Libanon : Wie mein Land in Trümmer fällt

Israel traut uns Libanesen nicht zu, einen eigenen Weg zum Frieden zu finden. Deshalb will es unserem Staat das Rückgrat brechen. Eine Einschätzung von Abbas Beydoun - der Schriftsteller und Journalist zählt zu den einflussreichsten Personen im arabischen Raum.

Wir sollten eine Wortlast abwerfen: Das ist die Rede vom Feind. Die schärfsten Kritiker der Hisbollah wie ihre stärksten Befürworter kennen nur diese Rede. Noch bevor die ersten Bombardierungen stattfanden, hatten sie bereits alles betitelt. Für sie gibt es nichts Neues. Es ist immer der gleiche Feind und dieselbe Geschichte. Es ist der sechste Tag. Es werden der siebte und der neunte folgen und nichts hinzufügen. Alles, was kommen wird, kann nur erneut beweisen, was wir schon zur Genüge erfahren haben. In dieser Perspektive ist das gegenwärtige Geschehen nichts mehr, was wir erleben oder erleiden. Wir rufen es uns nur in Erinnerung. Die Erfahrung selbst fällt aus, sie ist im Vorhinein hingenommen worden, in der fortlaufenden göttlichen Akte braucht man die Erfahrung nicht. Mariam Shihabiyah, 39, Mutter von fünf Kindern mit ihren Habseligkeiten nach einem israelischen BOMBENANGRIFF auf Südbeirut am 16. Juli BILD

Es ist der Feind! So heißt es in der alten Rhetorik, in dem auswendig Gelernten und Überlieferten. Vergessen aber wird, dass das Wort in seiner Einstimmigkeit das letzte Überbleibsel einer politischen Rhetorik ist, die künstlich am Leben gehalten wird. Es wurde aus diplomatischen Erwägungen beibehalten, aus Rücksicht auf den syrischen Nachbarn, aus Rücksicht auf den schiitischen Bruder, der die Flagge des Widerstandes hochhält. In Wahrheit gibt es jedoch zwei Lager, eines für den Krieg und eines für den Frieden. Das eine Lager will den Kampf aufleben lassen. Das andere Lager befürwortet einen Frieden in der Region, vermeidet es aber, diesen eine Versöhnung zu nennen. Ein Waffenstillstand reicht ihm als Titel.

Es sind zwei deutlich geschiedene Lager. Um das zu sehen, bedarf es keiner großen Analyse. Es ist klar, dass das Projekt des 14. März, der liberalen Anhänger einer libanesischen Staatlichkeit, die sich aus panarabischen Zwangssolidaritäten befreien will, ein friedliches Projekt ist. Es ist ebenso klar, dass die Schiiten zum Kriegslager gehören. Das ist die Ursache des inneren Zwistes. Auch wenn die politischen Dispute es manchmal verdunkeln, im Moment der Wahrheit wird es sonnenklar. »Der Feind« ist in den Zeiten vor dem israelischen Angriff immer eine rein rhetorische Versöhnungsformel gewesen, sprachliches Symbol einer Bindung über Parteigrenzen hinweg.

Das Wort könnte suggerieren, dass wir die Aggression begangen hätten und dass das, was Israel tut, eine angemessene Vergeltung sei. Was aber der jetzige Krieg besagt, ist etwas anderes. Der Krieg besagt, dass Israel uns als Feind haben wollte und uns als solchen behandelt hat. Israel und die USA waren sich nicht im Unklaren darüber, dass die Mehrheit der Libanesen Frieden und nicht Krieg will. Sie waren sich nicht im Unklaren darüber, dass der syrische Abzug den Anfang der Auflösung einer Beziehung zu einer Ideologie darstellte, die kriegerisch und feindlich ausgerichtet ist. Sie waren sich nicht im Unklaren darüber, dass das Land einen friedlichen Plan hatte, der – bei Erfolg – eines der Glieder in der Kette aufbrechen würde, die Israel umfasst hält. Sie waren sich nicht im Unklaren darüber, dass der kulturelle Wirkungsradius dieses Projektes die Größe und die Stärke des Landes weit übertreffen würde, ja dass der Erfolg eines solchen Projektes für die ganze Region entscheidend sein würde.

Israel hat diese Chance ignoriert. Es hat den Krieg nicht nur der militärischen Macht der Hisbollah erklärt, die ihm feindlich gesinnt ist. Das wäre schwierig gewesen. Es hat jedem, der sich im libanesischen Alltag bewegt, den Krieg erklärt. Es hat sich darangemacht, das friedliche libanesische Projekt in seinen Grundfesten zu zerstören. Dessen schwache und schwindend geringe Hoffnung war, die feindselige militärische Macht im Schoße des friedlichen Projektes zu ersticken. Israel unterschied nicht zwischen friedlich und kriegerisch. Es zerstörte Brücken und Straßen, ganz zu schweigen von der anderen Infrastruktur, die kein Versorgungsnetz der Hisbollah waren, sondern der Weg, auf dem das friedliche Projekt voranschreiten wollte.

Israel nahm sich Zivilisten zum Ziel und richtete ein Massaker an mit der kindischen Ausrede, dass sich die Raketen in Wohnungen befinden könnten. Als ließen sich Raketen in Schlafzimmern verstecken. Als ob Hisbollah so naiv sei, Raketen in vierzehnstöckigen Wohnhäusern hin- und herzuschieben, obwohl in einem solchen Fall die Nachbarn kein anderes Tratschthema hätten und sich Informationen über die Lage der Rakete in Windeseile zum israelischen Geheimdienst durchsprechen würden. Mal richteten sich Israels Angriffe gegen Wohnviertel und Gegenden, die Hisbollah unterstützen, mal wandten sie sich gegen den palästinensischen Widerstand.

All das kann nur durch blinde Feindseligkeit erklärt werden, die weder zwischen zivil und bewaffnet noch zwischen friedlich und feindlich unterscheidet. Sie kann nur eines zum Ziel haben: das Rückgrat einer ganzen Gesellschaft zu brechen. Man könnte sie als eine Ideologie beschreiben, die nur Feindschaft kennt und diese allen anderen Parametern der Vorstellung voransetzt. Israel scheint keinem friedlichen Projekt in der Region zu trauen. Es sieht uns als Feind und unseren Aufschwung als Erstarken des Feindes. Der Libanon ist keine Ausnahme in der arabischen Welt. Wir reden, und Israel handelt. Wir sagen »Feindschaft«, und Israel schafft sie. So verleihen wir durch das Gerede Israel eine Rechtfertigung vor sich selbst und vor der Welt, während wir doch nur Großmäuler sind.