischen werden Maschinenbauer, Elektrotechniker, Luftfahrt- und auch Wirtschaftsingenieure schon während ihres Studiums von künftigen Arbeitgebern auf Jobmessen umworben. Denn in den neunziger Jahren gab es zu viele Ingenieure, deshalb ist die Studentenzahl in diesen Fächern eingebrochen. So hat jetzt der Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer Alarm geschlagen: Allein bei seinen Mitgliedern seien 7000 Ingenieurstellen unbesetzt, und 41 Prozent der befragten Unternehmen müssten deswegen gar Unteraufträge an andere Betriebe weiterreichen.

Genau wie die Ingenieure sind Informatiker derzeit heiß begehrt. Bei den Ärzten gibt es praktisch keine Arbeitslosigkeit mehr, Lehrer werden etwa an Bayerns Hauptschulen und in Nordrhein-Westfalen für Mathe, Latein und Kunst gesucht. Doch auch für die übrigen Jungakademiker ist die Lage nicht so schlecht, wie manch einer von ihnen glaubt. »Es gibt immer auch schwierige Konstellationen«, sagt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. »Aber insgesamt ist die Arbeitslosenquote der Akademiker seit langen, langen Jahren mit Abstand die niedrigste in der Bevölkerung.« Im vergangenen Jahr betrug sie 3,7 Prozent – die allgemeine Quote war dreimal so hoch. Und seit dem vierten Quartal 2005 verzeichnen die Arbeitsmarktexperten sogar deutlich mehr Angebote für Akademiker.

Allerdings sei die »Sucharbeitslosigkeit« inzwischen länger geworden, sagt Beate Raabe, die sich bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) mit den Chancen für Hochschulabsolventen beschäftigt. Die Arbeitgeber nähmen sich heute oft monatelang Zeit für das Stellenbesetzungsverfahren, bevor sie sich endlich für einen Kandidaten entschieden: »Das ist natürlich blöd für die Bewerber.«

Besonders rosig war die Lage für Hochschulabsolventen im Boomjahr 2000. Damals waren nur 2,6 Prozent aller jungen Akademiker unter 35 Jahren arbeitslos. 2004 lag diese Zahl dann bei 4,8 Prozent. Allerdings, so Franziska Schreyer vom IAB, müsse man die Quoten immer in Beziehung zu den Beschäftigungszahlen setzen. Und die sind für Akademiker über alle Krisenjahre hinweg enorm gestiegen: 1991 waren 4,3 Millionen Menschen mit Hochschulabschluss berufstätig, 2004 waren es bereits 6,1 Millionen – und das, obwohl die Gesamtzahl der Erwerbstätigen während dieser Zeit um weit mehr als eine Million gesunken ist. »Die steigenden Akademikerzahlen sind also vom Markt aufgenommen worden«, sagt ZAV-Expertin Raabe.

Allerdings: Arbeiten diese Akademiker tatsächlich in Berufen, die ihrer Ausbildung angemessen sind? »Etwa ein Sechstel der Absolventen empfindet seine erste Stelle nach dem Examen als nicht adäquat, was die fachliche Ausrichtung oder die berufliche Position betrifft. Darunter befinden sich Leute mit Taxifahrerjobs und auch die Praktikanten«, sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System; die Gesellschaft dokumentiert den Berufsweg jedes vierten Absolventenjahrgangs. Fünf Jahre nach dem Examen sei der Anteil auf etwa ein Zehntel gesunken, dann seien allerdings schon wieder Aussteiger darunter, die bewusst in einen fachfremden Bereich gewechselten wären.

Insgesamt haben Akademiker seltener als Menschen mit anderen Ausbildungsgängen eine Arbeit, die ihrer Ausbildung nicht entspricht. Allerdings müssen sie sich häufiger mit befristeten Stellen begnügen – nur Menschen ohne jede Berufsausbildung sind noch weit häufiger unsicher beschäftigt.