Kino Schleimige Tentakel

Darf’s ein bisschen weniger sein? Gore Verbinskis Piratenspektakel »Fluch der Karibik II«.

Das Spektakelkino ist tot. Lang lebe das Spektakelkino! Immer wieder und wurde es unter die Erde geschrieben, erst kürzlich anlässlich von Poseidon und King Kong für seelen- und ideenlos erklärt, verraten an die Übermacht der digitalen Schauwerte.

Und doch erliegen wir immer wieder gern dem Jahrmarktcharme des Kinos, seinen Achterbahnfahrten, der Lust am Action- und Geschwindigkeitsrausch. Und natürlich ist da diese Vorfreude, wenn der rote Umhang von Superman Returns am Horizont erscheint, wenn sich in Miami Vice dreitagebärtige Undercover-Ermittler ankündigen, die in roten Sportwagen und pastellfarbenen Jacketts durch Palmen-Alleen rasen. Mit Fluch der Karibik2, der an den amerikanischen Kinokassen in Rekordzeit die 300-Millionen-Dollar-Mauer durchbrach, startet nun der nächste einer Hand voll Blockbuster, die den Sommer beleben, aber nicht unbedingt überdauern müssen.

Dem ersten Teil von Gore Verbinskis Piratensage gelang jedenfalls eine überraschend anarchistische Neubelebung des Genres. Gemeinsam mit einem Arsenal liebevoll ausgepinselter Nebenfiguren fochten sich Orlando Bloom als romantischer Jüngling und Johnny Depp als Käpten durch eine unterhaltsame Mischung aus Zombiemotiven und Seemannsmythen. Bis vor kurzem zumindest hätte niemand gedacht, dass Douglas Fairbanks auf der Leinwand einen so zwielichtigen und durchgeknallten Nachfolger wie Depp und seinen an Keith Richards angelehnten Piratenkapitän Jack Sparrow finden würde.

Auch im zweiten Teil jagt sich ein Trüppchen schräger Gestalten durch Nebelbänke und karibische Archipele. Auch hier braucht es viel Zeit und leidenschaftliche Erklärungen, bis das einander versprochene Paar Orlando Bloom und Keira Knightley zusammenfindet. Und auch hier gebärdet sich Johnny Depp mit preziösen Gesten, kajalumerandeten Augen und schnapsgeschwängerter Sprache. Er ist der Exzentriker der Weltmeere, ein Pop-Kapitän und Draufgänger, der seine Seele vor dem Zugriff des Fliegenden Holländers retten will. Das Schiff des ruhelos dahin segelnden Bösewichts ist die schönste Erfindung des Films: Eine wahre Bouillabaisse aus computergenerierten Bildern, überwuchert von Muscheln, Korallen und Algen, bevölkert von untoten Seemännern, die wahlweise den Kopf eines Hummers oder Hammerhais haben. Mit Krebsscheren-Händen verrichten sie ihren Dienst, bis ans Ende aller Tage. Über dem Totenschiff, das immer wieder geisterhaft aus dem Wasser auftaucht, thront der ruhelose Kapitän Davy Jones, ein Wesen mit Tintenfischkopf und schleimigen Tentakelarmen. Gern hätte man ein wenig mehr über dieses melancholische Monster erfahren, dessen unglücklich in einer Truhe pochendes Herz von allen Beteiligten gesucht wird.

Nach dem Erfolg des Vorgängerfilms heuerten die Produzenten nun ein ganzes Heer von Effekt- und Ausstattungsspezialisten an, die beflissen weitere Figuren und Gimmicks in die Handlung stopften. Plattnasige Kannibalen und Voodoo-Seherinnen, hasserfüllte Briten, einen magischen Kompass, jede Menge Slapstick und Parallelmontagen. Dass gutes Abenteuerkino auch eine Frage des Rhythmus ist, dass man eine Situation erst einmal erzählen sollte, bevor sich die Helden da raus befreien, ja, dass Helden und zudem die eines Piratenfilms mehr sind als die Quersumme ihrer Stunts – über all das brodelt dieser mit zu vielen Zutaten gesättigte Fischeintopf hinweg.

Zu selten findet Fluch der Karibik2 zur Essenz der Action zurück. Etwa wenn sich Bloom und seine Gefährten aus Kugelkäfigen befreien, die aus Menschenknochen zusammengesetzt sind. Wenn sie mit List und Tücke die Schwerkraft überwinden und die Käfige wie Reifröcke schürzen, dann entsteht jene elegante Choreografie, die den Effekt mit Muskelkraft und Leben füllt.

»Klappe halten und amüsieren!«, schrieb die New York Times resigniert über den trotz seiner Längen und Schwächen unschlagbar erfolgreichen Film. In den USA entzündete sich angesichts der Einspielergebnisse von Fluch der Karibik2 gar eine kleine Debatte über Sinn und Zweck der Kinokritik, über den machtlosen Kritiker, der sich in die Rolle des Spielverderbers und Nörglers gedrängt sieht. Nun ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch diese Kritik nicht den deutschen Millionenerfolg von Fluch der Karibik2 verhindern wird. Aber soll und will sie das? Womöglich geht es hier gar nicht darum, das Publikum davon abzuhalten, sich zu amüsieren oder zu langweilen. Sondern darum, ihm darzulegen, dass es dies mit einem Sommer-Blockbuster tun wird, aus dem man getrost ein Stündchen herausschneiden könnte.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 28.07.2006 um 20:41 Uhr

    Da die Zeit mich und viele andere von Wichtigerem ausschliesst, ich heute abend entspannen moechte, nicht ausgehe, habe ich mal reingeschaut, wo ich sonst nicht reinschaue und siehe:

    "verraten an die Übermacht der digitalen Schauwerte"!

    Ist das Deutsch, ist das zu verstehen??

    "Wenn sie mit List und Tücke die Schwerkraft überwinden und die Käfige wie Reifröcke schürzen, dann entsteht jene elegante Choreografie, die den Effekt mit Muskelkraft und Leben füllt."

    Kaefige wie Reifroecke schuerzen: wissen Sie, liebe Anke, das habe ich damals auch schonmal geschrieben, in der Obersekunda, belebt von meinen Hormonen und zurecht ein "ungenuegend" dafuer bekommen mit der Begruendung, dass Kaefige, zumindest die aus Metall, viel unhandlicher sind als Reifroecke!

    Muskelkarft und Leben: ich dachte immer, dass Leben auch Geist bedeutet!

    Ich bin fustriert, Sie, liebe Anke, steigern meinen Frust fast ins Unermessliche mit Ihrer SprachGewalt!

  1. \N

  2. Warum sollte man denn bei einem Blockbuster von 3 stuendiger Laufzeit eine Stunde rausschneiden?!
    Scheinbar ist doch alles was im Kino weniger als 2 Stunden saeuselt schon ein Kurzfilm und damit doch eher was fuer Kunststudenten.
    Und was in aller Kinowelt soll man nach nur 2 Stunden Filmgenuss mit der verbleibenden Haelfte im Popcornfass machen?!?

  3. Schon der erste Film mit diesem Piraten war schwachsinning, aber offenbar deshalb ein Erfolg, weil das Publikum auch schwachsinnig ist. Da musste ein noch schwachsinniger zweiter Film her. Konnte ja gar nicht schiefgehen.

    Sehne mich nach Burt Lancaster zurueck.

    • ibm
    • 31.07.2006 um 9:49 Uhr

    Früher hat sich das Publikum dabei amüsiert, wenn sich Gladiatoren gegenseitig die Köpfe abhackten und Christen von Löwen gefressen wurden. Heute schaut es sich belanglose Hollywood Blockbuster mit albernen Computermonstern an. Das ist doch wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt.

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